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Studienanfängerzahlen - Ein Rückblick auf die KMK-Prognosen der letzten 20 Jahre

von DIETER DOHMEN

Die Zahl der Studienanfänger hat sich seit der Wiedervereinigung annähernd verdoppelt. Da der Koalitionsvertrag vorsieht, zügig in die Verhandlungen über die Fortführung des Hochschulpakts einzusteigen, ist ein Rückblick auf die Validität der Studienanfänger- und Studierendenprognosen der Kultusministerkonferenz angezeigt.

Studienanfängerzahlen - Ein Rückblick auf die KMK-Prognosen der letzten 20 Jahre© skynesher - iStockphoto.comDie Prognose der KMK liefert eine zuverlässige Trendvorhersage zur Entwicklung der Studienanfängerzahlen
Seit 1972 veröffentlicht die Kultusministerkonferenz (KMK) ihre Prognosen zur Zahl der Studienanfänger und Studierenden. Lange Zeit erfolgte dies in regelmäßigen Abständen etwa alle drei Jahre; in den letzten rund zehn Jahren hat sich dies erheblich verändert. Nachdem die Prognose aus dem Jahr 2005 massiv in die Kritik geriet, hat die KMK nur noch sehr sporadisch Berechnungen vorgenommen bzw. publiziert. Stattdessen wurden sie sogar einige Zeit ausgesetzt und erst langsam wieder in abgespeckter Form aufgenommen. Wenn in diesem Beitrag der Fokus auf den letzten 20 Jahren liegt, dann hat das vor allem pragmatische Gründe.

Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten hat sich eine völlig andere Situation ergeben. Die Abbildung fasst die Prognosen seit 1993 und deren Ergebnisse zusammen und stellt sie der tatsächlichen Entwicklung gegenüber. Der jeweilige Prognosezeitpunkt lässt sich anhand des ersten Prognosejahres erkennen, wobei zu berücksichtigen ist, dass die Prognosen zunächst in Bandbreiten abgegeben wurden. Diese Bandbreiten speisten sich aus unterschiedlichen Annahmen hinsichtlich der Studierneigung.

Überhaupt sind die zugrunde liegenden Annahmen das A und 0, da meist nur wenige objektive bzw. kurzfristig unbeeinflussbare Daten wie die demografische Entwicklung der relevanten Alterskohorten zur Verfügung stehen. Bereits die Zahl der Schulabgänger mit entsprechenden Zugangsvoraussetzungen ist bestimmten Veränderungen unterworfen, folgt aber auch bestimmten Trends. Deutlich problematischer ist die sogenannte Übergangsquote, die beschreibt, welcher Anteil der Studienberechtigten tatsächlich ein Studium aufnimmt. Hier spielen etwa Entwicklungen im (dualen) Ausbildungsmarkt oder die (aktuelle) Arbeitsmarktsituation der Akademiker eine wichtige Rolle. Hinzu kommt, dass zwar das Gros der Studienberechtigten innerhalb von wenigen Jahren das Studium aufnimmt, allerdings ein zunehmender Anteil erst zu einem (deutlich) späteren Zeitpunkt ein Studium beginnt; auch die Nachfrage aus dem Ausland ist - trotz bestimmter Obergrenzen - schwer abzuschätzen.

Genauigkeit der kurz- und langfristigen Prognosen

Um trotz der (kurzfristigen) Unwägbarkeiten "treffsichere" Prognosen zu erhalten, hat die KMK ihre Vorausberechnungen in Bandbreiten abgegeben. Zunächst wurden drei Modelle mit Übergangsquoten von 75, 80 bzw. 85 Prozent gerechnet. Da sich die Übergangsquote in den 1990er-Jahren allerdings von 82 auf 68 Prozent verringert hat, korrigierte man die Annahmen ab der Prognose aus dem Jahr 2001. Es wurden nun 70, 75 und 80 Prozent zugrunde gelegt (s. mittlere und obere Variante in der Abbildung).

Studienanfängerzahlen © Forschung & Lehre KMK-Prognosen und tatsächliche Entwicklung der Studienanfängerzahlen
Betrachtet man die Prognosen differenziert und getrennt im Hinblick auf die kurz- und langfristige Vorhersagegenauigkeit, dann lässt sich feststellen, dass die kurzfristigen Berechnungen meist ungenauer erscheinen, während die langfristige Genauigkeit gut ist, auch wenn selbstverständlich eine Punktlandung die Ausnahme darstellt. Dies kann an einzelnen Beispielen nachvollzogen werden.

