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Über die Verleihung des Leibniz-Preises, Freiheit und Wissenschaft

Von Heinrich Detering

Einer der renommiertesten Wissenschaftspreise ist der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Für die Auszeichung, die mit 2,5 Millionen Euro verbunden ist, dankte Heinrich Detering in einer eindrücklichen Rede, die auch kritische Schlaglichter auf die Lage der Forschung, des Studiums und der Universität warf.

Über die Verleihung des Leibniz-Preises, Freiheit und Wissenschaft© Universität GöttingenProf. Dr. Heinrich Detering
Unter den unwiderstehlich schönen Sätzen, in denen Gottfried Wilhelm Leibniz seinen mühsam errungenen und zäh verteidigten Optimismus formuliert hat, findet sich auch eine Bemerkung über das Verhältnis von wissenschaftlicher Suche nach Wahrheit und menschlichem Glück. Nachdem Leibniz zunächst alle denkbaren Anfechtungen, Schicksalsschläge und Rätsel des Lebens angesprochen und ihnen seine tiefe Überzeugung von der besten aller möglichen Welten und vom stetigen Fortschritt des Universums entgegengesetzt hat, versichert er seinen Lesern, "dass diese Gedanken nicht nur angenehm und tröstlich, sondern auch durchaus wahr sind. Und ich meine, dass überhaupt nichts wahrer ist als die Glückseligkeit und nichts beglückender und süßer als die Wahrheit."

Enorme Freiheit zu Forschung und Lehre

Auch wenn manche von uns ansonsten mit der Zustimmung zu Leibniz' Emphase zögern mögen - wie könnten wir ihr an diesem Tag nicht zustimmen? Wenn die wissenschaftliche Suche nach der Wahrheit, zu der sich beispielsweise an der Universität Kiel alle frisch Promovierten in einem feierlichen Akt bekennen müssen, tatsächlich etwas ist, was unsere unterschiedlichen Disziplinen von der Mathematik bis zur Meeresökologie, von der Aidsforschung bis zur Literaturgeschichte verbindet, und wenn diese Wahrheitssuche dann auch noch mit den eindrucksvollen Geldbeträgen und der großen Ehre des nach Leibniz benannten Preises ermutigt und befördert wird: dann werden selbst die zähesten Pessimisten zumindest für einen Augenblick finden, dass wahrhaftig "überhaupt nichts wahrer ist als die Glückseligkeit und nichts beglückender und süßer als die Wahrheit" - oder jedenfalls die Suche nach ihr. Der Leibniz-Preis ermöglicht jedem und jeder von uns eine enorme Freiheit zu Forschung und Lehre; tatsächlich fast ohne Beschränkungen dürfen wir in den nächsten Jahren erforschen, was und wie es uns beliebt. Der immense Geldvorrat wird zwar von unterschiedlicher Reichweite und Dauer sein für die unterschiedlichen Fächer (eine Biologin wird mehr Geld für Großgeräte benötigen als ein Sozialwissenschaftler), aber er bleibt doch in jeder Hinsicht für jede und jeden von uns: exorbitant. Für einige von uns, vermutlich vor allem für die Natur- und Lebenswissenschaftler, bedeutet er eine enorme Entlastung von der bedrängenden Suche nach Drittmitteln.

Alltagswirklichkeit Drittmittelzwang

Für Geistes- und Kulturwissenschaftler wie mich selbst bedeutet er zuerst die Entlastung von einer spezifischen Form des Zwangs zur Beschaffung von Drittmitteln. Diese ehrenvolle Preisverleihung mag Anlass geben, für einen Augenblick aus dem feierlichen Ausnahmezustand auf diese Alltagswirklichkeit hinauszublicken, die wir gut kennen und die ja für diejenigen, die nicht dieses Preises teilhaftig werden, unverändert so weitergeht. Ich denke da, meine eigene Fakultät im Blick, etwa an die vom Drittmittelzwang erzeugte, fortwährende Suche nach Themen, die möglichst viele Kollegen verbinden könnten, und deren Ergebnis nur allzu leicht nicht die dringendste Forschungsaufgabe ist, sondern der kleinste gemeinsame Nenner. An die zur Gewohnheit gewordene, vorauseilende Vermeidung von Themen und Fragen, die zwar dem einen oder der anderen selbst die allerwichtigsten zu sein scheinen, zugunsten dessen, was die größtmögliche Zahl von Mitwirkenden sichern soll. An die Suche nach Tagungsthemen nicht danach, was einem in der eigenen Forschung am Herzen liegt, sondern danach, ob was die erforderliche Reputation einbringt und die Geldmittel, die damit nicht mehr Instrument sind, sondern Zweck. Und ich denke schließlich an den von fast allen Antragsverfahren ausgehenden Zwang, schon vor Beginn der Arbeiten festzuhalten, was an ihrem Ende herausgekommen sein wird; "zu erwartende Ergebnisse" heißt diese Rubrik meistens und verlangt (sicherheitshalber) Auskünfte, deren Möglichkeit den Antrag eigentlich überflüssig machen müsste. Denn wüsste man die Antwort schon, brauchte man die Frage ja eigentlich gar nicht mehr zu stellen.

