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Universitätsklinika vor Zerreißprobe

Interview mit Michael Albrecht

Die Universitätsklinika in Deutschland stehen vor einer Zerreißprobe: Zu ihren Aufgaben gehören Forschung, Lehre und Krankenbehandlung, gleichzeitig trägt das vorhandene Finanzierungsystem den spezifischen Aufgaben nicht ausreichend Rechnung. Was tun? Fragen an den Vorsitzenden des Verbands der Universitätsklinika.

Universitätsklinika vor Zerreißprobe© TBE - iStockphoto.comDas System der Universitätsklinika muss, will es weiter bestehen, kurzfristig umgebaut werden
Forschung & Lehre: Das auf Fallpauschalen basierende Vergütungssystem (DRG) wird weder den Besonderheiten noch den spezifischen Aufgaben und den Kosten der Universitätsklinika gerecht. Die Mehrzahl der Universitätsklinika arbeitet deshalb defizitär. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz des DRG-Systems aus?

Michael Albrecht: Die Umstellung auf Fallpauschalen war richtig und wird von uns auch nicht in Frage gestellt. Viele komplexe und hochspezialisierte Leistungen der Universitätsklinika sind inzwischen gut im System abgebildet. Nicht zuletzt, weil sich die Universitätsklinika intensiv an der Kostenkalkulation des Instituts für das Entgeltsystem (InEK) beteiligen. Die Probleme, die wir heute mit der Finanzierung der Hochschulmedizin haben, beruhen daher auch nicht auf einem unzureichend entwickelten Fallpauschalen-Katalog. Das Kernproblem sehe ich vielmehr im ordnungspolitischen Rahmen, in dem die Fallpauschalen derzeit genutzt werden.

Da ist zum einen die sogenannte Kosten-Erlös-Schere: Das heißt, Kostensteigerungen, zum Beispiel durch Tarifsteigerungen oder gestiegene Energiekosten, gehen nicht in vollem Umfang in die Fallpauschalen ein. Hinzu kommt eine völlig unzureichende Investitionsfinanzierung durch die Länder. Viele Häuser ringen deshalb mit einem enormen Investitionsstau in den Bereichen Bau, Medizin- und Betriebstechnik sowie IT.

Diese Probleme haben alle Krankenhäuser, Uniklinika unterscheiden sich aber zudem strukturell: Sie haben einen anderen Versorgungsauftrag und können sich nicht wie Fachkliniken spezialisieren. Sie müssen zu jeder Zeit auch höchst komplexe Fälle versorgen können. Außerdem müssen sie die besonderen Anforderungen von Forschung und Studentenausbildung in den Klinikalltag integrieren. Daraus resultieren organisatorische und strukturelle Unterschiede, die im Finanzierungssystem nicht berücksichtigt werden. Kosten-Erlös-Schere, Investitionsmisere und unzureichend berücksichtigte Sonderaufgaben addieren sich zu einem gewaltigen Finanzierungsproblem für die universitäre Medizin. Zwischen 2011 und 2013 haben sich die Jahresergebnisse der Universitätsklinika in Summe um etwa 100 Millionen Euro verschlechtert. Klar ist also: Das System muss kurzfristig so umgebaut werden, dass die universitäre Medizin finanziell stabilisiert wird.

F&L: Sowohl die Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin als auch der Verband der Universitätsklinika (VUD) haben eine nachhaltige Verbesserung der Finanzierung der Universitätsklinika gefordert. Der Koalitionsvertrag greift das nun auf und will die "besonderen Aufgaben der Universitätskliniken und der Krankenhäuser der Maximalversorgung besser im DRG-System vergüten". Wie könnte "DRG plus" aussehen?

Michael Albrecht: Der Koalitionsvertrag zeigt uns, dass die Politik die Unterfinanzierung der Universitätsmedizin auf der Agenda hat. Das ist positiv. Ich bin dennoch skeptisch, ob die im Vertrag angekündigte Optimierung des DRG-Systems und der Hochschulambulanz-Vergütung eine ausreichende Hilfe bringen kann. Zu häufig wurden hier schon Reformen angekündigt, aber nicht umgesetzt. Der Grund: Veränderungen in den bestehenden Systemen sind technisch anspruchsvoll, zeitaufwändig und politisch extrem blockadeanfällig. Darum fordern wir ja auch im Einklang mit vielen weiteren Stimmen aus der Wissenschaftspolitik eine dritte Finanzierungssäule neben den etablierten Finanzierungssystemen: Das Motto lautet DRG plus "Systemzuschlag". Da die gesetzlichen Krankenkassen von den Leistungen der Universitätsmedizin in Forschung und Lehre profitieren, müssen sie für die Krankenversorgung in der Universitätsklinik eine finanzielle Mitverantwortung übernehmen.

