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Die Suche im Aleph

Von Uwe Böhme und Silke Tesch

Fachspezifische Datenbanken gehören zu den wichtigsten Informationsquellen für eine wissenschaftliche Literaturrecherche. Welche Vor- und Nachteile bieten Scifinder, Reaxys et al.?

Die Suche im Aleph© koya979 - Fotolia.comIn der Chemie gehören Scifinder und Reaxys zu den wichtigsten Datenbanken
Das Aleph ist in einer Erzählung von Jorge Luis Borges ein Punkt im Raum, der alle Punkte der Welt in sich enthält. In ähnlicher Weise lassen sich Fachdatenbanken als Punkte betrachten, die das ganze Wissen eines Fachgebiets in sich vereinen. Dabei tauchen ständig neue Datenbanken, Recherchemöglichkeiten und Datenbankanbieter auf. Bestehende Datenbanken werden aufgekauft und in neue Benutzeroberflächen integriert. So war der Klassiker Beilstein früher als CD-Variante oder über STN International recherchierbar. Später wurde er als Crossfire Beilstein angeboten. Heute ist er ausschließlich über Reaxys verfügbar. Trotz der sich ständig verändernden Informationslandschaft lässt sich ein Kern an wichtigen Datenbanken und Informationsquellen benennen. Eine Übersicht mit knapp 400 Chemiedatenbanken steht im Datenbankinfosystem (DBIS). Sie sind kostenfrei, als CD-ROM und DVD-Variante oder kostenpflichtig recherchierbar. Über Bibliotheksauswahl/Einstellungen ist zu erfahren, welche Datenbanken in der nächstgelegenen Bibliothek lizensiert sind. Der Klick auf die Datenbank liefert Näheres über ihren Inhalt und den Zugang.

Ziele und Recherchewerkzeuge

Eine Literaturrecherche hat unterschiedliche Ziele: Synthesen, kristallographische Daten oder ein IR-Spektrum für eine bestimmte Verbindung oder umfassende Informationen zu einem definierten Thema (Abbildung 1). Zunächst ist eine geeignete Datenbank zu wählen. Für eine thematische Suche oder für die Suche nach bibliografischen Angaben eignen sich Scifinder, Scopus und Web of Science. Reaktionen und chemische Verbindungen lassen sich gut in Scifinder und Reaxys finden. Stoffdaten sind über Reaxys recherchierbar. Daneben gibt es Datenbanken für spezielle Fakten. So bieten Spec info und SDBS (spectral database for organic compounds) spektroskopische Daten. CSD (cambridge structural database), ICSD (inorganic crystal structure database) und PDB (protein data bank) liefern kristallographische Daten (Abbildung 2).

Die Suche im Aleph Abb. 1.: Ziele einer Literaturrecherche
Zur Recherchestrategie für die thematische Suche gehören logische Operatoren wie AND, Platzhalter und die Indexsuche. Weitere Werkzeuge sind die erweiterte Suche, die Faktensuche, die Klassifikation und der Thesaurus. Die erweiterte Suche arbeitet mit Suchfeldern wie Titel, Autor und Summenformel. Sie sind über logische Operatoren verknüpfbar. Für eine thematische Suche sind Schlagwörter besser geeignet als Stichwörter. Mit Schlagwörtern beschreiben die Datenbankhersteller den Inhalt eines Dokuments unter Verwendung eines festgelegten, kontrollierten Vokabulars. Schlagwörter werden je nach Datenbank auch als Subject Terms, Subject Headings, Index Terms, Keywords oder Thesaurus Terms bezeichnet. Stichwörter sind Begriffe, die je nach Definition im Titel (Titelstichwort) oder in den bibliografischen Angaben des Dokumentes vorkommen.

Eine Faktensuche nutzt die Indizierung numerischer Daten. In Datenbanken wie Inspec und Reaxys lässt sich damit nach Eigenschaften wie dem Siedepunkt bei einem bestimmten Druck oder einem Löslichkeitsbereich bei einer bestimmten Temperatur suchen. Unter Klassifikation versteht man ein Ordnungssystem, das Medien inhaltlich erschließt. Das wissenschaftliche Gebiet wird in Klassen, Unterklassen usw. eingeteilt, also hierarchisch strukturiert (Abbildung 3). Ein Thesaurus bringt Begriffe mit einem kontrollierten Vokabular in Beziehung zueinander. Sie heißen Schlagwörter, Deskriptoren oder Index Terms. Eine typische Thesaurus-Suche in der Datenbank Inspec erfasst Synonyme, Abkürzungen, Oberbegriffe, Unterbegriffe und verwandte Begriffe. Die in manchen Datenbanken verfügbaren Thesauri lassen sich durchblättern. Dabei findet man oft passende Schlagwörter und verwandte Begriffe, um in die Recherche einzusteigen.

