Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Über die Empfehlungen des Wissenschaftsrates

Von Felix Grigat

Nach Jahrzehnten schlechter Betreuungsrelationen und dramatischer Unterfinanzierung sollen Lehre und Studium an den Hochschulen nun in einem großen Wurf verbessert werden. Der Wissenschaftsrat fordert mehr Geld, die Veränderung der Personalstruktur und mehr Qualitätskontrolle. Eine kritische Analyse der Empfehlungen.

Über die Empfehlungen des WissenschaftsratsPeter Strohschneider, Wissenschaftsrats-Vorsitzender
Den Universitäten steht in den kommenden Jahren eine neue Welle von Bürokratie und Kontrolle, Didaktik und Verschulung bevor. Wissenschaft verliert für die Qualität eines Studiums immer mehr an Bedeutung und wird zu einem Kriterium neben anderen. Die Freiheit des einzelnen Hochschullehrers wird künftig auf Kosten der Einbindung in Fünf-Jahres- Pläne der Hochschulen und Fakultäten reduziert.

Die Lehrprofessur führt zu einem Zweiklassensystem der Vollzeitprofessoren und einer Erosion der klassischen und die Universität prägenden Einheit von Forschung und Lehre. Die Gruppenuniversität wird auf dem Wege des Qualitätsmanagements ein Comeback feiern, die Differenz zwischen Fachhochschulen und Universitäten weiter nivelliert werden. Dies sind einige der Implikationen der am 4. Juli 2008 in Berlin vom Wissenschaftsrat beschlossenen "Empfehlungen zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium".

Zu Recht kritisiert der Wissenschaftsrat die dramatische Unterfinanzierung der Hochschulen und fordert zusätzlich jährliche Mittel in Milliardenhöhe. Allerdings gesteht er zugleich ein, diese zu niedrig anzusetzen, da sie u. a. nur die aktuellen und nicht die vorhergesagten steigenden Studentenzahlen berücksichtigten. Verdienstvoll benennt und bemängelt der Rat die im internationalen Vergleich ungenügende Betreuungsrelation von Vollzeitprofessoren zu Studenten anhand von detaillierten Zahlen und mahnt für alle Fächergruppen insgesamt 3.969 zusätzliche Professuren an. Allerdings soll die Hälfte dieser neuen Stellen Professuren mit dem Schwerpunkt Lehre sein, die bereits im Vorfeld der Veröffentlichung der Empfehlungen zu heftigen Protesten geführt hatten. Der Wissenschaftsrat fordert weiter, das Kapazitätsrecht zu reformieren.

Professionelle Lehre

Die Lehre muss nach Ansicht des Rats ebenso professionalisiert werden, wie es die Forschung bereits ist. "Hochschullehrer aller Hochschularten sind als Lehrende weitgehend Autodidakten", heißt es in den Empfehlungen. Sie lernten das Lehren vielfach nur informell bei der Durchführung von Lehrveranstaltungen, auf Erfahrungsbasis und ohne geregeltes "professionelles Feedback". Dazu komme, dass es mehr Anreize und mögliche Reputationsgewinne gebe, sich in der Forschung zu engagieren. Faktisch nehmen nach Erkenntnissen des Wissenschaftsrats Lehrtätigkeiten auch bei Universitätsprofessoren in stark nachgefragten Fächern oft den Hauptteil der Arbeitszeit ein. "Die Lehre wird in der Selbstwahrnehmung zur "Belastung", Freiräume für Forschung hingegen zur 'Belohnung'." Für eine Hochschulkarriere seien bislang nachweisbare Lehrleistungen und Lehrkompetenzen von untergeordneter Bedeutung. "Erfolgreiche Forschung verhilft zu neuen Geldern, Mitarbeitern und besserer Ausstattung, großes Engagement in der Lehre hingegen führt häufig zu einer höheren Arbeitslast durch mehr Studierende und viele Prüfungen." Ein engagierter Einsatz in der Lehre werde selten in Form von Ausstattung, Mittelzuweisung, Gehaltszuschlag oder auch Anerkennung spürbar honoriert.

