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Bunt, differenziert und profiliert - Über Gegenwart und Zukunft des Hochschulsystems

VON MANFRED PRENZEL

Das Hochschulsystem hat sich in den letzten Jahren rapide verändert. Die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge hat diese Veränderung ebenso vorangetrieben wie die Exzellenzinitiativen. Wie hat sich die Rolle der Universitäten gewandelt? Welche Bedeutung hat das neue Selbstbewusstsein der Fachhochschulen? Fragen an den Vorsitzenden des Wissenschaftsrates.

Bunt, differenziert und profiliert - Über Gegenwart und Zukunft des Hochschulsystems© davis - Fotolia.comDer Wissenschaftsrat empfiehlt die Erprobung neuer Hochschultypen
Forschung & Lehre: In den Empfehlungen des Wissenschaftsrates "Zur Differenzierung der Hochschulen" wird gesagt, das deutsche Wissenschaftssystem befinde sich in einer "Phase des Übergangs".

In dieser Phase könne ein "zeitlich begrenzter Verlust an Übersichtlichkeit in Kauf genommen werden". Was ist damit gemeint?

Manfred Prenzel: Der Wissenschaftsrat hat mit seinen Empfehlungen geraten, die bisherige schematische Unterscheidung von nur zwei Hochschularten zu lockern, um neue Hochschultypen erproben zu können.

Mit nur zwei Typen, so die Einschätzung, kann das Hochschulsystem den wachsenden und vielfältiger werdenden Anforderungen nicht mehr gerecht werden.

Der Grad der Differenzierung eines Hochschulsystems sowie die Zahl der Dimensionen, nach denen differenziert wird, gelten global als Indikatoren für die Leistungs- und Reaktionsfähigkeit eines Hochschulsystems. Wir brauchen also eine größere Unterschiedlichkeit der Institutionen und der Aufgabenwahrnehmung.

Das Gremium stand vor der Entscheidung, entweder selbst normativ neue Hochschultypen zu entwickeln und so die institutionelle Entwicklung in eine sehr begrenzte Zahl von heute sinnvoll erscheinenden Formaten zu lenken oder allgemeine "Leitplanken" für eine funktionale Differenzierung zu setzen und in diesem Rahmen Experimente mit neuen institutionellen Formaten zuzulassen.

Es hat sich für die zweite Option entschieden. Dabei war einerseits zu erwarten, dass dies zwar zwischenzeitlich zu einer gewissen Unübersichtlichkeit führen könnte - wenn nämlich neue Hochschulformen erprobt werden, die noch keinen neuen Typus erkennen lassen.

Andererseits bestand die Hoffnung, dass sich so auf mittlere Sicht bedarfsgerechte Formate als bleibende Hochschultypen herauskristallisieren und bewähren werden. Der Wissenschaftsrat hat sich dabei vorbehalten, das Feld nach einigen Jahren erneut zu analysieren und gegebenenfalls solche neuen Typen zu identifizieren und zu bewerten.

F&L: Verzichtet der Wissenschaftsrat so nicht auf Planung und folgt der Logik des Systems?

Manfred Prenzel: Für den Wissenschaftsrat, der ja ursprünglich einmal als Planungsgremium von Bund und Ländern eingesetzt wurde, bedeutet dies in gewisser Weise einen Paradigmenwechsel: Nicht das Gremium erfindet einen neuen Typus (wie seinerzeit mit den Fachhochschulen geschehen), sondern es vertraut auf die Dynamik und Intelligenz des Systems.

Maßgeblich dabei war die Beobachtung, dass die Differenzierung im Hochschulsektor längst viel größer ist, als es die binäre Typendifferenz abbildet. Seit einigen Jahren gibt es aufgrund der Autonomie und mancher Anregungen aus dem Ausland oder dem nicht-staatlichen Bereich zunehmend mehr institutionelle Innovationen, die zum Teil sehr vielversprechend erscheinen, seien es College-Modelle, Professional Schools, die Duale Hochschule, Verbundmodelle oder Hybridformen.

Der Vorteil evolutionärer Freiheit gegenüber einer Setzung ist: Das deutlich expandierte Hochschulsystem kann durch selbst kreierte Formate wesentlich besser und schneller reagieren: sowohl auf eine heterogene Studierendenschaft wie auch auf wechselnde gesellschaftliche Anforderungen oder wissenschaftliche Entwicklungen.