Der Exzellenzwettstreit

Immer wieder ist in den letzten Monaten in der öffentlichen Diskussion die Rede davon gewesen, dass nichts der angestrebten wissenschaftlichen Exzellenz so im Wege stehe wie eben der tägliche, unablässige Wettstreit um sie. Gewiss ist das übertrieben. Und viele von uns haben ja selbst erlebt, wie viel Belebung, Erfrischung, Erneuerung der Exzellenz- Wettstreit erbracht hat, wie viel Öffnung der Fächer und Fakultäten füreinander, auch der Natur- und Geisteswissenschaften füreinander, wie viel neue und überraschende Perspektiven. Und doch, gibt es das nicht auch: die allmähliche Ersetzung der wissenschaftlichen Textproduktion durch die Verfertigung von Antragsprosa, Gutachtenprosa und die Lyrik der wissenschaftstheoretischen Präambeln?

Wenn der Antrag eines erfolgreichen geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereichs auf eine Verlängerung um vier Jahre nicht weniger umfasst als achthundert eng bedruckt Seiten, also deutlich mehr als den Textumfang von Ilias und Odyssee zusammen - wieviel Denkenergie, wieviel Schreiberfleiß müssen da in den Gruppen- und Plenumssitzungen aufgewendet worden sein, die der eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit an den Forschungsaufgaben selbst entzogen werden mussten! Wenn ich diese Sorge um Fehlentwicklungen in diesem feierlichen Augenblick ausspreche, dann tue ich das aus der Perspektive eines unverhofft Beschenkten, der diese Sorge für seine eigene Arbeit auf einmal gar nicht mehr haben muss, weil er selbst über einen SFB-ähnlichen Etat frei verfügen darf, und der sein Glück noch gar nicht fassen kann.

Vertrauensvorschuss

Denn der Leibniz-Preis dreht diese Sachverhalte mit einemmal um, jeden einzelnen der genannten, und stellt sie wunderbarerweise vom Kopf auf die Füße - jedenfalls für die Glücklichen, die er trifft: uns. Über die Maßen großzügig gibt er uns auf bloßes Vertrauen hin, worum wir nun nicht mehr bitten müssen. Nicht allein das schöne Geld, sondern auch die Möglichkeit, mit seiner Hilfe ins Offene zu gehen, in die Fragen, deren Antworten wir noch nicht kennen, auf Wegen, auf deren Ziele wir selbst ungeduldig neugierig sind, und unter Arbeitsumständen, die uns selbst als die zweckmäßigsten erscheinen. Dieser Preis unterstellt mit einem wahrhaft Leibniz'schen Optimismus, die mit ihm Ausgezeichneten wüssten schon, welche wichtigen neuen Fragen sie stellen, wie und mit wessen Hilfe sie nach einer Antwort suchen und wieviel Geld sie dafür jeweils ausgeben wollen. Mit anderen Worten: Er unterstellt uns allen, den Preisträgern, eine Fähigkeit zur Freiheit, um deren so großzügige Anerkennung unsere Kollegen uns, zurecht, beneiden. Dieser Preis arbeitet mit einer ungeheuren und wunderbaren Fiktion: mit der Freiheit der Wissenschaft in Lehre und Forschung. Man kann es wahrhaftig nicht dankbar genug sagen, "dass diese Gedanken nicht nur angenehm und tröstlich, sondern auch durchaus wahr sind. Und ich meine, dass überhaupt nichts wahrer ist als die Glückseligkeit und nichts beglückender und süßer als die Wahrheit."

