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Universitäten in der Wirtschaftskrise: die Köpfe kommen

Von Manuel J. Hartung

So werden die Universitäten zu Gewinnern der Wirtschaftskrise.

Universitäten in der Wirtschaftskrise: die Köpfe kommen© Jacob Wackerhausen - iStockphoto.com
Als Lehman Brothers starb, wurde Dr. Lehman geboren. Auf diese Formel lässt sich bringen, wie die Universitäten zu Gewinnern der Wirtschaftskrise werden.

Was ist geschehen? Viele Hochschulen bekommen mehr Bewerbungen denn je. Von »Massen an Bewerbungen« spricht der Chronicle of Higher Education, von einer »Welle von Bewerbern« die International Herald Tribune; die Universitäten seien der beliebteste Ort, um die stürmische Wirtschaft abzuwettern. In Zahlen: In Großbritannien bemühen sich 6,5 Prozent mehr junge Menschen um einen Studienplatz. An einzelnen amerikanischen Hochschulen stieg die Zahl der Bewerber um mehr als zehn Prozent.

An sich ist dieses Phänomen nicht neu. Schon 1904 hat ein preußischer Statistiker analysiert, dass schlechte Aussichten in der Wirtschaft Studenten produzieren, während in einer Hochkonjunktur weniger Menschen an die Hochschulen drängen. Das leuchtet ein: Erstens kann man dort überwintern, zweitens mit einem Dr. vor oder einem M. A. hinter dem Namen seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern. »Statuskonkurrenz« nennen das Sozialwissenschaftler. »Individuen verhalten sich entsprechend der Logik des Wettrüstens: 'Je mehr, desto besser'«, schrieb etwa der Soziologe Paul Win dolf. Neu aber ist, dass es nicht nur mehr Studenten in spe gibt, sondern auch bessere. Einige amerikanische Professoren sprechen gar vom akademisch stärksten Studentenjahrgang seit Langem. Während sich in den vergangenen Krisen viele Aspiranten aus Verlegenheit bewarben, drängen nun die Besten an die Unis. Wer früher Derivate erfand, erforscht heute linguistische Derivationen; wer Investmentbanker werden wollte, wird nun Experte für den Investiturstreit.

Für die Bewerber ist der Anstieg der Zahl der Konkurrenten schlecht: Sie müssen noch mehr leisten, noch härter kämpfen. Für die Universitäten ist der Bewerberboom gut: Sie ziehen die hellsten Köpfe an. Bislang klagten Professoren häufig darüber, dass ihre besten Studenten in die Privatwirtschaft wechseln, anstatt an der Uni zu bleiben. Nun werden die Hochschulen zu einem so aufregenden wie anregenden Ort. Sollte sich der Run auf die Universitäten zeitlich versetzt auch hierzulande zeigen, gälte das auch hier. Bislang promovieren, wie eine Studie zeigt, auch in Deutschland nicht nur die Besten. Gelänge es dann, die best and brightest dauerhaft an den Hochschulen zu halten, könnten die Universitäten zum Ort werden, der die Gesellschaft verändert - zu dem Ort, an dem nicht nur nachgedacht, sondern auch vorgedacht wird.

Aus DIE ZEIT :: 26.03.2009

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