F&L: Die gegenwärtige Hochschulpolitik ist nicht zuletzt durch gegenläufige Tendenzen der Differenzierung (Exzellenzinitiative) und der Entdifferenzierung (Bologna-Reform) gekennzeichnet. Wie sind beide Bewegungen zu bewerten?

Manfred Prenzel: In der Tat hat der Wissenschaftsrat bei der Untersuchung des Fachhochschulsektors beobachtet, dass es vielfältige Konvergenzbewegungen zwischen den beiden dominanten Hochschultypen gibt. Das betrifft Lehre und Forschung. Die Bologna-Reform sollte ja für die Vergleichbarkeit von Abschlüssen und damit für die Mobilität von Absolventen in Europa sorgen. Aus diesem Grund kann sie innerhalb eines Landes wohl kaum die Differenzierung nach Hochschultypen vorantreiben.

Die Einführung gestufter Studiengänge mit Strukturvorgaben, die eine Unterscheidung nach Studienstufen oder Abschlüssen je Hochschultyp nicht mehr zulassen, die gesetzliche Zuweisung von Forschungsaufgaben an Fachhochschulen und deren vielfach drittmittelfinanzierte Ausweitung, aber auch Veränderungen in der Arbeitswelt haben an einigen Stellen die traditionelle Aufgabenteilung zwischen Universitäten und Fachhochschulen in Frage gestellt bzw. beide auch in eine Konkurrenzsituation zueinander gebracht.

Innerhalb des Universitätssektors wiederum haben Wettbewerbe wie die Exzellenzinitiative eine vertikale Differenzierung eingeleitet. An den Rändern beider Sektoren sind die Grenzen unschärfer geworden.

Allerdings gibt es ungeachtet vieler formaler und struktureller Annäherungen weiterhin genügend Unterschiede, um beide Hochschultypen voneinander abgrenzen zu können, wenngleich einzelne Einrichtungen bei genauerer Betrachtung nicht mehr ganz eindeutig zugeordnet werden können.

Wenn Fachhochschulen Forschung oder Lehre betreiben, tun sie dies auf andere Weise und mit anderem Personal als Universitäten, nämlich praxis- oder anwendungsorientiert. Die Merkmale der Hochschultypen und Einrichtungen können und sollen sich entwickeln. Dabei kann es in Teilbereichen zu neuen Ähnlichkeiten oder Unterschieden kommen.

Aber es wäre nicht im Sinne des Systems, wenn sich Fachhochschulen einfach alle den Universitäten anverwandeln würden. Denn noch haben wir in Deutschland nicht zu viel, sondern zu wenig Diversität im Hochschulsystem.

F&L: Nach Ansicht des Wissenschaftsrates hat die Typendifferenz von Universität und Fachhochschule die Probleme, zu deren Bewältigung sie einmal eingeführt wurde, nicht vollständig beseitigt. Müsste deshalb im Umkehrschluss diese Typendifferenz beseitigt werden, also z.B. Fachhochschulen universitären Status mit Promotionsrecht bekommen?

Manfred Prenzel: Die Typendifferenz zwischen Universitäten und Fachhochschulen ist entstanden, weil immer mehr junge Menschen eine akademische Ausbildung begonnen haben mit dem klaren Ziel, anschließend einen Beruf außerhalb der rein akademischen Welt auszuüben.

Dem haben die Universitäten seinerzeit nicht genügend Rechnung getragen, und darum wurde ein praxis- und anwendungsorientierter Hochschultyp entwickelt. Der Bedarf an solchen Studienangeboten ist nach wie vor sehr hoch.

Dementsprechend wurde auch der Hochschulpakt genutzt, um den Fachhochschulsektor auszubauen. Es gibt hingegen quantitativ keinen Bedarf an wissenschaftlicher Weiterqualifizierung im Rahmen einer Promotion, den die Universitäten nicht zu befriedigen in der Lage wären. Zudem ist die Promotionsquote in Deutschland - auch verglichen mit anderen starken Wissenschaftsnationen - bereits sehr hoch.

