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Treffen der Superhirne

von Angela Grosse

In Lindau diskutieren Nobelpreisträger mit der wissenschaftlichen Elite von morgen.

Treffen der Superhirne© Baikonur - http://commons.wikimedia.orgIn Lindau am Bodensee teilten Nobelpreisträger ihre Erfahrungen mit Nachwuchsforschern
Sari und Minirock, Hosenanzug und Jeans, Schleier und Kopftuch - in diesen Tagen prägen 592 Nachwuchsforscherinnen und Nachwuchsforscher das Bild von Lindau. Sie sind aus 69 Ländern angereist, um 27 Nobelpreisträger in der kleinen Stadt am Bodensee zu treffen. Wissenschaftlich Neues werden sie kaum erfahren: Die Forschung der Laureaten hat längst Eingang in die Lehrbücher gefunden. Die Lindauer Nobelpreisträgertagung ist keine klassische Konferenz, auf der jüngste Erkenntnisse und wissenschaftliche Premieren gefeiert werden. Auch wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Superhirne sind, ihre Leistungen herausragend, auch wenn gesellschaftliche wie wissenschaftliche Herausforderungen auf höchstem Niveau diskutiert werden - das Besondere ist die direkte Begegnung, das Gespräch zwischen den Laureaten und den wissenschaftlichen Eliten von morgen.

Die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erfahren dabei ganz unmittelbar, dass auch Nobelpreisträger in ihrer Arbeit bittere Niederlagen einstecken müssen. So hat Dan Shechtman, der 2011 den Nobelpreis der Chemie erhielt, mehr als zehn Jahre hartnäckig und unbeirrbar an seiner Entdeckung der Quasikristalle festgehalten, bis die wissenschaftliche Welt sie endlich als zutreffend akzeptierte. »Es gibt keine Quasikristalle, nur Quasi-Wissenschaftler«, hatte etwa der 1994 verstorbene Chemie-Nobelpreisträger Linus Pauling gelästert. Gerade bahnbrechende Erkenntnisse müssen sich oft mühsam gegen traditionelles Wissen durchsetzen. Das Treffen mit den Laureaten stärkt den Jungen den Rücken, ihren Beobachtungen zu vertrauen, sich nicht dem Mainstream zu beugen. Der generationsübergreifende Brückenschlag erlaubt auch im Zeitalter von Internet und Social Media Erfahrungen, die in keinem Lehrbuch stehen. Und noch ein wichtiger Effekt ist sichtbar: Die Lindauer Tagung, die ursprünglich die Isolation der deutschen Wissenschaftler nach dem Zweiten Weltkrieg überwinden helfen sollte, überwindet Grenzen. Pakistaner reden mit Indern, Israelis mit Palästinensern, Koreaner mit Chinesen - das schafft Vertrauen. So wird in Lindau die Sprache der Wissenschaft zur Sprache der Völkerverständigung.

Aus DIE ZEIT :: 05.07.2012

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