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Tätiger Widerspruch - Über die Bologna-Reform und ihre Folgen

VON VOLKER GERHARDT

Wer über viele Jahrzehnte an deutschen Universitäten gelehrt und geforscht hat, hat in diesen Jahren viele Reformen erlebt. Die weitreichendste Reform, die auch die Grundlagen der Universität berührt, ist die Bologna-Reform. Hat diese das Zeug, den deutschen Universitäten den Geist auszutreiben?

Tätiger Widerspruch - Über die Bologna-Reform und ihre Folgen© Coloures-pic - Fotolia.comAus dem Studium ist ein Prüfungsmarathon geworden, der die Beteiligten erschöpft

Leben in Reformen

Die Tatsache, dass einer schon im Studium für die Reform der Universität eingetreten ist und sich fast fünfzig Jahre später durch eine Reform veranlasst sieht, die Universität zu verlassen, könnte man als tragisch ansehen.

Doch so dramatisch ist es nicht: Wenn einer in seiner langen Universitätslaufbahn es schließlich bis zum Seniorprofessor gebracht hat, ist sein Abgang einfach nur natürlich; und man kann der Institution wünschen, dass sie die damit gebotene Chance zur personellen Erneuerung nutzt.

Gleichwohl ist es persönlich enttäuschend, wenn man eben das, was man gern, mit intellektuellem Gewinn und einigem Zuspruch betreibt, nicht länger ausüben will - weil es so grundlegend reformiert worden ist. So ist es in meinem Fall. Kaum etwas belebt mich so nachhaltig wie die Zusammenarbeit mit Studierenden.

Aber die Belastungen, die in der Folge der Bologna-Reform auf jeden zukommen, der Vorlesungen hält oder Seminare anbietet, sind so grotesk, dass jedes Interesse an der Lehre verloren geht - es sei denn, man wollte nichts anderes als Lehrer, Gutachter, Prüfer und Empfehlungsbriefschreiber sein. Kein Wunder, dass Forschungssemester auch von denen angestrebt werden, die weder die Neigung noch die Ausdauer zur Forschung haben.

Um mit der Rede von der Tragik nicht in den Verdacht ironischer Überspitzung zu geraten, muss ich ein Wort über mich selbst verlieren: Seit meiner Zeit im Hochschulreferat des Asta der Universität Münster und als Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Studentenschaften in den Jahren 1967 bis 1969 befasse ich mich öffentlich mit den Fragen der Hochschul- und der Studienorganisation.

Dabei war die am Anfang stehende Forderung nach "Drittelparität" gewiss der größte, aber beileibe nicht der einzige Irrtum. Doch ich habe auch einiges zutreffend eingeschätzt, was keineswegs allein an meiner Bewunderung für Helmut Schelskys Einsamkeit und Freiheit lag.

So gab es für mich keinen Widerspruch zwischen der Autonomie der Universität und dem Verlangen nach einer Beseitigung der Schlagbäume zwischen Theorie und Praxis. Beruf und Studium, so glaubte und so glaube ich, können sich ergänzen. Deshalb waren gestufter Hochschulzugang und Weiterbildung wesentliche Forderungen. 1970 war ich das studentische Mitglied im Vorstand der bundesweiten Initiative für ein Fernstudium im Medienverbund, aus der die erfolgreichste Hochschulneugründung nach 1968, die Hagener Fernuniversität, hervorgegangen ist.

Auch nachdem ich 1974 meine Lebensaufgabe in der Philosophie gefunden und es mir zum festen Vorsatz gemacht hatte, mich durch kein noch so bedeutendes politisches Amt von ihr ablenken zu lassen, entkam ich der Arbeit unter Reformansprüchen keineswegs. Am wenigsten bei der wissenschaftlichen Rekonstruktion der Humboldt-Universität nach 1990 und bei der Existenzsicherung der Editions- und Forschungsvorhaben der deutschen Wissenschaftsakademien zwischen 2001 und 2013.

Kritik am Niedergang der Universität

Die Andeutungen lassen erkennen, dass unter dem permanenten Anspruch auf Reform zwar vieles anders und manches gewiss auch besser geworden ist. Dennoch ist es den Universitäten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schlechter gegangen. Daran hat das Strohfeuer der Exzellenzinitiative nichts geändert.

Jetzt aber hat die Studienreform nach dem Bologna-Modell das Zeug, den deutschen Universitäten den Geist auszutreiben, also eben das, was sie im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert zum Vorbild für anspruchsvolle Universitätsgründungen in aller Welt gemacht hat. Mir ist bewusst, dass es nicht wenige gibt, die das politische Versagen unter der NS-Diktatur und die intellektuelle Schwäche gegenüber der kommunistischen Ideologie dem Universitätsmodell Humboldts anlasten.