Allerdings können wir es uns nicht leisten, die Entscheidung für einen bestimmten Hochschultyp bei Studienbeginn später zu einer Sackgasse werden zu lassen, wenn sich im Laufe des Studiums wissenschaftliches Interesse und Talent zeigen.

Darum müssen Absolventen und Absolventinnen von Fachhochschulen diskriminierungsfreien und verlässlichen Zugang zur Promotion finden. Genauso gibt es keinen sachlichen Grund, forschungsaktive Professorinnen und Professoren an Fachhochschulen nicht als Betreuer, Gutachter und Prüfer solcher Promovenden einzusetzen. Die meisten Hochschulgesetze sehen das inzwischen auch vor.

F&L: Welche Folgen hat die empirische Vielfalt unterschiedlicher Ausprägungen von Hochschulmodellen innerhalb wie jenseits der gesetzlichen Kategorie Universität für die Universität. Ist sie immer noch eine "Leitinstitution" oder wird die Idee der Universität durch die Vielfalt der neuen Ansprüche auf ihren Namen eher entwertet?

Manfred Prenzel: Wir müssen hier die Empirie von der Normativität unterscheiden. Die empirische Vielfalt von Hochschulmodellen hat der Rolle der Universität als normierende Leitinstitution bisher wenig anhaben können. Hochschultypen, Gesetze und Systematiken beziehen sich weiterhin in analogiebildender oder abgrenzender Weise auf die Universität. Dabei wird etliches in den Begriff "Universität" hineingedeutet, was viel mit Status, Reputation und anderen symbolischen Zuschreibungen zu tun hat.

Diese Statusdifferenz betrifft sowohl die Lehrenden wie auch die Absolventen (etwa durch das Prestige von Abschlüssen), und sie geht mit realen Strukturmerkmalen einher (Rechte, Finanzmittel, Forschungszeit und Forschungsinfrastrukturen), die auch finanziert werden müssen. Gerade wegen dieser symbolischen Aufwertung hat die Universität in der Vergangenheit viele neu entstandene Hochschultypen integriert, deren Merkmale ursprünglich nicht zu ihrem Profil passten - man denke nur an Technische Hochschulen, Ein-Fach-Hochschulen, Fernuniversitäten.

Insofern wirkt sie als Leitbild eher entdifferenzierend. Das soll nicht heißen, dass die Universität als Leitbild ausgedient hätte, nur als umfassendes Leitbild für die Hochschulen des 21. Jahrhunderts reicht sie nicht mehr aus. Die Idee der Universität wird aber keineswegs dadurch entwertet, dass es neben ihr andere, erfolgreiche und nachgefragte akademische Institutionen gibt.

F&L: Wie sollte nach Ihrer Auffassung die Hochschullandschaft im Jahr 2030 aussehen?

Manfred Prenzel: Auch die Hochschullandschaft im Jahr 2030 wird durch Besonderheiten (und zugleich Stärken) des deutschen Wissenschaftssystems geprägt sein, also etwa durch ein Umfeld leistungsstarker außeruniversitärer Institute mit unterschiedlichen Missionen.

Allerdings werden meiner Einschätzung nach die Kooperationen zwischen Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen in Zukunft noch weiter ausgebaut und verstärkt werden.

Insgesamt erscheint mir eine entsprechend bunte und in sich ebenso differenzierte wie profilierte Hochschullandschaft als wünschenswert, die auch in wettbewerblichen Konstellationen eine hohe Dynamik entfaltet.

Das übergeordnete Ziel des Wettbewerbs sollte allerdings darin bestehen, die Qualität der Arbeit zu steigern, und zwar in allen Leistungsdimensionen, die der Wissenschaftsrat unterschieden hat, nämlich Forschung und Lehre sowie Transfer und Infrastruktur.

Ein produktiver Wettbewerb setzt eine auskömmliche Grundfinanzierung voraus, die jedoch durch Drittmittel deutlich verstärkt werden darf, um Anreize zu setzen und Stärken zur Geltung kommen zu lassen. Der Stellenwert von Wissenschaft wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen.

Ob unsere Gesellschaft die Bedeutung der Hochschullandschaft und des Wissenschaftssystems entsprechend wahrnehmen wird, dürfte aber weiter davon abhängen, ob sich die Hochschulen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind und diese erkennbar wahrnehmen.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2015

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