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Universität, Prestige, Organisation - Soziologiekolumne

von Jürgen Kaube

Universitäten sind Organisationen, deren Leistungen sich der Beurteilung von Laien entziehen. Doch benötigen sie für ihre hochspezialisierte Tätigkeit Geld der öffentlichen Hand. Wie können sie sich das Interesse oder das Wohlwollen der Allgemeinheit sichern?

Universität, Prestige, Organisation - Soziologiekolumne© Keith Binns - iStockphoto.comPrestigewettbewerb und Forschungspolitik drängen an Universitäten die Wissenschaft in den Hintergrund
Ende der Fünfziger Jahre studierte der amerikanische Organisationssoziologe Charles Perrow, der später durch seine Forschungen über technologische Katastrophen berühmt werden sollte, im Rahmen seiner Doktorarbeit ein kleines Krankenhaus in Michigan. Das Krankenhaus hatte sich damals gerade eine Public Relations-Abteilung zugelegt und ihr einen relativ großen Handlungsspielraum eingeräumt. Dem lag die Überlegung zugrunde, dass Krankenhäuser wie alle Organisationen auf die Unterstützung ihrer Umwelt angewiesen sind. Wenn sich keine fähigen Mediziner um Stellen bewerben, kann man keine fähigen Mediziner einstellen. Fehlen gute Patienten, zahlungskräftige oder solche mit interessanten Krankheiten, nützen die fähigsten Mediziner nichts. Wohlwollen seitens der lokalen Politik ist auch willkommen. Und so weiter.

Das Problem für manche Organisationen ist nun allerdings, dass sie ihre eigentliche Leistungsfähigkeit nur schwer kommunizieren können. Worauf erfolgreiche Therapien beruhen, ob die Ärzte den Stand der Forschung kennen, wie gut das Krankenhaus organisiert ist und ob scheiternde Behandlungen auf Grenzen der Medizin oder auf mangelhafte Professionalität zurückgehen, das alles ist für Laien schwer einsehbar. Wenn Autos gut fahren, kann man vermuten, dass sich das herumspricht. Was aber ist, wenn Qualität von außen nur schwer durchschaut werden kann? Was, wenn es sogar unsicher ist, ob Produktion und Erfolg miteinander einhergehen? Manche Patienten sterben eben doch, und wenn sich die Organisation noch so anstrengt.

Perrows These war, dass in einem solchen Fall der Versuch nahe liegt, die Umwelt durch, wie er formuliert "indirect indexes" zu beeindrucken, also durch den Aufbau von Prestige, das auf verständlichen, leicht kommunizierbaren Signalen beruht. Wenn die eigentlichen Leistungen der Klinik nicht verstehbar sind, dann kann man die Klienten immer noch durch andere Leistungen beeindrucken. Aus Sicht der Krankenbehandlung sind das zwar Leistungssurrogate, die aber den Vorteil haben, dass man sie sehr viel stärker unter Kontrolle hat als den Behandlungserfolg oder die Einsichtsfähigkeit der Klienten.

Der Ruf einer Klinik, so der Gedanke der PR-Abteilung, steigt, wenn sich die Patienten wohlfühlen. Darum konzentrierte sie sich auf die Hotelaspekte des Krankenhauses. Es wurde den Patienten erlaubt zu telefonieren, man installierte Fernsehgeräte an den Betten, Frisiersalons und Kioske wurden eingerichtet, auf Wunsch bekamen die Patienten jederzeit Kaffee und Tee gebracht, das Frühstück wurde verbessert. Außerdem wurden die festen Besuchszeiten abgeschafft, von den Ärzten hängte man im Eingangsbereich Fotografien auf, und es legte sich das Krankenhaus sogar ein kleines Medizin-Museum zu.

Dies alles kam dem Renommee des Hospitals gleich doppelt zugute. Denn viele dieser Maßnahmen hatten nicht nur den Vorzug, den Patienten und ihren Angehörigen zu gefallen. Sie stellten überdies für die lokale Presse Ereignisse dar. Die Installation der Fernsehgeräte, die Abschaffung der Besuchszeiten, das Museum usw. führten zu Berichten. Das galt auch für kostspieliges Diagnosegerät, das angeschafft und dem Publikum gezeigt wurde. Das Krankenhaus erhielt Preise, für das beste Krankenhaus der Region und so. Das wiederum machte es für Ärzte als prominenter Arbeitsort bekannt, der Spielraum der Personalauswahl wurde größer. Die lokale Politik war mit all dem sehr zufrieden.