Nimmt man aber ernst, dass hinter dem Programm der Berliner Neugründung das aufgeklärte Wissenschaftsverständnis Kants und Schleiermachers gestanden hat und dass Humboldts Idee der Einheit von Forschung und Lehre jenem sapere aude: dem auf Kritik gegründeten Wagnis des Wissens verpflichtet ist, dann liegt das politische Versagen weniger an der Struktur der Universität als an den intellektuellen und charakterlichen Defiziten ihres Personals. Kurz gesagt: Die Wissenschaftler hätten als Bürger den Mut aufbringen müssen, sich "ihres eigenen Verstandes zu bedienen".

Dass freilich auch die Universität als Korporation so eklatant versagt hat und Bücherverbrennungen, die Vertreibung jüdischer Kollegen sowie die Arisierung einzelner Disziplinen nicht nur geduldet, sondern sogar gefördert hat, ist eine Ungeheuerlichkeit, die im institutionellen Gedächtnis der Universität nicht verloren gehen darf. Und solange diese Erinnerung wach ist, können wir mit den Ideen Wilhelm von Humboldts den Niedergang der von ihm vor etwas mehr als zweihundert Jahren mit neuem Geist erfüllten Institution kritisieren.

Bei dieser Reform darf es nicht bleiben!

Dass die Bologna-Reform gut gemeint gewesen ist, muss niemand in Abrede stellen: Man wollte die viel zu hohe Quote der Studienabbrecher senken, die Orientierung im Studium verbessern und der mangelhaften Betreuung ein Ende machen. Durch die Folge zweier Abschlüsse sollten unterschiedlichen Ansprüchen und Begabungen Rechnung getragen werden; es galt die Praxisnähe, wo sie fehlte, zu schaffen, und, wo sie bestand, zu vertiefen.

Vor allem aber sollte eine größere Vergleichbarkeit im internationalen Rahmen möglich werden. Der grenzüberschreitende Studienplatzwechsel war als die Regel gedacht, mit der die EU, gleichsam von Anfang an, als gut vernetzter Wissenschaftsstandort erfahren werden konnte. Mit "Bologna" träumte die Politik von einem europäischen Lebensraum für die junge Generation.

Wer wollte sich dieser Vision entziehen? Doch was ist, wenn im Traum übersehen wird, was das vereinte Europa als kulturelles Ensemble so verlockend macht? Es ist die Vielfalt seiner Traditionen und die unter gemeinsamen Rahmenbedingungen fortgeführte Differenz seiner Lebensformen. Zu ihr gehört auch die Konkurrenz innerhalb einer nach Freiheit, Wohlstand und Sicherheit strebenden politischen Gemeinschaft. Das aber wurde, wenn nicht im Traum, so seiner Umsetzung in administrative Maßnahmen, vergessen und in der Folge aufs Spiel gesetzt.

So kam es zu der verhängnisvollen Verwechslung von Vergleichbarkeit und Vereinheitlichung. Insbesondere die Hochschulpolitiker in Deutschland sahen in den Richtwerten für den Vergleich, verbindliche Vorgaben für die Angleichung, aus der nichts anderes als eine Nivellierung werden konnte. So kam es zu einer durchgreifenden Neuorganisation von oben.

Sie wurde mit der institutionellen Härte kurzer Fristen und mit dem herben Charme finanziell begünstigter, aber eben auch sanktionsbewehrter Leistungsvereinbarungen durchgesetzt. Den Flankenschutz bot die bürokratische Neuerfindung der Akkreditierungsbüros, die immerhin Arbeitsplätze für Personen schafften, die für ihre gescheiterte Universitätskarriere entschädigt und als Prüfer und Berater eben der Institution wirken konnten, die ihnen die erwünschte Tätigkeit versagt hatte.

Vor diesem, für die Bildung von Ressentiments wie geschaffenen Hintergrund fielen die Gutachten dann durchweg besser aus als erwartet. Aber die Autonomie der Universität war gröblich verletzt. Arbeitskraft, die man für Lehre und Prüfung dringend benötigte, wurde für die Kontrolle ihrer angeblichen Qualitätsverbesserung vergeudet, und ein einstmals bedeutendes Fach, die Pädagogik, wurde durch ihren Machtzuwachs in Organisation und Administration einmal mehr von ihrer originären Aufgabe, über Erziehung und Bildung nachzudenken, abgelenkt.

Ein regelrechtes Schurkenstück muss man es nennen, dass die Einführung der Bologna-Studiengänge als "kostenneutral" ausgegeben wurde. Jeder konnte wissen, dass der Erfolg der neuen Formen der Lehre an zusätzliche Leistungen für Betreuung, Begleitung und Beratung der Studierenden gebunden ist. Darauf aber waren die Personaletats der Hochschulen nicht eingestellt, und sie wurden selbst dann nicht angehoben, als der Mangel himmelschreiend war. Um Abhilfe zu schaffen, hätte man nicht nur mehr, sondern auch neuartige Stellen benötigt.