Die Suche im Aleph Abb. 2.: Die wichtigsten Datenbanken für Chemiker und Naturwissenschaftler

Die wichtigsten Datenbanken

Datenbanken unterscheiden sich hinsichtlich des thematischen Spektrums, der Zahl und Art der ausgewerteten Dokumente und des erfassten Zeitraums. In den Trefferanzeigen schränken ein Ranking oder Verfeinerungsfunktionen die Treffermengen ein. Verlinkungen zum Volltext können lokal oder vom Datenbankanbieter eingebunden werden. Der Volltext ist bei kostenpflichtigen Zeitschriften allerdings nur zugänglich, wenn die Bibliothek des Nutzers die Zeitschrift lizensiert hat. Alle in Abbildung 2 aufgeführten Datenbanken bieten personalisierte Zugänge an. Damit speichert der Nutzer Suchanfragen und erhält per E-Mail neue Treffer (Alert-Dienst). Die Datenbanken ermöglichen den Export der bibliografischen Daten in Literaturverwaltungsprogramme. Scifinder und Reaxys gehören nach wie vor zu den wichtigsten Datenbanken für Chemiker. Interdisziplinäre Fragen lassen sich gut mit Scopus oder Web of Science bearbeiten. Rechercheprobleme in den Grenzgebieten zur Medizin, Biologie oder Physik lösen die Datenbanken Medline, Biosis Previews oder Inspec.

Chemical Abstracts und Scifinder

Für eine umfassende Recherche zu chemischen Fragen ist die Suche in den Chemical Abstracts (CA) unumgänglich. Dies ist die weltweit größte Sammlung chemischer Informationen. Sie erfasst zudem angrenzende Gebiete wie Verfahrenstechnik, Werkstoffwissenschaften und Biotechnologie. Die amerikanische chemische Gesellschaft produziert die Chemical Abstracts, die über STN International oder Scifinder recherchierbar sind. Scifinder enthält weitere Datenbanken: Registry (Substanzen), CASReact (Reaktionen), Chemcats (Chemikalienkataloge), Chemlist (regulatorische Daten) und Medline (Biomedizin). Insgesamt sind hier mehr als 37 Mio. Nachweise aus 10.000 Zeitschriften, Patentschriften, Konferenzbeiträgen, Büchern und Dissertationen sowie über 73 Mio. Substanzen und 64 Mio. Proteinoder Nukleotidsequenzen verfügbar. Neben den Kernzeitschriften der Naturwissenschaften werten die CA auch zeitschriftenartige Reihen aus. Seit dem Jahr 2012 bietet Scifinder zudem für ausgewählte experimentelle und vorhergesagte Eigenschaften von Verbindungen eine Faktensuche.

Die Suche im Aleph Abb. 3.: Beispiel für die Klassifikation in der Datenbank Inspec

Reaxys, Scopus und Web of Science

Ältere Chemiker kennen noch die gedruckten Ausgaben von Beilsteins "Handbuch der organischen Chemie" und Gmelins "Handbuch der anorganischen Chemie" als wichtige Nachschlagewerke. Die daraus entstandenen Datenbanken Beilstein und Gmelin werden inzwischen ausschließlich über die Datenbank Reaxys von Elsevier angeboten. Zusätzlich ist hier die Patent Chemistry Database integriert. Reaxys enthält derzeit zirka 21 Mio. Substanzen und 35 Mio. Reaktionen, zu denen jährlich insgesamt etwa 1 Mio. hinzu kommen. Es lassen sich chemische Informationen, physikalische Eigenschaften sowie pharmakologische, toxikologische und ökologische Daten abrufen. Die große Zahl von Datenfeldern (mit zusätzlichen Unterfeldern von Parametern) erlaubt Faktensuchen nach den unterschiedlichsten Eigenschaften. Damit ist diese Datenbank besonders geeignet für materialwissenschaftliche Suchen nach bestimmten Stoffeigenschaften.

