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Ungünstige Prognose - die Exzellenzinitiative und die Unterscheidung von Politik und Wissenschaft


Von Gerd Roellecke

Die genaue Unterscheidung ist kein hervorstechendes Merkmal der aktuellen hochschulpolitischen Diskussion. Viele Begriffe sind unterbestimmt, unklar oder werden bewusst zu Propagandazwecken eingesetzt. Dabei wird meist übersehen, dass die gesellschaftlichen Subsysteme jeweils nach ihren eigenen Regeln funktionieren und nicht eines durch das andere ersetzt werden kann. Ein Plädoyer für klare Sprache und eine Kultur der Unterscheidung.

Ungünstige Prognose© Zooropa - Fotolia.comDie internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Hochschulen wird nachhaltig gefördert
Nach der Präambel der Exzellenzinitiative vom 18. Juli 2005 wollen Bund und Länder den deutschen Universitäten - natürlich unter Vorbehalten und Bedingungen - rund zwei Milliarden Euro zuwenden, "um den Wissenschaftsstandort Deutschland nachhaltig zu stärken, seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und Spitzen im Universitäts- und Wissenschaftsbereich sichtbar zu machen". Viele deutsche Universitätsfunktionäre sind von dieser Idee hellauf begeistert. Von ausländischen Universitäten hat man zur Exzellenzinitiative nichts gehört, jedenfalls keine Entsetzensschreie wegen schmutziger (weil staatlich subventionierter) Konkurrenz.

Wir fragen nach, ob die Förderung tatsächlich Erfolg haben könnte, nicht, ob sie rechtlich zulässig, finanziell möglich und politisch opportun ist. Das Recht zu dieser Frage ergibt sich aus der allgemein anerkannten Trennung von Politik und Wissenschaft. Die Trennung bedeutet, Politik und Wissenschaft sind lebende, sich selbst entwickelnde gesellschaftliche Subsysteme neben Religion, Recht, Wirtschaft und Erziehung, die nur ihren eigenen Funktionen gehorchen. Politik soll allgemein verbindliche Entscheidungen herstellen, Wissenschaft neue Erkenntnisse gewinnen, Religion die Frage nach den Grenzen des Lebens und Denkens beantworten und so weiter. Da sich die Systeme nur an ihren eigenen Funktionen orientieren, können sie einander allenfalls irritieren, jedenfalls nicht substituieren. Die Ziele der Exzellenzinitiative sind ein beredter Beleg. Der Exzellenzinitiative geht es nicht um Wissenschaft, sondern um das Ansehen und die Sicherheit der Bundesrepublik und um die öffentliche Meinung über die Universitäten.

Alle gesellschaftlichen Subsysteme grenzen sich durch Unterscheidungen gegeneinander ab. Die Religion unterscheidet zwischen Immanenz und Transzendenz, die Politik zwischen Regierung und Opposition und die Wissenschaft zwischen wahr und unwahr. Wissenschaft ist also nicht Wahrheitssuche (Humboldt), die wegen der Ungewissheit der Ergebnisse des Suchens politisch nie zu rechtfertigen war. Sie ist geprüfte wahr/unwahr-Unterscheidung, zu der die Politik nur sagen kann, ob sie sie hören will oder nicht. Wenn sie sie nicht hören will, ist das ihre Sache, nicht Sache der Wissenschaft. Die Frage der politischen Rechtfertigung stellt sich nicht mehr. Selbstverständlich bleibt aber jede wahr/unwahr-Unterscheidung wissenschaftlich kritisierbar, nur eben nicht politisch.

Diese Systemdifferenzierung hat praktische Konsequenzen, die Niklas Luhmann so beschreibt: "Weder Lehre noch Forschung verfügen über eine rationale Technologie - verglichen etwa mit der industriellen Produktion. (...) Die Forschung soll es ja gerade mit noch unbekannten Sachverhalten zu tun haben, die Lehre mit frei über sich selbst verfügenden Köpfen. Beides schließt erfolgssichere Rezepturen aus. Mangels hinreichender Technologie sind die Funktionsprozesse in diesem Bereich deshalb nicht über die Vorgabe von Prämissen zu steuern. Das heißt: über die Leistungen selbst kann in den Zentralen nicht, nicht einmal annäherungsweise disponiert werden". Das hat die weitere Folge: "Gerade weil man im organisierten Entscheidungsprozess nicht an das tatsächliche Verhalten in Forschung und Lehre herankommt, entsteht eine Bürokratie, die ihre eigenen Formen pflegt, diversifiziert, kontrolliert und in immer neuen Weisen auf ihr Unvermögen reagiert, den Funktionsprozess selbst zu steuern". Im Widerspruch zwischen der Unmöglichkeit und dem wissenschaftlichen Druck, die Wissenschaft zu steuern, verfällt die Politik nur auf die ihr vertrauten Muster, wenn sie Reformen anstrebt.