Mehr Geld

Nach Berechnungen des Wissenschaftsrats müssten Universitäten und Fachhochschulen jährlich insgesamt 1,104 Milliarden Euro zusätzlich zur Verbesserung von Lehre und Studium erhalten, "und zwar kontinuierlich und verlässlich, nicht in Form von Projektmitteln". Warum der Rat damit nur eine "sehr moderate Kostenschätzung" vorlegt, bleibt sein Geheimnis. So seien die Investitionsmittel für die Bau-Infrastruktur in "beträchtlichem Umfang" nicht berücksichtigt worden. Auch lege der Rat nur die aktuellen Studentenzahlen und nicht die aufgrund der KMK-Prognose von Oktober 2005 für die nächsten Jahre zu erwartenden steigenden Studienanfängerzahlen zugrunde. Darüber hinaus habe man nur Mindestanforderungen zur Verbesserung der Lehre beschrieben. Unabhängig davon müssten in den nächsten Jahren auch hohe Summen aufgewandt werden, um im Rahmen des Hochschulpaktes 2020 die notwendigen zusätzlichen Studienplatzkapazitäten bereitzustellen. Der Wissenschaftsrat erneuerte auch seine Forderung, allen Befähigten ein Studium zu ermöglichen und den relativen Anteil von Studienanfängern und Hochschulabsolventen weiter zu erhöhen. Dies steigere den Finanzbedarf allerdings noch einmal.

Mit der geforderten "moderaten" Erhöhung der Mittel für die Lehre würde Deutschland nach Ansicht des Wissenschaftsrats dennoch über soviel Geld wie andere Länder für das Studium verfügen können. Auch die Bolognareform könne damit qualitätsorientiert umgesetzt werden. Mit den Empfehlungen will das Gremium die "gegenseitige Blockade" zwischen Hochschulen und Politik angesichts jahrzehntelanger Unterfinanzierung und einer unzureichenden und zu langsamen Modernisierung der Lehre auflösen. Die "verhärtete Haltung": 'Kein Geld ohne Reformen - keine Reformen ohne Geld' könne so beendet werden.
Der geforderte Gesamtbetrag von 1,1 Milliarden Euro ergibt sich aus vier Einzelgruppen:

357,1 Millionen Euro pro Jahr, um die schlechten Betreuungsrelationen zu verbessern und die für die Einführung der gestuften Studienstruktur ("Bologna- Prozess") notwendige Beratung und Betreuung zu intensivieren. 480,6 Millionen Euro pro Jahr, um die Qualität der Lehre zu steigern durch Tutorien, Personal für Beratung von Studienanfängern, Fortbildungen u. a.

251,3 Millionen Euro pro Jahr für einen "Sachmittelzuschlag" für hochschuleigene Qualitätsmanagementsysteme für Lehre und Studium sowie eine angemessene Infrastruktur.

15 Millionen Euro in der Aufbauphase für Fachzentren für die Hochschullehre, die die fachspezifische Weiterentwicklung der Lehre unterstützen sollen.

Lehrprofessuren und neue Maßeinheiten

Ein Kernstück der "Empfehlungen" ist der Vorschlag, die Personalstruktur weiter zu differenzieren und inbesondere an den Universitäten zusätzlich Personal, auch bei Professuren, mit dem Tätigkeitsschwerpunkt Lehre bis max. zwölf Semesterwochenstunden einzustellen. Die Länder sollten künftig ihren Hochschulen ermöglichen, die für die Lehrverpflichtung und die mit ihr verbundenen Aufgaben erforderlichen Zeitressourcen des Lehrpersonals differenzierter als bisher zu bestimmen. Dazu sollten neue Maßeinheiten eingeführt und Bewertungsverfahren für den Lehraufwand entwickelt werden, die auch die Zahl der Studenten sowie den je nach Veranstaltungsform unterschiedlichen Vorbereitungs-, Betreuungs- und Prüfungsaufwand berücksichtigten. Besonderes Engagement in der Lehre müsse sich lohnen. Die Leistungen in der Lehre sollten grundsätzlich gleiches Gewicht haben wie Forschungsleistungen, um der derzeitigen "Reputationsasymmetrie" entgegenzuwirken.

Einheit von Forschung und Lehre

Obwohl der Wissenschaftsrat mit der Forderung der Lehrprofessur faktisch eine Erosion des Prinzips der Einheit von Forschung und Lehre beschlossen hat, warnt er zugleich vor einer Gefährdung dieser Einheit. Diesen Widerspruch meint er dadurch lösen zu können, dass er die Einheit von Forschung und Lehre nicht als Kernaufgabe dem einzelnen Hochschullehrer, sondern der Institution zuspricht. Die Einheit müsse "institutionell sichergestellt" werden und realisiere sich nicht erst darin, dass alle Professoren jederzeit und grundsätzlich zu gleichen Anteilen forschen und lehrten. Für die Hochschule "als Institution" sei der auf Wilhelm von Humboldt zurückgehende Leitgedanke der Einheit von Forschung und Lehre nach wie vor von "entscheidender Bedeutung", der allerdings "zeitgemäß" interpretiert werden müsse. Durch diese Bestimmung öffnet sich dem Rat dann ein weites Feld der Neuzuschreibung von ursprünglich individuell gedachten Kernbegriffen (z.B. "Freiheit") auf die Institution, die er als zu organisierenden Betrieb betrachtet. Die Kernaufgaben Forschung und Lehre dürfen nach Ansicht des Rats auch nicht nach unterschiedlichen Prinzipien (Lehre quantitativ und Forschung zunehmend auch qualitativ) "gesteuert" werden.