Scopus von Elsevier ist die weltweit größte Abstract- und Zitationsdatenbank von Peer-Review-Literatur in Naturwissenschaften, Technik, Medizin, Sozialwissenschaften, Kunst- und Geisteswissenschaften. Bei Zitationsanalysen sind Artikel erst ab dem Jahr 1996 erfasst. Das Web of Science ist Teil des Web of Knowledge von Thomson Reuters (früher Institute for Scientific Information, ISI) und besteht aus mehreren bibliografischen Datenbanken: Science Citation Index Expanded, Social Sciences Citation Index und Arts & Humanities Citation Index. Später kamen weitere wie Index Chemicus und Current Chemical Reactions hinzu. Diese beiden chemischen Datenbanken erlauben dem Nutzer nach Substanzen und Reaktionen zu suchen, der diese Angebote lizensiert hat.

Physik, Elektronik und Computer

Inspec steht für information services in physics, electronics and computing. Diese Datenbank enthält bibliografische Hinweise mit Abstracts auf die internationale Fachliteratur der Physik, Elektrotechnik, Elektronik, Computerund Informationstechnik sowie verwandter Gebiete. Die Institution of Electrical Engineers (IEE) erstellt diese Datenbank seit dem Jahr 1969. Sie erschließt Publikationen über ein genormtes Vokabular, eine Klassifikation, hinsichtlich numerischer Daten und mit einer chemischen Indexierung. Inspec ist mit unterschiedlichen Rechercheoptionen über mehrere Suchoberflächen kostenpflichtig erreichbar.

Medizin und Biowissenschaften

Die biomedizinischen Inhalte der Datenbank Medline der National Library of Medicine sind kostenfrei über Pubmed recherchierbar. Sie enthält Informationen aus der Medizin und angrenzenden Bereichen. Die Dokumente in der Datenbank sind über medical subject headings (MeSH) und CAS-Registry-Nummern inhaltlich erschlossen. Dies vereinfacht die Suche. Eine Alternative bietet die Datenbank Gopubmed, die den Datenbestand von Pubmed nutzt. Gopubmed liefert bei der Trefferanzeige dem Suchbegriff verwandte Begriffe. Außerdem kann man sich den gesuchten Begriff innerhalb von Begriffshierarchien anzeigen lassen und die Suche von dort aus verfeinern. Biosis Previews ist die weltweit größte und umfassendste bibliografische Datenbank der Biowissenschaften. Dazu gehören Publikationen aus Biologie (Zoologie, Botanik, Mikrobiologie), Biomedizin, Biochemie, Pharmakologie, Toxikologie und Umweltforschung. Mit einer DFG-geförderten Nationallizenz stehen die Inhalte der Jahre 1926 bis 2004 deutschlandweit kostenfrei über den Anbieter Ovid SP zur Verfügung. Die Publikationen sind thematisch, taxonomisch, geografisch und chemisch sachlich erschlossen.

Fakten, Normen und Gefahrstoffinformationen

Römpp Online vom Thieme Verlag ist die umfangreichste Enzyklopädie zu Chemie und angrenzenden Wissenschaften in deutscher Sprache. Das Nachschlagewerk bietet über 60.000 Stichwörter aus den fünf Römpp-Lexika zu Bio- und Gentechnik, Chemie, Lebensmittelchemie, Naturstoffen sowie Umwelt- und Verfahrenstechnik. Römpp Online liefert zu jedem Eintrag Literaturstellen, die sich als Einstieg in ein neues Thema eignen. Leider gibt es keine Exportfunktion in Literaturverwaltungsprogramme. Das CRC Handbook of Chemistry and Physics der Chemical Rubber Company ist ein Standardwerk mit chemischen und physikalischen Daten. Seit dem Jahr 2013 sind die Inhalte nicht nur gedruckt, sondern auch online verfügbar.

Landolt-Börnstein ist der Kurztitel des Handbuchs "Zahlenwerte und Funktionen aus Physik, Chemie, Astronomie, Geophysik und Technik". Es enthält qualitätsgesicherte Daten aus Physik, Chemie und Materialwissenschaften. Die Webseite Springer Materials liefert, in welchem Band des Handbuchs Daten zu einer gesuchten Verbindung zu finden sind. Mit der Lizenzierung der Datenbank besteht dann Volltextzugang zu den Daten der etwa 250.000 Verbindungen. Perinorm enthält Normen wie ANSI, DIN und ISO aus 23 Ländern, technische Regeln, deutsche Rechtsvorschriften mit technischem Bezug, EU- und VDI-Richtlinien. Der Volltextzugriff auf Normen ist nur bei entsprechender Lizensierung durch die jeweilige Bibliothek verfügbar. Für die kostenfreie Recherche ist die Webseite des Beuth-Verlags nutzbar. Die kostenfreie Gestis-Stoffdatenbank enthält Informationen für den sicheren Umgang mit chemischen Stoffen am Arbeitsplatz. Zu etwa 8.500 Stoffen sind physikalisch-chemische Daten enthalten.