Wissenschaft ist also überall, wo zwischen wahr und unwahr unterschieden wird, in Gymnasien, privaten Arbeitszimmern oder Forschungsabteilungen der Industrie. Diese hochgradige Unbestimmtheit macht das System jedoch unzugänglich und geschichtslos. Wenn Wissenschaft in der Gesellschaft bestehen will, muss sie sich vereinfachen und Namen und Adresse finden. Das tut sie durch Reputation, Projekte und Organisation. Die wahr/unwahr-Unterscheidung ist schlecht zu operationalisieren. Eigentlich bedürfte sie der Beglaubigung, weil sie zunächst nichts sein kann als das Dafürhalten eines Beobachters. Eine Beglaubigung kann es aber streng genommen nicht geben, weil es keine Wahrheit neben oder über der Wahrheit gibt. Wahrheit ist paradox. Man kann sie nicht evaluieren und Wahrheitsbehauptungen nicht an Wahrheit messen. Wahrheiten kann man nur mit vielen geistigen Verrenkungen beweisen. Für den wissenschaftlichen Diskurs oder den gesellschaftlichen Fortschritt ist Wahrheit für sich kaum zu verwerten. Die Gesellschaft hat deshalb die Verhältnisse gegenständlich und zeitlich vereinfacht.

Gegenständlich hat sie im Wissenschaftssystem für die Wahrheit gleichsam eine Zweitwährung ausgegeben: die Reputation. Reputation, fachliche Autorität, ist das Ansehen, das ein Wissenschaftler wegen seiner fachlichen Leistungen bei Fachgenossen genießt, nach dem einfachen Prinzip: Wer zwei oder drei bedeutende Entdeckungen gemacht hat, die wiederholt Tests bestanden haben, oder wer zwei oder drei gute Bücher geschrieben hat, von dem glaubt man, er sage auch in anderen Fachfragen das Richtige. Deshalb kann man seine Ergebnisse als richtig voraussetzen, bei eigenen Arbeiten darauf aufbauen oder bei Forschungsplanungen daran anknüpfen. Insofern ist Reputation ein variabler Ersatz für Wahrheit und außerordentlich wirksam. Projekte sind wissenschaftliche Arbeiten, deren Anfang und Ende gesetzt sind, sich also nicht aus Motivation und Erfolg ergeben. Das macht Projekte außerordentlich attraktiv. Zunächst für den Wissenschaftler selbst. Mit Hilfe von Projekten kann er sein wissenschaftliches Leben strukturieren. Dann sind Projekte attraktiv für Verwaltung und Wirtschaft. Ihre Begrenzung erlaubt eine Begrenzung des finanziellen Risikos und eine grob-ungefähre Einschätzung des wirtschaftlichen Erfolges.

Die wichtigste Form des Wissenschaftssystems sind Organisationen, vor allem die Universitäten. Organisationen sind Systeme von Entscheidungen, die Entscheidungen produzieren sollen. Sie können zwischen bekömmlich und weniger bekömmlich unterscheiden, das heißt, auslesen, Mittel sammeln und verteilen und Beschäftigungsverhältnisse auf Dauer stellen. Organisationen sorgen dafür, dass Themen geordnet und wissenschaftliche Ergebnisse aufbewahrt und tradiert werden können. Vor allem haben sie Namen und Adresse und können deshalb wissenschaftliche Kommunikationen verstetigen. Der Politik ist die Wissenschaft nur über Formen zugänglich. Um die Einflussmöglichkeiten der Politik einschätzen zu können, fragen wir nach der Nähe der Formen der Wissenschaft zur wahr/unwahr-Unterscheidung. Reputation soll die wahr/unwahr-Unterscheidung substituieren. Aus diesem Grund kann die Politik aber kaum darüber verfügen. Über Reputation entscheidet die Gemeinschaft der Fachwissenschaftler. Damit entscheiden in der Regel Personen außerhalb der eigenen Organisation. Die Universität hat daher nur geringen Einfluss auf die Reputation ihrer Angehörigen, obwohl die akademische Heimat ein Reputationskriterium ist. Da Reputation erheblichen Einfluss verschafft, oft nicht nur im Fach, muss die Universität damit fertig werden, dass einige ihrer bekannteren Angehörigen von ihr unabhängig sind und sich sogar gegen sie wenden können.