Aber. In der Organisation selber begann man allmählich, alle diese Errungenschaften, die das Prestige der Klinik erhöhten, mit gemischten Gefühlen zu betrachten. Immer mehr Ressourcen nämlich wanderten von den zentralen Aufgaben in die peripheren. Das Geld, das im Museum steckte, konnte man nicht mehr für Behandlungen oder Personal ausgeben, die Frisiersalons und Fernsehgeräte zogen eigene Verwaltungsstellen nach sich. Außerdem telefonierten die Patienten oder tranken Tee, wenn die Ärzte sie gerade behandeln wollten. Besucher waren erlaubterweise zu ganz ungünstigen Zeiten präsent.

Die Ärzte wiederum wurden auf dem Gang ständig von Angehörigen angesprochen, die sie auf den Fotografien identifiziert hatten. Ihre Namen waren nun überdies der Presse bekannt, sie mussten abends mit Anrufen rechnen. Die typische Abneigung von Professionen gegen Publizität meldete sich. Der eigentliche Grenzfall aber war erreicht, als die PR-Abteilung, aus ihrer Perspektive völlig nachvollziehbar, darauf hinwies, dass die Klinik sich das größte Prestige durch human-interest-stories über Patienten und Ärzte sichern könnte. Von da an wurde der Einfluss des Prestigebüros wieder zurückgefahren.

Soziologie der Universität

Es liegt auf der Hand, weshalb dieser kleine Auszug aus Perrows organisationssoziologischer Feldforschung für die Soziologie der Universität einschlägig ist. Universitäten sind Organisationen, für die in noch höherem Maße gilt, dass sich ihre Leistungen der Beurteilung von Laien entziehen. Welcher Leser könnte beispielsweise sagen, was "wandnahe Mehrphasenströmungen" sind? Oder wozu man "Thetafunktionen auf Modulräumen von Vektorbündeln" braucht? Oder die Frage beantworten "Was kann das Affordanz-Konzept für eine Methodologie der Populärkulturforschung ,leisten'?" Und wenn es einen Leser gibt, der sich da jeweils auskennt, so gewiss doch keinen, der alle drei Fragen bejahen könnte. Die Wissenschaftler sind auch darum ihr eigenes Publikum, sie wenden sich primär an ihresgleichen, Kritik an ihrer Kerntätigkeit von außen verbitten sie sich. Sie stehen nicht zur Wahl, verkaufen in der Regel nichts am Markt, pochen auf Selbstverwaltung und Selbstrekrutierung.

Zugleich hat die Universität einen immensen Bedarf an Außenunterstützung. Sie ist kostspielig, und sie verlangt von jungen Leuten, sich Jahre ihres Lebens an ihr aufzuhalten und hochspeziellen Orientierungen zu folgen, um am Ende mit einem Zertifikat entlassen zu werden, das die Anfangsvoraussetzung eines unbekannten Berufslebens sein soll. Die Forschung wiederum verlangt Ressourcen nicht nur für Erkenntnisse, die allein sie selbst beurteilen kann. Sie verlangt diese Ressourcen auch ganz offensiv für Einsichten, die nur innerhalb der Wissenschaft selbst verwendungsfähig sind und keinerlei technologische Folgen haben, beispielsweise, weil sie sich auf Sachverhalte beziehen, die sich nicht ändern lassen: Milchstraßen, ferne Epochen, Shakespeare, Gott oder die Juristenausbildung. Hie und da ergeben sich Nutzfernwirkungen solcher kognitiven Insichgeschäfte, die dann mit entsprechenden Fanfaren gefeiert werden, vom Teflon bis zu primzahlbedingten Verschlüsselungstechniken.

Doch mittels der Unterscheidung von angewandter Forschung und Grundlagenforschung hält man sich unter Hinweis auf langfristige Zeithorizonte und darauf, dass man bestenfalls findet, was man nicht gesucht hat (Robert K. Merton und Elinor Barber), Rückfragen nach den Investitionsplänen der Forschung und ihren Auszahlungserwartungen vom Leib.

