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Über Deutsch als Wissenschaftssprache

Von Ulrich Ammon

Die Rolle der deutschen Sprache in der weltweiten Wissenschaft ist immer wieder Gegenstand intensiver Debatten. Dabei wird oft ihre dominierende Stellung zu Beginn des 20. Jahrhunderts extrem hervorgehoben und ihr Niedergang beklagt. Ist noch etwas zu retten oder muss man die Weltgeltung des Englischen akzeptieren?

Der frühere Bundeskulturminister Nida-Rümelin soll einmal bei einer Podiumsdiskussion gesagt haben, Deutsch als Wissenschaftssprache sei "tot". Offenbar hatte er damit aber vor allem die internationale Stellung von Deutsch gemeint. Tatsächlich drängt sich dieser Eindruck auf im Vergleich zu früheren, "vitalen" Zeiten, in denen Deutsch speziell in der Wissenschaft Weltsprache war, neben Englisch und Französisch. Seine weit über das deutsche Sprachgebiet hinausreichende Bedeutung ist vielfach belegt. So mussten, um nur wenige Beispiele zu nennen, in den 1930er Jahren US-Chemiker generell Lesefähigkeit in Deutsch nachweisen. In Skandinavien, den Niederlanden und osteuropäischen Ländern war Deutsch zudem wichtige wissenschaftliche Publikationssprache.

In Portugal waren Deutschkenntnisse für Juristen obligatorisch. Aber ebenso in Japan, wo dies außerdem für Mediziner galt und die Ärzte sogar ihre Krankenkarteien in deutscher Sprache führten. Diese Vergangenheit gehört zu unserem Thema, weil man ohne sie die Aufregung hierzulande über die heutige Lage, die Bemühungen um Rettung und die Hoffnung, dass noch etwas zu retten sei, nicht versteht und zudem übersieht, dass der Nimbus aus einstiger Zeit stellenweise fortlebt und unter anderem zum Deutschlernen motiviert.

Über Deutsch als Wissenschaftssprache

Stationen des Niedergangs

Nur kurz seien auch die markantesten Stationen und Hintergründe des Niedergangs angedeutet. Dieser setzte schon, noch kaum spürbar, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein, wurde dann aber beschleunigt durch den Krieg und seine Folgen: den wirtschaftlichen Ruin und den Boykott der Siegermächte gegen Deutsch als Arbeitsund Konferenzsprache internationaler Wissenschaftsorganisationen. Es folgten die Vertreibung und Ermordung unzähliger, nicht nur jüdischer Wissenschaftler in der Nazi-Zeit, der erneute Ruin im Zweiten Weltkrieg und der anschließende, teilweise bis heute anhaltende Braindrain.

Dabei war der Verlust an wissenschaftlicher Substanz und als Folge davon der Rückzug aus der Sprache besonders eklatant im Vergleich zur anglophonen Welt. Deren Führungsmacht, die USA, überflügelten Deutschland wirtschaftlich schon vor dem I. Weltkrieg und ließen es danach weit hinter sich. Sie förderten nachhaltig auch die Wissenschaften und verliehen damit Englisch als Wissenschaftssprache international Auftrieb. Weniger beachtete, aber wichtige Faktoren, neben der Entwicklung der Universitäten, waren dabei der schon nach dem Ersten Weltkrieg beginnende Aufbau periodischer Bibliographien und im Weiteren dann Datenbanken, Zitatenindexe und Zeitschriften sowie später, in den 1960er Jahren, die Abschaffung der "foreign language requirements" an den Hochschulen. Diese Maßnahmen zwangen anderssprachige Wissenschaftler zur Hinwendung zum Englischen, wenn sie an der Spitzenforschung teilhaben wollten, deren Ruhm ihre Wirklichkeit womöglich noch übertraf.

Anteil an Publikationen weltweit

Ein grober, aber brauchbarer Indikator für die Entwicklung der internationalen Stellung der Wissenschaftssprachen ist ihr Anteil an der weltweiten Gesamtzahl wissenschaftlicher Publikationen. Unterschiedliche Berechnungen konvergieren weitgehend im Ergebnis. Das Bild, das sie liefern, wird von anderen Indikatoren bestätigt, z.B. der Häufigkeit, mit der wissenschaftliche Texte verschiedener Sprachen zitiert werden.

