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Trauerspiel mit Überlänge

von ULRICH SCHNABEL

Die Uni Düsseldorf eröffnet ein Verfahren gegen Annette Schavan.

Trauerspiel mit Überlänge© ino - photocase.comFast ein Dreivierteljahr dauert nun schon die Untersuchung der Doktorarbeit der Bundesbildungsministerin an
Im Theater wäre man angesichts dieser unprofessionellen Inszenierung entsetzt. Man bekäme Mitleid mit der Darstellerin, die in dem nicht enden wollenden Trauerspiel die Hauptrolle verkörpert. In der Realität muss man sich in dem Stück Schavans Promotion dennoch in den nächsten Akt quälen. Am Dienstag eröffnete die Universität Düsseldorf das offizielle Verfahren, das zum Entzug von Annette Schavans Doktortitel führen könnte. Für die Bundesbildungsministerin geht es ums politische Überleben. Doch anders als der Fall Guttenberg, der alle Züge eines klassischen Schurkenstücks aufwies, kennt dieses Schauspiel weder Bösewichte noch Helden, sondern nur eines: Verlierer.

Das gilt zunächst für Annette Schavan, die weiter zittern muss. Selbst wenn sie am Ende ihren Doktortitel behalten dürfte, wäre ihr Ruf als gewissenhafte Akademikerin beschädigt. Denn es bleibt die Erkenntnis, dass sie in ihrer Promotion geschlampt hat, wenn vielleicht auch nicht vorsätzlich. Eine schlechte Figur machen aber auch die Universität Düsseldorf und die Standesvertretungen der deutschen Wissenschaft.

Die Uni patzte, als sie sich unfähig zeigte, den heiklen Fall schnell und vertraulich zu behandeln. Dass vorläufige Ergebnisse an die Öffentlichkeit drangen, war schlimm genug; dass die Untersuchung nun fast ein Dreivierteljahr andauert, ist ein Unding. Man wolle den Fall Schavan nicht anders behandeln als andere Fälle, verteidigt sich die Uni. Das ist richtig, soweit es die Bewertung der Doktorarbeit angeht; bezogen auf das gesamte Verfahren ist das Argument naiv. Eine Ministerin steht nun einmal unter anderem Druck als ein Titelträger, den niemand kennt.

Ebenso peinlich war die Vorstellung der Wissenschaftsorganisationen. Als es im Fall Guttenberg darum ging, die Standards der Wissenschaft zu verteidigen, schwiegen sie. Für Schavan dagegen warfen sie sich über Gebühr in die Bresche und erweckten so den Eindruck, es gehe ihnen weniger um wissenschaftliche Integrität als um die Rettung einer Ministerin, der sie großzügige Fördermilliarden verdanken.

Dass die »Allianz der Wissenschaftsorganisationen « sogar die Uni Düsseldorf angriff (und diese sich mit einem bestellten Rechtsgutachten wehrte), fällt auf die Wissenschaft selbst zurück. Denn der Streit offenbart, dass es keine einheitlichen Regeln für den Ablauf solch heikler Verfahren gibt. Bald zwei Jahre nach dem Fall Guttenberg fehlen der Wissenschaft noch immer die Standards, um über die Einhaltung ihrer Standards zu wachen. Daran muss dringend gearbeitet werden. Ein Trauerspiel ist schließlich nur vollständig, wenn es am Ende kathartische Wirkung entfaltet.

Aus DIE ZEIT :: 24.01.2013

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