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Studieren bedeutete für mich Aufbruch

Von Christiane Bender

Wenn heute jemand mit einer "verklärten Sicht" auf etwas zurückschaut, wird er nicht selten belächelt. Doch "verklärend" heißt nicht immer beschönigend, wie dieser Beitrag zeigt. Persönliche Erinnerungen einer Professorin an das Miteinander in der Universität und den intensiven Wunsch, "Wissenschaft als Beruf" zu verwirklichen.

Studieren bedeutete für mich Aufbruch© Denis Vorob\'yev - iStockphoto.com
Einmal in meinem Leben ein Jahr lang zu den Auserwählten der Universität zu gehören und von Berufs wegen mit Forschen und Lehren, mit Wahrheit und Erkenntnis befasst zu sein, an diesen Traum, der meine Studentenzeit begleitete, der mir Glück und eine sinnvolle Zukunft verhieß, erinnere ich mich noch gut. Dass er sich erfüllen würde, daran glaubte ich nicht wirklich. Alle Kommilitonen, mit denen ich befreundet war, träumten diesen Traum. Die Universität erschien mir während meiner Studentenzeit in einem verklärten Licht. Vom ersten Tag an erfüllte mich das Gefühl von Freiheit und Privileg. Wissensdurstige, die gern lasen und ihre Eindrücke miteinander austauschten, fanden dort zusammen.

Soziologie, Philosophie, Politikwissenschaften, die Fächer, in denen ich mich tummelte, boten Einsichten in die Gegenwart und halfen mir, meinen Standort zu bestimmen. Von manchen ideologischen Zumutungen konnte ich mich mit Hilfe eines Kurses in Wissenschaftstheorie für alle Zeit befreien. Faszinierend war vor allem die Gemeinschaft von Lehrenden und Studierenden, von Neugierigen, die miteinander und voneinander lernten und fair miteinander umgingen. Unter den Kommilitonen gab es einen Wettbewerb um das beste Argument, um gute Referate und um Anerkennung bei den Professoren. Natürlich spürten wir rasch unsere Wissenslücken, lasen viel, besuchten Kulturveranstaltungen, auch außerhalb der Universität, lernten Sprachen, reisten in die europäischen Hauptstädte, um uns weiterzubilden. Angeregt durch Seminare organisierten wir unsere Bildungsprozesse selbst, ohne Aufforderung und Zwang, aber auch ohne zusätzliche Belobigung. Bis in die Nacht hinein saßen wir zusammen, diskutierten und lachten über unsere Professoren. Studentenleben eben. Der Geist der Universität strahlte in unseren gesamten Alltag hinein. Nirgendwo anders stimmten meine persönlichen Wünsche und die Erwartungen an Leistungen, die ich zu erbringen hatte, so sehr überein wie an der Universität. "Wissenschaft als Beruf" (Max Weber) zu ergreifen, wurde mein Lebensthema.

Sozialer Aufstieg, Emanzipation, Studium

Es waren die siebziger Jahre. Zwar entsprach ich nicht genau "der katholischen Arbeitertochter vom Lande" (Ralf Dahrendorf), die die Soziologen als Gewinnerin der Bildungsexpansion entdeckt haben, ein von Nonnen geführtes katholisches Gymnasium in der Provinz hatte ich jedoch besucht und gehörte zu den Jahrgängen von jungen Frauen und Männern aus nicht bildungsbürgerlichen Schichten, die Zugang zu den Universitäten erhielten. Auch wenn ich damals wenig Klarheit über meine Situation hatte, wollte ich auf jeden Fall einem als eng empfundenen Familienleben entfliehen, in dem die vielbeschriebenen Zwänge der Nachkriegsgesellschaft spürbar waren: starre geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Konformitätsdruck, Sprachlosigkeit, Angst vor Unordnung. Vor dem Studium hatte ich schon andere, durch akademische Bildung geprägte, kulturell inspirierte Milieus kennengelernt, mit freieren und großzügigeren Lebensformen. Aber auch dort war die Freiheit zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt, und Männer, nicht Frauen, führten das interessantere Leben. Zwar hatte der Begriff der Gleichberechtigung Konjunktur, die entsprechende Alltagspraxis ließ jedoch auf sich warten. Studieren bedeutete für mich Aufbruch aus dem angestammten Kontext, Suche nach einem intellektuell durchdrungenen, wenig konsumorientierten Lebensstil, vor allem Emanzipation von überkommenen Frauenrollen und Aussicht auf einen späteren Beruf, der mich ernährte und den ich liebte.

