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Teilzeitjob in der Chefetage

Von Sophie Derkzen und Caterina Lobenstein

Viele Manager würden gern ihre Arbeitszeit verkürzen. Aber sie fürchten, dass das ihrer Karriere schaden könnte. Andere Länder sind da schon weiter.

Teilzeitjob in der Chefetage© lunarchy - iStockphoto.comManager, die in Teilzeit arbeiten, sind in Deutschland eine Seltenheit
Kurz nachdem Manfred Tidelski zum Abteilungsleiter befördert wurde, beschloss er, mittwochs nicht mehr ins Büro zu gehen. Tidelski, 38 Jahre alt, Manager bei der Krankenversicherung der Allianz, leitete damals ein Team von 35 Fachleuten: Ökonomen, Ärzte, Apotheker. Sie handelten mit den Vertragskliniken der Allianz gute medizinische Versorgung zu niedrigen Preisen aus. Die Vorbereitungen für solche Deals dauern Wochen, die Verhandlungen selbst oft viele Stunden. Tidelski hatte gerade einen zweiten Sohn bekommen. Und er wollte beides: ein guter Chef und ein guter Vater sein.

Doch dass der Chef kurz vor Verhandlungsschluss verschwand, um seine Kinder aus der Krippe abzuholen, war so nicht vorgesehen. Es gab bei der Allianz zwar Mitarbeiter, vor allem Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzierten. Aber die fand man nicht in den Chefetagen. Trotzdem schraubte Tidelski seine Arbeitszeit herunter. Vier statt fünf Werktage, Spielplatz statt Büro, Kinder statt Kollegen. Als er seine Vorgesetzten um einen Teilzeitvertrag bat, seien die »überrascht, aber verständnisvoll« gewesen, sagt er. Tidelski hatte keine Vorbilder und keine Ahnung, ob sein Modell klappen würde. Er war der erste Teilzeitchef der Allianz. In Deutschland hat nur etwa jeder Hundertste männliche Chef einen Teilzeitvertrag von 30 oder weniger Stunden. So steht es in einer Studie, die das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) in diesem Jahr veröffentlicht hat. Unter den Managern in Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern ist die Quote noch deutlich niedriger. »Die Zahl der Spitzenmanager in Teilzeit ist so klein, dass es uns schwerfällt, sie statistisch überhaupt zu erfassen«, sagt die Soziologin Lena Hipp, eine der Autorinnen der Studie.

Fragt man in den Personalabteilungen der großen börsennotierten Unternehmen nach Managern, die ihre Arbeitszeit reduzieren, bekommt man fast immer die gleiche Antwort: Ein paar weibliche Chefs in Teilzeit gebe es. Männer seien die absolute Ausnahme. Beim Energieversorger E.on zum Beispiel arbeiten nur zwei Prozent der männlichen Manager in Teilzeit, beim Salz- und Düngemittelhersteller K+S sind es 0,3 Prozent. Viele Unternehmen, der Baustoffkonzern HeidelbergCement zum Beispiel, haben keinen einzigen Teilzeitchef.

Dabei gibt es unter Topmanagern viele, die gern weniger arbeiten würden. Die Unternehmensberatung Bain&Company hat 2011 eine Studie veröffentlicht. Darin steht, dass sich 80 Prozent der männlichen Manager für flexible Arbeitszeiten interessieren, für Teilzeitmodelle zum Beispiel.

»Viele wünschen sich weniger Arbeit«, sagt Gunther Schwarz, Personalstratege bei Bain. »Das Problem ist nur: Die wenigsten ziehen das durch.« Wenn ein Unternehmen Mitarbeitern anbietet, weniger zu arbeiten, nehmen laut der Studie nur 25 Prozent der Männer das Angebot an. Dabei gibt es in Deutschland seit 2001 sogar ein Recht auf Teilzeit, festgeschrieben im Teilzeit- und Befristungsgesetz. Aber kaum ein Chef fordert es ein.

In vielen Unternehmen gibt es eine harte Präsenzkultur

Dabei werde der Bedarf nach Teilzeitstellen gerade in den Führungsetagen eher noch steigen, sagt die Soziologin Hipp. Hoch qualifizierte Männer seien oft mit hoch qualifizierten Frauen liiert, die lange studiert haben, spät Kinder bekommen und - so wie Manfred Tidelskis Frau - nach der Geburt schnell wieder arbeiten wollen. »Die Zeit, in der man Kinder kriegt und große Karrieresprünge macht, fällt zusammen auf ein winziges Fenster«, sagt Hipp. »Das ist die Rush Hour zwischen 30 und 40 - die übersteht man oft nur, wenn man im Job Abstriche macht.«

Es gibt also offenbar einen Bedarf, es gibt ein Teilzeitgesetz, es gibt sogar Teilzeitmodelle, die eigens für Chefs entworfen wurden, sie heißen Top-Sharing oder Tandem-Führung. Warum gibt es trotzdem fast keine Chefs, die in Teilzeit arbeiten? Das liege an der Kultur vieler deutscher Unternehmen, sagt Hipp. Da herrsche oft eine rigide Präsenzkultur, sagt sie. Als guter Chef gelte man vor allem dann, wenn man zu 100 Prozent verfügbar sei. Der Personalexperte Gunther Schwarz sagt, die meisten Befragten hätten Angst, dass eine Teilzeitstelle ihrer Karriere schaden könnte. Ältere Manager wollen nicht als verkappte Frührentner dastehen, jüngere nicht als Faulpelze. Vorgelebt wird diese Kultur nicht nur in den Vorstandsetagen großer Unternehmen, sondern auch in der Politik. Der FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr wurde im Juni zum ersten Mal Vater. Kurz vor der Geburt seiner Tochter fragten ihn Journalisten, ob er sich vorstellen könne, seines Kindes wegen weniger zu arbeiten. »Das Ministeramt gilt rund um die Uhr«, sagte er. »Das kann man nicht in Teilzeit machen.« Deutschland ist Vollzeitland. Zumindest unter Männern, zumindest unter Chefs.

