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Think big!

Von Dorothea Rüland und Stefan Hase-Bergen

Nach drei Jahren Rückgang steigt die Zahl chinesischer Studenten in Deutschland wieder an, nicht zuletzt ein Ergebnis der Bemühungen Chinas im Rahmen eines groß angelegten Stipendienprogramms mehr internationale Verbindungen zu knüpfen. Was bedeutet diese Entwicklung für China und Deutschland konkret?

Think big!: Neue Wege der Kooperation mit Chinas Hochschulen© garytamin - stock.xchng
Von 1999 bis 2006 hat sich die Zahl der Studenten in China mehr als vervierfacht und die Zahl der chinesischen Hochschulen fast verdoppelt, so dass heute 21 Prozent aller Absolventen von Mittelschulen die Chance haben, ein Studium aufzunehmen. Nach diesem eindrucksvollen Wachstum zeichnet sich jetzt allerdings eine Phase der Konsolidierung ab, in der nun die Qualitätssicherung in Forschung und Lehre im Vordergrund steht. Bereits in den 90er Jahren wurden große Programme implementiert, um insbesondere die besseren Universitäten weiter zu stärken und an die Weltspitze heranzuführen. 1995 wurde das 211 Projekt beschlossen, das die Förderung von ca. 100 chinesischen Hochschulen vorsieht, die im 21. Jahrhundert Weltniveau erreichen sollen. Diese Hochschulen gehören heute zu den am besten ausgestatteten Einrichtungen und stehen im chinesischen Hochschulranking ganz oben.

Das im Mai 1998 von der chinesischen Regierung ins Leben gerufene 985 Projekt sieht ebenfalls eine Qualitätsförderung von gegenwärtig 38 Hochschulen vor, wobei es stark um Elitecluster in ausgewählten Forschungsbereichen der einzelnen Hochschulen geht. Das Projekt zielt darauf ab, diese 38 Hochschulen zu weltweit anerkannten Elitehochschulen zu machen.

Damit verbunden ist das starke Interesse, mehr internationale Verbindungen zu knüpfen, und zwar in beide Richtungen: Man will mehr Ausländer nach China holen, aber vor allem junge Chinesen, insbesondere für die Promotion, ins Ausland schicken. Junge Forscher sollen sich im Ausland weiterentwickeln und dann nach ihrer Rückkehr helfen, China auf dem ehrgeizigen Weg zu einer innovativen Wissensgesellschaft voranzubringen. Und nach dem Motto: "think big", wird hierbei auch nicht gekleckert, sondern geklotzt: Pro Jahr werden seit 2007 über den China Scholarship Council (CSC) 6 000 Stipendien zur Verfügung gestellt, von denen 5 000 direkt an 49 chinesische Spitzenuniversitäten weitergegeben werden. Eine große Zahl, wenn man berücksichtigt, dass im Jahr 2006 ca. 33 000 Doktortitel in China vergeben wurden (Deutschland: ca. 24 000). Von den bisher vergebenen Stipendien sind knapp acht Prozent nach Deutschland gegangen. Mit einem Teil sollen Vollpromotionen im Ausland gefördert werden, aber auch Sandwichmodelle werden gerne gesehen, zumal gerade diese dazu beitragen, internationale Kooperationen auszubauen. Kein einfaches Unterfangen, und wie aus verschiedenen Universitäten zu hören ist, im ersten Anlauf auch nicht überall voll umsetzbar. Verständlicherweise! Denn die Platzierung größerer Gruppen lässt sich nicht von heute auf morgen bewerkstelligen, insbesondere nicht an dieser Schnittstelle zwischen Studium und Forschung.

