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Unbelehrbares Volk


Von Norbert Bolz

Karl-Theodor zu Guttenberg wurde von den Medien als Popstar aufgebaut, war Umfragen zufolge lange Deutschlands beliebtester Politiker und Hoffnungsträger konservativer Politik. Welche Rolle spielten die Medien, die Politik, das Internet und die Bürger in den knapp zwei Wochen, die zum Rücktritt führten? Kann man hier von Medienmacht sprechen oder kommt sie bei den Bürgern an ihre Grenzen?

Unbelehrbares Volk© s.rossi - Photocase.com"Aufstieg und Fall - beides verdankt Guttenberg den Medien." Schließt sich das Volk der Meinungsmache der Medien an?
Aufstieg und Fall Karl-Theodor zu Guttenbergs sind ein Lehrstück der Mediendemokratie. Scheinbar ging es um moralische Verfehlungen, ja Betrug, und auch die Getreuen sprechen heute von mangelnder Ehrlichkeit. Aber ist die Debatte selbst ehrlich geführt worden? Wenn man ihren politischen Moralismus etwas auf Distanz hält, zeigen sich interessante Synergieeffekte im Zusammenspiel von Politikern und Akademikern, Massenmedien und Internet, die letztlich den beliebtesten deutschen Politiker zum Rücktritt gezwungen haben. Nur das Volk erwies sich wieder einmal als störrisch und wollte sich nicht recht belehren lassen. Aber sehen wir näher zu.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist die erste deutsche Celebrity der Politik. Er hat nicht nur Charisma, sondern sieht auch noch gut aus, ist intelligent, rhetorisch brillant, elegant und stilsicher. Man ist versucht, zu sagen: zu schön, um wahr zu sein. Und nun hat er sich tatsächlich als allzumenschlich erwiesen. Man kann seine Dummheit vielleicht nicht entschuldigen, aber gut erklären. Der Doktortitel ist ein Reputationsmerkmal ersten Ranges. Minister oder Sparkassenfilialleiter kann jeder werden, nicht aber Doktor. Deshalb haben viele Menschen, die es in Wirtschaft und Politik schon zu Erfolg und Ansehen gebracht haben, noch den Wunsch, sich mit dem Doktortitel schmücken zu können. Und hier beginnt das Problem für die Universitäten, die Professoren, die Gutachter. Einerseits möchte man den verdienten, gut etablierten Bürger nicht abschrecken und fühlt sich von der Promotionsanfrage vielleicht sogar geschmeichelt. Andererseits weiß natürlich jeder Professional, dass das kaum gut gehen kann. Die Dissertation ist die höchste, unüberbietbare Form der wissenschaftlichen Arbeit. Man kann sie nicht nebenher schreiben, auch nicht in sieben Jahren. Und das gilt erst recht, wenn ihr Autor ein erfolgreicher Manager oder ein Politiker der ersten Reihe ist. Guttenberg hat das offenbar zu spät bemerkt - und deshalb gepfuscht, abgeschrieben oder abschreiben lassen.

Die akademische Welt steht und fällt mit der wissenschaftlichen Redlichkeit. Wer hier Erfolg haben will, darf ein Langweiler sein, aber niemals gegen die professionelle Korrektheit verstoßen. Er darf im Mainstream seines Fachs schwimmen, solange er sich an dessen Standards hält. Wer diese Erwartungen nicht erfüllen möchte oder kann, sollte der akademischen Welt fern bleiben. Aus akademischer Sicht ist der Fall Guttenberg sonnenklar: Es handelt sich um wissenschaftlichen Betrug, Diebstahl geistigen Eigentums. Guttenberg existiert nicht mehr in der akademischen Welt.