Der Wissenschaftsrat betont, Bildung und Ausbildung an den Hochschulen müssten immer auf der Grundlage von Wissenschaftlichkeit erfolgen. Diese wiederum beschreibt er dem Zeitgeist entsprechend "kompetenzorientiert": Prinzipien der Wissenschaftlichkeit seien fragende, kritische Haltung, Problem- und Methodenbewusstsein, Strukturierungsfähigkeit und Selbständigkeit. Forschungsorientiertes Lernen bedeute die Einbindung in Forschungsprojekte und eigener Forschungsbezug des Lehrenden. Dies werde dabei in Zukunft auf den verschiedenen Studienstufen und entsprechend dem Profil der Hochschule unterschiedlich realisiert.

Betreuungsrelation

Die Empfehlungen benennen deutlich die Expansion des Hochschulwesens seit den 1950er Jahren mit den weitreichenden Folgen des sog. "Öffnungsbeschlusses" von 1977: Von 1972 bis 2005 ist die Studentenzahl um fast das Dreifache, die Professorenzahl dagegen nur um das 1,8-fache angestiegen. Aus dieser verfehlten Kapazitätsplanung, in der ja über Jahre quantitative Zielsetzungen einer guten Betreuungsrelation und damit einem qualitativ hochwertigen Studium übergeordnet wurden, resultierten insbesondere an den Universitäten schlechte Betreuungsrelationen. Das hat Auswirkungen bis in die Gegenwart: im WS 2005/2006 kamen an den Universitäten und gleichgestellten Hochschulen knapp 60 Studenten auf einen hauptamtlichen Vollzeitprofessor, an den allgemeinen Fachhochschulen kamen dagegen 38,5 Studenten auf einen Professor.

Um die Betreuungsrelation zu verbessern, empfiehlt der Wissenschaftsrat differenziert nach Fächergruppen die Zahl der Professoren um durchschnittlich 10 bis 33 Prozent zu erhöhen. Derzeit betrage das Verhältnis von Studenten zu hauptberuflichen Professoren in den Sprach- und Kulturwissenschaften 76 zu 1, in den Rechts-, Wirtschafts-, und Sozialwissenschaften 104 zu 1, in Mathematik und den Naturwissenschaften 45 zu 1, in der Humanmedizin 30 zu 1, in den Ingenieurwissenschaften 54 zu 1. So schlägt der Wissenschaftsrat für die Sprach- und Kulturwissenschaften zusätzliche 1672 Professoren vor, die bei einem Durchschnittsgehalt von 90.000 Euro (ohne Folgekosten für Personal und Ausstattung) im Jahr 150,5 Millionen Euro kosten und zu einer Betreuungsrelation von 45,7 zu 1 führen würden. Für alle Fächergruppen insgesamt fordert er 3.969 zusätzliche Professuren. Die Hälfte davon sollten Professuren mit dem Schwerpunkt Lehre sein. Auf diese Weise ließe sich auch das jährliche Angebot an Deputatsstunden kostenneutral nochmals erhöhen.

Zeitbudget der Hochschullehrer

Der Zeitaufwand der Hochschullehrer und wissenschaftlichen Mitarbeiter für die Lehre und die damit verbundenen Verwaltungsaufgaben ist nach Erkenntnissen des Wissenschaftsrats in vielen Fällen so groß, dass entweder die Forschungstätigkeit beeinträchtigt wird oder die Realisierungschancen guter und effektiver Lehre selbst eingeschränkt werden. Die Gründe lägen an der zu großen Zahl Studenten, der unangemessenen Infrastruktur sowie auch in "zu geringem Engagement und zu geringer Lernbereitschaft" der Studenten.

