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Taucht nicht ab!

von Antje Boetius

In der Wissenschaft fehlen die Chancen für Frauen. Deshalb verabschieden sich viele. Das schadet der Forschung, der Lehre und uns allen. Die Meeresbiologin Antje Boetius hat drei Wünsche.

Taucht nicht ab!© MPI für Marine MikrobiologieFrau Prof. Dr. Antje Boetius über die Chancen von Frauen in der Wissenschaft
Als Kind hatte ich eine Schallplatte vom Grips-Theater: »Wer sagt, dass Mädchen dümmer sind? Wer sagt, die Mädchen trau'n sich nicht?« Die Antwort gab der Refrain: »Der spinnt, der spinnt, der spinnt!« Doch wenn es heute darum geht, den geringen Anteil von Frauen in akademischen Spitzenpositionen zu erklären, steht der Mythos eines Mangels an kognitiven Fähigkeiten, Genialität und Selbstvertrauen noch immer im Weg.

»Fixing the women« subsumiert im Angloamerikanischen solche Maßnahmen, die den Anteil an Frauen in akademischen Positionen erhöhen sollen - als wäre was kaputt an den Frauen und nicht am System. Das Problem: Frauen kommen selten oben an, sie stoßen gegen die »gläserne Decke«. Auch wenn sie heute die Mehrheit der Hochschulabsolventen stellen, und fast die Hälfte aller Promovenden, verlassen sie überdurchschnittlich oft den akademischen Karriereweg. Auch im Wissenschaftssystem sind sie häufiger befristet angestellt, haben öfter Teilzeitverträge, bekommen weniger Gehalt als Männer.

Unter den ordentlichen Professuren sind nur 15 Prozent Frauen, es gibt kaum Direktorinnen oder Präsidentinnen von Wissenschaftsorganisationen. Auch heute bin ich in Wissenschaftsgremien oft die einzige Frau, bei Tagungen die einzige Vortragende, als Gutachterin allein gegenüber einer hundertprozentig männlichen Leitungsebene. Es behindert mich nicht, doch es fühlt sich falsch an.

Im Lied heißt es »Mädchen sind genauso schlau wie Jungen« - tatsächlich lässt sich eine geringere kognitive Leistungsfähigkeit von Frauen nicht belegen. Wer einmal in den Reisetagebüchern der Naturforscherin Maria Sibylla Merian liest, die Schriften der doppelten Nobelpreisträgerin Marie Sklodowska-Curie studiert, sich den Arbeiten der Soziologin Harriet Martineau widmet, kann erahnen, wie groß das seit Jahrhunderten unerschlossene Potenzial ist.

Man muss sich einmal hinein versetzen, gegen welch gewaltigen Druck diese Frauen ihr Berufsziel durchsetzten. So reiste Maria Sibylla Merian mit ihrer Tochter nach Surinam, um Insekten zu erforschen, zu einer Zeit, als naturkundige Frauen in Deutschland noch auf dem Scheiterhaufen landeten. Harriet Martineau schrieb großartig gegen Sklaverei und Unterdrückung an, sah sich jedoch Zeit ihres Lebens nur hämischen Bemerkungen zu ihrem Lebensstil und äußeren Erscheinungsbild ausgesetzt.

Ist die Durchlässigkeit der gläsernen Decke nur eine Frage der Zeit, des Wertewandels, des Verblassens von Traditionen? Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes ist in Deutschland erst seit 1957 verboten, Frauen dürfen erst seit 1958 ohne Erlaubnis ihres Mannes einem Beruf nachgehen. Und erst seit 2005 gibt es gleich viele weibliche und männliche Hochschulabsolventen.

Die Anstrengungen der »Offensive für Chancengleichheit« der Wissenschaftsorganisationen und staatliche Förderprogramme haben seit 2006 ein Wachstum der Frauenanteile auf Professorenebene von 0,7 Prozent pro Jahr erreicht. Es dauert also noch zwei Generationen zum Gleichstand. Geht da nicht mehr?

