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Top oder Flop - Erfolg von Privathochschulen


VON KLAUS HURRELMANN

Einige Privatunis scheitern, andere florieren. Woran liegt das? Ein attraktives Studienangebot und professionelles Management sollten vom Staat unterstützt werden, meint der Privathochschulprofessor.

Top oder Flop - Erfolg von PrivathochschulenEin faires Nebeneinander von öffentlichen und privaten Hochschulen braucht einheitliche Finanzregeln
Zwei aktuelle Ereignisse werfen ein Licht auf die Lage der Privathochschulen in Deutschland: Die Humboldt-Viadrina School of Governance stellte Anfang Juni wegen Insolvenz ihren Geschäftsbetrieb ein. Die Hertie School of Governance feiert in diesen Tagen ihr zehnjähriges Bestehen und verkündet Rekordzuwächse bei den Studierendenzahlen sowie die Eröffnung eines neuen Masterstudienganges.

Beide Berliner Hochschulen wurden 2003 gegründet, beide mit dem Schwerpunkt Politik und Verwaltung, aber nur eine hat die kritischen ersten zehn Jahre überlebt. Das ist repräsentativ für den privaten Hochschulsektor in Deutschland. Er besteht aus fast 100 staatlich anerkannten Hochschulen mit zusammen rund 100.000 Studierenden.

Jede vierte deutsche Hochschule ist in privater Trägerschaft, aber nur fünf Prozent der rund 2,5 Millionen Studierenden sind dort eingeschrieben. Die privaten Einrichtungen sind im Durchschnitt zwar sehr klein, doch ihre Studierendenzahlen sind in den letzten zehn Jahren schneller gewachsen als die der öffentlichen Hochschulen.

Trotzdem sind Privat-Unis ständig in Existenzgefahr, wie erst jüngst die Jacobs University in Bremen wieder erleben musste. Ohne eine kräftige Bezuschussung aus Steuermitteln und ohne die Unterstützung von Stiftungen und privaten Sponsoren hätte sie schon lange das Schicksal der Humboldt-Viadrina-Hochschule erlitten und wäre, wie in den letzten 30 Jahren ein Dutzend andere private Hochschulen vor ihr, pleitegegangen.

Warum schaffen es die einen und die anderen nicht?

Warum können private Einrichtungen wie die Hertie School of Governance oder auch die Bucerius Law School in Hamburg und die Zeppelin Universität in Friedrichshafen erfolgreich bestehen, obwohl sie vom Staat keinerlei Zuschüsse erhalten? Warum musste hingegen die Jacobs-Uni in Bremen trotz massiver Unterstützung aus dem Landeshaushalt immer wieder mit Kapital der Jacobs-Stiftung gerettet werden und stellt jetzt das gesamte Hochschulkonzept um, damit sie weiter überleben kann?

Sicherlich spielt das Studienangebot eine entscheidende Rolle. Gelingt es, ein akademisches Programm mit einem Alleinstellungsmerkmal aufzubauen, eine fachliche Nische zu besetzen, die von den staatlichen Hochschulen vernachlässigt oder nicht gut ausgefüllt wird, dann zieht das viele Studierende an. Ebenso wie international anschlussfähige englischsprachige Studiengänge oder kreative interdisziplinäre Ausbildungen mit gezieltem Praxis- oder Forschungsbezug. Der Humboldt-Viadrina-Hochschule ist das nicht gelungen.

Dennoch erklärt das noch nicht hinreichend, warum es die einen schaffen und die anderen nicht. Das gesamte wissenschaftliche »Geschäftsmodell« scheint von Bedeutung zu sein. Nach einer Analyse des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft stehen dafür die sogenannten Spezialisten. Das sind bundesweit zehn private Hochschulen, darunter die drei schon erwähnten. Diese haben sich auf bestimmte Fachbereiche spezialisiert und Abstand genommen von dem Versuch, eine Volluniversität zu werden. Sie sind selektive universitäre Einrichtungen mit intensivem Forschungsprofil und Promotionsrecht, zeichnen sich aus durch Berufsbezug und Praxisnähe, Serviceorientierung und hervorragende Netzwerke, hohe Lehrqualität und internationale Ausrichtung. Dadurch sind sie autark und sichtbar - und widerstandsfähiger.

Ein Problem haben aber auch sie: Jede private Hochschule muss Studiengebühren erheben, nicht selten 10.000 Euro und mehr im Jahr. Doch selbst mit Gebühren in dieser Größenordnung lässt sich ein anspruchsvolles Studium auf universitärem Niveau nicht finanzieren, sie tragen in der Regel nur ein Drittel zum Gesamthaushalt bei. Die Höhe der Gebühren stößt an Akzeptanzgrenzen, selbst wenn die Ausbildung noch so attraktiv und die anschließenden Verdienstmöglichkeiten der Absolventen noch so hoch sind.

