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Ungerecht! Studium nur für Elitekinder?

Von Thomas Kerstan

Auswahlgespräche an Universitäten bevorzugen die Kinder der Elite.

Ungerecht! Studium nur für Elitekinder?© Marcin Baicerzak - iStockphoto.com
Viele Universitäten und Fachhochschulen empfinden es als Segen: Seit einiger Zeit können sie einen großen Teil ihrer Studenten in zulassungsbe schränk ten Fächern nach eigenen Vorstellungen aussuchen. Und müssen nicht mehr klaglos jeden nehmen, der ihnen von der berüchtigten Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) zugeteilt wird. Doch die Gefahr ist groß, dass dabei die soziale Gerechtigkeit Schaden nimmt.

Schon jetzt sind die Kinder von Arbeitern und Einwanderern an den deutschen Hochschulen deutlich unterrepräsentiert. Nur 17 Prozent der Studienanfänger sind Arbeiterkinder, obwohl der Anteil der Arbeiter an den männlichen Erwerbstätigen rund 40 Prozent beträgt. Und obwohl mehr als ein Viertel der unter 25-Jährigen einen »Migrationshintergrund« hat, sind lediglich acht Prozent der Studenten Einwandererkinder. Natürlich tragen die Hochschulen nicht die Hauptschuld an diesem Missstand. Viele Studien zeigen, dass die Quelle der Bildungsungerechtigkeit in der Zeit vor der Einschulung liegt; auch die Schule schafft nicht den wünschenswerten sozialen Ausgleich.

Aber die Hochschulen können diese Ungerechtigkeit eben noch verschärfen. Die Elitenforschung hat darauf aufmerksam gemacht, dass in Füh rungsposi tio nen nicht die Gebildetsten aufrücken, sondern jene, die den jetzigen Topleuten habituell am nächsten sind: Die Elite rekrutiert gern den Nachwuchs, der ihr von den Umgangsformen her am meisten entspricht.

Die gleiche Gefahr droht bei den Auswahlgesprächen an den Hochschulen. Die künftigen Studenten werden von Professoren, Firmenchefs und Topanwälten beäugt. Das ist gut, um Bewerber zu vergraulen, die unmotiviert sind, die falsche Vorstellungen vom Studiengang haben, die sich überheblich oder unkollegial zeigen. Aber keiner der Prüfer ist davor gefeit, in der Bewertung jene zu bevorzugen, die sich so geben, wie sie selbst es tun. Wer eine andere Benimmschule besucht hat, wer andere Bücher gelesen hat oder wer sich nicht gut verkaufen kann, der ist im Nachteil.

Dies ist kein Plädoyer dafür, die Auswahlgespräche abzuschaffen. Sie erweisen sich an vielen Hochschulen als hilfreich. Aber man muss sich ihrer Tücken bewusst werden und überlegen, wie man gegensteuern kann. Nachdenken sollte man über eine andere soziale Zusammensetzung der Auswahlkommissionen. Oder über Sozialquoten. Eine simple Lösung gibt es nicht. Die komplizierte muss gefunden werden.

Aus DIE ZEIT :: 13.08.2009

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