Die 1993 vorgelegte erste Prognose im vereinten Deutschland stand unter besonderen Vorzeichen, da noch kaum Informationen hinsichtlich der zu erwartenden Studiennachfrage in den neuen Ländern vorlagen. Für die alten Länder wurde 1992 ein Anstieg von knapp 240.000 auf höchstens knapp 310.000 im Jahr 2010, und für das Jahr 2000 zwischen 233.000 und 259.000 prognostiziert. Für die neuen Länder wurde ein Anstieg von 52.600 (1992) zunächst auf gut 100.000 in den Jahren 2000 und 2005 erwartet, dem ein Absinken auf 72.700 im Jahr 2010 folgen sollte. In Summe wurden für das Jahr 2000 zwischen 335.000 und 360.000 Studienanfänger sowie für die Jahre 2005 bzw. 2010 Werte zwischen 355.000 und 385.000 erwartet. Wenn man diese Prognose bewerten will, sollte man im Hinterkopf haben, dass die Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre nicht absehbar war.

Dennoch kann man konstatieren, dass der langfristige Trend richtig eingeschätzt wurde und die tatsächlichen Studienanfängerzahlen mal unter, mal über der Prognose lagen. Problematischer war allerdings die kurzfristige Vorausberechnung: Statt eines Anstiegs gab es einen deutlichen Rückgang der Studienanfängerzahlen von 290.000 auf gut 250.000. Erst ab 1996 stiegen die Zahlen wieder, und zwar kontinuierlich bis 2003 - auf dann 375.000.

Bei den nachfolgenden Prognosen (1996, 1998) wurden zwar einige leichtere Korrekturen nach unten vorgenommen, sie lagen jedoch immer noch über den tatsächlichen Entwicklungen. Eine deutlichere Kurskorrektur erfolgte erst durch die Prognose im Jahr 2001. Hier wurde aufgrund des zwischen 1990 und 1999 festzustellenden deutlichen Rückgangs der Übergangsneigung von 82 auf 68 Prozent in einem sog. Status-quo-Szenario für die Jahre zwischen 2000 und 2005 ein Rückgang der Studienanfängerzahlen von 313.000 (2000) auf unter 290.000 prognostiziert, dem ein langsamer Anstieg auf knapp 310.000 zum Ende des Jahrzehnts und anschließend ein Rückgang auf 275.000 bis zum Jahr 2015 folgen sollte.

Ähnlich wie die vorhergehenden Prognosen wurde auch diese den kurzfristigen Entwicklungen nicht gerecht. Auffallend ist dabei allerdings, dass beide Szenarien bereits kurzfristig unter den tatsächlichen Entwicklungen lagen. Ergänzend wurden auf Grundlage politischer Vorgaben weitere Szenarien mit den alten Übergangsquoten von 70, 75 und 80 Prozent gerechnet, die zwar zu etwas höheren Studienanfängerzahlen kamen, jedoch deutlich hinter der tatsächlichen Entwicklung bis 2003 zurückblieben. Für den oberen Übergangswert wurde entsprechend ein Anstieg auf bis zu 349.000 Erstsemestern im Jahr 2008 ermittelt, dem anschließend ein Rückgang bis 2015 auf 315.000 folgen sollte.

Gründe und Folgen ungenauer Prognosen

Vor dem Hintergrund der Entwicklung der Ist-Zahlen Anfang der 2000er-Jahre wurden 2005 neuere Berechnungen mit wieder erhöhten Übergangsquoten vorgenommen, die jedoch bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung überholt waren, da sich ab 2003 ein Rückgang zeigte. Ob dies - neben dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt - auch eine Folge der verstärkten Diskussion über Studiengebühren war oder nicht, lässt sich nicht abschließend beurteilen. Es scheint jedoch nicht völlig aus der Luft gegriffen zu sein.

Die Folgen dieser "ungenauen" 2005er-Prognose sollten erheblich sein, da diese einerseits den Grundstein für die Diskussionen über den Hochschulpakt darstellten. Andererseits war die Diskrepanz zum sichtbaren Rückgang aber natürlich auch Wasser auf die Mühlen derjenigen, die dem Hochschulbereich die Finanzmittel kürzen wollten. Auch geriet die KMK für ihre Prognosen massiv in die Kritik.

Nachdem die KMK in der Folge vorübergehend ihre Prognosetätigkeit eingestellt hatte, wurden erst 2009 und 2012 erneute Berechnungen vorgestellt, die allerdings schon rein äußerlich ein anderes Erscheinungsbild hatten. Statt als offizielle KMK-Publikation waren sie (interne) Hintergrundpapiere für die weiteren Beratungen im Kontext des Hochschulpakts. Betrachtet man die verschiedenen Prognosen nun vor dem Hintergrund der tatsächlich eingetretenen Entwicklungen, dann sind zwei Prognosen hervorzuheben.