Kompetenzorientierung

Wie die aktuelle Studienreform in Verbindung mit dem Bologna-Prozess stellen auch die "Empfehlungen" die Studenten und die von ihnen zu erlernenden Kompetenzen in den Mittelpunkt und nicht das Lernen von Inhalten. Sie konzentrieren sich auf die Förderung von selbstorganisiertem und aktivem Lernen. Dies verlange insgesamt eine intensivere Betreuung und Beratung der Studenten "als dies heute unter den Bedingungen stark nachgefragter, überlasteter Fächer und mitunter auch unzureichend vorgebildeter Studienanfänger" möglich sei. Allerdings gesteht der Wissenschaftsrat ein, dass bislang für das zentrale Kriterium der "Kompetenz" kein Verfahren zur Messung entwickelt worden sei und deshalb auch keine validen Daten über die Ergebnisse des Studiums zur Verfügung stünden. Der Wissenschaftsrat forciert also (wie auch die Hochschulrektorenkonferenz) den massiven Umbau von Lehre und Studium mit Bezug auf ein Kriterium, das mehr einem Irrlicht als einem Leitstern gleicht.

Wissenschaftlichkeit

Für den Wissenschaftsrat ist Wissenschaftlichkeit nicht das alleinige Kriterium für die Qualität eines Studiums. Qualität an den Hochschulen sei "komplex, multidimensional und multifunktional". Die verschiedenen Interessen von Studenten und Arbeitgebern, von Hochschullehrern, von Staat und Geldgebern sowie von Politik und Öffentlichkeit seien keine sich "wechselseitig ausschließenden Partikularinteressen" und müssten miteinander verbunden werden - was nach der Quadratur des Kreises klingt. Die Einübung wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens bilde dabei allerdings ein "unverzichtbares Prinzip jeglichen Studierens", Wissenschaftlichkeit das Moment, das ein Hochschulstudium von anderen Ausbildungs- und Bildungswegen unterscheide. Seine Anwendung stelle sicher, dass Reflexionskompetenz und Urteilsvermögen sowie fundierte Fach- und Methodenkenntnisse vermittelt würden.

Qualitätsbewertung

Der Wissenschaftsrat empfiehlt, im gesamten Hochschulsystem ein umfassendes Kontrollsystem, genannt: "Praxis der Transparenz und der Rechenschaftslegung" ("accountability"), über Leistungen und Leistungsfähigkeit in Studium und Lehre zu entwickeln und zu etablieren. Auf mittlere und lange Sicht müsse die Qualität von Studium und Lehre bewertet werden. Erschwert werde die Qualitätsbewertung derzeit durch eine noch ungenügende Datenlage der Hochschulstatistik und Hochschulforschung. Diese Defizite stellten ein "ernstes Problem" dar. Der Wissenschaftsrat sieht daher insgesamt "großen Bedarf", die Qualitätsbewertung zügig weiterzuentwickeln und die empirische Bildungsforschung sowie die Hochschulforschung verstärkt zu fördern.

Fünf-Jahres-Plan

Der Aufbau eines Qualitätsmanagements ist aus Sicht des Wissenschaftsrats eine Aufgabe der Hochschulleitung und der Fakultäten. Dabei fordert er als Maßstab für die jeweiligen Qualitätsentwicklungen einen "strategischen Plan", der die Zielsetzungen des Fachbereichs für einen Zeitraum von "drei bis fünf Jahren" umfassen solle.

Es gehe dabei um einen "Regelkreis", in dem die Resultate mit den strategischen Zielsetzungen der Hochschule abgeglichen würden. Eine "breite Beteiligung" aller Mitgliedergruppen der Hochschule, am Qualitätsmanagement, insbesondere auch der Studenten, sei erwünscht - eine Wiedergeburt der Gruppenuniversität, von der man sich aufgrund ihrer Ineffizienz in den neunziger Jahren gerne verabschiedet hatte.

Es verwundert nicht, dass das Qualitätsmanagement wiederum im Rahmen der Systemakkreditierung selbst extern begutachtet werden soll. Auch die Lehrevaluationen werden nach den Vorstellungen des Wissenschaftsrats durch die Einführung der Systemakkreditierung neues Gewicht erhalten. Ein wenig Realitätssinn blitzt dann doch bei diesen Planungen auf: System-und Programmakkreditierung sowie Lehrevaluation müssten mit einem "angemessenen Verhältnis von Aufwand und Nutzen" eingesetzt werden, heißt es in den Empfehlungen.

Wenn mehrere Jahrzehnte Reformgeschichte an Universitäten etwas gezeigt haben, dann, dass dies zu weiterer Bürokratie führen wird, die wiederum stets anregend auf die "Reformlist im Kleinen" bei Hochschullehrern und Wissenschaft gewirkt hat.


Autor: Felix Grigat
Felix Grigat, M.A., ist verantwortl. Redakteur von Forschung & Lehre.

Aus Forschung und Lehre :: August 2008

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote