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Überwiegend positives Klima

Von Hubert Detmer und Moritz Metzler

Bereits zum vierten Mal veröffentlicht der Deutsche Hochschulverband Daten zu Berufungs- und Bleibeverhandlungen. Aufgrund von knapp 1 000 ausgewerteten Fragebögen bieten die Ergebnisse eine solide Basis für Ausstattungsmittelwerte und die Rahmenbedingungen der Berufungsverfahren.

Überwiegend positives Klima

Erst- und Mehrfachrufe/Beamter oder Angestellter

Das Verhältnis von Erstberufungen zu Mehrfachberufungen liegt bei 63 zu 37 Prozent. Diese Zahlen sind seit der ersten Erhebung im Jahre 2005 nahezu konstant. Im aktuellen Erhebungszeitraum (März 2009 bis Juli 2010). hat es aber eine Verschiebung zwischen den Entscheidungen Rufannahme oder Rufablehnung gegeben. Während bezogen auf den gesamten Erhebungszeitraum ca. 81 Prozent der Befragten den Ruf angenommen haben, lag diese Zahl zuletzt um 6 Prozent niedriger. Gewisse auch im Beratungsalltag zu verzeichnende Tendenzen hin zu unterschiedlichen Spielarten der "Hausberufung" (Tenure Track, Fast Track) sind auch hier erkennbar. Erfreulich ist das Verhältnis von Beamtenstatus zur Berufung in ein privatrechtliches Dienstverhältnis (93 zu 7 Prozent). Bedenklich ist freilich der kontinuierliche Anstieg der beamtenrechtlichen Ernennungen auf Zeit/auf Probe. Während der Gesamt-Durchschnittswert gegenwärtig bei ca. 15 Prozent liegt, sind im aktuellen Erhebungszeitraum schon 17 Prozent zu verzeichnen (2005/2006 lag diese Zahl lediglich bei 11 Prozent).

Zügigere Verhandlungen

Die Berufungsverhandlungen können kaum zügiger durchgeführt werden: Zwischen Ruferteilung und Finalisierung der Berufungsverhandlungen liegen im aktuellen Erhebungszeitraum in 89 Prozent aller Fälle weniger als sechs Monate.
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Auch die Gesamtdauer des Berufungsverfahrens wurde deutlich reduziert. Während 2006 gerade drei von zehn Verfahren innerhalb eines Jahres abgeschlossen werden konnten, liegt dieser Wert im aktuellen Erhebungszeitraum bei schon 45 Prozent. Dies bestätigt die Beobachtung, dass Universitäten ihr Berufungsgeschäft heute kompetitiver denn je verstehen.

Lob und Kritik

Die subjektiven Erfahrungen der Befragten zu den Stärken und Schwächen des Berufungsverfahrens vermitteln eine geradezu klassische Paradoxie. Kritisiert werden regelmäßig die zu lange Dauer des Verfahrens (bis zur Ruferteilung), die Intransparenz, der Mangel an Verhandlungsspielraum, ein bürokratisches und unflexibles Verfahren sowie unklare Zuständigkeiten. Als Stärken des Berufungsverfahrens werden hingegen beinahe ebenso häufig Zügigkeit, Transparenz, Gestaltungs- und Verhandlungsspielraum, fairer Wettbewerb und - last but not least - die Unterstützung durch zukünftige Kollegen genannt. Auch das Verhandlungsklima wird nach wie vor als überwiegend positiv beurteilt. Im aktuellen Auswertungszeitraum bewerten knapp drei Viertel aller Befragten das Verhandlungsklima als gut oder sehr gut. Die mittelmäßigen oder schlechten Bewertungen liegen bei ca. 20 Prozent. Bei den positiven Bewertungen hat nochmals eine Verschiebung nach oben stattgefunden. Während bislang die guten Bewertungen deutlich überwogen, halten sich nun die Note "sehr gut" und die Note "gut" in etwa die Waage.

Reisekostenerstattung

Negativ zu verzeichnen ist der Umstand, dass im aktuellen Zeitraum die Zahl der Verhandler, die keine Reisekostenerstattung erhielten, angestiegen ist. Bezogen auf den gesamten Erhebungszeitraum (seit 2005) erhielt in etwa jeder zweite der zu Berufenden Reisekostenerstattung; im aktuellen Zeitraum liegt dieser Wert nur noch bei 42 Prozent.

Fächerspezifische Ausstattung

Auch im aktuellen Auswertungszeitraum waren die fächerspezifischen Ausstattungsmerkmale das zentrale Element der Befragung. Wichtig wäre gerade deshalb (auch im Sinne der "Solidargemeinschaft" aller Professoren) in Zukunft eine noch wesentlich höhere Rücklaufquote der nach Abschluss der Verhandlungen von Berufenen auszufüllenden Fragebögen. Die Bandbreite der bisweilen sehr heterogenen Disziplinen wird in der Auswertung in Fächergruppen zusammengefasst. Diese unterteilen sich in Geisteswissenschaften, Rechtswissenschaften, Mathematik/Naturwissenschaften, Medizin, Ingenieurwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften. Für den Bereich der durchschnittlich ausgehandelten Investitionsmittel ergeben sich im aktuellen Auswertungszeitraum folgende neue Werte in Euro (langfristiger Durchschnittswert in Klammern):

Geisteswissenschaften 48 620 (51 520)
Rechtswissenschaften: 51 500 (42 490)
Mathematik/Naturwissenschaften: 239 960 (258 260)
Medizin: 220 820 (230 510)
Ingenieurwissenschaften: 371 360 (293 760)
Wirtschaftswissenschaften: 50 690 (53 610)