Der Prestige-Investitions-Kreislauf

Wie also, lautet die Frage, sichert sich eine solche Organisation, die einerseits immer spezialistischer und insofern für die meisten immer unverständlicher produziert und andererseits dafür immer mehr Geld benötigt, das Wohlwollen oder auch nur das Interesse ihrer Umwelt? Die naheliegende Antwort hält sich an das Publikum, das auch Wissenschaftler haben: die Studenten. Aufbau von Prestige würde dann ganz analog zur Orientierung an den Patienten bedeuten, dass sich die Studenten an der Universität wohlfühlen müssen. Das ist ersichtlich nicht der deutsche Weg, aber beispielsweise der amerikanische, den dort leistungsfähige Colleges und Universitäten beschreiten, indem sie auch Aspekte des Studiums kultivieren, die das Leben und die Sozialisiation der Studenten als Elite betreffen.

Das Renommee der Hochschulen entsteht über den Ruf, den sie bei denjenigen haben, die für Lehre an ihnen bezahlen oder mittels der Abschlüsse aufgrund jenes Rufes selber zahlungsfähig werden. Denn neben der Bildung wird auch das Prestige auf die Studenten transferiert. Die Finanzkrise seit 2008 hat diesen Prestige-Investitions-Kreislauf empfindlich gestört, indem prestigebasierte Einkommenserwartungen von Studenten enttäuscht worden sind, die zur Aneignung des Prestiges Kredite aufgenommen hatten und von denen in dieser Lage viele fast natürlicherweise zu Mitgliedern der Occupy-Bewegung wurden.

Zu einer ganz anderen Antwort kommt man, wenn man versucht, das Prestige der Universitäten über Forschungsförderung zu erhöhen. Hierfür war in Deutschland zuletzt die Exzelleninitiative mit ihrer weithin sichtbaren Verteilung erheblicher Finanzmittel im Rahmen eines Wettbewerbs einschlägig. Das erste nämlich, was einem soziologisch an ihr und der Epoche auffallen muss, der solche Förderung einleuchtet, ist die immense Erhöhung an Außenkommunikation, die in den vergangenen fünfzehn Jahren seitens der Universitäten betrieben wurde. Diese neue Mitteilsamkeit ist kein Effekt der Exzellenzinitiative, schon vorher hatte sich so gut wie jede deutsche Hochschule ein eigenes Magazin zugelegt - gewissermaßen Firmenzeitschriften -, das Pressewesen ausgedehnt, hatte an Initiativen wie "Public Understanding of Sciences and Humanities" teilgenommen, sich an "Wissenschaftsjahren" beteiligt usw. Die Rektoren und Präsidenten sind Unternehmenssprecher geworden. Diese neue Mitteilsamkeit ist dabei kein Privileg des Wissenschaftssystems, wenn man an all die Podien, Talk-Shows, Foren und Internetauftritte denkt, die inzwischen die Öffentlichkeit intensiv bearbeiten.

Insofern wäre es nur eine leichte Übertreibung zu sagen: Die Exzellenzinitiative ist ihrerseits ein Effekt jener neuen Mitteilsamkeit über die Grenzen von einander im Grunde schwer verständlichen Arbeitsbereichen hinweg. Von ihren Anfängen an war eine ihrer wichtigsten Aufgaben, die Universitäten als leistungsfähige Organisationen zu kommunizieren. Von ihren Anfängen an waren sie und die Wissenschaftspolitik, für die sie ein Instrument darstellte, den Massenmedien zugewandt. Das begann von Seiten der Politik, die das Spektakel der Versteigerung von UMTS-Lizenzen in eine prominente Zweckbindung der dabei erlösten Milliardenbeträge überführen wollte. Das setzte sich fort in dem heute schon wieder vergessenen Umstand, dass die SPD im Januar 2004 sich mit dem Gedanken einer "Spitzenuniversität" auch deshalb anfreunden konnte, weil das damals die Medienaufmerksamkeit vom Dreikönigstreffen der FDP ablenkte. Wir erinnern uns: Es war die Zeit, in der die Umfragewerte der Regierung Schröder kritisch wurden, zehn Wochen nach der Verkündigung des Projekts "Eliteuniversitäten" wurde Gerhard Schröder von Franz Müntefering als SPD-Vorsitzender abgelöst.

Rankings

Doch das sind nur zeithistorische Fußnoten. Entscheidender ist der Wille, die Universitäten nicht nur mit Finanzmitteln auszustatten, sondern auch mit Prestige. Hierzu gehören die anfänglichen Erzählungen vom deutschen Harvard oder Stanford. Sie sind dann zwar recht bald wieder verblasst, weil es ja Leute gibt, die erzählen können, wie es in Harvard oder Stanford aussieht. Aber was von solchen Vergleichen geblieben ist, sind die internationalen Rangtabellen, die Universitäten inzwischen als informativ behandeln, obwohl jeder weiß und auch zugibt, dass sie es nicht sind.