Während meines Studiums konnte ich deutlich beobachten, dass die Kapazitätsgrenzen der Universität überschritten wurden. In hässlichen vernachlässigten Gebäuden fanden überfüllte Lehrveranstaltungen statt und gelegentlich protestierten wir dagegen. Neugewonnene Einsichten besprachen wir in der Mensa, im Café, in der Bibliothek oder in den kleinen Buchhandlungen, die heute alle verschwunden sind. Neben dem offiziellen Studium trafen wir uns in selbstorganisierten Arbeitskreisen. Wer diskussionsstark war und wer viel wusste, war als Freund begehrt. Frauen gehörten selbstverständlich dazu, hatten aber oft Schwierigkeiten, zu Wort zu kommen. Sie interessierten sich vor allem für die pädagogischen, sozial-, sprach- und kulturwissenschaftlichen Fächer. Noch gab es wenig Seminare von Mitarbeiterinnen oder von Professorinnen, dennoch wurden Frauen durchweg ermutigt, sich zu beteiligen und sich willkommen zu fühlen, auch wenn Professoren "alter Schule" bei attraktiven Studentinnen sichtlich Mühe aufwenden mussten, um sich auf die wissenschaftlichen Sachverhalte zu konzentrieren.

Von der Tutorin zur Professorin

Nach langem und ausführlichem Studium, mit eiserner Konzentration, vielen Abstrichen im Privatleben, einer grenzenlosen Lektüre- und Diskursbesessenheit betrieb ich meinen Weg von der studentischen Tutorin und wissenschaftlichen Hilfskraft über die wissenschaftliche Mitarbeiterin und akademische Rätin bis hin zur Professorin, auf jeder Stufe dankbar und zufrieden, bestrebt, meinen Enthusiasmus an die Studenten weiterzugeben. Währenddessen fertigte ich diverse Qualifikationsschriften (Diplomarbeit, Dissertation und Habilitationsschrift) an, immer begleitet von dem Problem, mich bei den Lehraufgaben nicht soweit zu verausgaben, dass noch Kraft blieb, Prüfungen und Bewerbungsverfahren erfolgreich zu bestehen. In dieser Phase lernte ich, nicht nur lust- und neigungsbetont, sondern ziel- und produktorientiert zu arbeiten. Gelegentlich hatte ich wissenschaftliche Projekte für Vorgesetzte zu bearbeiten, mit denen ich weniger zurecht kam und deren Wissenschaftsverständnis mir nicht behagte, aber der Wunsch, es künftig besser zu machen, beflügelte mich und ließ mich alle Konflikte mit gutem Ende überstehen.

Allmählich lernte ich die inneruniversitären Hierarchien und Gremien kennen. Über mehr als ein Jahrzehnt meines Lebens stand ich unter Druck, gleichzeitig in Projekten zu forschen, Prüfungen abzulegen und weiterführende Stellen zu finden. Außerdem mussten zusätzliche informelle Spielregeln der universitären Laufbahn befolgt werden wie regelmäßig zu publizieren, gelegentlich Vorträge zu halten, einige Tagungen zu besuchen, ein paar Leute mit Einfluss im Fach zu kennen, möglichst in einer Sektion der Scientific Community mitzuarbeiten. Letztere waren Männerdomänen. Dort bemerkte ich als Newcomer, dass es nicht allein um leidenschaftliches Argumentieren ging, sondern auch um Machtspiele und um Machtkämpfe. Lange Zeit waren dort die männlichen Kollegen nicht bereit, Positionen und Einflusssphären mit ihren Kolleginnen zu teilen. Dem Rat, mich einem der einflussreichen "Lager" des Faches (heute nennen wir das Netzwerke) zuzuordnen, den mir, kurz vor seinem Tode, mein ehemaliger Chef auf den Weg gab, wollte ich auf keinen Fall folgen. Nach mehreren Vertretungen hatte ich es in meinem vierzigsten Lebensjahr geschafft und einen Ruf auf eine unbefristete Professur erhalten. Das war mehr, als ich jemals zu träumen gewagt hatte.

Vergiftetes Klima

Inzwischen hat sich die Universität gravierend gewandelt. Neues logobetontes Styling, Internetauftritt, Tag der offenen Tür, Alumni-Treffen verleihen der altehrwürdigen Alma Mater ein modernes Antlitz. Zu den herausragenden universitären Verdiensten gehört der im Zuge des Generationenwechsels erfolgte kulturelle Wandel, Ressentiments gegenüber Frauen weitgehend überwunden und weibliche Organisationskulturen ausgebildet zu haben, unterstützt durch politische und wissenschaftliche Instrumente. In den Sozial- und Geisteswissenschaften demonstrieren Frauen eine beeindruckende Erfolgsgeschichte auf allen Ebenen der Hierarchie, die noch nicht an ihr Ende gelangt ist.

Allerdings frage ich mich, ob der organisatorische Umbau im Zuge der Einführung neuer Studiengänge, ob die damit verbundene bürokratische Reglementierung und Regulierung des Studiums und des Personals, ob die Standardisierung von Abläufen und die Veräußerlichung von Inhalten und ob die Öffnung gegenüber nicht-wissenschaftlichen Interessen die akademischen Lern- und Arbeitskulturen nicht so erheblich umgestaltet haben, dass die Universität ihren Charme verloren hat. Fühlen sich intrinsisch motivierte Frauen und Männer, die von ihrem Fach begeistert sind und ihren eigenen Erkenntnisinteressen folgen wollen, an der Universität überhaupt noch wohl? Auch wenn Universitäten sich heutzutage stark voneinander unterscheiden, in einer entscheidenden Hinsicht klagen Lernende wie Lehrende: An die Stelle intrinsischer Motive und Motivationen sind extrinsische Anreize und Vorgaben getreten, die vom Seminar- und Vorlesungsbetrieb bis hin zur Forschungsorganisation und der Karrieren die Verhaltensweisen der Studierenden und des universitären Personals steuern.

