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Studienabbrecher: Lasst sie nicht fallen!

VON MARION SCHMIDT

Fast jeder dritte Studierende bricht sein Studium ab. Der neue Hochschulpakt könnte die Universitäten endlich zwingen, mehr dagegen zu tun.

Lasst sie nicht fallen!© benicce - photocase.deDer Hochschulpakt sieht Hochschulen in der Pflicht, Studienabbrüche zu reduzieren
In einem Leitbild stehen die Werte, die einem wichtig sind, nach denen man strebt. Wenn eine deutsche Universität sich ein Leitbild gibt, ist sie meist stolz auf ihre Tradition, sie beschwört gern den Geist Humboldts und die Unabhängigkeit ihrer Forschung, sie strebt oft nach Exzellenz und setzt sich ein für die Gleichstellung, sie will international attraktiv sein und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Studenten zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen scheint hingegen für die meisten Hochschulen weder ein wichtiges noch ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Jedenfalls schreibt sich keine Uni die Studentenförderung in ihr Leitbild.

Diese Haltung hat fatale Folgen: In kaum einem Land scheitern so viele junge Menschen an ihrem Studium wie in Deutschland. An den Unis ist es jeder Dritte, an den Fachhochschulen jeder Vierte.

Diese Zahlen hat das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) errechnet, sie beziehen sich auf den Absolventenjahrgang von 2012 und erfassen diejenigen, die sich zwar einschreiben, aber ohne Examen abgehen; Fach- und Hochschulwechsler sind nicht eingerechnet.

In den Technikfächern, in denen ein besonders hoher Fachkräftemangel herrscht, liegt die Abbruchquote sogar noch deutlich höher: Im Studiengang Bauingenieurwesen geben 51 Prozent der Studenten auf, in Mathematik sind es 47 Prozent. Auch das Bachelor-Master-System hat daran wenig geändert.

Die Zahlen der Abbrecher sind insgesamt seit Jahren nahezu unverändert, teilweise sogar gestiegen. Was für ein Verlust von Lebenszeit, Steuergeld und Talent!

Sicher, die Unis können nicht jeden ihrer Studierenden erfolgreich zu einem Abschluss bringen. Es wird immer einen gewissen Schwund geben, es wird immer gute Gründe geben, ein Studium abzubrechen und einen neuen Weg einzuschlagen; Scheitern muss erlaubt sein.

Nicht hinnehmbar ist es allerdings, wenn in manchen Studiengängen mehr als die Hälfte der Studenten abbricht. Da läuft etwas grundlegend schief: Entweder sind die Studierenden nicht richtig ausgewählt, nicht gut vorbereitet, die Anforderungen im Fach zu hoch oder die Prüfungsordnungen zu streng. Da müssen die Unis etwas tun. Die hohen Abbrecherzahlen sind ein Skandal. Aber einer, über den sich lange kaum jemand aufregte.

Lasst sie nicht fallen! © ZEIT-GRAFIK/Quelle: DZHW
Der neue Hochschulpakt zur Finanzierung zusätzlicher Studienplätze könnte nun zu einem Umdenken führen. Denn damit sollen erstmals zehn Prozent der Mittel gezielt für Maßnahmen gegen Studienabbrüche ausgegeben werden.

Bislang wurde das Thema vielfach ignoriert, ein Kollateralschaden der Massenuni. Keiner hatte großes Interesse, darüber zu reden: Den Betroffenen war ihr Scheitern peinlich, den Unis egal. Bis heute kann keine Uni sagen, wie viele junge Menschen ihnen auf dem Weg zum Examen verloren gehen und warum. Die Daten werden nicht erfasst, aus tatsächlichen oder vorgeschobenen Datenschutzgründen und weil man das eigentlich gar nicht so genau wissen möchte. Ist ja nichts, womit man sich rühmen könnte. Nur: Ein Problem, das man nicht wahrhaben will, kann man auch nicht lösen.

Die Hochschulen haben das Thema verdrängt, aber auch der Politik war es in den letzten Jahren wichtiger, dass die Unis möglichst viele Studienanfänger aufnahmen, als dass sich die Studienbedingungen verbesserten. Bund und Länder haben mehrere Hochschulpakte beschlossen, mit denen Hunderttausende zusätzliche Studienplätze geschaffen wurden. Jede Hochschule, die einen neuen Platz meldet, bekommt dafür derzeit 26.000 Euro überwiesen - ganz gleich, ob der Student auf diesem Platz sein Studium erfolgreich abschließen wird oder nach einem Semester wieder abbricht.

Die Hochschulen haben ihre Tore geöffnet, kassiert und sich dann wenig um ihre Studenten gekümmert. Vor allem an den Universitäten wird die Lehre immer noch nicht so wertgeschätzt wie die Forschung. Wenn ein Professor dort im Schnitt 64 Studenten betreut, bekommt er gar nicht mit, wer Probleme hat. Und er mag sogar froh sein um jeden, der geht. Macht weniger Arbeit. Während in den USA jede Uni, die etwas auf sich hält, mit erfolgreichen Absolventenquoten wirbt, ist in Deutschland manch ein Professor insgeheim noch stolz darauf, die Hälfte seiner Studenten rauszuprüfen - um die Qualität seiner Lehrveranstaltungen zu belegen. Wer den Lehrstoff nicht schafft, ist eben nicht studierfähig.

