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"Überfrachtet mit Nebensächlichkeiten"

VON FRIEDERIKE LÜBKE

Anstatt Grundlagen zu vermitteln, sind viele Studienfächer zu sehr an den Interessen von Professoren ausgerichtet, sagt der Hochschullehrer Manfred Hampe.

Bologna-Reform: "Das Chaos kommt erst noch"© Katrin Binner - TU DarmstadtManfred Hampe ist Professor für Thermische Verfahrenstechnik an der TU Darmstadt - er beantwortet die Frage, welche Zusatzqualifikationen im Studium sinnvoll sind
DIE ZEIT: An manchen Universitäten kann man heute nicht mehr einfach nur Maschinenbau studieren. Stattdessen muss man sich zwischen stark spezialisierten Studiengängen wie etwa Digitale Produktentwicklung oder Erneuerbare Energien entscheiden. Wie sinnvoll ist das?

Manfred Hampe: Auf der Masterebene mögen solche Spezialisierungen durchaus Sinn machen. Auf der Bachelorebene halte ich sie für völlig übertrieben. Es wäre besser, wenn es an den Unis nur wenige, dafür breit angelegte Studiengänge gäbe.

ZEIT: Warum?

Hampe: Nur so kann im Studium eine gute Grundlage fürs Berufsleben geschaffen werden. Nehmen wir das Beispiel Maschinenbau. In diesem Bereich hat ein Arbeitnehmer früher im Laufe seines Berufslebens vielleicht zweimal die Position gewechselt. Heute macht er das sechs- bis achtmal. Dafür braucht er die Fähigkeit, sich auf neue Situationen einzustellen. Und die erwirbt er am besten in einer breiten Bachelorausbildung. Doch die Unis und mehr noch die Fachhochschulen richten zu eng spezialisierte Modestudiengänge ein - in der Hoffnung, damit Studenten zu gewinnen.

ZEIT: Wie ist das möglich?

Hampe: Seit dem Jahr 2000 gibt es keine Rahmenstudienpläne mehr. Bis dahin hatten die Länder die wesentlichen Inhalte eines Studiums vorgegeben. Dann kam die Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem. Im Zuge der Reform wurden alle Studiengänge von den Hochschulen neu konzipiert. Dabei sind viele inhaltlich zu eng ausgelegt worden. Das war ein Fehler.

ZEIT: Wer ist daran schuld?

Hampe: So mancher Professor möchte gerne seinen eigenen Studiengang haben. Wenn die Fakultät sich dem nicht entgegenstellt, wird der eben eingerichtet.

ZEIT: Aber es kann doch nicht sein, dass jeder Professor sein eigenes Gärtchen pflegt und die Studenten das ausbaden müssen!

Hampe: Das müsste ja auch nicht sein. Es kommt eben darauf an, wer an einer Fakultät für die Entwicklung von Studiengängen verantwortlich ist. Ist da einer, der weiß, was er tut? Wenn man einen Studiengang reformieren oder von Grund auf neu aufstellen möchte, braucht man eine starke Persönlichkeit, die in einer Fakultät etwas durchsetzt - wenn notwendig, auch gegen Widerstände.

ZEIT: Wie sieht eine gute Studienreform aus?

Hampe: Die alles entscheidende Frage, die sich eine Fakultät dabei stellen muss, ist: Was soll der Absolvent können, wenn er die Hochschule verlässt? Oft wird aber nur gefragt: Welcher Stoff ist wichtig, was muss da rein? Dadurch wird ein Studiengang sehr schnell überfrachtet mit Nebensächlichkeiten, die irgendwelche Einzelpersonen für wichtig halten.

ZEIT: Gleichzeitig sollen Studenten während ihres Studiums immer mehr leisten. Sie sollen Sprachen lernen, ins Ausland gehen, mehrere Praktika absolvieren. Halten Sie es für sinnvoll, wenn solche Elemente in einen Studiengang eingeplant sind?

Hampe: Manche Praktika sehe ich kritisch. Ihr Zweck ist meistens nicht besonders klar, und die Qualität wird in vielen Fällen überhaupt nicht geprüft. Bei Pflichtpraktika müsste die Uni den Studierenden eigentlich einen Platz vermitteln, damit ein gewisses Niveau garantiert ist. Und wenn dafür Creditpoints vergeben werden, müsste die Leistung kontrolliert werden. Das alles kann eine Uni ehrlicherweise aber nicht leisten.

ZEIT: Praktika bringen also gar nichts?

Hampe: Doch, als Einblick in die Berufswelt sind sie sehr prägend und wichtig für die weitere Studienentscheidung. Aber an der Universität muss es ein gesundes Mittelmaß geben zwischen zu viel und zu wenig Praxisanteilen. Ich rate keinem meiner Studenten, ein sechs Monate langes Praktikum zu machen.

ZEIT: Das duale Studium, bei dem oft sogar eine ganze Ausbildung integriert ist, ist gerade stark nachgefragt.

Hampe: Die Kombination aus einem Studium und einer Ausbildung macht aus meiner Sicht keinen Sinn. Entweder wird jemand Ingenieur - oder Handwerksmeister. Beides zusammen ist schwierig.

ZEIT: Was halten Sie von integrierten Auslandsaufenthalten?

Hampe: Ich kann junge Menschen nur dazu ermutigen, eine Zeitlang im Ausland zu studieren. In der heutigen globalisierten Arbeitswelt kommt man ohne Auslandserfahrung nicht mehr gut zurecht. Sicher, man kriegt auch einen Job, wenn man nicht im Ausland war. Aber die Persönlichkeit wird durch einen Auslandsaufenthalt geprägt. Was ich sehr befürworte, ist ein Doppelabschluss an einer deutschen und einer ausländischen Universität.

ZEIT: Gibt es Qualifikationen, die noch nicht ausreichend im Studium vorkommen, wie zum Beispiel Soft Skills?

Hampe: Soft Skills lernt man am besten gleichzeitig mit inhaltlichen Dingen. Das geht gut in modernen Lehrformen, beispielsweise in Projektkursen. Dabei haben Studierende sehr viel Spaß und lernen aus eigenem Antrieb heraus. Das ist es ja, was wir Professoren eigentlich wollen: dass sich Studierende mit Freude und selbstbestimmt aneignen, was sie lernen wollen. Das ist ein wesentlicher Teil des humboldtschen Ansatzes.

ZEIT: Gilt der denn noch?

Hampe: Ja, klar gilt der noch. Nichts ist so modern wie der alte Humboldt! Dieses Element der Selbsttätigkeit ist so charakteristisch für eine deutsche Universität, das darf nicht verloren gehen. Menschen, die Studiengänge entwickeln, in denen Studenten keinen Freiraum für selbstbestimmtes Lernen haben, die haben etwas verkehrt gemacht.

Aus DIE ZEIT :: 08.05.2014

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