Das dabei verwendete Argument dokumentiert genau, was man der Abkürzung halber als Perrow-Effekt bezeichnen kann: Die zunehmende Akzeptanz von Gesichtspunkten, die nur der Außendarstellung dienen, intern aber bestenfalls Kostenfaktoren sind und schlimmstenfalls die Kommunikation verzerren. Und zwar Akzeptanz bei vollem Bewusstsein. Einer der häufigsten Sätze zu den Hochschulreformen der vergangenen Dekade, lautet: Gewiss, es ist eigentlich unsinnig, aber es muss sein, es geht nicht anders. Auch hier gilt, dass es Rankings natürlich schon vor der Exzellenzinitiative gegeben hat. Hochschulvergleiche sowieso. Rankings sind in Deutschland, nach einigen Vorläufern Mitte der achtziger Jahre, seit etwa zwanzig Jahren prominent. An der Exzellenzinitiative war jedoch von Beginn an bemerkenswert, dass sie das Tabellen-Bewusstsein - ähnlich übrigens wie das DFG-Förderranking - nach innen getragen hat. Der Wettbewerb um den Titel "Exzellenzuniversität" - also das Verfahren in der sogenannten dritten Förderlinie für "Zukunftskonzepte" - hatte genau so wie das Zählen der Exzellenzcluster und Graduiertenschulen von vornherein den Sinn, eine Konkurrenz um Plätze zu eröffnen.

Nun, Sport ist ein populäres Feld, und auch wer nichts von Wissenschaft oder Universitäten versteht, versteht doch, dass es Gründe dafür geben muss, dass München hier fast immer auf Platz eins steht, Dortmund aber nur dort und nicht hier. Die Probleme dieser Form von Außenorientierung liegen ebenso auf der Hand. Wie groß soll die Liga eigentlich sein? Muss es Absteiger geben? Muss es Aufsteiger geben? Und wer sind die eigentlichen Absteiger: solche, den Zugang zur Ersten Liga nicht erlangt haben, oder solche die einmal dabei waren und dann zurückgestuft wurden. Monetär wäre kurzfristige Teilhabe besser als nie dabei gewesen zu sein, was das Prestige und die innerorganisatorischen Konflikte angeht, in der Perrow-Dimension also, scheint es umgekehrt zu sein.

Solche Fragen lassen sich jedenfalls herrlich diskutieren, auch in Medien, deren Personal nicht in der Lage wäre, auch nur einen einzigen Forschungsbeitrag eines beliebigen Exzellenzclusters kognitiv einzuordnen. Die Höhe der verausgabten Mittel dient in solchen Kontexten dann ebenfalls der Gesamtbeleuchtung des Verfahrens als außerordentlich. Zuletzt wurde eine Wissenschaftsministerin darum als die beste jemals in Deutschland amtierende bezeichnet, weil sie der Forschung zu viel Geld verholfen hat. Auch hier ist das Geld in erster Linie ein Symbol für Prestige und weniger das Medium ökonomischer Rationalität.

Schließlich existiert nicht einmal die Gegenrechnung, die beispielsweise den 2,7 Milliarden Euro der einstweilen letzten Vergaberunde eine Schätzung der Personenstunden gegenüberstellt hat, die in die 370 Anträge (Projektskizzen plus Vollanträge) eingegangen sind. Wenn man vorsichtig kalkuliert, dürfte man auf ungefähr 2,5 Millionen Arbeitsstunden allein für die Anträge kommen; das Geld selbst war ja aber für die Forschung vorgesehen. Was das an Perrow-Effekten, also an antragshalber entgangener Forschungsund Lehrzeit sowie Verwaltungsarbeit bedeutet, bleibt bislang ungeschätzt. Die Universität macht sich mithin als wichtige und dynamische Institution verständlich, indem sie von dem, was sie eigentlich macht, absieht und sich für eine Arena einrichtet, deren Abläufe auf ein ebenso interessiertes wie ahnungsloses Publikum rechnen dürfen. Nur so kann man auch erklären, dass Selbstbeschreibungen wie "Ambitionert und agil" (Universität Bremen) oder "Die Universität der Synergien" (TU Dresden) zustandegekommen sind.

