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Triumph der Nachahmer

VON GEORG BLUME - Mitarbeit: CHRISTIANE GREFE

Der Pharmakonzern Novartis bekommt in Indien kein Patent für sein Blutkrebsmedikament.

Triumph der Nachahmer© fovito - Fotolia.comDas Urteil des Obersten Gerichtshofs in Indien ermöglicht eine bezahlbare Krebs- und Aidsbehandlung mit Generika
In Indien hört man zu Themen des öffentlichen Interesses normalerweise alle erdenklichen Meinungen. Umso mehr erstaunte es, wie einheitlich am Montag das Echo auf ein lange erwartetes Urteil des Obersten Gerichtshofs in Delhi ausfiel. Die gesamte Öffentlichkeit des Landes feierte, als ginge es um viel mehr als ein Krebsmedikament und das in Indien kaum bekannte Schweizer Pharma-Unternehmen Novartis. »Dies ist ein historisches Urteil«, verkündete der indische Handels- und Industrieminister Anand Sharma, und Regierungsfreunde wie -feinde pflichteten dem Minister salbungsvoll bei. Ein neues, bahnbrechendes Recht sei geschaffen worden: eines, das allen Menschen in der Welt eine bezahlbare Krebs- und Aidsbehandlung ermöglichen würde. Vor allem aber ein Recht, das Machtverhältnisse neu ordnet. Die Konsumenten der Schwellenländer haben etwas gewonnen, die Großkonzerne der Industrieländer sind unterlegen, so die Botschaft.

Doch die Inder denken oft schneller, als sie handeln. Erst einmal ging es in Delhi nur um ein einziges Medikament: das Blutkrebspräparat Glivec von Novartis (siehe auch "Der hohe Preis des Überlebens"). In über 40 Ländern hält Novartis dafür ein Patent, auch in China und Russland, nicht aber in Indien. Dort hatte man sich schon zu sozialistischen Zeiten, als sich das Land noch von der Welt abkapselte, in allen möglichen Wirtschaftsbereichen gegen die Patentansprüche der internationalen Konzerne gewehrt. Stattdessen förderte man billige heimische Nachahmerindustrien. Als sich Indien dann in den neunziger Jahren wirtschaftlich öffnete, gingen viele davon schnell bankrott, zum Beispiel in der Automobilbranche.

Doch die indischen Tablettennachahmer hielten durch. Ihre Ware - die Generika - wurde sogar zum Exportschlager in Afrika, Südamerika und Südostasien. Das geschah zum Ärger der betroffenen westlichen Konzerne. Sie bestanden deshalb auf einer Änderung des indischen Patentrechtes, als das Land 2005 dem Abkommen über den Schutz geistigen Eigentums der Welthandelsorganisation beitreten wollte. Und der Westen setzte sich zunächst auch durch. Scheinbar. Denn Delhi verabschiedete damals tatsächlich ein neues Patentgesetz im Einklang mit den globalen Regeln. Nur wusste bislang niemand, was das neue Gesetz wert war.

Der erste Konzern, der es wirklich genau wissen wollte, war Novartis. Das Unternehmen zog mit seinem Anspruch auf ein Glivec-Patent bis vor Indiens Obersten Gerichtshof, und das, obwohl sich die Glivec-Kundschaft für Novartis in Indien in Grenzen hielt. Sieben Jahre währten die Verhandlungen vor verschiedenen indischen Gerichten. An der Klarheit des Urteils aber bestand an diesem Ostermontag kein Zweifel: Das Patent von Novartis sei verjährt, beschieden die Richter. Die leichten Veränderungen des Medikaments, die Novartis vorgenommen hatte und die in anderen Ländern immerhin für eine erneute Patentierung akzeptiert wurden, seien für das indische Gesetz nicht ausreichend.