Auch gibt es bei den chinesischen Universitäten durchaus Bedenken, ihre Doktoranden abzugeben, da sie für die eigene Forschung gebraucht werden. Es besteht die Sorge, ohne eine entsprechende Anzahl von Doktoranden zu Undergraduate Mills degradiert zu werden. Zumal es für chinesische Professoren harte Quotierungen bei der Aufnahme von Doktoranden gibt: In der Regel darf's pro Jahr nur ein neuer sein, und maximal neun pro Professor insgesamt. Davon möchte man aus nachvollziehbaren Gründen nicht zu viele abgeben. Ähnliche Quotierungen gelten übrigens auch für den Masterbereich: hier kommen auf einen Betreuer maximal vier Studierende pro Jahr. Auch das Thema Brain Drain spielt bei der Diskussion eine Rolle; wer weiß, wer von den erfolgreichen Doktoranden auch wirklich wieder zurückkommt. Doch auf diesen versteckten Vorwurf reagieren sowohl der CSC wie auch das Bildungsministerium relativ gelassen: Sie gehen von einer recht hohen Rückkehrerquote aus (zumal Nichtrückkehrer wie in vielen anderen Ländern auch bei Regierungsstipendienprogrammen finanziell bestraft werden) und sehen außerdem, dass Chinesen im Ausland wichtige Netzwerke aufbauen, die dem Lande letztendlich wieder zugutekommen. Hinzu kommt ein Anreizsystem, das bereits in den letzten Jahren viele Chinesen aus Übersee hat zurückkehren lassen, zumal sich auch die Lebensbedingungen und Karrierechancen vor allem in den Zentren an der Ostküste deutlich verbessert haben.
Was bedeutet dieses große Stipendienprogramm nun für Deutschland, und wie kann man darauf reagieren? Der chinesische Bildungsmarkt ist außerordentlich umworben. So werden die Topuniversitäten fast täglich von Delegationen ausländischer Hochschulen besucht. Hinzu kommen Messen wie im Oktober 2007 die European Higher Education Fair (auch die EU hat das Thema inzwischen auf der Agenda) oder im Anschluss die Shanghai Education Expo und weitere.

Nun kann man an deutschen Hochschulen nicht über einen Mangel an jungen Chinesen klagen. 26 000 studieren oder promovieren inzwischen über die ganze Republik verteilt. Nach Angaben der Akademischen Prüfstelle (APS), die jeder chinesische Bewerber als Teil des Visumverfahrens durchlaufen muss, steigen die Bewerberzahlen nach drei Jahren des Rückgangs wieder, 2006 um knapp 17 Prozent.

Diese Konzentration auf die Doktoranden stellt eine große Chance dar und sollte aktiv genutzt werden. In Deutschland ist der Ausländeranteil im Vergleich zu Frankreich, Großbritannien oder den USA bei Promovenden mit etwa 13 Prozent relativ gering, während er bei den genannten Ländern bei etwa 30 Prozent liegt. Auch wissen wir, dass wir langfristig mehr kluge Köpfe brauchen. Bereits jetzt kann der Bedarf nicht überall befriedigt werden; viele neue Stellen werden zusätzlich durch die Exzellenzinitiative geschaffen. Doch wie lassen sich die Interessen beider Seiten in Deutschland und China konkret zusammenbringen?

Um einen Anfang zu machen, exzellente Wissenschaftler und chinesische Doktoranden an den besten Hochschulen in China ins Gespräch zu bringen, lud der DAAD im Oktober des vergangenen Jahres sechs deutsche Graduiertenschulen aus den Bereichen Life Sciences und Informationstechnologie zu einer Reise nach China ein. Unter dem Titel "China and Germany - Educating Researchers for the Future" war es das Ziel, Möglichkeiten weitergehender Zusammenarbeit zwischen den deutschen und chinesischen Hochschulen auszuloten.

Das Interesse der chinesischen Studierenden an den Programmen und Forschungsmöglichkeiten der sechs deutschen Graduiertenschulen war außerordentlich groß. So mancher Student hatte sogar seine Bewerbung gleich mitgebracht und konnte sie direkt abgeben. Die Delegationsmitglieder waren positiv überrascht sowohl über das große Interesse, das ihnen entgegengebracht wurde, als auch über die Qualität und hohe Motivation, die die Studierenden zeigten.

Diese Tour, die sowohl für andere Fachrichtungen als auch für andere Länder wiederholt werden soll, kann aber nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer umfassenderen Strategie sein. Durch die Unterstützung bei der Wahl geeigneter Promotionsstandorte wie auch durch vorbereitende Maßnahmen soll potentiellen chinesischen Promovenden der Schritt nach Deutschland erleichtert werden. Neben der Organisation solcher Präsentationen sollen auch umgekehrt die chinesischen Partner die Gelegenheit haben, sich vor Ort in Deutschland über die Promotionsmöglichkeiten kundig zu machen und umgekehrt Angebote für junge Deutsche zu präsentieren. Erste Schritte sind mit verschiedenen Doppeldiplomen gemacht worden. Möglicherweise lassen sich in den nächsten Jahren ähnliche Angebote für den Promotionsbereich ausbauen.

Aus Forschung und Lehre :: Februar 2008

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