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Tägliche Dosis

VON JOSEPHINA MAIER

Bisphenol A kommt in Plastikgeschirr vor und kann von dort ins Essen gelangen. Toxikologen streiten, wie schädlich die Chemikalie ist.

Tägliche Dosis© FotografiaBasica - iStockphoto.com"BPA wird oft als Weichmacher für Plastikprodukte bezeichnet, genau genommen aber ist es schlicht ein Grundbaustein des Kunststoffes Polycarbonat. Es kommt in Campinggeschirr genauso vor wie in Babyflaschen und in Konservendosen."
Die Dosis macht das Gift. Diesen Ausspruch hat der Arzt Paracelsus im Mittelalter geprägt, und Toxikologen richten sich heute noch danach. Eine Substanz ist demnach nicht an sich giftig; erst wenn man eine bestimmte Menge davon zu sich nimmt, wirkt sie schädlich für den Menschen. Unterhalb dieses Grenzwertes ist sie harmlos.

Nach diesem Grundsatz haben die Toxikologen bisher auch das Bisphenol A bewertet. BPA wird oft als Weichmacher für Plastikprodukte bezeichnet, genau genommen aber ist es schlicht ein Grundbaustein des Kunststoffes Polycarbonat. Es kommt in Campinggeschirr genauso vor wie in Babyflaschen und in Konservendosen. Bewahrt man in solchen Behältern Essen oder Flüssigkeiten auf, können Spuren von BPA darauf übergehen, die man dann mitisst oder -trinkt. Das scheint zunächst nicht weiter schlimm: Eine tägliche Aufnahme von 50 Mikrogramm BPA pro Kilo Körpergewicht hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) für unbedenklich erklärt. Alles, was darunterliegt, müsste, frei nach Paracelsus, erst recht kein Problem sein.

Genau diese Schlussfolgerung stellen Umweltverbände und Verbraucherschützer jetzt infrage. »Hormone in der Babyflasche« überschreibt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) seine In formationsbroschüre zum Thema Bisphenol A. Er warnt vor einem »Hormongift mit fatalen Folgen«, das besonders für Ungeborene und Säuglinge schädlich sei, genauso aber bei erwachsenen Frauen zu Brustkrebs führen könne und bei Männern die Spermienzahl vermindere. »Dem Konzept, mit den klassischen Methoden der Toxikologie einen sicheren Schwellenwert festlegen zu können, liegt eine These zugrunde, die widerlegt ist«, steht in der Broschüre. »Es darf daher nicht länger Basis für Risikobewertungen von Chemikalien sein.« Was ist von den Warnungen vor Bisphenol A zu halten, die auch in den Medien ein Dauerbrenner sind?

Die Grundlage für diesen Angriff auf die etablierte Toxikologie ist die sogenannte Niedrigdosis-Hypothese. Die besagt, dass Substanzen wie Bisphenol A schon in geringsten Konzentrationen den menschlichen Stoffwechsel beeinflussen können, auch wenn die Dosis mehrere Größenordnungen unter dem festgelegten Grenzwert liegt. Das soll sogar dann gelten, wenn sich bei höheren Konzentrationen im Tierversuch keine toxischen Wirkungen feststellen lassen.

Bei hartgesottenen Analytikern ruft die Niedrigdosis-Hypothese zunächst Kopfschütteln hervor. Eine schädliche Wirkung, die verschwindet, wenn man mehr von der Chemikalie aufnimmt? Da bewege man sich ja bald im homöopathischen Bereich. In homöopathischen Präparaten findet sich rein rechnerisch oft kein einziges Wirkstoffmolekül mehr.

Um die Diskussion zu verstehen, muss man sich die umstrittene Substanz genauer ansehen. Endlos lange Ketten von verbrückten BPA-Molekülen bilden den Kunststoff Polycarbonat; jedes Bisphenol-Molekül ist so fest eingebunden, dass es sich im Normalfall nicht löst. Die Spuren, die aus einem Plastiknapf in die Nahrung gelangen können, sind also sehr gering. »Das sind winzige Mengen«, sagt Roland Franz vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung in Freising. »Die liegen 600-fach unter dem spezifischen Migrationslevel - dem Grenzwert, den die Europäische Kommission für den Übergang in Nahrungsmittel festgelegt hat.« Vom EFSA-Wert für die akzeptable tägliche Aufnahme sind die BPA-Konzentrationen noch viel weiter entfernt.