Deshalb gilt: Eine private Universität lässt sich in Deutschland nicht ausschließlich mit privaten Mitteln betreiben, jedenfalls nicht, wenn sie mit eigenen Professorinnen und Professoren nicht nur Lehre, sondern auch Forschung auf universitärem Niveau betreiben will - sie braucht die Unterstützung durch eine Stiftung und/oder durch den Staat. Nur so lässt sich die Höhe der Studiengebühren in einem sozial verträglichen Rahmen halten. Die Erfahrungen aus Bremen und Witten/Herdecke bestätigen das.

Wenn wir genau hinschauen, beteiligen sich alle Bundesländer in irgendeiner Form an der Finanzierung von privaten Hochschulen. Doch dabei herrscht ein unüberschaubares und ungerechtes Durcheinander von Regelungen. So werden etwa kirchliche Hochschulen vom Staat bezuschusst, obwohl die Kirche ein privater Träger ist. In einigen Bundesländern wie etwa Baden-Württemberg erhalten private Hochschulen Mittel aus dem öffentlich finanzierten Hochschulpakt zum Aufbau zusätzlicher Studienplätze. In anderen Ländern wie etwa Hamburg gibt es das nicht. Diese Regelungen sind völlig willkürlich. So entstehen Fehlanreize und Wettbewerbsverzerrungen. Sie machen die Existenz der privaten Hochschulen so prekär.

Es ist jetzt an der Zeit, grundsätzlich zu klären, wie es mit den privaten Hochschulen in Deutschland weitergehen soll. Sie haben sich bewährt, weil sie im Unterschied zu den öffentlichen ebenso flexibel auf veränderte Bedürfnisse von Studierenden wie auf gewandelte Anforderungen an berufliche Qualifikationen reagiert haben. Sie haben demonstriert, wie die verkrusteten Leitungsstrukturen von Hochschulen in ein modernes Management überführt werden können. Sie haben eine »Kundenorientierung« in den Studienalltag gebracht und die Ausrichtung der akademischen Ausbildung an individuellen Fähigkeiten und Profilen der Studierenden befördert. Sie haben nicht zuletzt die steifen traditionellen Abgrenzungen von akademischer Erstausbildung und Weiterbildung neben dem Beruf eingerissen. Davon hat das gesamte Hochschulsystem profitiert.

Wenn diese Vorteile erhalten bleiben sollen, dann brauchen wir in Deutschland ein konstruktives und förderliches Nebeneinander von öffentlichen und privaten Hochschulen in einer stimulierenden Konkurrenz. Dieses Ziel ist ohne transparente, faire und einheitliche Regeln für die Finanzierung beider Hochschulformen nicht zu erreichen.

Denn ob Stiftungen auf Dauer an der Grundfinanzierung von privaten Hochschulen festhalten werden, ist durchaus fraglich. Sie wollen neue Impulse zusätzlich zu den staatlichen setzen, aber dabei öffentliche Verpflichtungen nicht auf Ewigkeit kompensieren. Deshalb gilt: Alle privaten Hochschulen sollten die Chance auf begrenzte staatliche Mittel haben, und dafür sollten klare Regeln ausgehandelt werden.

Eine gute Lösung findet sich im Schulsystem

Das Grundgesetz räumt privaten Schulen eine klare Existenzberechtigung ein. Sie können unter bestimmten Bedingungen als »Ersatz« zu den öffentlichen Schulen zugelassen und finanziell unterstützt werden. Sind sie nach einer strengen öffentlichen Prüfung einmal genehmigt, erhalten sie im Durchschnitt aller Bundesländer etwa 80 Prozent aus Steuermitteln als dauerhafte Zuwendung zu ihren Personalkosten.

Warum nicht dieses Modell auf den Hochschulsektor ausdehnen? Jede private Hochschulinitiative hätte die Chance, nach einer strengen öffentlichen Prüfung, ähnlich der Akkreditierung durch den Wissenschaftsrat als »Ersatzhochschule« zugelassen zu werden und einen nach festen Regeln bemessenen Zuschuss zu ihren Grundkosten zu erhalten. Das würde die deutsche Hochschullandschaft dauerhaft beleben.

Mehr noch: Die internationale Bildungsforschung zeigt, dass durch ein austariertes Nebeneinander öffentlicher und privater Einrichtungen ein fruchtbarer Wettbewerb um die Klienten - die Studierenden und deren Eltern - entsteht. Auch wächst so der Anreiz, ein professionelles Leitungsteam aufzubauen, das mit einem guten Management für eine kompetente Bewirtschaftung sorgt. Die Hochschulen selbst sind herausgefordert, ständig an ihrem Programm zu arbeiten, um auf veränderte Bedürfnisse zu reagieren. Am Ende sind die Leistungen aller Studierenden höher als in rein öffentlichen Systemen.


Über den Autor
Klaus Hurrelmann ist Professor für Gesundheit und Bildung an der Hertie School of Governance in Berlin.

Aus DIE ZEIT :: 17.07.2014

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