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Unbequem, ungerecht und gefährlich

von Pierre Frath

Die Abschaffung der Landessprachen in der Wissenschaft zugunsten des Englischen ist in vollem Gange. Diese Entwicklung ist keineswegs auf Deutschland beschränkt, sondern ist auch in Frankreich und - mit unterschiedlicher Geschwindigkeit - in ganz Europa zu beobachten. Ein Zwischenruf aus Frankreich.

Unbequem, ungerecht und gefährlich© Danielle Bonardelle - Fotolia.comAuch in Frankreich wird die Landessprache zunehmend durch Englisch als Sprache der Wissenschaft ersetzt
Vor unser aller Augen bahnt sich zurzeit, ohne dass dies irgendjemand wirklich wahrnehmen wollte, eine kulturelle und wissenschaftliche Katastrophe an. Tag für Tag treffen Forschungseinrichtungen und Universitäten unseres Landes sowie ganz Europas technokratische Entscheidungen zugunsten des Englischen, ohne dass deren Folgen bemerkt würden. Wenn nichts geschieht, werden die Bürger Europas bald nicht mehr die Möglichkeit haben, in ihrer Nationalsprache zu studieren und zu forschen, was ein beispielloses demokratisches Defizit im Bereich der Kultur bedeutet. Nirgendwo hat auch nur eine einzige demokratische Institution die Verdrängung der Nationalsprachen durch das Englische beschlossen. Die Bürger erfahren davon nichts, weder von den Einrichtungen, die das Englische überall installieren, noch von den Medien, die dieses Problem für vollkommen uninteressant halten, ja nicht einmal den Streit darüber verstehen.

Sprachliche und inhaltliche Dominanz auf Englisch

Während der letzten Jahrzehnte ist die Verwendung des Französischen in der Forschung massiv eingebrochen. In den sogenannten exakten Wissenschaften wird fast nur noch auf Englisch publiziert; einige Bereiche der Geisteswissenschaften halten noch Stand - doch für wie lange?

Damit entsteht auch inhaltlich eine klare Dominanz der angelsächsischen Forschung. Denn wer in einer US-amerikanischen Zeitschrift publizieren will, muss die neuesten angelsächsischen Arbeiten zitieren, ohne dass dies auch umgekehrt gälte: Ein kurzer Blick auf geisteswissenschaftliche Publikationen englischer Muttersprachler zeigt, dass diese die Artikel von Nicht-Muttersprachlern kaum lesen, selbst nicht auf Englisch. Bislang konnten sich die kulturell unterschiedlichen Sichtweisen gegenseitig bereichern. Zum Beispiel nahm die französische Philosophie viele Gedanken aus der deutschen auf, und beide beeinflussten die amerikanische. Wenn die weltweite Forschung zu einem Appendix der angelsächsischen Forschung würde, hätte diese keinerlei Grund mehr, sich für nicht anglophone Forscher zu interessieren, und sobald es niemanden mehr gäbe, der andere Sprachen als die englische lesen könnte, würden alle anderen Traditionen dem Vergessen anheim fallen. Fast zwangsläufig sänke dann auch weltweit das Niveau der Forschung - so, wie es in einigen Bereichen schon zu beobachten ist.

Gute Gründe und schlechte Folgen dieser Entwicklung...