Demgegenüber ließe sich einwenden, dass der Exzellenzwettbewerb doch einfach nur die tatsächlich existierenden Qualitätsunterschiede der Forschung an deutschen Universitäten kommuniziert hat. Das zugeschriebene Prestige entspräche, so gesehen, tatsächlichen Forschungsleistungen. Es handelte sich dann nicht um Reklame, sondern um die Beurteilung der Produkte selbst.

Arbeit an den Fassaden

Nun, es handelt sich um Anträge. Eine eigene Logik des Antragstellens hat sich etabliert, von der es gewagt wäre zu behaupten, dass sie die Logik der Forschung selber ist. Es muss beispielsweise mehr interdisziplinärer Zusammenhang dargestellt werden, als tatsächlich existiert. Dem "Gott und die Welt-Cluster" (Ulrich Herbert) entspricht oft gar keine Kooperation diesseits der Beutegemeinschaft. Modethemen und Welträtsel bilden die Überschriften. Zwar kann man sich hier verteidigen, das alles seien doch nur die populären Fassaden, hinter denen nach wie vor Erkenntnisgewinn stattfindet. Doch die Arbeit an den Fassaden zehrt an den Ressourcen ebenso wie sie auf die Einstellungen der Fassadenbauer abfärbt: Irgendwann glauben sie tatsächlich, sie forschten interdisziplinär in Großgruppen an innovativsten Fragestellungen.

Die Spezialisierung auf Mittelbeschaffung konkurriert mit der Weiterbildung der Akteure im Sachbereich. Die Rücksicht auf Trends und das, was Gutachter repräsentieren, verstärkt sich. Der Wettbewerb schafft seine eigene Wirklichkeit, indem nicht einfach verglichen wird, was an Forschung vorliegt, sondern Forschung erwartungskonform und in Antizipation der zu liefernden Kennziffern (Promovendenzahl, Drittmittelhöhe, Publikationsfrequenz etc.) entworfen wird (Wendy Nelson Espeland und Michael Sauder).

Ein anderer Einwand konzediert die "indirect indexes", fragt aber, ob nicht der Vergleich von Hochschulen untereinander auch intern eine sinnvolle Sache ist, genau so wie das "bench-marking", das in den Rangtabellen nur einen um der Popularisierung willen stark verkürzten Ausdruck findet, operativ aber den Hochschulen viel Erkenntnis über sich selbst bringt? Zu dieser Frage gehört eine andere oft gehörte Wendung, die, gewissermaßen mit einem Seufzer der Anstrengung verbunden, auch von vielen derjenigen zu hören ist, denen keine Ausschüttungen zuteil wurden: Es sei ein Ruck durch ihre Hochschule gegangen, Leute, die sich zuvor nichts zu sagen hatten, seien durch den Zwang, die Hochschule nach außen darzustellen und für den Wettbewerb einzurichten, erstmals miteinander ins Gespräch gekommen.

Darin meldet sich ein tatsächliches Problem der Universität als Organisation. Denn der Grund dafür, dass viele deutsche Universitäten erst seit dem Bologna-Prozess und der Exzellenzinitiative wieder darüber nachgedacht haben, was sie sind und sein wollen, lag nicht nur im zuvor herrschenden Desinteresse der Organisationsmitglieder aneinander. Er liegt vermutlich viel mehr in einer organisationssoziologischen Besonderheit der Universität, auf die Peter M. Blau hingewiesen hat. Viele intern stark arbeitsteilige Organisationen können nämlich die Frage danach, was sie denn integriert, trivial beantworten: Die Arbeitsteilung ist die Integration. Denn da die einzelnen Tätigkeiten oder Abteilungen stark interdependent sind, insofern die Kurbelwellen irgendwie ins Gehäuse passen müssen, ergibt sich der Abstimmungsbedarf zwischen denen, die das eine, und denen, die das andere machen, von selbst. Es bedarf nur einer Instanz, die diesen Bedarf beobachtet und durchsetzt.

Die von Blau festgehaltene Besonderheit der Universität ist demgegenüber, dass ihre wissenschaftlichen Spezialproduktionen eben nicht interdependent sind und es jedenfalls nicht innerhalb der Universität sind. Es hängen die Erkenntnisse des einen Toxikologen von denen anderer Toxikologen ab, aber das tun sie nur ganz zufälligerweise und eher selten an derselben Universität, sondern viel eher in überlokalen Netzwerken ("epistemic communities"). Im Gegenteil besteht sogar eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass zwei Shakespeareforscher, die zufälligerweise an derselben Universität tätig sind, dafür sorgen werden, dass sie nicht interdependent arbeiten.