Entscheidend aber ist, was mit BPA im menschlichen Körper passiert. Im Darm wird das Molekül resorbiert und über den Blutweg direkt zur Leber geleitet. Dort baut das körpereigene Entgiftungssystem das BPA so um, dass es über den Urin ausgeschieden werden kann. Diese modifizierte Form, da sind sich die Experten weitgehend einig, ist für den Menschen nicht bedrohlich. Eine Rolle spielen aber die wenigen Moleküle, die in der Leber nicht erwischt wurden und in ihrer ursprünglichen Form in den menschlichen Blutkreislauf geraten. Die nämlich docken erwiesenermaßen an den menschlichen Rezeptor für das weibliche Geschlechtshormon Östrogen an, das im Fruchtbarkeitszyklus erwachsener Frauen eine wichtige Rolle spielt und in niedriger Konzentration auch im männlichen Körper vorkommt.

Zwar dockt BPA tausendmal schwächer an als das natürliche Hormon. Aber der entscheidende Punkt steht fest: Bisphenol A kann im Körper wirken wie ein Hormon. Genau hier könnte sich die Erklärung für einen möglichen Niedrigdosis-Effekt verbergen. Von Botenstoffen wie dem Stresshormon Adrenalin weiß man schon länger, dass sie in niedrigen Konzentrationen andere Reaktionen hervorrufen als in hoher Dosierung.

Und es geht nicht nur um die Höhe der Dosis allein. Die nähere Beschäftigung mit der Chemikalie Bisphenol A wirft die grundsätzliche Frage auf, ob sich die klassische Herangehensweise der Toxikologie überhaupt dazu eignet, hormonell wirksame Substanzen zu charakterisieren, oder ob es neuer Methoden bedarf. »Die alleinige Dosis-Wirkungs-Beziehung greift hier nicht mehr«, sagt Heribert Wefers, der sich als Chemiker beim Bund für Umwelt und Naturschutz mit dem Thema Bisphenol A befasst. »Hormone wirken viel komplexer. Vielleicht gibt es beim menschlichen Fötus eine ganz bestimmte Phase, in der Bisphenol A eine Weiche im Entwicklungsprozess verstellt. Wenn man dieses Zeitfenster in Tierversuchen nicht richtig erfasst, kann man natürlich keine Auswirkungen sehen.«

Auf das heranwachsende Kind im Mutterleib könnten sich laut Wefers schon leichte Verschiebungen im Hormonhaushalt auswirken. Solche subtilen Effekte fielen in klassischen toxikologischen Studien leicht durch das Raster, erklärt er, da deren Versuche nur darauf ausgerichtet seien, konkrete Schäden an Zellen oder an Organen festzustellen.

So oder ähnlich erklärt man sich auch bei anderen Umweltschutzorganisationen die Tatsache, dass bisher keine groß angelegte Studie den endgültigen Nachweis für eine toxische Wirkung von BPA erbracht hat. Im Widerspruch dazu wollen Forscher an Universitäten und kleineren Labors eine Fülle von schädlichen Folgen entdeckt haben, die auf Bisphenol A zurückgehen. Bei Versuchstieren soll es sich unter anderem negativ auf die Entwicklung des Gehirns auswirken, zu Fettleibigkeit führen, Prostata- und Brustkrebs begünstigen und eine verfrühte Geschlechtsreife auslösen.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit machte sich die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bereits im Jahr 2007 an eine Neubewertung der Chemikalie - mit einem überraschenden Ergebnis. Den damals gültigen Grenzwert von 10 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht und Tag setzte die EU-Behörde sogar um den Faktor fünf herauf, statt ihn zu senken. Seitdem gilt der aktuelle tolerable daily intake (TDI) von 50 Mikrogramm.

»Als Verbraucher würde ich mich darüber auch erst mal wundern«, sagt Detlef Wölfle, der als toxikologischer Experte vom deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in dem Gremium der EFSA sitzt, das sich mit Lebensmittel-Kontaktmaterialien befasst. Tatsächlich aber hatte die EFSA den ersten Grenzwert von 10 Mikrogramm so niedrig angesetzt, weil die Datenlage damals sehr dünn war. Sie hatte einen Sicherheitsfaktor von fünf eingebaut, der den Experten nach der erneuten Beurteilung im Jahr 2007 überflüssig erschien, weil jetzt größere und genauere Studien vorlagen. So ergab sich der neue, fünffach höhere TDI.

