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Studium als Investition

Von Peter R. Kerrigan und Leslie Harlson

Die Bedeutung der Stipendien- und Stiftungskultur in den Vereinigten Staaten.

Studium als Investition© acilo - iStockphoto.comWer ein Studium in den USA aufnehmen will, braucht eine gut durchdachte Finanzstrategie
In den Vereinigten Staaten besteht die Studienfinanzierung aus drei Eckpfeilern: Stipendien, Darlehen und Arbeitseinkommen. Schnell wird deutlich: Die vielfältigen Förderungsmöglichkeiten für Studienplatzbewerber sind eine Wissenschaft für sich. Einblicke in den durchaus verwirrenden amerikanischen Stipendienund Stiftungswald.

Wie finanziere ich mein Studium? Dieser Frage muss sich jeder amerikanische Studienplatzbewerber stellen. Dabei sind die Kostenunterschiede an amerikanischen Hochschulen oft genauso groß und verwirrend wie das Angebot an Beihilfen, mit denen das Studium finanziert werden kann. Wer ein Studium aufnehmen will, braucht daher neben einer überzeugenden Bewerbung nicht zuletzt eine gut durchdachte Finanzstrategie. Beide Themenfelder - der Bewerbungsprozess und die Finanzierung - werden in den USA von professionellen Beratern abgedeckt, die umfassend über Studienangebote, Zulassungsvoraussetzungen und Bewerbungsfristen ebenso wie über Stipendien- und Darlehensmöglichkeiten informieren.

Zu den wichtigsten Organisationen in diesem Feld gehören die American Association of College Registrars and Admissions (AACRAO), die National Association for College Admission Counselling (NACAC), die National Association of Student Financial Aid Administrators (NASFAA) und die Association of Fundraising Professionals (AFP), die ihre Mitglieder und Bewerber sowie deren Eltern bei den anstehenden Entscheidungsprozessen unterstützen.

Enorme Spannweite der Förderungsmöglichkeiten

Wer in den USA ein Studium anstrebt, weiß in der Regel, worauf er sich in puncto Kosten einlässt. Andererseits existiert im Land aber auch eine umfassende und vielfältige Stiftungs- und Stipendienkultur, die das Hochschulsystem flankiert, und der, angesichts der hohen Kosten, vielfach eine ganz entscheidende Rolle zukommt.

Dennoch: Studierende und ihre Eltern müssen den größten Teil der anfallenden Kosten für ein Studium selbst tragen. Die meisten von ihnen stellen dies jedoch nicht in Frage, sondern betrachten Studiengebühren und Lebenshaltungskosten während der Studienzeit als eine Investition in ihre persönliche Zukunft. Das College Board, das in den letzten Jahren zahlreiche Expertengespräche zum Thema 'Reform der Studienbeihilfe' organisiert hat, nennt drei Eckpfeiler der US-amerikanischen Studienfinanzierung:
Stipendien: Stipendien müssen nicht zurückgezahlt werden, und Stipendiaten müssen auch keine Gegenleistung (etwa in Form studentischer Arbeit) erbringen. Stipendien werden u.a. von der US-amerikanischen Bundesregierung, von den Bundesstaaten, aber auch durch die Universitäten sowie von Stiftungen gewährt. Letztere bieten ein breites Spektrum an Förderangeboten, deren Bewerbungsvoraussetzungen von akademischen über außercurriculare Leistungen bis hin zu ethnischen, religiösen oder anderen Zugehörigkeiten abhängen können.

Studium als Investition
Darlehen: Die Bundesregierung gewährt Studierenden, die einen entsprechenden finanziellen Bedarf nachweisen können, sogenannte 'loans' mit niedrigen Zinsen, die erst nach dem Abschluss des Studiums zurückgezahlt werden müssen. Auch Banken offerieren individuell zugeschnittene Darlehen für Studierende.

Arbeit: Arbeitsangebote für Studierende an den verschiedenen Universitäten sowie das sogenannte "Work-Study"-Programm der Bundesregierung werden in den USA der Kategorie der "Beihilfen" (financial aid) zugeordnet. Hier arbeiten Studierende bis zu 15 Stunden pro Woche auf dem Campus und verdienen sich dabei ihr Studium durch Jobs in ihrem Institut, der Bibliothek oder der Mensa. Um an finanzielle Unterstützung für ihr Studium zu gelangen, wenden sich die meisten Studierenden in einem ersten Schritt an ihre Hochschulverwaltung, bei der sie mit dem Free Application for Federal Student Aid (FAFSA) Formular (www.fafsa.ed.gov») eine staatliche Unterstützung beantragen können. FAFSA unterstützt, ähnlich wie Bafög, Studierende durch das Gewähren von Darlehen oder einkommensabhängigen Zuschüssen.

An der zweiten Stelle der Beliebtheitsskala stehen universitätseigene Stipendien. Neben diesen beiden "Hauptsträngen" gibt es Stiftungen jeder Couleur und Ausrichtung: Gefördert werden Angehörige bestimmter Konfessionen oder Glaubensrichtungen, Kinder von Erziehern oder Bergleuten, Afroamerikaner oder amerikanische Ureinwohner, Studentinnen der Ingenieurwissenschaften oder Studierende aus Alaska... Die Spannweite der Förderungsmöglichkeiten ist enorm, und die Recherche nach der individuell passenden Stiftung oftmals entsprechend mühsam und verwirrend.