Wenn man schon den Akademischen Rat nicht wieder zu Ehren kommen lassen wollte, hätte es zumindest der Studienassistenten bedurft. Auch Promotionsstipendien mit einem festen Lehr- und Betreuungsanteil hätten helfen können. Aber alles dies blieb, trotz nachdrücklicher Forderungen durch die Universitäten, aus. Und so ist es mit der Überrollung durch Bologna zu einer weiteren Überlast für die ohnehin überlasteten Universitäten gekommen. Lehraufgaben werden gnadenlos auf Kosten der Forschung erweitert, ohne dass dadurch die Lehre an Qualität gewinnt.

Aus dem Studium ist ein Prüfungsmarathon geworden, der die Beteiligten erschöpft, ohne ihnen das Gefühl zu geben, ein Ziel erreicht zu haben. Der sprunghaft gestiegene administrative Aufwand lähmt überdies die Verwaltung in den Fakultäten und Instituten. Nun liegt der Niederschlag der Reform wie Mehltau auf den einzelnen Disziplinen. Was gut gemeint war, hat im Effekt großen Schaden angerichtet. Deshalb kann es bei dieser Reform nicht bleiben.

Tätiger Widerspruch als erster Schritt

Reformer machen Fehler, allein weil sie die Zukunft nicht kennen, für die sie zu planen suchen und in der sie dann auch zu handeln haben. Schon deshalb ist es ein Missverständnis zu glauben, dass Reformen jemals an ein Ende kommen. Das Leben "reformiert" sich mit jedem Individuum und erst recht mit jeder Generation. Deshalb haben jene Unrecht, die sich mit der Behauptung wichtigmachen, sie könnten das Wort "Reform" nicht mehr hören. Es ist nicht "tragisch", sich an Reformen zu versuchen, und später unter ihnen zu leiden.

Denn in allem ist das Leben ein Versuch, die sich ihm durch es selbst (!) erwachsenden Probleme zu lösen. a bei stellt es sich den mutmaßlichen Lösungen immer wieder auch selbst in den Weg. Also gehört auch das Scheitern zu dem Prozess, den man keineswegs überheblich, sondern durchaus angemessen als "permanente Reform" bezeichnen kann.

Deshalb ist es weder ein Zeichen von Zynismus noch von Unbelehrbarkeit, wenn man die mit dem BolognaProzess geschaffenen Verhältnisse als die Bedingung anerkennt, von der aus jetzt gehandelt werden muss. Die deutschen Universitäten sollten sich endlich ein Beispiel an den europäischen Nachbarländern nehmen, die wesentlich gelassener mit den Reformvorgaben umgegangen sind.

In den Augen der anderen hat sich Deutschland durch seine Eilfertigkeit in der konkreten Umsetzung von höchst allgemeinen Bestimmungen blamiert. Uns aber deprimiert der Verrat an einer großen Tradition universitärer Forschung und Lehre und der durch nichts begründete, leichtfertige Verzicht auf die Freiheit des Studiums, die das exemplarisch eingelöste Versprechen der Freiheit der Wissenschaft zu sein hat.

Die zum Beschluss erhobenen europäischen Bestimmungen lassen mehr Raum zum eigenen Handeln als bislang eingeräumt worden ist. Hier müssen sich die Universitäten selbst die Freiheit nehmen, die sie juristisch haben, und müssen Studienzeiten, Prüfungsanforderungen und work loads flexibilisieren.

Sie haben auch dafür zu sorgen, dass dem die Stipendienbedingungen angepasst werden. Es ist ein Skandal, dass die Reform mit dem Ziel einer Ausweitung auf den europäischen Studienraum begründet worden ist, aber der große und vielfältige europäische Erfahrungsraum gar nicht genutzt werden kann.

Als Redakteur des Textes, den die Humboldt-Universität zu Berlin am 27. April 2010 ans Ende einer ausführlichen Stellungnahme zur Bologna-Reform zum Senatsbeschluss erhoben hat, darf ich mich auf dessen Schlussformel berufen: "Es kann der Humboldt-Universität nicht gleichgültig sein, dass sich eine große Zahl der Studierenden bis zum Überdruss verschult, gegängelt und dabei auch noch schlecht beraten fühlt.

Wir wünschen uns mit Wilhelm von Humboldt ein freies Individuum, das aus Interesse an der Wissenschaft, aus der Lust an Entdeckung und Erkenntnis studiert. Wenn die Einheit von Forschung und Lehre kein leeres Wort sein soll, brauchen wir Studierende mit Eigensinn, die nicht nur kundig sprechen, sondern auch selbstbewusst widersprechen können." Das gilt auch für Professoren, insbesondere für den Fall, dass Reformen ihr Ziel verfehlen.


Über den Autor
Professor Volker Gerhardt lehrte bis zu seiner Emeritierung 2014 Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er wirkte mit in zahlreichen Universitäts-, Akademie- und Fachkommissionen. Von 2002 bis 2012 war er Mitglied im Nationalen Ethikrat.

Aus Forschung & Lehre :: November 2014

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