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Strukturiert, aber flexibel - Doktorandenausbildung in den USA

VON MARESI NERAD

Wird über eine strukturierte Doktorandenausbildung gesprochen, dann geht der Blick auch in die USA. Wie funktionieren dort Auswahl und Bewertung der Promovenden? Wie sichern die amerikanischen Forschungsuniversitäten die Qualität der Dissertation?

Strukturiert, aber flexibel - Doktorandenausbildung in den USA© xtock - Fotolia.comImmer mehr Deutsche entscheiden sich für eine Promotion in den USA
Forschung & Lehre: In Deutschland steht - bisher - die Individual-Promotion der strukturierten Promotion gegenüber. Wie würden Sie das für die USA beschreiben?

Maresi Nerad: In den USA sind alle Promotionen strukturiert, allerdings ist diese Struktur sehr flexibel. Sie erlaubt je nach Disziplin und, je nachdem, was der einzelne mitbringt, das Programm so zu gestalten, dass die Doktoranden eine breite Methoden-Kenntnis erwerben, und nicht nur die Methode kennen, die sie in ihrer eigenen Dissertation verwenden. Es geht darum, den Promovierten das Rüstzeug für unterschiedliche Jobs mitzugeben. Deshalb dauert eine Promotion im Durchschnitt fünf bis sieben Jahre, vor allem in den Humanwissenschaften. In den Naturwissenschaften z.B. wird sie meist direkt nach Abschluss des Bachelors begonnen.

Die kürzere Promotionszeit in Deutschland wird oft ein bisschen geschönt dargestellt, häufig haben die Doktoranden schon sehr viel vorgearbeitet. In den USA geschieht dies in den ersten zwei Jahren, und zum Ende des zweiten Jahres haben die meisten ihr Dissertationsexposé fertig.

F&L: In Deutschland gibt es derzeit eine intensive Plagiatsdebatte. Ist das in den USA auch ein Thema?

Maresi Nerad: Das Thema gibt es in folgendem Zusammenhang, und es ist durch kulturelle Unterschiede bedingt: Für die vielen asiatischen Doktoranden und Masterstudenten stellt es einen Wert an sich dar, den Lehrenden, den Wissenschaftler, wortwörtlich zu zitieren. Durch das praktisch fast auswendige Rezipieren soll die Person geehrt werden. Es muss also erst ein Verständnis geschaffen werden, dass diese Art "Ehrung" praktisch auf ein Plagiat hinausläuft. Darüber hinaus gibt es sehr gute Websites mit Fallbeispielen, die ich in Seminaren mit internationalen Doktoranden empfehle. Außerdem lesen wir jedes Kapitel vor dem Einreichen mehrere Male, so dass mögliche Plagiate früh erfasst werden.

Wenn es um die Vermeidung von Forschungsdatenmanipulation geht, so müssen wir bereits seit vielen Jahren, wenn wir jemand befragen oder Daten sammeln, ein sehr umfangreiches Protokoll an das Institutional Review Board schicken, eine Art ethische, unabhängige Überprüfungsstelle in der Universität. Dort muss man ganz genau darlegen, wie man die Daten erhebt, dass sie zuverlässig sind und die Anonymisierung der befragten Personen sichergestellt ist. Das ist auch Teil der Doktorandenausbildung und ein Beispiel für das, was wir professional development nennen. In Deutschland entsteht das ja teilweise in den Universitäten bzw. in den Graduiertenschulen, z.B. im Rahmen der Exzellenzinitiative. Dort ist es mit inbegriffen, aber sonst wird es auch unabhängig vom Fach dargestellt, und das finde ich nicht so gut. Denn jede einzelne Disziplin hat ja ihre besondere Art, wie sie veröffentlicht, welche ethischen Regeln sie hat, was einen guten Vortrag und eine gute Lehre ausmachen, wie man Forschungsanträge schreibt und wie Führungsfähigkeiten entwickelt werden (leadership skills).

F&L: Nach welchen Kriterien werden Doktoranden ausgewählt?

Maresi Nerad: Die Doktoranden bewerben sich. Grundsätzlich werden nur etwa 25 Prozent von denen, die sich bewerben, angenommen. Zur Bewerbung gehört zunächst ein guter Notendurchschnitt (Bachelor oder Master). Dann hat Amerika die graduate record examination, das ist eine außeruniversitäre Einrichtung, die mit den Bewerbern Wissenstests in drei Teilen (verbal, analytisch und quantitativ) durchführt.

Die übergreifende inneruniversitäre Graduate School legt wiederum für jede Universität die Mindeststandards fest. Die Universität Washington ist z.B. eine der ganz guten Top-Graduate-Schools. Und deshalb setzen wir unsere Mindeststandards relativ hoch. Die Bewerber brauchen einen guten Notendurchschnitt und z.B. sehr gute Englisch-Kenntnisse, wenn wir internationale bzw. wenn wir viele Studierende aufnehmen. Aber jedes einzelne Programm und jeder Fachbereich kann die Werte noch viel höher setzen. Zusätzlich müssen die Bewerber drei Referenzschreiben von Professoren vorlegen, des Weiteren in einem Aufsatz darlegen, warum sie eigentlich promovieren wollen und was sie damit vorhaben, und schließlich in einem weiteren Aufsatz ihren persönlichen Werdegang schildern. Hierbei handelt es sich nicht um ein Curriculum Vitae, sondern um einen richtigen Aufsatz: Wir wollen wissen, dass der Bewerber eine Promotion nicht aus Verlegenheit anstrebt - weil er sonst nicht weiß, was er tun will bzw. kann. Diese Aufsätze sind sehr wichtig. Das alles gehört zu den Grundbedingungen.

Etwa acht Professoren sind im Auswahlkomitee, wenn es ein kleines Programm ist so wie meins, dann sind es weniger. Wir lesen alle (im Durchschnitt haben wir zum Beispiel 18 Bewerber) die Dokumente durch und jeder für sich erstellt eine Rangordnung. Dann kommen wir zusammen, die Rangordnung wird offengelegt und diskutiert. Gründe für eine Ablehnung können sein: Wenn ein Bewerber über ein Thema promovieren möchte, in dem sich niemand von uns im Programm auskennt. Oder wenn ich zum Beispiel letztes Jahr vier oder fünf neue Doktoranden aufgenommen und dieses Jahr keinen Platz habe. Schließlich wenn keine ausreichenden Forschungsgelder vorhanden sind. Das ist also anders als in Deutschland; ich weiß, dass in den Ingenieurwissenschaften zum Beispiel 40 oder 50 Doktoranden keine Seltenheit sind; wir finden, dass das Wahnsinn ist.

F&L: Ist der einzelne Doktorand einer Professorin bzw. einem Professor zugeordnet?

Maresi Nerad: Ja. Und darum auch ist es für mich so wichtig, dass sich die Forschungsinteressen überschneiden, vor allem in den Ingenieur- und in all den Wissenschaften, in denen im Labor geforscht wird. Häufig bewerben sich die Studenten konkret bei einem Professor, weil sie ihn beispielsweise aus der Literatur kennen, und bleiben auch bei ihm. Bei uns in den Sozial- und Humanwissenschaften oder auch in Higher Education ist das so, weil die Studenten ungefähr wissen, was sie machen wollen. Aber es kann ja sein, dass sie innerhalb der nächsten zwei Jahre plötzlich etwas anderes entdecken, wovon sie begeistert sind. Ein Wechsel ist dann ohne Probleme möglich.

F&L: Wird die Bewertung der Dissertation von einer Gruppe von Professoren und Professorinnen durchgeführt?

Maresi Nerad: Doktoranden haben fünf Professoren in ihrem Komitee. Diese sind von der gleichen Universität, da unsere Forschungs-Universitäten sehr groß sind. Von den fünf dürfen nur zwei aus dem eigenen Fachbereich sein, und die drei anderen sind aus einem nahestehenden Fachbereich. Wenn wir die Materialwissenschaft als Beispiel nehmen, dann vielleicht von der Chemie oder von Bio-Engineering oder Physik, in meinem Bereich von der Politologie oder Soziologie oder international Studies. Der fünfte Professor vertritt stellvertretend die übergreifende Graduate School und prüft bei der mündlichen Allgemeinprüfung (general exam) und bei der Dissertationsdisputation, dass es auch fair zugeht. Dieser Professor gibt dann einen unabhängigen Bericht über den Ablauf der Prüfung bei der Graduate School ab. Wir haben also eine starke interne Qualitätskontrolle.

F&L: Wie finanzieren die Doktoranden diese Phase?

Maresi Nerad: In den USA arbeiten fast alle Doktoranden als research assistant oder teaching-assistant, das heißt 20 Stunden in der Woche. Damit finanzieren sich die meisten. Inzwischen ist es so - ich würde sagen seit den letzten drei Jahren - dass wir auch in den Humanwissenschaften niemanden zum Doktorandenstudium aufnehmen, wenn wir nicht wissen, ob die Finanzierung für fünf Jahre gesichert ist.

F&L: Wo sehen Sie die Vorteile der US-amerikanischen Doktorandenausbildung gegenüber der in Deutschland?

Maresi Nerad: Positiv finde ich, dass die Doktorandenausbildung in den Vereinigten Staaten nach theoretischen Lernprinzipien aufgebaut ist, dass ein professionell development mit einbezogen ist, einschließlich wie man lehrt. Und dass die Doktoranden in dem Fachbereich breiter ausgebildet sind im Vergleich zu Deutschland. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass es innerhalb der Universität fünf verschiedene Stellen gibt, an denen die Qualität direkt oder indirekt geprüft wird. Schließlich wird alle fünf bis sieben Jahre jedes einzelne Programm innerhalb der Hochschule evaluiert.

Von Maresi Nerad und Barbara Evans ist das Buch erschienen: Globalization and Its Impacts on the Quality of PhD Education, 2014.


Über die Autorin
Maresi Nerad ist Direktorin des Center for Innovation and Research in Graduate Education (CIRGE) und Professorin für Hochschulbildung im Educational Leadership and Policy Studies Program, College of Education, University of Washington, Seattle.

Aus Forschung & Lehre :: August 2014

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