Spektroskopische und kristallographische Daten

Die kostenpflichtige Datenbank Specinfo enthält spektroskopische Daten organischer Verbindungen. Die Datenbank kann über eine Webseite oder über STN Karlsruhe aufgerufen werden. Ihr Schwerpunkt liegt bei 13C-NMR-Spektren (fast 100.000 Spektren), daneben sind IR-, Heterokern-NMR-Spektren (15N-, 17O-, 19F-, 31P-NMR) und Massenspektren enthalten. SDBS enthält ebenfalls spektroskopische Daten organischer Verbindungen, ist aber kostenfrei und bietet eine einfache Suche nach 1H-, 13C-NMR-, IR-, Raman- und Massenspektren. Spektroskopische Daten lassen sich auch mit kommerziellen Softwarepaketen auswerten. Häufig sind Spektrendatenbanken integriert. Beispiele für solche Pakete sind ACD/Labs und Knowitall. Die ICSD enthält Kristallstrukturdaten von anorganischen Verbindungen. Die CSD liefert dagegen Kristallstrukturdaten von organischen und metallorganischen Verbindungen. Die PDB stellt Kristallstrukturen von Proteinen und biologischen Makromolekülen bereit.

Haben Sie's gewusst?

  • Fachspezifische Datenbanken sind Grundlage einer vollständigen Literaturrecherche
  • Fundierte Kenntnisse der Recherchewerkzeuge und Datenbankinhalte sind Voraussetzung einer erfolgreiche Suche
  • Scifinder und Reaxys sind für Chemiker die wichtigsten Datenbanken

Synthesen und Patente

Science of Synthesis (früher Houben-Weyl) ist ein Nachschlagewerk für präparative Methoden in der organischen Chemie. Die Informationen sind hierarchisch geordnet, basierend auf der Verbindung oder funktionellen Gruppe, für die eine Synthese ausgeführt werden soll. Die Inhalte reichen bis zum Jahr 1800 zurück. Patente aus der Chemie sind auch in Scifinder und Reaxys enthalten. Nach einer thematischen Suche lassen sie sich über eine Verfeinerung nach dem Dokumententyp "Patent" herausfiltern. Zudem gibt es Patentdatenbanken, die über das Datenbankinfosystem DBIS je nach Schwerpunkt ausgewählt werden können. Für umfassende Patentrecherchen sollten Patentinformationszentren hinzugezogen werden.

Multum, non multi

Kostenpflichtige Datenbanken erschließen die eingebundenen Dokumente inhaltlich zum Beispiel mit Keywords, Klassifikationen oder englischsprachigen Abstracts. Solche zusätzlichen Informationen finden Suchmaschinen wie Google nicht. Fundierte Kenntnisse der Recherchewerkzeuge und der Datenbankinhalte sind die Voraussetzung für eine erfolgreiche Recherche in die Tiefe der Datenwelt (multum). Hingegen nützt es wenig, möglichst viele Datenbanken abzugrasen (non multi). Dabei ergeben sich häufig immer wieder die gleichen Literaturstellen. Schwer zu findende Daten können jedoch bei einer oberflächlichen Recherche verborgen bleiben.


Über die Autoren
Uwe Böhme studierte Chemie an der TH Merseburg, promovierte dort im Jahr 1992 und absolvierte danach einen Postdoc-Aufenthalt bei Robin J. H. Clark am University College London. Seit 1993 arbeitet er am Institut für Anorganische Chemie der TU Bergakademie Freiberg. Die Habilitation schloss er im Juni 2004 ab.

Silke Tesch promovierte 1993 in Verfahrenschemie an der Bergakademie Freiberg. 2001 bis 2003 studierte sie Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Humboldt-Universität, Berlin. Seit 2003 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Analytische Chemie und Fachreferentin für Naturwissenschaften an der Universitätsbibliothek der TU Bergakademie Freiberg.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Januar 2014

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