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Synergien schaffen, aber wie? Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung

Von Gebhard von Jagow

Die Regierungsfraktionen haben im Koalitionsvertrag die Gründung Deutscher Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) vereinbart. Damit soll eine schnellere Umsetzung von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis und Versorgung sowie eine bessere Sichtbarkeit der medizinischen Forschung Deutschlands erzielt werden. Ein erfolgversprechendes Konzept?

Synergien schaffen, aber wie? Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung© complize - Photocase.comGesundheitsforschungszentren erleichtern die Umsetzung von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis
Hierfür sind Konsortien der leistungsfähigsten Wissenschaftlergruppen - ungeachtet deren Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen institutionellen Trägern - vielversprechende Ansätze. Die Ziele werden von den Wissenschaftsorganisationen nachdrücklich unterstützt. Gesundheit ist unser höchstes Gut. Voraussetzung für die Gewinnung von Synergien sind Strukturen, die eine Gleichberechtigung der universitären und außeruniversitären Partner gewährleisten. Wie diese nationalen Konsortien im Einzelnen ausgestaltet werden, ist nach Aussagen von Bundesministerin Annette Schavan noch offen. Eines ist jedoch sicher: Die Ziele der Gesundheitsforschungsinitiative können nur gemeinsam mit der von den Ländern finanzierten Hochschulmedizin erreicht werden. Schließlich hat die Hochschulmedizin mit 41 000 wissenschaftlich-ärztlichen Vollkräften die Kernkompetenz in der Gesundheitsforschung. Pro Euro, den die Hochschulmedizin von den Ländern für Lehre, Forschung und damit verbundener Krankenversorgung erhält, wirbt sie mehr als 40 Cent an Drittmitteln für die Forschung ein. Das ist effizienter Mitteleinsatz im Dienste der Gesellschaft.

Strukturmodelle

Die Gesundheitsforschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft (HGF) sind in dem Kontext bestrebt, sich zu einer neuen staatlich finanzierten Förderinstitution weiterzuentwickeln. Das BMBF unterstützt diese Zentren hierfür mit zweistelligen Zuwachsraten. Wie die Verfahren der intra- und extramuralen top-down-Förderung transparent und auf Basis der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit geregelt werden könnten, muss jedoch noch erprobt werden. Zwei neue HGF-Forschungszentren zur Diabetes- und Demenzforschung wurden bereits auf der grünen Wiese gegründet. Die im Aufbau befindlichen asymmetrischen Strukturen sind in Abbildung 1 graphisch dargestellt.

Mit zusätzlichen institutionellen Mitteln werden dafür rechtlich unselbständige HGF-Außenstellen an Universitätsstandorten etabliert. Diese HGF-Satelliten übernehmen Personal der Universitäten, erhalten Bauten der Länder und nutzen klinische Infrastrukturen der Universitätsklinika. Die einseitige institutionelle Förderung mit staatlichen Mitteln und der parallelgeschaltete Aufbau einer neuen Förderinstitution erschweren jedoch gleichberechtigte Partnerschaften. Deshalb wird auch ein etwas dezentraleres Strukturmodell diskutiert. Danach könnten Konsortien als multizentrische Forschungseinrichtungen konzipiert werden. Die Finanzierung und organisatorische Zuordnung des Personals zu dem jeweiligen Kooperationspartner würden getrennt bleiben. Die zusätzlichen öffentlichen Mittel sollten bei diesem Modell von den Konsortialpartnern gemeinsam verteilt werden. Die Abhängkeit der Universitäten von der HGF soll dabei auf die Administration begrenzt werden.