Denn es geht nicht nur um Gerechtigkeit oder Ressourcenverschwendung durch den Exit sehr gut ausgebildeter Frauen - sondern auch um eine kreativere, gesellschaftsnähere, leistungsfähigere Forschung und Lehre. Kulturelle Vielfalt bereichert das Wissenschaftssystem, das gilt auch für die Geschlechter. Eine Frau misst keine andere Temperatur des Ozeans als ein Mann - trotzdem gibt es Geschlechtseffekte in der Forschung. Überspitzt gesagt: In ihrer jahrhundertelangen Männlichkeit blieb der Medizin die Eigenheit des weiblichen Körpers verschlossen, ignorierte die Literaturwissenschaft Werke von Dichterinnen, tat sich die Biologie schwer, die Rolle der weiblichen Partnerwahl in der Evolution zu berücksichtigen. Und jeder weiß: In Fragen des Führungsstils, der Effizienz, der Zufriedenheit mit der Arbeitswelt punkten gemischte Teams.

Als Tochter einer alleinerziehenden Oberstudienrätin stellte sich mir die Frage nach Chancengleichheit und sozialem Unterschied zwischen Frau und Mann zunächst nicht. Als Heranwachsende blieb ich der Überzeugung, mir stünde die Welt offen. Der Berufswunsch Meeresforscherin keimte früh, weder die berufsferne Schulzeit noch das nüchterne Studium der Biologie hielten mich davon ab. Wir Erstsemester hörten, dass wir kaum Chancen auf eine akademische Führungsposition hätten, denn in den Neunzigern wurden feste Stellen für den Mittelbau an Hochschulen erheblich reduziert. Was Chancen anging, folgte ich dem Rat meiner Mutter: »Mach dich nicht abhängig, du kannst selbst für dich sorgen.« Und dem meines Großvaters: »Fahr zur See, und lass dir den Wind um die Nase wehen. Gib dem Zufall eine Chance.«

Zudem gab es in der Tiefseeforschung bereits weibliche Rollenmodelle: kluge, erfolgreiche, mutige Forscherinnen wie Sylvia Earle, Rita Colwell, Francoise Gaill, Myriam Sibuet, Jody Deming, Karin Lochte, die per Tauchboot unbekanntes Leben im Ozean ergründeten, extreme Habitate aufspürten, ins Eis reisten. Seeleute sind auf hoher See zu forschenden Frauen übrigens sehr nett und unterstützen ihre Anliegen nach Kräften. Man lernt, dass direkte Ansprache, klare Ziele, zügige Entscheidungen und Humor immer helfen, vor allem wenn es stürmt.

Nach der Doktorarbeit war »Professor« für mich eher ein Titel denn ein Beruf. Ich wollte vor allem aufs Meer: Abenteuer erleben, die Welt entdecken, erforschen und verstehen, hatte tausend Ideen für Forschung zwischen Biologie, Geologie, Chemie. Um sie verwirklichen zu können, musste ich selbstständig sein und mir eine Arbeitsgruppe aufbauen. Dazu brauchte ich Mitarbeiter - Techniker, Studierende, Wissenschaftler mit all ihren methodischen Kenntnissen. So steckte ich nicht mehr alle Zeit in die Forschung, sondern dachte umfassender, suchte Lehraufträge, warb Drittmittel ein. Für meine Berufsziele wäre ich sogar ausgewandert.

Fünf Jahre nach dem Doktor kam aufgrund erfolgreicher Forschungsergebnisse das Angebot für eine feste Mittelbau-Stelle, bald danach Rufe als Assistant Professor an der neu gegründeten International University Bremen, Max-Planck-Gruppenleiterin, Helmholtz-W3-Exzellenzprogramm, dann Professorin an der Uni Bremen. Früh selbstständig zu sein, Netzwerke, Projekte und Infrastrukturen planen zu können, war der Grundstein meiner Karriere.

Für wenige Prozent der jährlich 26.000 Promovierenden stehen nach dem Postdoc solche Möglichkeiten offen. Und weil das Leben außerhalb des Wissenschaftssystems planbarer ist, gehen die meisten, dabei vor allem Frauen. Zwischen 30 und 45 Jahren ist die Zeit, Selbstständigkeit, Produktivität und Mobilität zu beweisen - aber auch die Zeit der Familienplanung. Doch Wissenschaftler sein und eine Familie gründen wird immer schwieriger.