Doch wie konnte er promovieren, noch dazu summa cum laude? Haben die Gutachter versagt? Nun, auch Professoren sind nur Menschen, das heißt, sie geben hin und wieder den Bitten und Schmeicheleien nach, um dann Produkte beurteilen zu müssen, bei denen schwer zu entscheiden ist, wer was wann geschrieben hat. Die traurige Erfahrung lehrt, dass bedeutende Leute bei allem, was sie tun, Zuarbeiter haben, und dass sie diese Praxis ganz selbstverständlich auch auf ihre wissenschaftliche Arbeit übertragen. Aber Gutachter sind keine Detektive. Sie können sich dann nur an die eidesstattliche Erklärung des Verfassers halten, und das wird auch so bleiben, bis es für jedes Fach eine prüfungsobligatorische, gut funktionierende Plagiatssoftware gibt. Es war deshalb verfehlt, den Gutachtern Guttenbergs Vorhaltungen zu machen. Ähnliches hätte jedem anderen auch passieren können. Aber die sich öffentlich empörenden Akademiker, die sich so medienbewusst an die Kanzlerin gewandt haben, verfehlen in ihrer Ehrpusseligkeit das eigentliche Thema, das die Suchmaschinen und Wiki-Formate des Internet längst auf die Tagesordnung gesetzt haben: Was ist geistiges Eigentum? Was bedeutet Copyright im Zeitalter von Cut-and-Paste? Wie viel "remix" steckt in einer wissenschaftlichen Arbeit?

Empörung passt schlecht zu Wissenschaftlern. Und so haben sie denn auch nur der Opposition in die Hände gespielt. Auf dem politischen Parkett wurde die moralische Entrüstung über den Betrug Guttenbergs dann aber rasch zur Kenntlichkeit entstellt - nämlich als Heuchelei. Als würde man sich Sorgen um die Seelen der Schüler und Studenten machen, die nun nicht mehr wüssten, ob sie abschreiben dürfen oder nicht. Als wären die "bürgerlichen Werte" bedroht, weil ein Unionsmann getäuscht hat. Als müssten an Politiker besonders hohe ethische Maßstäbe angelegt werden. Man wundert sich, dergleichen aus den Parteien eines Gregor Gysi oder Joschka Fischer zu hören. Wohlgemerkt: Diese Heuchelei ist als Waffe im Parteienkampf legitim, denn sie hat einen harten politischen Kern. Karl-Theodor zu Guttenberg war der einzige, der die Machtübernahme durch Rot-Grün noch hätte blockieren können. Deshalb musste er zur Strecke gebracht werden. So war die Plagiatsaffäre für die Opposition ein Geschenk des Himmels.

Und natürlich auch für die Medien. Sie haben Guttenberg als Popstar aufgebaut und als Heilsbringer verehrt, und nun beuten sie genüsslich die Dynamik der großen Fallhöhe aus. Aufstieg und Fall - beides verdankt Guttenberg den Medien. Sein Charisma ist das Außeralltägliche - es wird bewundert und bekämpft. Übrigens auch von Vertretern der Union, die ganz schlicht neidisch sind. Und so haben es viele genossen, dass die Massenmedien ihren Auftrag der Aufklärung wieder einmal als Aufruf zur Skandalisierung verstanden haben: Die Meute hetzt das edle Wild. Doch der eigentliche Jagdruhm gehört nicht den Massenmedien, sondern dem Internet. Link und Voice im Netz sind mächtiger als alle Schlagzeilen und Breaking News. Die Entlarvung des Plagiatsfalls Guttenberg ist eine eindrucksvolle Manifestation der Weisheit der Vielen. Tausende Netzwerker haben die Dissertation Seite um Seite auf versteckte Zitate hin analysiert, und es blieb kein Stein auf dem anderen. Es ist also keine Reklameformel der Internetkultur, wenn man sagt, dass wir heute im Zeitalter der Transparenz und Reputation leben.

Doch all das lässt viele Menschen kalt - und durchaus zu recht. Die Bürger haben einen gesunden Menschenverstand, d.h. sie können unterscheiden und machen sich wenige Illusionen. Sie sind souverän genug, ihr politisches Urteil vom moralischen zu trennen. Sie ahnen, dass dies kein Einzelfall ist und der Doktor Guttenberg nur das Opfer seiner Berühmtheit geworden ist. Und die Mehrheit der Deutschen verweigert nun auch im Fall Guttenberg dem Meinungsdiktat der Medien die Gefolgschaft. Das ist ein gutes Zeichen.


Über den Autor
Norbert Bolz lehrt Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin.


Aus Forschung und Lehre :: April 2011

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