Projekte kann die Politik über die Finanzierung stark beeinflussen. Projekte betreffen aber mehr die Auswahl von Themen und weniger ihre Bearbeitung. Für die Bearbeitung gilt, dass die Politik darüber nicht disponieren kann. Auch über die Organisationen - Paradigma sind immer die Universitäten - kann die Politik wahr/unwahr-Unterscheidungen kaum beeinflussen. Die Universitäten sind so wenig Wissenschaft wie die Kirchen Religion. Für die Theologie ist das in-der-Welt-Sein der Kirchen ebenso ein Problem wie für die Wissenschaftstheorie die Entscheidungszwänge der Universitäten. Bereits Wilhelm von Humboldt hat gesehen, dass Organisation etwas der Wissenschaft ganz Fremdes ist. Man kann die Differenz zwischen den gesellschaftlichen Subsystemen und ihren Organisationen auch nicht durch Personen überbrücken.


Ein Wissenschaftler, der von seinem Institut in die Verwaltung oder Leitung seiner Universität wechselt, ist kein Wissenschaftler mehr. Auf der Karriereleiter eines Wissenschaftlers steigt er ab. Das signalisieren ihm die vormaligen Kollegen sehr schnell. Der deutsche Universitätsrektor bis 1933, der für ein Jahr gewählt wurde und vor allem repräsentative Aufgaben hatte, war ein Ausnahmefall. Man kann ihn freilich auch als unwahrscheinliche, aber gemessen am Ansehen der Universität gelungene Lösung der Dauerspannung zwischen Wissenschaftsbetrieb und Verwaltungsorganisation verstehen. Heute kann sich ein Universitätspräsident der Illusion hingeben, er könne "seine Universität gestalten". Vielleicht sein Dienstzimmer, aber die Wissenschaft erreicht er nach allem, was wir wissen, nicht.

Entsprechendes gilt für die Exzellenzinitiative. Soweit sie die Universitäten fachlich umgestalten und differenzieren will, kann sie einiges erreichen, obwohl wirklich nicht klar ist, welchen Sinn die Umgestaltung haben könnte. Aber nach deutscher Universitätstradition kann die Politik Universitäten gründen, schließen oder umwidmen. Umständliche Rechtfertigungen werden nicht verlangt. Es ist auch kein Kunststück, die Lehr- und Forschungsschwerpunkte in den einzelnen Universitäten unterschiedlich zu gewichten. Man braucht nur die Geldverteilungsanlagen neu zu justieren. Bis zu einem gewissen Grade geschieht das auch durch die Exzellenzinitiative. Soweit die Exzellenzinitiative auf die Förderung der Wissenschaften, also von wahr/unwahr-Unterscheidungen abzielt, kann man ihr nur eine ungünstige Prognose stellen. Sie wird die Wissenschaft kaum erreichen. Natürlich kann man mit zwei Milliarden Euro einiges bewegen, auch in den Organisationen der Wissenschaft. Aber wenn das Geld nicht mehr lockt, wird alles bald wieder vergessen sein. Dafür, dass eine "Leistungsspirale" entsteht, ist kein Grund ersichtlich. Es ist auch keiner genannt worden. Dass es demnächst 2,7 Millionen Studenten in Deutschland gibt, mag die Politik berühren, Wissenschaftler interessiert es nicht. Überhaupt kann man sich kaum einen vernünftigen Menschen vorstellen, der als Individuum dazu beitragen möchte, dass zu den vielen Studenten noch mehr kommen können.

Aber warum sich Wissenschaftler überhaupt ins Zeug legen, ist eine noch offene Frage. Wahrscheinlich hat Antoine de Saint-Exupéry recht: Wenn Du ein Schiff bauen willst, trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer. Nur, deutsche Abgeordnete, Minister und Beamte sind nicht darauf vorbereitet, Sehnsucht nach Wahrheit zu wecken.


Über den Autor
Gerd Roellecke lehrte Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Universität Mannheim. Er war Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz und Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.


Aus Forschung und Lehre :: August 2010

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