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Termin mit Baby

VON CHRISTIAN HEINRICH

Vereinbarkeit auf zwölf Quadratmetern: Wie eine Forscherin Kind und Karriere in ihrem Büro zusammenbringen wollte.

Termin mit Baby© Monkey Business - Fotolia.comArbeiten mit Baby im Büro?
Kind und Karriere? Unvereinbar!, rufen die einen. Kein Problem!, dachte die Biologin Petra Kluger und wagte ein Experiment. Auf zwölf Quadratmetern vereinte sie Beruf und Familie, mitten im Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart. Zwölf Quadratmeter - so groß ist Klugers Büro, kurzerhand umfunktioniert zur Krabbelstube für das Baby. Neben dem Schreibtisch stand nun ein Laufstall, der so mit Decken ausgelegt war, dass er aussah wie ein großes Bett. Denn laufen und krabbeln konnte Johanna noch nicht, als sie zu Petra Kluger ins Büro zog, um hier ihre Tage zu verbringen. Blickte das Baby nach oben, sah es Mäuschen und Häschen am Mobile tanzen. Schaute es daran vorbei, fiel sein Blick auf Regalbretter, vollgestopft mit Dokumentenmappen der Mutter. Wenn Petra Kluger neben ihrer Tochter am Schreibtisch saß, konnte sie mit der rechten Hand ihren Bauch streicheln und mit der linken etwas aus der Schublade holen. Ist das nun die schöne neue Arbeitswelt?

56 Tage nach der Geburt ihrer Tochter kehrte Petra Kluger zurück an ihren Arbeitsplatz. Nach acht Wochen gesetzlichem Mutterschutz war es für die Biologin höchste Zeit, wieder »Präsenz zu zeigen«, wie sie es nennt. Ihre Professur an der Fakultät für Angewandte Chemie an der Hochschule Reutlingen ließ sie zunächst noch ruhen. Aber die Leitung der Abteilung Zellsysteme am Fraunhofer-Institut in Stuttgart nahm Kluger wieder auf. Immerzu reden alle von Vereinbarkeit. Petra Kluger wollte zeigen, dass Wille und eine gute Idee dafür genügen. 1.500 Euro hatte ihr das Fraunhofer-Institut zur Verfügung gestellt, damit sie ihr Büro entsprechend den Bedürfnissen ihrer Tochter ausstatten konnte. Sie entschied sich für einen Spielteppich, ein Mobile, eine Wippe, eine Wickelkommode und für den Laufstall anstelle eines Bettes. Der Laufstall gibt dem Kind mehr Freiheit - und er lässt sich länger benutzen, dachte Kluger. Johanna sollte sich im Büro schließlich wohlfühlen. Und sie sollte ganz nah bei der Mutter sein. Die wiederum könnte ihre Tochter jederzeit stillen und mit ihr spielen. Aber eben auch arbeiten. Funktioniert das?

Inzwischen ist Johanna 14 Monate alt, sie ist nur noch selten mit ihrer Mutter im Büro. Petra Kluger hat ihre Professur in der Fakultät für Angewandte Chemie an der Hochschule Reutlingen wieder aufgenommen und zieht Bilanz: »Am Anfang kamen die Kollegen alle, um das Baby zu begutachten. Irgendwann kamen sie aber auch wieder, um ernsthaft etwas zu besprechen.« In den ersten Monaten sei es ihr erstaunlich gut gelungen, das Baby mit ihrem Terminkalender zu kombinieren. »Johanna schlief noch viel, und ich legte die Besprechungen in ihre Ruhezeiten.« Sie traf sich dann mit ihren Mitarbeitern an einem Tisch auf dem Flur, direkt vor ihrem Büro. Und wenn Johanna wach war, nahm Kluger ihre Tochter einfach mit zu den Meetings. »Wenn ich mit meinen Doktorandinnen sprach, habe ich sogar oft nebenbei gestillt«, sagt Kluger. Für Johanna sei das alles kein Problem gewesen, glaubt ihre Mutter. »Da waren immer andere Leute, viel los, das gefällt ihr.«

Zwei bis drei Tage die Woche verbrachten Kluger und Johanna im Büro, Kluger hatte erreicht, was sie sich vorgenommen hatte: nie wirklich weg zu sein. Die andere Seite: Sie war eben oft auch nicht ganz da. Wenn das Baby im Arm zappelte, wurde es kompliziert, sich zu 100 Prozent auf ein Gespräch zu konzentrieren. »E-Mails beantworten, ja. Aber im Büro an einem wissenschaftlichen Paper zu arbeiten, das war unmöglich«, sagt Kluger. Vor allem nach ein paar Monaten wurde es schwierig, als Johanna immer weniger schlief. Damals gab die Wissenschaftlerin sie meist bei Oma und Opa ab. »Hätte ich mich weiter im Büro um sie kümmern müssen, hätte ich kaum noch Kapazitäten gehabt, um zu arbeiten«, sagt Kluger. Und weil die Kleine mittlerweile ein sehr lebendiges Kind ist, setzt Kluger nun doch auf institutionelle Vereinbarkeitslösungen: Johanna geht in die Krippe.

Aus DIE ZEIT :: 13.10.2016

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