Betroffen sind zunächst 300.000 indische Krebspatienten, die regelmäßig Glivec-Generika einnehmen. Sie zahlen für die Behandlung monatlich umgerechnet 120 Euro - statt die etwa zehnfache Summe, die sie für das Novartis-Originalpräparat aufwenden müssten. Die Versorgung dieser Patienten sei nun gerettet, sagten Sprecher der indischen Krebshilfe. Auch die indischen Pharmamanager glauben durch das Urteil Oberwasser zu gewinnen. »Indien - die Apotheke der Welt - kann nun weiterhin bezahlbare Qualitätspräparate produzieren. Davon werden Patienten in aller Welt profitieren«, freute sich Y. K. Hamied, Vorstandschef des indischen Pharmaherstellers Cipla. Es klang so, als seien die Ciplas dieser Welt schon dabei, Novartis und Co. aus dem Geschäft zu verdrängen. Ein bisschen mag daran wahr sein. Weltweit beziehen heute bereits sieben Millionen Menschen Aidsmedikamente aus Indien. Sie kosten nur einen Bruchteil dessen, was westliche Präparate kosten. Wenn Novartis sein Glivec-Patent in Indien zurückgewonnen hätte, wären mit Sicherheit auch die westlichen Hersteller von Aidsmitteln vor die indischen Gerichte gezogen. So aber ist das Gegenteil der Fall: Die indischen Hersteller für alle nur denkbaren Generika fühlen sich bestätigt. Sie erwarten eine rosige Zukunft: Allein die Umsätze auf dem indischen Pharmamarkt sollen sich bis 2020 verfünffachen - von heute 14 auf 70 Milliarden Euro.

Dagegen sinken die Ausgaben für Medikamente in den USA, wo die westlichen Pharmakonzerne bislang ein Drittel ihres Umsatzes verbuchen. Ein Seitenaspekt zeigt, wie ernst die Sache ist: Schon wittert man in der Schweiz die Gefahr, dass die hohen Gehälter in der dortigen Pharmabranche nicht zu halten sind, weil man sich bisher auf relativ geschützte Märkte stützte und diese nun geöffnet werden. Hinzu kommt Indiens Vorbildfunktion in der Rechtsprechung. Delhi hat sich verpflichtet, das internationale Patentrecht umzusetzen, und verfügt über eine weltweit respektierte Rechtsprechung. Andere Länder könnten sich durch das indische Urteil nun inspiriert fühlen. Ist der indische Generikamarkt also der Pharmamarkt der Zukunft? Der indische Novartis-Manager Ranjit Shahani wollte davor warnen. »Wir haben diesen Fall vor Gericht gebracht, weil wir glauben, dass Patente Innovationen schützen und damit zum medizinischen Fortschritt beitragen«, sagte er nach dem Glivec-Urteil. Für die Zukunft sagte Shahani voraus, dass internationale Pharmakonzerne in Indien nicht mehr in Forschung und Entwicklung investieren werden. Was er jedoch nicht sagte: dass diese Konzerne sehr wohl heftig in Indien investieren - nur nicht in Forschung, sondern in Generika. Die Liste ausländischer Direktinvestitionen in die indische Pharmabranche ist deshalb lang und schützt die ausländischen Konzerne davor, von den einheimischen Nachahmern überholt zu werden. Sie machen einfach mit. Die indische Generikaindustrie hat selber eine durchaus namhafte und einflussreiche internationale Lobby - da steht sie der westlichen Pharmaindustrie in nichts nach. Das hat damit zu tun, dass Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen bei ihrer Arbeit weltweit von Generika aus Indien abhängig sind, ebenso wie die Gesundheitsbehörden vieler armer Länder oder auch der von den G-8-Staaten gegründete Global Fund, der vor allem Krankheiten wie Aids, Tuberkulose und Malaria bekämpft.

Sprecher der westlichen Pharmalobby waren unlängst zu einer Anhörung des amerikanischen Kongresses in Washington geladen. Ein Chefmanager des amerikanischen Pharmariesen Pfizer warf dabei Indien vor, ein »protektionistisches System zum Schutz von geistigem Eigentum aufzubauen«. Der Patentschutz reiche nicht aus. Der Ton der Anhörung ähnelte dem der Vorwürfe, die man im US-Kongress sonst China macht. Doch genau das wollen die Inder womöglich hören. So fühlen sie sich ernst genommen. Indiens Gerichte haben an diesem Ostermontag nicht nur Recht gesprochen - sondern auch ein Zeichen gesetzt. Tatsächlich ist die Pharmaindustrie neben den Softwareherstellern ihre einzige Vorzeigebranche, und dazu eine, in der sich die Ideale des Republikgründers Mahatma Gandhi mit den pragmatischen Zielen heutiger Wirtschaftsreformer vereinen.

Übrigens haben die Letzteren in dieser Branche auch noch einiges zu tun: Die Preise von 348 der wichtigsten Medikamente in Indien werden bis heute staatlich festgelegt. Das freilich hilft weder den westlichen noch den indischen Unternehmen.

Aus DIE ZEIT :: 04.04.2013

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