Dort, wo Freiheit herrschte, gelten nun Vorschriften, teilweise rigide. Erstsemester, die ihre vorgeschriebenen Stundenpläne abarbeiten, fühlen sich in die Schule zurückversetzt. In den siebziger Jahren hörten wir in überfüllten Räumen Vorlesungen, bei denen es unter didaktischen Gesichtspunkten einiges zu beanstanden gab, die Relevanz der entwickelten Thematik stach auch nicht auf Anhieb ins Auge, dennoch folgten wir den Vorträgen, die wir uns ausgesucht hatten, mit Hingabe. Wir schrieben mit, weil wir uns das Wissen eines Faches erarbeiten wollten und nicht, weil wir die Multiple-Choice-Klausur am Ende des Semesters bestehen mussten. Heutzutage locken wir Lehrende unsere Studierenden mit der Vergabe von Noten und Credit-Points, im Format genau vorgeschriebene Hausarbeiten zu erbringen und termingerecht "hoch zu laden". Abweichungen vom definierten Standard können wir nicht akzeptieren, weil sie einen immensen bürokratischen Akt nach sich ziehen, vor dem sich alle Beteiligten ängstigen, weil er ihnen Zeit nimmt, sich auf Inhalte zu konzentrieren. Von "individualisierten Lernkulturen" keine Spur!

Zu allen Zeiten entlud sich Unmut von Studierenden gegen Lehrende. Aber diesmal ist das Klima vergiftet, Lernende wie Lehrende leiden unter den Zwängen von Modulordnungen und Auflagen, Mogelpackungen mehr oder weniger, von denen jeder weiß, dass sie kaum einzuhalten sind. Den Studierenden stehen oft Lehrkräfte für besondere Aufgaben ("Lehrknechte") gegenüber, die die im Modulhandbuch festgelegten Lehrveranstaltungen mit immensem Einsatz und mit letzter Kraft übers Podium bringen, immer in Angst, die Lehrevaluateure in den hinteren Reihen könnten den Daumen senken und damit die Verlängerung ihrer eh schon kurzen Vertragslaufzeiten gefährden. Erschöpft ins Büro zurückgekommen, warten Hunderte von Mails mit Anfragen von Kommilitonen, die an der komplizierten Struktur ihres Studiums scheitern oder Ausnahmegenehmigungen benötigen. Das Miteinander von Lehrenden und Lernenden, getragen von Neugier und von der Faszination am Erkenntnisprozess, kommt nicht zum Tragen. Ein Kollege erzählte mir, dass er in Adornos Vorlesungen "Denken im Vollzug" erfahren konnte. Heute haben sich die Stars des Faches, falls es sie noch gibt, vom Einsatz an der Studentenfront verabschiedet und denken woanders!

Das Glück der verklärten Sicht

Die Eindrücke im Studium von Frauen und Männern sind also keinesfalls so, dass ihnen der Beruf zur Wissenschaft als Erfüllung ihrer kreativen Impulse vorkommen muss. Streben sie dennoch eine Berufstätigkeit in der Universität an, so erleben sie, dass es eine vernünftige Arbeitsteilung an der Universität nicht gibt. Statt sich auf die Vertiefung ihrer Kenntnisse zu konzentrieren, ihre Qualifikationsarbeiten voranzutreiben und zusätzlich pro Semester eine Lehrveranstaltung anzubieten, übernehmen wissenschaftliche Mitarbeiter Organisations-, Verwaltungs- und Planungsaufgaben in einem mir bislang unbekannten Ausmaß.

Meine verklärte Sicht auf die "alte" Universität hat dankenswerterweise mein Leben geprägt. Reformbedarf erkannte ich in all den Jahren genügend. Aber den Geist aus der Flasche entweichen zu lassen, das wäre nicht nötig gewesen! Wer trägt dafür überhaupt die Verantwortung? Ich fasse mich an die eigene Nase. Bologna-Bürokraten auf der europäischen Ebene? Nein. Wer sonst? Die Universität ist intransparent geworden. Wer mit wem welche Zielvereinbarungen abgeschlossen hat, weiß der Normalsterbliche an der Universität nicht. Soviel scheint mir dennoch sicher: Die Verantwortlichen stammen aus der Generation von Akademikern, die die freiesten Studienbedingungen genießen durften, die es jemals in Deutschland gab. Was hat sie veranlasst, den nachfolgenden Generationen diese Freiheit derart zunichte zu machen?


Über die Autorin
Christiane Bender ist Professorin für Soziologie an der Helmut Schmidt-Universität Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Allgemeine Soziologie, Theorien moderner Gesellschaften, Industrie- und Dienstleistungssoziologie, Frauenerwerbstätigkeit, Kultursoziologie, wissenschaftstheoretische und philosophische Grundlagen.


Aus Forschung und Lehre :: März 2011

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