- für die einzelnen Wissenschaftler
Die Gründe, die für die Anglisierung der Forschung vorgebracht werden, sind bekannt. Einige sind gut verständlich: Englische Publikationen finden eine wesentlich breitere Leserschaft als französischsprachige, und Kontakte zwischen den Forschern kommen so leichter zustande. All das ist gewiss positiv zu sehen. Andere Argumente sind zwar auch verständlich, aber weniger berechtigt: Da die angelsächsischen Zeitschriften oft die angesehensten sind, lohnt es sich für einen Forscher ganz besonders, dort zu publizieren. Solche Argumente sind jedoch nur die Antwort auf Entwicklungen, die auf jeden Fall zu hinterfragen sind: die Macht von Bewertungsagenturen, die englische Publikationen überbewerten; den Einfluss des impact factors auf den Ruf eines Forschers (d.h. die Häufigkeit, mit der seine Arbeiten von anderen zitiert werden - eine leicht zu manipulierende Maßzahl); die verzerrende Wirkung internationaler Ranglisten vom Typ Shanghai, die englischsprachige Publikationen bevorzugen. Das ist die aktuelle Situation. Sie ist unbequem, ungerecht und gefährlich. Unbequem deshalb, weil das Publizieren in einer Fremdsprache immer zusätzlichen Aufwand bedeutet und es schwieriger ist, in ihr seine Gedanken zu entwickeln. Sie ist ungerecht, weil sie die anglophonen Muttersprachler bevorzugt, denn selbst bei gleicher Qualität hat der Aufsatz eines Muttersprachlers größere Chancen auf Publikation. Und sie ist gefährlich, weil sie angelsächsischen Institutionen zuviel Macht zugesteht.

- für die wissenschaftliche Lehre
Trotz allem bedroht diese Lage, so beklagenswert sie auch sein mag, die französische Forschung nicht grundsätzlich, denn die Forscher denken und unterrichten ja weiterhin auf Französisch. Die wirkliche Bedrohung jedoch ist der immer unwiderstehlichere Zwang zum Englischen bei der Ausbildung zum Master und mitunter auch schon für die Licence. Diese Praxis ist bar jeder pädagogischen Rechtfertigung: Alle Studien haben gezeigt, dass Unterricht auf Englisch für Nicht-Anglophone das Niveau senkt, vor allem dann, wenn der Dozent selbst kein Muttersprachler ist. In den meisten Universitäten erreicht das Englisch der Lehrkräfte im Durchschnitt kaum den Grad B2, d.h. ein mittleres Niveau, das eine gewandte Ausdrucksweise nicht zulässt. Des Weiteren zeigen alle Studien, dass das Englisch der Master-Studenten meist B1 entspricht. Welchen Nutzen sollen Studenten des Niveaus B1 aus einem Unterricht des Niveaus B2 ziehen?

- für unsere Sprachfähigkeit und unser kulturelles Gedächtnis
Wenn man diese Entwicklung weiter vorantreibt, wird es zu einem so genannten Domänenverlust kommen: Künftige Generationen werden in ihrer eigenen Sprache keine Worte mehr haben, in denen sie ihr Wissen ausdrücken können. Besonders betrifft dies die so genannten ausgebauten Sprachen wie Deutsch oder Französisch, deren Sprecher heute noch alles in ihrer Sprache denken und sprechen können. Bereits weniger stark trifft es kleine Sprachen wie das Finnische oder auch das Schwedische, das viel von seinem Status bereits eingebüßt hat: nach einem halben Jahrhundert der Anglisierung ihrer Universitäten sehen sich schwedische Wissenschaftler heute gezwungen, ihre Kenntnisse überwiegend auf Englisch auszudrücken. Wenn wir nicht gegensteuern, werden zukünftige Generationen also nur noch auf Englisch lernen und arbeiten und deshalb ihre eigene kulturelle und wissenschaftliche Herkunft vergessen. Französische Bibliographien aus der Vergangenheit entschwinden dem Gedächtnis. Wollen wir all das? Gäbe es denn nicht wenigstens Gründe, darüber zu streiten? Sollten die Bürger, deren Steuern die Forschung finanzieren, über die Zukunft ihrer Kinder und ihrer Kultur sowie den künftigen Platz ihres Landes in der Welt nicht mitbestimmen dürfen?