Bereits bei der Föderalismusreform I wurden die aktuellen Entwicklungen im Bereich der außeruniversitären Forschungseinrichtungen prognostiziert. So wurde auf die Gefahr hingewiesen, dass die Großforschungseinrichtungen sich neue Aufgabenfelder suchen, obwohl sie in diesen neuen Forschungsbereichen nicht erstklassig sind. Während in Frankreich eine internationale Expertenkommission unter Vorsitz des früheren NIHPräsidenten Elias Zerhouni empfahl, die dortigen Unité Mixte de Recherche von INSERM und Universitäten ganz in die Verantwortung der Hochschulen zu überführen, gibt es in Deutschland gegenläufige Tendenzen. Das muss aber nicht so bleiben, denn Bund und Länder verfügen über Alternativen, mit denen auch Einrichtungen mit universitärer Beteiligung gemeinsam gefördert werden können:

Synergien schaffen, aber wie? Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung

Institutionelle Förderung

Mit Bund-Länder-Vereinbarungen (Art. 91b GG Abs. 1) können neue Einrichtungen außerhalb von Hochschulen institutionell gefördert werden. Bei diesen Vereinbarungen könnte die Führerschaft von Konsortien künftig anhand der internationalen Reputation der Partner definiert werden. Abbildung 2 stellt eine ausgewogene Bund-Länder- Förderung dar. In Analogie zur Projektförderung kann auch bei der institutionellen Förderung eine zeitliche Befristung zur Leistungskontrolle erfolgen. So wurde z.B. die limitierte institutionelle Förderung des Wissenschaftsrates über fünf Jahrzehnte verlängert.

Nachhaltige Projektförderung

Wie wichtig für die translationale Forschung die frühzeitige Einbindung der Wirtschaft ist, zeigt die erfolgreiche Entwicklung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI). Seit über 20 Jahren wird das Konsortium vom BMBF mit Projektmitteln gefördert. Auch die auf langfristige Strukturbildung angelegte Exzellenzinitiative erlaubt die Förderung neuer Zusammenschlüsse im Wege der Projektförderung. Neutrale Organisationen entscheiden ausschließlich nach Qualitätsgesichtspunkten über die Förderung. Programmpauschalen zur Mitfinanzierung der indirekten Projektkosten sorgen bei der Exzellenzinitiative dafür, dass Forschung für die Hochschulen nicht zum Verlustgeschäft wird. Hierzu macht der Koalitionsvertrag wichtige Aussagen: "Wir führen die Programmpauschale im Rahmen des Hochschulpaktes fort und prüfen ihre Einführung in die Projektförderung des Bundes." Während die HGF beim Bund indirekte Kosten abrechnen kann, bekommen die Hochschulen lediglich die direkten Projektkosten erstattet. Sie hoffen auf eine Angleichung der Wettbewerbsbedingungen.

Synergien schaffen, aber wie? Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung
Als Alternative und zur Sicherstellung der gleichberechtigten Partnerschaft von außeruniversitären und universitären Einrichtungen wäre auch eine Vertragslösung zwischen allen Beteiligten ein geeignetes Instrument. Ein Zuwendungsvertrag zwischen Bund und Ländern auf der einen Seite und den außeruniversitären und universitären Partnern auf der anderen Seite ermöglicht die ausgewogene Gleichwertigkeit der beteiligten Institutionen. Vertragsmodelle sind im Übrigen der Normalfall zur einvernehmlichen Lösung gemeinsamer Anliegen. Warum sollte dies hier nicht möglich sein? Das Zuwendungsrecht jedenfalls erlaubt diesen Weg. Projektförderungen können auch langfristig auf der Grundlage von Verpflichtungsermächtigungen im Haushalt des Zuwendungsgebers abgesichert werden.

Es gibt also im Vergleich zur einseitigen Aufstockung der institutionellen Mittel für die außeruniversitären Großforschungseinrichtungen Alternativen, die geeigneter zur Erreichung der wissenschaftlichen und patientenorientierten Ziele der Gesundheitsforschungsinitiative sind. Es liegt im Ermessen von Bund und Ländern, ob diese Handlungsoptionen auch genutzt werden.


Über den Autor
Professor Dr. Dr. h.c. Gebhard von Jagow, Universität Frankfurt am Main, war von 2000 bis 2009 Präsident des Medizinischen Fakultätentages.


Aus Forschung und Lehre :: April 2010

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