Für die Naturwissenschaften erlauben die Quellen einen recht tiefen historischen Rückblick (Abb. 1). Wie man sieht, war Deutsch bis ins erste Viertel des 20. Jhs. ungefähr gleichrangig mit Englisch, wobei die Zahlen um den Ersten Weltkrieg zugunsten von Deutsch verzerrt sein können. Auch Französisch hatte einen ähnlichen Rang. Beide Sprachen, Deutsch und Französisch, verlieren dann kontinuierlich an Boden. Im Gegenzug steigt der Anteil von Englisch stetig und liegt heute bei über 90 Prozent. Deutsch und Französisch erreichen dagegen kaum noch ein Prozent Weltanteil. Allerdings weisen diverse Untersuchungen nach, dass die neueren Zahlen den Anteil von Englisch überzeichnen, bedingt dadurch, dass die Datenbanken, auf die sich die Analysen stützen, ihren Standort in englischsprachigen oder zum Englischen hinneigenden Ländern (wie den Niederlanden) haben und dass sie die Standortsprache, neben Publikationen mit hohem Einflussfaktor, bevorzugen.


Jedoch sind die Datenbanken auch um ausgewogene Repräsentativität bemüht, um ihr Ansehen nicht zu gefährden. Jedenfalls rechtfertigen weder die früheren noch die heutigen Verzerrungen ernsthafte Zweifel an der übergreifenden Tendenz. Nicht-deutschsprachige Wissenschaftler publizieren heute nur noch ausnahmsweise auf Deutsch. Dagegen veröffentlichen deutschsprachige Wissenschaftler viel auf Englisch, und zwar vor allem solche Erkenntnisse, die ihnen bedeutsam erscheinen. Der Hang zum Englischen ist besonders ausgeprägt in den Naturwissenschaften, und zwar mehr noch in den theoretischen (z.B. Biologie) als in den angewandten (z.B. Agrarwissenschaft), da letztere auch Laien ansprechen, deren Englischkenntnisse zweifelhafter sind.

In den Sozialwissenschaften ist die Neigung zum Englischen weniger entwickelt. Dies liegt nicht zuletzt an den Themen, die häufiger auf die eigene Gesellschaft abzielen und weniger universal sind. Leider lassen sich die weltweiten Publikationsanteile in den Sozialwissenschaften bislang nur für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg einigermaßen repräsentativ ermitteln, da es an früheren bibliographischen Datenbanken mangelt. Abb. 2 zeigt, dass der Anteil des Deutschen in den Sozialwissenschaften weniger dramatisch schrumpft und mit rund sieben Prozent, ähnlich dem Anteil des Französischen, noch heute beachtlich ist, wenngleich Englisch auch hier schon stark vorherrscht.

Über Deutsch als Wissenschaftssprache
Die Geisteswissenschaften sind noch weniger anglophon als die Sozialwissenschaften. Mehr als durch die Themen ist dies, wie teilweise schon bei den Sozialwissenschaften, bedingt durch die Verflechtung der Wissenschaftssprache mit der Gemeinsprache, was die eindeutige Übersetzung und die Umsetzung stilistischer Ansprüche in eine Fremdsprache erschwert. Allerdings darf bezweifelt werden, dass geisteswissenschaftliche Erkenntnisse an die Einzelsprachen, also z.B. das Deutsche, gebunden sind. Diese Auffassung wird zwar häufig vertreten, jedoch ist das Gegenargument besser fundiert, dass Formulierungen, die sich nicht einmal in terminologisch reiche ("ausgebaute") andere Sprachen wie z.B. Englisch übersetzen lassen (notfalls durch Import weiterer Termini und deren Erläuterung), unter gedanklicher Unklarheit leiden. Vor allem in den Geisteswissenschaften besteht die Gefahr der Provinzialisierung oder der dauerhaften Sprachnachteile nicht-anglophoner Wissenschaftler, die wohl kaum durch die gerne beschworenen kognitiven Vorteile der Mehrsprachigkeit aufgewogen werden.

Ermittlungen von Sprachenanteilen sind in den Geisteswissenschaften mangels weltweit repräsentativer bibliographischer Datenbanken schwierig. Es soll hier jedoch Nischenfächer geben, in denen Deutsch noch eine bedeutende internationale Rolle spielt. Allerdings fehlen dazu einschlägige Forschungen. Neben Anekdotischem existieren nur zweifelhafte Indizien wie die Anteile deutschsprachiger Titel an Empfehlungen für die Grundausstattung amerikanischer Hochschulbibliotheken (eigene Erhebung) oder Schätzungen aufgrund der aus Deutschland exportierten Fachliteratur (dankenswerte Mitteilung des Exportverlags Harrassowitz für 2008).

Diese Befunde kongruieren zu folgender Rangordnung der (sich teilweise überlappenden) Fächer, in denen Deutsch noch mehr oder weniger bedeutsame internationale Wissenschaftssprache ist (1 = höchster Rang):
1. Deutsche Sprache und Literatur;
2. Archäologie, Klassische Altertumswissenschaft, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Philosophie, Religionsgeschichte, Theologie;
3. Ägyptologie, Indogermanistik, Judaistik, Orientalistik, Slawistik.


