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Universales Prinzip - die Chancen des Wettbewerbs für Wirtschaft und Gesellschaft

Wettbewerb ist die zentrale Antriebskraft einer dynamischen Wirtschaft. Er sorgt für Innovation und Veränderung, zerstört aber auch Althergebrachtes. Ist diese Zerstörung nur negativ oder geht es um "schöpferische Zerstörung"? Verursacht die mit dem Wettbewerb verbundene Wachstumsphilosophie mehr Schaden als Nutzen? Fragen an einen Kenner der deutschen und internationalen Wirtschaft.

Universales Prinzip - die Chancen des Wettbewerbs für Wirtschaft und Gesellschaft© Mike Wolff - BDIDr. Ludolf v. Wartenberg war langjähriger Hauptgeschäftsführer des BDI
Forschung & Lehre: Ihre langjährige Tätigkeit beim BDI und Ihre umfangreichen Kontakte haben Ihnen über Jahre wertvolle Einblicke in die Möglichkeiten des Wettbewerbs in Wirtschaft und Gesellschaft gegeben. Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft aus?

Ludolf v.Wartenberg: Wettbewerb, das habe ich in meiner langjährigen Verbandstätigkeit immer wieder erfahren, ist eine der ganz zentralen Antriebskräfte einer dynamischen Wirtschaft. Er sorgt für Innovation und Veränderung, er stellt tradierte Positionen infrage - im Dienst des Neuen und des Besseren. Wettbewerb wird aber auch oft unterschätzt in seinen ökonomischen Wirkungen. Dies liegt unter anderem auch an der "unsichtbaren Hand des Marktes", die den Wettbewerb führt. Gelegentlich wird Wettbewerb auch als lästig und störend empfunden, gerade weil er der größte Feind des Altbewährten ist und Erbhöfe gar nicht erst entstehen lässt.

F&L: Wettbewerb zerstört also auch?

Ludolf v. Wartenberg: Die von Joseph Schumpeter geprägte Begrifflichkeit von der "schöpferischen Zerstörung" bringt dies auf den Punkt. Hinter dieser schöpferischen Zerstörung steht die treibende Kraft des Wettbewerbs, zuerst die des erfinderischen Innovationswettbewerbs, dann die des nachahmenden Imitationswettbewerbs. Dass demjenigen, dessen lieb gewonnene Marktposition durch den Wettbewerb zerstört wird und der sich in der Folge enorm anstrengen muss, um wieder in eine führende Marktposition zu gelangen, der Wettbewerb nicht gefällt, lässt sich nachvollziehen. Vor diesem Hintergrund hat es auch in der Wirtschaft selbst immer wettbewerbskritische, ja sogar wettbewerbsfeindliche Haltungen gegeben. Ich hatte das große Glück, dass meine Amtszeit als BDI-Hauptgeschäftsführer in eine Periode fiel, in der die deutsche Industrie im Großen und Ganzen nicht nur ihren Frieden mit dem Wettbewerbsprinzip gemacht hatte, sondern sich in ihrer ganz überwiegenden Mehrheit zum Wettbewerb bekannte und auf den Märkten auch entsprechend wettbewerbsorientiert agierte.

F&L: Dies war nicht immer so?

Ludolf v. Wartenberg: Nein, in seiner Gründungs- und Anfangsphase war der BDI weniger ein Hort des Wettbewerbs als vielmehr eine Art Kartellverein, dessen wirtschaftspolitische Interessenvertretung sich eher der Verhinderung und der Eindämmung des Wettbewerbs verschrieben hatte als dessen Beförderung. Auch wenn diese Zeiten mittlerweile längst Geschichte sind, so kann der Wettbewerb doch nicht als für alle Zukunft garantiert betrachtet werden. Er muss stetig aufs Neue gesichert werden, denn auch die heutige globale Welt ist durch vielfältige Bestrebungen gekennzeichnet, den Wettbewerb zu unterbinden oder zu umgehen.

F&L: Nach Ansicht des Sozialwissenschaftlers Meinhard Miegel hat sich die Wachstumsphilosophie für die Wirtschaft erschöpft, weil sie mehr Schaden verursache, als Vorteile bringe. Ist damit der Wettbewerbsgedanke obsolet?