Geo- und kulturpolitische Aspekte

Lassen wir uns nicht täuschen: Es geht gleichermaßen um ein geopolitisches Desaster. Die Ausstrahlung einer Kultur zeigt sich in den Augen der anderen. Frankreich gilt - zu Recht oder Unrecht - als freie und unabhängige, politischkulturelle Macht. Es steht für andere als angelsächsische Weltentwürfe, worüber zumindest diskutiert werden sollte. Wenn Frankreich seine Sprache nicht mehr benutzt, um höhere Bildung zu vermitteln, zeigt es, dass es diesen Anspruch nicht mehr vertritt. Das wäre eine Katastrophe zunächst für uns, denn wir verlören eine Identität, ohne des Gewinns einer anderen gewiss zu sein. Es wäre aber auch eine Katastrophe für andere Völker, denn es ginge ihnen zumindest eine Wahlmöglichkeit verloren. Auch die Angelsachsen würden den Verlust eines geachteten und wohlgesinnten Herausforderers bedauern. Wenn die französischen Universitäten ganz auf Englisch umsteigen, werden die jungen Leute aus dem Ausland kein Interesse mehr am Erlernen unserer Sprache entwickeln. Das wäre das Ende des Französischunterrichts im Ausland und letztlich auch das Ende der Frankophonie. Der Kultur unseres Landes bliebe nur der Rückzug in die Folklore. Sind wir dazu bereit?

Zeit zum Handeln

Ich glaube, die Zeit ist gekommen, über diese Fragen öffentlich zu diskutieren. Wir müssen die Politiker zum Handeln drängen, und zwar in Abstimmung mit unseren europäischen Nachbarn, die oft in derselben Situation sind wie wir. Die Frage der Publikationen ist entscheidend. Gewiss muss die französische Forschung weiterhin auch auf Englisch publizieren. Trotzdem ist es erforderlich, dass in allen Bereichen auch eine französische Schreibkultur erhalten bleibt; denn gutes Schreiben gelingt nur in der eigenen Sprache. Ludwig Wittgenstein verbrachte seine ganze Laufbahn in Cambridge, wo er auf Englisch lehrte. Seine Hauptwerke hat er jedoch auf Deutsch verfasst.

Die Politik müsste dafür sorgen, dass in allen Bereichen eine oder mehrere inhaltlich anspruchsvolle Zeitschriften in französischer Sprache verfügbar sind. Diese könnten selbstverständlich auch Artikel in anderen Sprachen aufnehmen, doch sie sollten sich verpflichtet fühlen, lokale Standpunkte zu referieren, ohne auf anglophone Sichtweisen Bezug nehmen zu müssen. Dies würde eine gewisse Diversität der Denkansätze sicherstellen, insbesondere wenn andere große Sprachen das Gleiche täten. Alle Wissenschaftler wären auf diese Weise gezwungen, Texte in mehreren Sprachen zu lesen, was für die Forschung im Allgemeinen nur von Vorteil wäre. Auf Englisch erschienen nur Zweitveröffentlichungen oder Aufsätze in Organen, die nicht von Einheimischen herausgegeben werden, also z.B. in europäischen Zeitschriften. So wäre eine Vielfalt der ausgewählten Artikel sichergestellt, wie sie anglophone Zeitschriften, die auch nicht immer frei sind von Vetternwirtschaft, oft nicht bieten.

Dies alles würde eine Umkehr der gegenwärtigen Entwicklung und die Etablierung einer echten Veröffentlichungspolitik bedeuten. Derzeit werden die französischen Zeitschriften in vielen Disziplinen von unbezahlten Mitarbeitern in deren Freizeit hergestellt, mit Bindfäden, in geringer Auflage und mit wenigen Hilfsmitteln für die Verteilung. Dass sie im Allgemeinen immer noch von hoher Qualität sind, ist bemerkenswert. Vorbild sollte die Oxford University Press oder die Cambridge University Press sein, die in den Universitäten der ganzen Welt Artikel aus allen Disziplinen vertreiben, und zwar nicht nur auf Englisch.

Es ist höchste Zeit zu handeln, wenn wir nicht schon bald den Bewohnern eines Koloniallandes gleichen wollen, wie sie Albert Memmi in seinem Portrait du colonisé (Paris 1957) beschrieben hat.

Übersetzung aus dem Französischen: Hermann H. Dieter und Ralph Mocikat (Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache - ADAWIS e.V.; Internet: www.adawis.de)


Über den Autor
Pierre Frath, Professor für englische Linguistik und Sprachendidaktik an der Universität von Reims, Champagne-Ardenne. Leiter des Sprachenzentrums. Beigeordneter Direktor des CIRLEP (Centre Interdisciplinaire de Recherches sur la Langue et la Pensée).

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2013

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