Studium als Investition
Ein Beispiel für ein bundesweit ausgeschriebenes, nicht-staatliches Stipendienprogramm für angehende Studierende ist das National Merit Scholarship-Programm. Von 1,5 Millionen Bewerbern erhalten jährlich 8 200 Studienanwärter ein einmaliges Preisgeld in Höhe von 2 500 Dollar. Der Auswahlprozess durchläuft mehrere Stufen: In einer ersten Runde muss eine bestimmte Punktzahl in einem standardisierten Test (PSAT) erreicht werden, die rund 15 000 Finalisten werden dann individuell beurteilt. Zu den Bewertungskriterien zählen schulische oder akademische Leistung, Führungsqualitäten, außerschulische Aktivitäten, ein Empfehlungsschreiben und ein von dem Bewerber geschriebenes Exposé. Das zur Verfügung stehende Stiftungsvolumen für Studienstipendien in den USA steht jedoch in engem Zusammenhang mit der Vitalität der Gesamtwirtschaft. Nach Aussagen von ACT, einem Nonprofit-Unternehmen, das Stipendienprogramme für Stiftungen und Firmen verwaltet und entwickelt, führte die Finanzkrise 2009 zu einer fünfprozentigen Reduzierung des Gesamtstipendienvolumens.

Und auch wenn es keine vollständige Zusammenstellung von Stipendienanbietern oder gar eine Datenbank mit genauen Zahlen zu gewährten Stipendien gibt, belegen zahlreiche Einzelberichte, dass sich die derzeit schwierige Lage der Ökonomie und Finanzmärkte der USA auf die Gewährung von Ergänzungsdarlehen für Studierende und deren Familien auswirkt. Laut dem diesjährigen "Chronicle of Philanthropy"-Bericht haben 25 Prozent der Amerikaner ihre philanthropischen Aktivitäten gekürzt.

Schulden im Gegenwert eines Hauses

Susan Hansler aus Ohio, deren Tochter Jennifer derzeit ihr letztes Jahr an der High School absolviert und die vorhat, sich bei mehreren Colleges zu bewerben, erklärt ihre Bewerbungsstrategie wie folgt: "Letztendlich ist die Entscheidung für Jennifer und für uns eine finanzielle Frage. Idealerweise entscheidet sie sich für eine Uni, die ihr und uns ein realistisches finanzielles Angebot macht ("financial aid package"), das ihre Schulden nach dem Studienabschluss so gering wie möglich hält. Wir suchen gezielt nach Universitäten, die eine eigene leistungsfähige Stiftung und einen guten akademischen Ruf haben. Darüber hinaus werden wir uns nach weiteren passenden Stiftungen umschauen." Vermeiden möchte Frau Hansler, dass ihre Tochter am Ende des Studiums neben dem Hochschulabschluss Schulden im Gegenwert eines Hauses hat. Dieses Beispiel spiegelt recht gut die "Kundenmentalität" von US-Studierenden (und deren Eltern) wider, die in einem Studium vor allem eine Investition sehen. Ein riesiges Angebot an Finanzierungsmöglichkeiten wartet auf Familie Hansler, und es ist jetzt schon klar, dass die Studienbeihilfe für ihre Tochter aus mehreren Quellen kommen wird, nicht zuletzt von diversen Stiftungen.

"Jennifer ist sich bewusst, dass sie sich nicht nur mit der Abfassung eines tollen Aufsatzes für die Unibewerbung beschäftigen muss, sondern auch mit den Bewerbungsvoraussetzungen für verschiedene Stiftungen", erzählt Frau Hansler. "Mein Mann und ich recherchieren mit Jennifer zusammen im Internet, welche Unterstützungsmöglichkeiten es überhaupt für uns gibt. Wir haben bereits eine Liste von Stiftungen zusammengestellt."

Ständig neue Gelder einwerben

"An kleineren Colleges oder Universitäten," erklärt Thomas Kleinet, stellvertretender Leiter der Graduate Zulassungsstelle der Steinhardt School of Culture, Education and Human Development der New York University, "gibt es ein zentrales Büro für Zulassung, ein zentrales Büro für Beihilfen, eines für Alumniarbeit und sogar eines für Fundraising, falls dies nicht die Aufgabe des Alumnibüros ist. Bei uns ist alles dezentralisiert. Jede Fakultät ("School") der NYU hat ihr eigenes Büro für Zulassung und für Alumniarbeit." Alle diese Stellen - von der Zulassung über Financial Aid, Alumniarbeit bis hin zum Fundraising - müssen miteinander kooperieren. Die Personalausstattung und das Budget dieser jeweiligen Büros hängt wiederum von der Größe der Hochschule und deren Finanzierung aus staatlichen, städtischen oder privaten Quellen ab. So gibt es im Fall größerer Hochschulen Fundraisingbüros, die sich ausschließlich mit Aktiengesellschaften beschäftigen.

Eine allgemeine Aussage über Struktur und Aufgabenzuschnitt solcher Arbeitsstellen ist nicht möglich. Was sie aber alle verbindet, ist das gemeinsame Ziel, ständig neue Gelder einzuwerben - für Stipendien, eine neuen Sporthalle oder auch für einen Lehrstuhl. Die erfolgreichsten Hochschulen bei der Spendeneinwerbung sind in der Regel solche, die über einen größeren Stab an Vollzeitangestellten verfügen, die ausschließlich Alumni-Recherche und Spendenakquise betreiben. Im Fachjargon werden diese Mitarbeiter gerne auch als "prospect researchers" bezeichnet. Ohne Vollzeitstellen dagegen sind Hochschulen beim Einwerben von Sponsoren weit weniger erfolgreich.


Über die Autoren
Peter R. Kerrigan ist stellvertretender Leiter der Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in New York.
Leslie Harlson ist Leiterin des DAAD-Informationszentrums in San Francisco.


Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2010

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