Ludolf v.Wartenberg: Meinhard Miegel nimmt in seinem aktuellen Bestseller "Exit" die Gedanken des Club of Rome von 1972 auf und postuliert neue Grenzen des Wachstums. Wenn man sein Buch aufmerksam liest, sticht einem jedoch schon bald ein kapitaler Denkfehler des Miegelschen Wachstumskonzepts ins Auge. Wachstum ist bei Miegel ausschließlich quantitatives, d.h. rein mengenmäßiges Wachstum. Immer mehr von dem Gleichen, als ob dies ein Wachstum wäre, das heute von irgendjemandem angestrebt würde. Ein solches rein quantitatives Wachstum stößt natürlich in einem begrenzten Lebensraum, wie ihn die Erde nun einmal darstellt, an natürliche Grenzen. Wachstum, wie es heute in Form der realen, d.h. inflationsbereinigten Veränderungsrate des Bruttoinlandsprodukts gemessen wird, misst in Wahrheit keine quantitativen, das heißt mengenmäßigen Veränderungen. Insofern führt auch die künstliche Unterscheidung zwischen quantitativem und qualitativem Wachstum nicht weiter. Das reale BIP ist per definitionem eine qualitative Größe. Beim Wachstum geht es um die Schaffung von Werten. Und Werte ergeben sich als Produkt von Mengen und Preisen. Bei der Preisbereinigung geht es lediglich darum, inflationäre Preissteigerungen, denen keine Wertsteigerung entspricht, auszuschließen. Das, was übrig bleibt, das reale Wirtschaftswachstum, ist eine qualitative Größe. Es spiegelt den Wert wider, den die Wirtschaftssubjekte aufgrund ihrer individuellen Präferenzordnungen den erzeugten Gütern und Leistungen beimessen. Wachstum in diesem Sinne kennt keine natürlichen Grenzen, es geht auch nicht zwangsläufig mit einem stetig steigenden Ressourcenverbrauch einher. Wenn man von einem solchen "aufgeklärten" Wachstumsbegriff ausgeht, ist natürlich auch der Wettbewerbsgedanke keinesfalls obsolet. Im Gegenteil: Wettbewerb ist ein ganz entscheidender Wachstumsmotor, den die Wirtschafts- und Wettbewerbspolitik mit allen Mitteln stärken muss.

F&L: Wo liegen die besonderen Herausforderungen des Wettbewerbs, wo seine besonderen Tücken?

Ludolf v.Wartenberg: Wettbewerb muss heute in einem globalen Kontext gesehen werden. Im Wettbewerb stehen heute nicht mehr nur einzelne Unternehmen auf den verschiedenen Märkten. Es ist eine neue Dimension des weltweiten Wettbewerbs hinzugetreten: Die des Wettbewerbs der einzelnen an der internationalen Arbeitsteilung teilnehmenden Volkswirtschaften um knappe Produktionsfaktoren wie hoch qualitatives Humankapital und global mobiles Investitionskapital. Dieser weltumspannende Standortwettbewerb prägt heute die Globalisierung und damit den ökonomischen Strukturwandel. Die besondere Herausforderung und durchaus auch Tücke dieser neuen Wettbewerbsdimension besteht darin, dass das Regelwerk für diesen Wettbewerb nicht mehr von nationalen Politikinstanzen aufgespannt werden kann. Der globale Standortwettbewerb erfordert ein globales "level playing field" der Rahmenbedingungen und funktionierende internationale Institutionen. Hiervon sind wir noch weit entfernt. Ansätze sind vorhanden wie etwa die Welthandelsorganisation WTO. Der Stand der aktuellen Liberalisierungsrunde für den Welthandel (Doha-Runde) zeigt jedoch, welch steiniger Weg hier noch vor uns liegt. Die wohlstandssteigernden Wirkungen des Wettbewerbs sind eben noch kein ökonomisches Allgemeingut in allen Teilen der Welt.

F&L: Ist der Wettbewerbsgedanke, wie er in der Wirtschaft verstanden wird, auf die Wissenschaft und die Universitäten übertragbar? Wie sollte dies konkret aussehen?

Ludolf v. Wartenberg: Wettbewerb ist für mich ein universales Prinzip. Er stammt zwar aus der Ökonomie, ist jedoch auch auf andere Gesellschaftsbereiche übertragbar. Dabei geht es nicht um eine 1:1-Übertragung, sondern die Besonderheiten des jeweiligen Bereichs müssen ins Kalkül gezogen werden. Dies gilt auch für die Wissenschaft, der Wettbewerb jedoch nicht wesensfremd ist. Im Gegenteil: Wie im ökonomischen Bereich, so lebt auch der wissenschaftliche Fortschritt vom Wettbewerb der Ideen, Konzepte und Lösungswege. Ansatzpunkte, um dem Wettbewerbsgedanken in unserem Wissenschaftsbetrieb, vor allem an unseren Universitäten, mehr Nachdruck zu verleihen, wären aus meiner Sicht etwa Bildungsgutscheine und Studiengebühren, die den einzelnen Hochschulen mehr Autonomie verleihen, eine Grundvoraussetzung, um sich im Wettbewerb der Besten zu behaupten.


Über den Menschen
Dr. Ludolf v. Wartenberg war langjähriger Hauptgeschäftsführer des BDI (1990-2006).


Aus Forschung und Lehre :: Juli 2011

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