Die Bedeutung in der Wissenschaftsgeschichte

Nicht übersehen werden sollte auch die Bedeutung von Deutschkenntnissen für die Wissenschaftsgeschichte. In vielen Fächern wurden bahnbrechende, sogar paradigmenbildende Texte ursprünglich auf Deutsch verfasst. Man denke nur an Namen wie Kant, Marx, Freud, Max Weber oder Einstein. Im Original kann man sie nur auf Deutsch lesen, was wiederum in den Geisteswissenschaften für dringlicher gehalten wird als in den Naturwissenschaften. Auf die große Tradition ist es zurückzuführen, dass Deutsch noch immer dem wissenschaftlichen Nachwuchs zum Lernen empfohlen wird. Jedenfalls nannten in den 1990er Jahren folgende Anteile nichtdeutschsprachiger Wissenschaftler Kenntnisse folgender Fremdsprachen für ihr Fach als wichtig: Englisch 83 Prozent, Deutsch 44 Prozent, Französisch 23 Prozent (Mehrfachnennungen möglich; eigene Befragung von Chemikern, Wirtschaftswissenschaftlern und Historikern in Frankreich, Japan, Niederlande, Polen, Russland, Ungarn und USA).

Die Zukunft

Für die Zukunft von Deutsch als internationale Wissenschaftssprache kann die um sich greifende Einführung englischsprachiger Studiengänge an deutschen Hochschulen folgenreich sein. Sie begann im Wintersemester 1997/98 unter Anleitung und mit finanzieller Unterstützung des DAAD. Diese "internationalen Studiengänge", die es übrigens in vielen Ländern und sogar in Frankreich gibt, sollen ausländischen Studierenden und Wissenschaftlern den Zugang zu deutschen Hochschulen erleichtern und Deutsche für die Globalisierung ertüchtigen. Sie versprechen nachhaltige Fortschritte für die internationale Kooperation und die Entwicklung der Wissenschaften. Daneben treten für Wissenschaftler andere Interessen leicht in den Hintergrund.

In diesem Fall sind es sprachliche, die neben den rein wissenschaftlichen ebenfalls Beachtung verdienen. Derzeit lernen weltweit noch ca. 14,5 Mio. 'Ausländer' (außerhalb des deutschen Sprachgebiets lebende Personen) Deutsch als Fremdsprache. Sie sind wichtige Freunde unseres Landes und Vermittler von Außenkontakten in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kultur. Zu den hauptsächlichen Motiven für das Deutschlernen zählt ein späteres Studium in Deutschland. Diese Motivation schwindet aber, wenn in Deutschland ganz in englischer Sprache studiert werden kann. Daher gefährden Studiengänge, die auf Deutschkenntnisse gänzlich verzichten, das Deutschlernen und sind ein Albtraum für die Abteilungen von Deutsch als Fremdsprache im Ausland. Diese Einsicht spricht auch aus dem kürzlichen "Memorandum zur Förderung des Deutschen als Wissenschaftssprache" des DAAD (www.daad.de).

Dagegen sind Studiengänge, die zwar den Einstieg auf Englisch ermöglichen, aber im weiteren Verlauf Deutschkenntnisse verlangen, weniger problematisch. Sie wirken ähnlich wie geforderte Lateinkenntnisse, die man zur Entlastung besser schon vor dem Studium erwirbt. Solche Studiengänge könnten der deutschen Sprache teilweise sogar neue Lerner zuführen, Spätentschlossene oder von angelsächsischen Hochschulen Abgewiesene, die dann im weiteren Verlauf des auf Englisch begonnenen Studiums Deutsch lernen. Neuere Untersuchungen belegen zudem, dass Auslandsstudierende oft von sich aus Deutsch lernen möchten, für den hiesigen Alltag und als Zusatzqualifikation für den späteren Beruf, aber kein geeignetes Angebot erhalten. Der Förderung von Deutsch als - teilweise auch noch internationale - Wissenschaftssprache wäre am besten gedient, wenn die internationalen Studiengänge hinführen würden zum Besuch auch deutschsprachiger Lehrveranstaltungen.

Eine Fassung des Artikels mit Literaturhinweisen kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre angefordert werden.


Über den Autor
Ulrich Ammon ist emeritierter Professor der germanistischen Linguistik mit dem Schwerpunkt Soziolinguistik an der Universität Duisburg-Essen.


Aus Forschung und Lehre :: Juni 2010

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