Erinnerungen an die Studienzeit

Diese wissenschaftliche Freiheit fängt ja früh an, so wie das Glück über sie auch. Erlauben Sie, dass ich für einen kurzen Augenblick nur für mich allein spreche. Ich habe in den letzten Wochen oft an meine Studienzeit gedacht. Zum Beispiel an das dritte Göttinger Semester in der Germanistik und der Theologie; es ging um Kafka und Faust, um Melville und Raabe, um Säkularisation als sprachbildende Kraft, um Luthers Rechtfertigungslehre und um Leibniz und die Theodizee. Es ging um die ersten und die letzten Dinge, mit einer Neugier, einer dringlichen Lernbereitschaft, einem Willen zum Wissen, wie er eigentlich nie hätte nachlassen sollen.

Eine große Bereitschaft zur Verehrung unserer akademischen Lehrer mischte sich hinein und der Entschluss, selbst deren Lehrveranstaltungen ausfallen zu lassen, wenn wir gerade über selbstgeschriebene Texte debattieren mussten oder über die Willensfreiheit, oder wenn wir einander die Schallplatten vorspielten, die endlich den Wettstreit zwischen Bob Dylan und Neil Young entscheiden sollten. Es war die entscheidende Zeit meiner Ausbildung, es waren die wunderbaren Jahre. Ich habe damals mit den Freunden - im Studium, im Vor- und Nacharbeiten der uns gemeinsam bewegenden Fragen unseres Studiums - mehr gelernt als in den strikt durchgeplanten Zeiten des Examens. Unter anderem deshalb begann mir damals klar zu werden, dass etwas in dieser Art meine künftige Lebensform sein sollte, und das hieß für mich: dass ich selbst Wissenschaftler werden wollte. Ich stünde heute nicht hier, wenn es damals dieses studentische Leben nicht gegeben hätte. Und verbringe nun, im Alltag, viel Zeit damit, am selben Ort Studierende zu betreuen, deren Studienplan rabiater durchgerechnet ist als der Fahrplan der Deutschen Bahn und der keine Verspätungen duldet, keine waghalsigen und nur probeweise vertretenen Thesen und schon gar keine offenen Fragen. Die Fragen, die sie mir in den Sprechstunden stellen, gelten weder Kafka noch Leibniz, sondern der Punktzahl, die deren Lektüre in drei Monaten erbringt. - Von Kollegen höre ich, man könne sich ja nun dank dieses Preises dem Alltag der modularisierten Studiengänge durch Flucht entziehen und der eigenen Freiheit leben. Noch schöner wäre es, die Freiheit wäre auch die Freiheit der Anderslebenden.

Geldsegen

Es wird denkbar Unterschiedliches sein, was wir mit dem Geldsegen anfangen. Und wir hoffen zuversichtlich, dass es in jedem Fall ein Segen sein wird, den dieses Geld allen Beteiligten einbringt. Wir werden die dringend benötigten Geräte für unsere Experimente anschaffen können. Wir werden den begabten Nachwuchswissenschaftlern, die wir bis jetzt nur in ihrer Suche nach Stipendien unterstützen konnten oder tatenlos ziehen lassen mussten, selber die Stellen geben können, auf denen wir sie längst schon sehen wollten. Wir werden uns die Partner für unsere Kooperationen nach ihrer Bedeutung für unsere Forschungsprobleme aussuchen dürfen. Lauter angenehme und tröstliche Gedanken, beglückend und obendrein auch noch wahr. Unsere Dankbarkeit, verehrte Damen und Herren, ist größer, als es sich in den wenigen Minuten einer Dankrede sagen lässt. Sie gilt all denen, ohne die wir heute nicht hier wären, den Kollegen und Studenten, den Angehörigen, Freunden und Partnern. Sie gilt der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Sie ist groß und tief und dauerhaft, und sie wird uns alle begleiten in diesen kommenden Jahren, in denen wir alles tun wollen, um mit diesem Kapital nach besten Kräften Zinsen zu bringen.

Über den Autor
Heinrich Detering lehrt Neuere deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Göttingen und ist Mitglied verschiedener Akademien der Wissenschaften. Träger des Leibniz-Preises 2009.

Aus Forschung und Lehre :: Mai 2009

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