Folgen hatte diese Einstellung bislang keine. Sie wurde sogar gestützt durch das bisherige System der Hochschulfinanzierung. Weder wurden einer Uni Mittel gestrichen, wenn am Ende des Studiums viel weniger Studenten ihr Examen machten als sich Jahre zuvor eingeschrieben hatten. Noch wurde ein Professor, der sich als Exmatrikulator betätigte, abgemahnt.

Jetzt ist die Gelegenheit, das zu ändern! Bund und Länder haben Mitte Dezember den dritten Hochschulpakt beschlossen; er gilt für den Zeitraum 2016 bis 2020. Doch anders als bei den beiden vorherigen Pakten gehen diesmal zehn Prozent der Mittel in Maßnahmen, mit denen gezielt Studienabbrüche verhindert werden sollen. Das heißt, die Unis bekommen anfangs pro Studienplatz nur noch 23.400 Euro überwiesen, die restlichen 2.600 Euro werden zurückbehalten. Das könnte der Einstieg in ein neues System der Studienplatzfinanzierung sein: Erstmals wird nicht nur der Input belohnt, sondern auch der Output.

Jetzt muss es darum gehen, diese Mittel richtig einzusetzen: Entweder man gibt den Hochschulen das Geld, damit diese weitere Unterstützungsmaßnahmen für Studierende anbieten können. Oder man führt ein Bonussystem ein. Für jeden Absolventen erhält die Uni eine Zahlung. Auch dieses Geld kann - und sollte - für die Verbesserung der Studienbedingungen ausgegeben werden. Ein Bonus wäre ein Anreiz für nachhaltiges Engagement.

Nordrhein-Westfalen hat sich für ein solches System starkgemacht. Bei Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) steht das Thema Studienabbruch ganz oben auf der Agenda. Sie hatte bei den Verhandlungen zum Hochschulpakt darauf gedrängt, das Geld stärker an den Studienerfolg zu knüpfen. »Ich hätte mir weitaus mehr vorstellen können als zehn Prozent«, sagt sie. Es sei doch »absurd«, dass die Unis für einen Studienanfänger gleich die Summe für ein ganzes Studium bekämen, egal, ob der abschließe oder nicht. Das Geld solle besser in Etappen gezahlt werden. Ihr Land hat bereits alle Fachhochschulen dazu verpflichtet, ihre Abbrecherquoten zu senken.

Allerdings musste die Ministerin auf Betreiben der Hochschulchefs ihr ursprüngliches Ziel, die Quote in jedem Fach um 20 Prozent zu senken, wieder streichen. Auch Sanktionen sind nicht vorgesehen. Und die Unis haben ein entsprechendes Papier erst gar nicht unterschrieben. Die jetzt vorgesehene Regelung im neuen Hochschulpakt könnte jedoch den notwendigen Druck erzeugen. »Es muss den Hochschulen wehtun, wenn sie so viele Abbrecher produzieren«, sagt Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Sonst werde sich nichts ändern.

Es ist nicht so, dass die Unis in den letzten Jahren gar nichts getan haben, um die Zahl der Studienabbrecher zu reduzieren. Es gibt eine Vielzahl von Projekten, um gerade Studienanfänger besser zu informieren und zu unterstützen. Es gibt Onlinetests, mit denen sich die eigenen Fähigkeiten und Interessen mit den Anforderungen verschiedener Fächer abgleichen lassen. Es gibt Studienberatungen, Orientierungsseminare, Nachhilfekurse in Mathe, Pflichtpraktika vor Studienbeginn.

»All diese Maßnahmen sind gut für die Studienqualität«, sagt der DZHW-Hochschulforscher Ulrich Heublein, »aber ob sie auch gegen Abbruch helfen, ist fraglich.« Die Projekte seien oft nur befristet und zielten mehr auf Reparatur ab statt auf Prävention. Sie setzten meist zu spät oder an der falschen Stelle an. Und: Sie erreichten nicht unbedingt die, die sie am dringendsten benötigten. »Studienabbruch«, sagt Heublein, »ist eine verflixt komplexe Sache.«

Es muss also über den Pakt hinaus etwas getan werden. Und es gibt genug Beispiele, die belegen, wie sich die Abbrecherzahlen senken lassen. Nachdem etwa an der TU Darmstadt im Fach Maschinenbau zu Studienbeginn ein Eignungsverfahren eingeführt wurde, sank die Abbrecherquote deutlich. In Medizin beispielsweise brechen nur acht Prozent der Studenten ab, in Psychologie zehn - beides Fächer mit hohen Zugangshürden. Auch das zeigt, dass eine sorgfältige Vorauswahl die Abbruchgefahr erheblich senken kann.

An der RWTH Aachen hat man sich entschieden, den Druck auf Studenten zu erhöhen, um frühzeitig Wackelkandidaten zu identifizieren. Nach dem 2. und 4. Semester werden diejenigen zu einem Gespräch bei einem Mentor eingeladen, die weniger als zwei Drittel der erforderlichen Credit Points erreicht haben. Zu dem Gespräch erscheinen allerdings nur 15 Prozent der angeschriebenen Studenten. »Wir tun viel, uns sind die Studenten nicht egal«, sagt Prorektor Aloys Krieg, »aber letztlich müssen sie unsere Angebote auch annehmen und sich selbst mehr kümmern.«

Wer weniger Abbrecher haben will, muss also mehrfach ansetzen: an den finanziellen Anreizen für die Hochschulen, an der Einstellung der Lehrenden - aber auch an der Motivation der Studierenden.

Aus DIE ZEIT :: 23.12.2014

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