Einsamkeit und Freiheit

Das heißt allgemeiner formuliert, dass die Forschung selbst zumeist gar keinen Beitrag zur Integration der Universität leistet, sondern nur einen zur Perfektionierung ihrer Teile. Die klassische Pathosformel dafür war "Einsamkeit und Freiheit", was diesseits der Humboldtmelodien einen soziologischen Sinn in der Beschreibung von Prozessen behält, die sich weitgehend gleichgültig zu den Organisationsgrenzen der Hochschulen verhalten. Es ist also kein Zufall, dass man, wenn man die Universität von der Forschungsseite aus betrachtet, ihre Identität gar nicht sieht. Insofern ist es aber auch eine vergebliche Anstrengung, primär und fast ausschließlich über die Pflege der Forschungsdimension die Identität, oder wie es inzwischen heißt: das Profil von Universitäten entwickeln zu wollen. Bleibt die Frage, ob es überhaupt möglich ist. Peter M. Blau hat sie bejaht. Integriert, so lautete seine These, sind die Universitäten nicht über Forschung, sondern über Lehre, insbesondere im Bereich der "undergraduates". Dort, im Bereich der ersten Studienjahre, müssen die Spezialisten nämlich eben doch kooperieren, von ihrem Spezialistentum absehen und entscheiden, was es heißen soll, an der jeweiligen Universität unterrichtet worden zu sein und dabei dieses oder jenes Fach studiert zu haben. Die bemühte Ergänzung des Exzellenzwettbewerbs um kleine Zusatzprogramme für gute Lehre dokumentiert die Unkenntnis der Wissenschaftspolitik davon. Denn es ist gute, d.h. anspruchsvolle Lehre nicht "auch wichtig", sondern aus strukturellen Gründen die notwendige Bedingung für all das, was man sich unter universitärer Exzellenz überhaupt vorstellen mag.

Soziologische Studien zur amerikanischen Universität berichten, dass es auch im dortigen System, das dem Primat der Lehre an vielen Hochschulen und Colleges Rechnung trägt, Anzeichen für eine Aushöhlung der Leistungsfähigkeit gibt. (Richard Arum und Josipa Roksa) Studenten und Professoren schlössen, heißt es, immer öfter einen "disengagement compact", dessen Inhalt in der Übereinkunft über eine beiderseitige Präferenz für physische und geistige Abwesenheit bestehe. Wenn du mich in Ruhe lässt, lasse ich dich in Ruhe. Den Studenten würden gute Abschlüsse für mäßige Leistungen versprochen, was die bekannte Noteninflation nach sich zieht, worauf sie im Gegenzug nicht auf intensiver Betreuung und aufwendiger Lehre bestünden. Dieses Problem wird durch forcierte Forschungs- und Drittmittelorientierung erkennbar verschärft, weil sie Anreize zur Indifferenz gegenüber der universitären Kernaufgabe setzt, ja sie fast erzwingt, wenn man den Zeitbedarf für Anträge, Tagungsbesuche, also Netzwerkpflege, und Publikationen in Rechnung stellt.

Es ist die Missachtung solcher Probleme, die einer Wissenschaftspolitik, die sich in erster Linie als Forschungspolitik versteht, vorgeworfen werden kann. Wobei unter "Wissenschaftspolitik" allerdings nicht nur Ministerien verstanden werden sollten. Auch die Funktionäre der Universitäten selbst sowie die Mitglieder ihrer Selbstverwaltung agieren zumeist soziologisch blind, was ihre eigene Organisation angeht. Die Neigung, dem Prestigewettbewerb die Alltagsaufgaben unterzuordnen, die mitunter beispielsweise so weit geht, dass man ganze Universitäten mit ihren Exzellenzclustern identifiziert, ist dabei ein erstaunlicher Fall von mangelnder Intelligenz in Organisationen, die eigentlich ihrer Kultivierung dienen.

Nachdruck aus der Zeitschrift Merkur, April 2013.


Über den Autor
Jürgen Kaube ist Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Wissenschafts- und Bildungspolitik und Ressortleiter für die "Geisteswissenschaften".

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2013

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