Zum einen die Prognose aus dem Jahr 1993, die als einzige den langfristigen Trend zutreffend vorhergesagt hat. Zudem waren ihre Werte am dichtesten an der hinterher eingetretenen Entwicklung - unabhängig davon, dass die tatsächlichen Werte temporär unter- bzw. überschritten wurden. Alle nachfolgenden Berechnungen, die jeweils - wenn auch in unterschiedlichem Umfang - an die aktuellen Entwicklungen angepasst wurden, weichen deutlich stärker von der lang- und kurzfristigen Entwicklung ab. Zum anderen ist die heftig kritisierte Prognose des Jahres 2005 zu nennen, ohne die es den Hochschulpakt und daraus folgend den massiven Anstieg der Studienanfängerzahlen in den letzten gut fünf Jahren wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Bonmot am Rande ist dabei, dass die Gesamtzahl der Studierenden in der 2005er-Prognose sehr gut vorhergesagt wurde, auch wenn sie ohne den Hochschulpakt nie erreicht worden wäre, da die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge zu einer Verkürzung der durchschnittlichen Studiendauer und damit zu einer geringeren Studierendenzahl geführt hätte, als auf der Basis einer durchschnittlichen Studiendauer von sechs bzw. sieben Jahren zu erwarten gewesen wäre. Mit anderen Worten: Hätte sich die Studiendauer nicht deutlich verkürzt, dann hätte die Erhöhung der Studienanfängerzahlen im Umfang der letzten fünf Jahre wahrscheinlich dazu geführt, dass die Gesamtzahl der Studierenden derzeit bei über drei Millionen liegen würde.

Dies verdeutlicht aber auch noch einmal, dass etliche Entwicklungen - und deren Folgen für die Entwicklung der Studienanfängerzahlen - im Vorhinein kaum absehbar sind bzw. wie sehr politische Entscheidungen Rückwirkungen auf die tatsächliche Entwicklung der Studienanfängerzahl haben. Die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre in fast allen Bundesländern wurde erst Anfang bzw. Mitte des vergangenen Jahrzehnts beschlossen, sodass diese in früheren Prognosen nicht berücksichtigt werden konnte. Umso bemerkenswerter ist daher die Güte der Prognose von 1993. Hinsichtlich der Prognosen der vergangenen zehn Jahre ist allerdings zu konstatieren, dass die KMK doch recht deutlich hinter den tatsächlichen Zahlen zurückblieb. Den Prognosen von 2003 und 2005 konnte man noch zugutehalten, dass der Hochschulpakt nicht absehbar war, der dafür sorgte, dass die Tore der Hochschulen in einem Maße geöffnet wurden, das vorher niemand für möglich gehalten hatte. Getoppt wurden die unvorhersehbaren Entwicklungen durch die Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes, der kurzfristig noch einmal für einen deutlichen Nachfrageschub gesorgt hat, auch wenn niemand sagen kann, welchen Anteil er an den beiden Spitzenjahrgängen 2011 und 2013 hat.

Gerade im Hinblick auf die letzten Jahre ist allerdings auch festzuhalten, dass der KMK mit den Prognosen des FiBS und des CHE, die deutlich näher an der Realität lagen, eine starke Konkurrenz erwachsen ist. Beide Einrichtungen haben zudem erste Prognosen für den Bedarf an Masterstudienplätzen vorgelegt; ein Feld, auf dem die KMK noch nicht aktiv geworden ist, obwohl dessen Bedeutung nicht zu übersehen ist.

2025

Unabhängig davon bleibt abzuwarten, ob die letzte KMK-Prognose den Trend bis 2025 korrekt vorausgesagt hat. Meine Prognose ist, ja, das wird sie - unabhängig davon, ob die Zahlen etwas zu hoch oder zu niedrig sein mögen. Die deutschen Hochschulen haben den Gipfel der Studienanfängerzahlen überschritten, von nun an geht es erst einmal bergab, trotz aller Veränderungen beim Übergangsverhalten und bei der steigenden (relativen) Bedeutung eines Hochschulstudiums. Auch hier gilt allerdings, dass die derzeitigen Studienanfängerquoten von über 50 Prozent aufgrund der verkürzten Schulzeit und der Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes ein vorübergehender statistischer Artefakt sind.

Fazit: Prognosen sollten eher im Hinblick auf ihre langfristige Trendvorhersage und weniger hinsichtlich der kurzfristigen Treffgenauigkeit beurteilt werden. Dies erfordert mehr Geduld anstelle eines kurzfristigen politischen Aktionismus, sollten die Zahlen mal etwas von den tatsächlichen Entwicklungen abweichen. Die entscheidende Frage ist dabei allerdings, wie groß die Differenz sein darf - eine Frage, die man kaum absolut beantworten kann.


Über den Autor
Dr. Dieter Dohmen ist Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) Berlin.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2014

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