F&L: Welche Erfahrungen zum DRG-System gibt es aus anderen Ländern?

Michael Albrecht: Eine VUD-Studie aus diesem Jahr hat die sehr unterschiedlichen Fallpauschalen-Systeme in Österreich, England, den Niederlanden und den USA untersucht und aufgezeigt: Das deutsche Fallpauschalen-System, das Uniklinika ohne jede strukturelle oder aufgabenbezogene Differenzierung über Krankenhaus-Einheitspreise finanziert, ist im internationalen Vergleich ein absoluter Alleingang. Alle untersuchten Länder haben trotz der deutlichen Systemunterschiede Wege zur zusätzlichen Finanzierung der Universitätsmedizin gefunden. Neben Zusatzvergütungen für besondere Behandlungen gibt es auch strukturbezogene Sondervergütungen, die ausschließlich Universitätsklinika erhalten. In allen untersuchten Ländern wurde politisch akzeptiert, dass es Mehrkosten der Universitätsmedizin gibt.

F&L: Beim DRG-basierten Abrechnungssystem wird der Patient zum "Fall", der medizinisch und ökonomisch in "Fallgruppen" eingeteilt wird. Wie wirkt sich das auf die Beziehung zwischen Arzt und Patient aus?

Michael Albrecht: Natürlich sehen wir den Patienten auch nach der Einführung des DRG-Systems nicht als "Fall", sondern als Menschen, dem wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln helfen. Das Problem im DRG-System ist nicht, dass man Fälle statt Pflegetage abrechnet. Das Problem sind die insgesamt zu gering bemessenen Klinikbudgets. Wären die Fallpauschalen höher und würden unsere Zusatzaufgaben wie die Notfallvorhaltung und die Facharztweiterbildung besser vergütet, dann könnten wir mit dem DRG-System gut leben. Zwar liefern die deutschen Universitätsklinika auch im internationalen Vergleich immer noch absolute Top-Medizin. Da aber an allen Ecken das Geld fehlt, bleibt unter dem Strich immer weniger Zeit für die Patienten, besonders in der Pflege. Wir müssen alles dafür tun, dass die Finanzmisere nicht auch auf die medizinische Qualität durchschlägt. Hier ist es fünf vor zwölf.

F&L: Tut der derzeit stattfindende Privatisierungs- und Konzentrationsprozess der Qualität der Universitätsklinika gut?

Michael Albrecht: Bei den Universitätsklinika sehe ich derzeit keinen Privatisierungs- oder Konzentrationsprozess. Von den Uniklinika wurde 2006 lediglich Gießen-Marburg privatisiert. Nach den dortigen Erfahrungen glaube ich nicht, dass es hier in absehbarer Zeit Nachahmer geben wird. Anders war die Entwicklung im nicht-universitären Krankenhausmarkt. Hier hat es in den letzten Jahren eine Konsolidierung gegeben. Dieser Prozess wird noch weitergehen, weil es in einigen Regionen Deutschlands nach wie vor zu viele Krankenhäuser gibt. Das Engagement privater gewinnorientierter Träger sehe ich nicht per se kritisch. Die Herausforderung durch die Privaten befeuert den Wettbewerb und zwingt letztlich alle Träger, sich immer wieder aufs Neue zu beweisen. Unabhängig davon ist und bleibt das Kernproblem der Universitätsklinika die unzureichende Finanzierung. Das macht uns viel mehr zu schaffen als die Veränderungen im Marktumfeld. Die Universitätsklinika sind so qualitäts- und leistungsstark, dass uns Wettbewerb nicht schreckt.


Über den Interviewten
Professor Michael Albrecht ist erster Vorsitzender des Verbands der Universitätsklinika e.V. Deutschland. Er leitet als Medizinischer Vorstand das Universitätskrankenhaus Carl Gustav Carus Dresden.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2014

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