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Transaktionen im Aufwind

Von Bernd W. Schneider und Matthias Kuschel

Im ersten Halbjahr gab es in der chemischen Industrie mehr Zusammenschlüsse und Übernahmen als im gleichen Zeitraum des Jahres zuvor. Deutsche, schweizerische und österreichische Unternehmen litten gleichermaßen unter der Krise.

Transaktionen im Aufwind
Die weltweite Aktivität bei angekündigten Transaktionen mit einem Volumen von mehr als 50 Mio. US-Dollar blieb im zweiten Quartal des Jahres 2010 gegenüber dem ersten Quartal konstant. Sie stieg aber im ersten Halbjahr 2010 gegenüber dem ersten Halbjahr 2009 um 45 %. Die Gesamtzahl an angekündigten Transaktionen nahm im ersten Halbjahr auf 522 zu, das sind + 8 % gegenüber 482 im gleichen Zeitraum letzten Jahres. Angesichts der Aktivitäten im Transaktionsmarkt, die bisher noch nicht zu Abschlüssen geführt haben, ist für das zweite Halbjahr mit einer steigenden Zahl an Transaktionen zu rechnen. Generell ist jedoch ein längerer Planungszeitraum für Transaktionen festzustellen, da die Firmen einen höheren Aufwand betreiben für die Planung, für Due-Dilligence-Arbeiten, also die sorgfältige Analyse und Prüfung des angebotenen Unternehmens, und Kauf- sowie Verkaufsverhandlungen.

Große Transaktionsvolumen

Das gesamte Transaktionsvolumen des zweiten Quartals beträgt 8 Mrd. US-Dollar. Dieser Wert ist ähnlich dem des zweiten Quartals im Jahr 2009, liegt aber signifikant unter dem des ersten Quartals diesen Jahres. Dieses erste Quartal haben fünf Megadeals (große Transaktionen) mit einem Gesamttransaktionsvolumen von nahezu 18 Mrd. US-Dollar geprägt. Im zweiten Quartal gab es lediglich drei große Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von weniger als 3 Mrd. US-Dollar, bezogen auf das erworbene Eigenkapital: Zum Einen kündigte der US-amerikanische Stärke- und Zuckerproduzent Corn Products International an, die in den USA angesiedelte National-Starch-Beteiligung vom niederländischen Chemieunternehmen Akzo Nobel zu übernehmen. Den Stärke- und Klebstoffproduzenten hatte Akzo beim Erwerb der britischen ICI im Jahr 2008 übernommen. Augenscheinlich passt das Stärkegeschäft nicht zum Kerngeschäft des niederländischen Farbenherstellers. Zum zweiten akquirierte das israelische Pflanzenschutzmittelunternehmen Makhteshim Agan Industries den US-amerikanischen Herbizid- und Insektizidhersteller Albaugh.

Schließlich erhielt im zweiten Quartal die BASF bei einem Megadeal den Zuschlag und unterzeichnete den Kaufvertrag für den in Monheim ansässigen Spezialchemieanbieter Cognis. Die Finanzinvestoren Permira und Goldman Sachs hatten für ihre Beteiligung an Cognis einen Käufer gesucht. Für das Eigenkapital von Cognis zahlte BASF 700 Mio. Euro, insgesamt 3,1 Mrd. Euro. Cognis war ursprünglich vom Düsseldorfer Konsumgüterhersteller Henkel abgespalten und im Jahr 2001 an die Finanzinvestoren verkauft worden.

Finanzinvestoren weiter im Hintertreffen

Die Zahl an Transaktionen, die strategische Investoren ankündigten, liegt weiterhin deutlich über der Zahl an Ankündigungen durch Finanzinvestoren (Abbildung 1). Der hohe Anteil der Strategen lässt sich dadurch erklären, dass zahlreiche produzierende Unternehmen trotz der noch ihre Spuren hinterlassenden Wirtschafts- und Finanzkrise wieder mit starken Bilanzen glänzen und Übernahmen als Grundlage für weiteres Wachstum nutzen wollen. Die geringe Aktivität von Finanzinvestoren trotz der Anzeichen für eine Erholung lässt sich dagegen mit dem nach wie vor labilen Markt für Fremdkapital erklären. Das dürfte weiter maßgeblich - insbesondere größere - Übernahmen durch Finanzinvestoren erschweren. Denn solche Übernahmen werden häufig mit einem hohen Fremdkapitalanteil finanziert. Dennoch lassen sich wieder mehr Finanzinvestoren in Bieterprozessen beobachten. In Erwartung von sich weiter entspannenden Fremdkapitalmärkten wird sich die Zahl an Transaktionen durch Finanzinvestoren vermutlich wieder erholen.

Chemie-Transaktionen in Österreich und der Schweiz

Mit Deutschland bilden Österreich und die Schweiz die Dach-Triade. Bezogen auf die Chemie weist die Schweiz - auch historisch bedingt - eine stärkere Präsenz an vielfach auf Feinchemikalien ausgerichteten chemischen Unternehmen auf als Österreich. Dieses Gefälle zeigt sich auch in der Aktivität auf dem Transaktionsmarkt (Abbildung 2). Dabei sind die Chemie-Transaktionszahlen unter Beteiligung von Unternehmen aus Österreich oder der Schweiz im Jahr 2009 von der Finanzkrise beeinträchtigt worden. Der Verkauf der Ciba an die deutsche BASF dürfte seit dem Jahr 2006 die größte Transaktion mit einem Target aus den zu Deutschland benachbarten Alpenregionen sein.


Über die Autoren
Der promovierte Polymerchemiker und Kaufmann Bernd W. Schneider koordiniert das Chemicals Center of Competence beim Transaktionsberatungshaus Pricewaterhouse Coopers. Der organische Chemiker Matthias Kuschel ist Mitarbeiter im Chemicals Competence Center.


Aus Nachrichten aus der Chemie» :: September 2010

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