Vergleicht man die Werte der aktuellen Auswertungsperiode mit den zurückliegenden Auswertungen, so zeigen sich zum Teil erhebliche Schwankungen (Graphik 1). Negativ stellt sich vor allem die Entwicklung der Investitionsmittel für die Fächergruppe der Geisteswissenschaften und im Bereich der Mathematik/ Naturwissenschaften dar. Die gewährten Investitionsmittel liegen für die Geisteswissenschaften im jetzigen Auswertungszeitraum um ca. 14 000 Euro unter dem des zuletzt ermittelten Durchschnittswerts. Im Bereich der Mathematik/Naturwissenschaften sind sogar "Verluste" in Höhe von gut 40 000 Euro im Vergleich der beiden letzten Auswertungszeiträume zu verzeichnen. Die Ingenieurwissenschaften konnten hingegen nochmals zulegen; in diesem Zeitraum um erstaunliche ca. 90 000 Euro. Die Wirtschaftwissenschaften sind hingegen schon traditionell sehr konstant. Der Wert der gewährten Investitionsmittel bewegt sich hier dauerhaft um 50 000 Euro. Die beschriebenen Schwankungen in den einzelnen Fächergruppen wirken sich freilich im langfristigen Mittel nur marginal aus.
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Bei den Geisteswissenschaften liegen die Werte für die übrigen Ausstattungsmerkmale (laufende Mittel, wissenschaftliches und nichtwissenschaftliches Personal sowie Räume) in der aktuellen Erhebung allerdings leicht über den langfristigen Mittelwerten. So wurden aktuell laufende Mittel in Höhe von 15 480 Euro im Jahresdurchschnitt gewährt, während die Zahl im Gesamtschnitt der Erhebungszeiträume bei 12 010 Euro liegt (Grafik 2). Ganz anders ist die Situation allerdings in der der Mathematik und den Naturwissenschaften, wo abgesehen vom nichtwissenschaftlichen Personal, nur Einbußen bei einer Gegenüberstellung aller Auswertungen zu der gegenwärtigen Erhebung zu verzeichnen sind. Beispielhaft seien die laufenden Mittel genannt: 16 720 Euro aktuell stehen 23 620 Euro im langfristigen Durchschnitt gegenüber. Am konstantesten sind auch in allgemeiner Hinsicht Ausstattungswerte in den Wirtschaftswissenschaften. Die langfristigen Mittelwerte betragen 53 610 Euro Investitionsmittel, 11 800 Euro laufende Mittel, 2,26 wissenschaftliches Personal, 0,65 nichtwissenschaftliches Personal und 5,19 Räume.

Personal und Räume

Der langfristige Mittelwert, aber auch der aktuelle Mittelwert in puncto wissenschaftliches Personal ist in Grafik 3 dargestellt. Im Bereich des nichtwissenschaftlichen Personals ist nach wie vor festzuhalten, dass - grob skizziert - die Fächergruppen Geisteswissenschaften, Rechtswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften jeweils eine "gute" halbe Stelle erhalten, die Fachgruppe Mathematik/ Naturwissenschaften ca. 1,5 Stellen, während Medizin- und Ingenieurwissenschaften hier jeweils bei ca. 2 Stellen liegen. Mit der Gesamtzahl des Personals korrespondiert die Anzahl der Räume. Im langfristigen Mittel verfügen die Vertreter der Geisteswissenschaften über die wenigsten Räume (ca. 3,5) und die Ingenieurwissenschaften über die meisten (ca. 7,5).

Raueres Klima

Mancherorts sind, was Berufungsverfahren und Berufungsverhandlungen gleichermaßen betrifft, Wildwest-Manieren eingezogen. Der Wettbewerb zwischen den Universitäten wird schärfer - die Verhandlungsführung im Einzelfall rauer. Hierzu gehören auch übereilte und häufig zu kurze Fristsetzungen. Das vor einigen Jahren zu Recht thematisierte Desiderat der Verhandlungszügigkeit ist auf inzwischen sehr "hohem/gutem" Niveau ausgereizt. Nicht scharf genug kritisiert werden kann die Unsitte, Vorverhandlungen zu führen, um zu eruieren, ob einem von der Fakultät Ausgewählten überhaupt ein Ruf erteilt wird. Zu diesen Unsitten gehören aber auch individuelle Sperrvereinbarungen unterschiedlichster Spielarten. Auf der einen Seite ist dies als Reaktion der Universitäten darauf zu verstehen, dass das Berufungsgeschäft wettbewerblicher geworden ist, auf der anderen Seite sind derartige Verfahrensweisen ebenso wie der inflationäre Umgang mit Short-List-Verfahren oder Fast Tracks kritikwürdig.

Vor diesem Hintergrund bleibt abzuwarten, ob die in den letzten Jahren deutlichen Erfolge bei der Verhandlungskultur und dem Verhandlungsklima auch in den nächsten Jahren noch Bestand haben werden. Es muss sehr sorgfältig beobachtet werden, ob Fälle, in denen Professuren gar nicht mehr ausgeschrieben werden (Tenure Tracks, Fast Tracks oder Short Lists) eine restriktiv gehandhabte Ausnahme bleiben. Ist dies nicht der Fall, wird der Berufungsmarkt für viele hochqualifizierte Wissenschaftler partiell verschlossen. Dies kann nicht im Sinne der Universitäten sein. Letztlich geht es immer um die Gewinnung der besten Köpfe!


Über die Autoren
Hubert Detmer, Rechtsanwalt, ist promovierter Jurist und stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes (DHV).
Moritz Metzler, Dipl.-Jurist, ist Rechtsreferendar und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim DHV.


Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2010

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