Zwei Drittel der Akademiker sind schon kinderlos, Professorinnen doppelt so oft wie ihre Kollegen. Seekrank werde ich nicht, aber es dreht mir den Magen um, wenn ich all die hoffnungsvollen Nachwuchswissenschaftlerinnen sehe und weiß, wie wenige bleiben werden, wie schwer es vor allem die Mütter haben. Meine erste Doktorandin ist nun Professorin - sie hatte eben kein Problem, mit ihrem Partner immer wieder den Kontinent zu wechseln. Kinder hat sie nicht. Ich selbst gehöre auch zu den Frauen ohne Kinderwunsch - musste also meiner Karriere keinen Lebenstraum opfern. Umfragen aber zeigen: Die meisten Wissenschaftlerinnen verzichten auf Kinder aus beruflichen Gründen, denn auch die exzellent ausgebildeten Frauen tragen immer noch die Verantwortung für Kinder und Haushalt. Das kostet Zeit, raubt Chancen in der steifen Brise des Wettbewerbs. Viele Professoren haben Gattinnen, die ihnen »den Rücken freihalten«. Ich kenne hingegen keine Akademikerin, die ein derartiges Partnerschaftsmodell lebt. Lösungen für Freiräume wären geteilte Elternzeit, mehr Tagesstätten, Kindermädchen - in Deutschland tun wir uns damit schwer. Auch der männliche Nachwuchs steht unter Druck - im Wettbewerb um wenige Stellen wird die Kritik an Quoten und Frauenförderung lauter.

Was also tun? Bund und Länder können besser denn je kooperieren, um die Probleme in Angriff zu nehmen. Dabei muss das System als Ganzes gesehen werden: Zusätzliche Professuren und Nachwuchsstellen, mehr Mittelbau sind ohnehin nötig, um Forschung und Lehre zu verbessern. Wenn es eine Fee gäbe, die mir drei Wünsche erfüllte, so wäre mein erster Wunsch: spezifische und großzügige Exzellenzförderung für Frauen auf allen Karrierestufen nach dem ersten Postdoc, am besten in einem offenen Modell, wo das Geld den Frauen und ihren Forschungsideen folgt. Solche Sonderförderung auf Basis von Exzellenzkriterien wäre keine Beleidigung weiblicher Leistungsträger, sondern essentiell, um ein paar Jahrzehnte Benachteiligung aufzuholen. Mein zweiter Wunsch: Exzellenzförderung für Frauen auf allen Karrierestufen nach dem ersten Postdoc, bei der das Geld den Frauen und ihren Forschungsideen folgt, mit Anreiz für die Hochschulen, sich als familienfreundliche Arbeitgeber zu positionieren. Und nicht alles muss Geld kosten: Ich halte viel von Mentoring, doch warum in den meisten Programmen Frauen mit Frauen reden, leuchtet mir nicht ein. Erfahrene Wissenschaftler um Rat zu fragen, zu Karriereplanung, Teamführung, Lebensstrategien, hat mir immer geholfen. Würde jeder Professor nur eine Kandidatin adoptieren und offen für Gespräche sein, hätte das doppelten Charme: Männer verstünden mehr von Frauensorgen und umgekehrt. Mein dritter und letzter Wunsch lautet: Gender taucht nur noch als Forschungsthema auf - und die Feen haben Zeit, sich um andere Ungerechtigkeiten zu kümmern.


Über die Autorin
Die Meeresbiologin Antje Boetius ist Professorin für Geomikrobiologie am MARUM der Uni Bremen, gehört aber auch dem Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung und dem Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie an. In ihren Forschungen spürt sie winzigen Organismen im Ozean nach, die großen Einfluss auf Klima und Umwelt haben. 2009 erhielt Antje Boetius für ihre Leistungen den Leibniz-Preis. Die 48-Jährige ist Mitglied im Wissenschaftsrat, der die Politik in Hochschulfragen berät.

Aus DIE ZEIT :: 19.03.2015

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