Edwin Winter wundert sich darüber, jedes Mal, wenn er auf seinen Dienstreisen in deutsche Unternehmen kommt. Winter, 45, ist Manager bei Samhoud, einer niederländischen Beratungsagentur - und hat freitags meistens frei. »In manchen deutschen Firmen gibt es noch Stechuhren. Das ist ja prähistorisch!«, sagt er. Winter leitet ein Team von 25 Mitarbeitern, er berät die Vorstände von Philips, Unlilever und anderen großen Unternehmen. Höchstens vier Tage in der Woche ist er im Büro. Er will Zeit für seine Kinder haben und verzichtet dafür auf 2000 Euro im Monat. Edwin Winter ist das niederländische Pendant zu Manfred Tidelski von der Allianz. Der Unterschied ist nur: Winter ist in seinem Land keine Ausnahme. Er ist einer von vielen. Laut der Studie des WZB arbeiten insgesamt zwölf Prozent der niederländischen Manager in Teilzeit, bei den Männern sind es vier Prozent. Auch das ist wenig, aber der Anteil der Teilzeitchefs ist damit immer noch viermal größer als in Deutschland.

»Die Furcht, als unambitioniert dazustehen, ist groß«

Teilzeitjobs sind in den Niederlanden normal. In keinem Land der EU haben so viele Arbeitnehmer einen Teilzeitvertrag wie hier. Nicht alle, aber viele wollen ganz bewusst weniger arbeiten. In Edwin Winters Unternehmensberatung zum Beispiel haben 80 Prozent der Väter ihre Arbeitszeit heruntergeschraubt - das ist zugegebenermaßen auch für die Niederlande ungewöhnlich viel. Die hohe Teilzeitquote färbt ab auf die Chefs. »Wo man an Teilzeitarbeit gewöhnt ist und wo positiv darüber geredet wird, machen das auch die Chefs häufiger«, sagt Lena Hipp vom WZB. Chef sein, Kinder großziehen, Angehörige pflegen - 80 Prozent der Niederländer sind überzeugt, dass sich das gut vereinbaren lässt. So steht es im niederländischen Emanzipationsmonitor von 2012.

Allerdings stoßen Teilzeitchefs auch hier oft an die gläserne Decke, jene unsichtbare Barriere, die sonst vor allem Frauen den Weg in die Vorstandsetagen versperrt. »Die Furcht, als unambitioniert dazustehen, ist groß«, sagt Wilma Henderikse, die im Emanzipationsmonitor die Führungsetagen niederländischer Unternehmen untersucht hat. Deshalb gebe es unter den Spitzenmanagern großer Unternehmen vor allem »versteckte Teilzeitmänner«. So nennt Henderikse Chefs, die offiziell vollbeschäftigt sind, ihr Arbeitspensum aber so zusammenzwängen, dass sie ab und zu einen Tag lang zu Hause bleiben können.

Einen Chefposten in Teilzeitverträge zu zerstückeln ist anstrengend - für den Chef selbst und für das Unternehmen. Übergaben müssen organisiert, Stellvertreter gefunden, Büroplätze ausgelastet werden. Wenn Manfred Tidelski in Verhandlungen saß, ist er manchmal im entscheidenden Moment nach Hause gegangen, zu seinem Kind. »Man muss in solchen Momenten loslassen können«, sagt er. »Man muss sich gut absprechen und dann darauf vertrauen, dass die Kollegen genauso gut verhandeln wie man selbst.«

Der Personalstratege Gunther Schwarz glaubt, dass sich der Aufwand lohnt. Vor allem, wenn ein Unternehmen seine Führungskräfte halten will. »Wer in Teilzeit Karriere machen kann, ist seinem Unternehmen gegenüber extrem loyal«, sagt Schwarz. »Der kündigt nicht so schnell.« Vor allem aber könnten Teilzeitstellen die Kluft zwischen Männern und Frauen verkleinern. Nirgendwo ist sie so groß wie in den Vorständen großer Unternehmen. Hätten Teilzeitchefs einen besseren Ruf, gäbe es wahrscheinlich mehr Mütter in Führungspositionen, sagt Soziologin Hipp. Und mehr verständnisvolle Chefs - glaubt Manfred Tidelski, der erste Teilzeitchef der Allianz: »Der Führungsstil hängt ja nicht davon ab, ob man ein Mann ist oder eine Frau. Sondern davon, ob man weiß, wie es ist, wenn man um 18 Uhr die Kinder aus der Kita abholen muss.«

Mittlerweile arbeitet Tidelski wieder in Vollzeit, sein jüngster Sohn geht in den Kindergarten. Tidelski ist noch einmal befördert worden, leitet ein Team von hundert Mitarbeitern und arbeitet direkt unter dem Vorstand. Dass er mittwochs nicht zur Arbeit ging, hat seiner Karriere nicht geschadet.

Aus DIE ZEIT :: 29.08.2013

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