Für die Bevölkerung änderte sich dadurch zwar nicht viel. Die EU-Kommission hält seit Jahren am selben Grenzwert für den Übergang von BPA auf Lebensmittel fest, der letztlich darüber bestimmt, wie viel die Menschen von der Chemikalie aufnehmen. Bei Verbraucherschützern sorgte die Entscheidung trotzdem für Aufruhr. Sie warfen der EFSA vor, die zahlreichen Hinweise auf schädliche Effekte durch Bisphenol A übergangen zu haben. Die groß angelegten Studien, die den höheren Grenzwert rechtfertigen sollen, seien von der Industrie finanziert und deshalb nicht glaubwürdig. Bei der EFSA wiederum verwies man auf statistische Schlamperei in vielen kleineren Forschungsarbeiten und auf ungenügende Fallzahlen, die eine zuverlässige Interpretation der Daten unmöglich machten. Trotzdem nimmt man bei der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit neue Ergebnisse sehr ernst, die darauf hindeuten, dass Bisphenol A bei Frauen die Anfälligkeit für Brustkrebs erhöhen könnte. Auch die Auswirkungen auf die Entwicklung des Nerven- und des Immunsystems werde man sich genau ansehen, versichert Wölfle. Unter der Federführung der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) und der National Institutes of Health (NIH) laufen gerade große Studien an, deren Augenmerk speziell auf hormonell hervorgerufenen Einflüssen liegt. Von diesen Untersuchungen erhoffen sich die Experten bei der EFSA neue Erkenntnisse.

Dass ein so komplex wirkender Stoff wie Bisphenol A für Toxikologen eine Herausforderung darstellt, gibt Detlef Wölfle vom BfR unumwunden zu. »Man ringt auch in der EU-Kommission darum, wie man mit Substanzen umgehen soll, die endokrin, also wie Hormone wirken«, sagt er.

Vorsorglich hat die EFSA im Juni letzten Jahres nach der Herstellung auch den Verkauf von Säuglingsflaschen aus Polycarbonat in der EU verboten. Warum aber nimmt sie Polycarbonat nicht gänzlich vom Markt, solange nicht sicher ist, dass Bisphenol A im menschlichen Stoffwechsel keinen Schaden anrichtet? Oder verbietet es zumindest für Produkte, die mit Lebensmitteln in Kontakt geraten?

Die einfache Antwort lautet: Es mangelt an besseren Alternativen. Zwar bieten jetzt zahlreiche Hersteller BPA-freie Babyfläschchen an, die sie unter griffigen Namen wie »b-free« vermarkten. Was viele besorgte Mütter aber nicht ahnen, ist: Auch aus jeder anderen Kunststoffflasche werden einzelne Bestandteile frei - Polymerbausteine, aber auch Zusatzstoffe oder chemische Hilfsmittel. In vielen Fällen wissen Toxikologen über deren Wirkung noch weniger Bescheid als über die des hoch umstrittenen BPA. Und selbst aus Glasflaschen, sagt Roland Franz, der als Experte für die Migration von Kunststoffen in Lebensmittel ebenfalls mit im EFSA-Gremium sitzt, könnten anorganische Substanzen in die Füllflüssigkeit übergehen. Die Gesundheit der Kinder sei dadurch nicht gefährdet, aber eine Null-Exposition gebe es eben nicht. Er wirkt leicht genervt von der ganzen BPA-Diskussion. Als Analytiker weiß er, dass sich Austrittsspuren von fast jedem Stoff nachweisen lassen, solange die Messmethode nur empfindlich genug ist.

Überhaupt erweist sich der von Umweltschützern gerne angeführte Gegensatz zwischen »künstlicher « Industriechemikalie und »natürlichen« Stoffen bei genauerem Hinsehen als wackelig. Östrogenartig wirksame Substanzen sind beispielsweise in größeren Mengen auch in Sojamilch und in vielen Gemüsesorten enthalten. Deshalb warnen Verbraucherorganisationen noch lange nicht davor, Kinder mit Bio-Karottenbrei zu füttern oder in der Schwangerschaft auf den Chai-Tee mit Sojamilch zu verzichten. »Ernst nehmen sollte man die Daten zu den Auswirkungen von Bisphenol A zwar schon«, sagt Detlef Wölfle, »aber in Panik verfallen muss deshalb niemand.«

Eines hat die allgemeine Besorgnis bewirkt: Toxikologen auf der ganzen Welt befassen sich nun ausgiebig mit der hormonell wirksamen Substanz. Wenn sie dabei ihre alten Konzepte hinterfragen und um neue erweitern, könnte das ungeliebte Bisphenol A am Ende sogar eine Vorreiterrolle spielen. Paracelsus hätte nichts dagegen gehabt.


Aus DIE ZEIT :: 29.03.2012

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