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Unparteilichkeit und Unabhängigkeit der Wissenschaft

von Felix Grigat

Unparteilichkeit und Unabhängigkeit gehören zu den höchsten Gütern der Wissenschaft. Doch geht deren Bedeutung verloren? Ergebnisse einer Umfrage.

Unparteilichkeit und Unabhängigkeit der Wissenschaft© Pippilotta* - photocase.comDer DHV untersucht in einer Umfrage inwieweit Unparteilichkeit und Unabhängigkeit in der Wissenschaft noch vorhanden sind
Wo, um Himmels Willen, bleibt die Idee der Universität? Ist das noch eine sinnvolle Frage? Oder soll man diesen merkwürdig teutonischen Drang nach Aprioris nicht ruhen lassen? Ja, läge dies nicht näher angesichts der realexistierenden Massenuniversitäten, des Evaluations- und Publikationsdrucks auf Hochschullehrer, des Tanzes um Drittmittel, der Sitzungen und Konzepte für bolognakonforme Studiengänge und die Exzellenzinitiative, der Akkreditierung usw., also angesichts deutlicher Burn-out-Symptome? Wer will hier noch Universitäten als Organisationen verstehen, die für die Freiheit der Forschung und der Lehre stehen, ja als Orte geregelter Muße? Nüchtern betrachtet, so sagte es einst Paul Mikat, sei die Wirklichkeit der Idee doch eine Kommission. Hat er Recht behalten?

Aber sind Ideen dafür da, verwirklicht zu werden? Wenn nein, sollte man sich deshalb von ihnen, z.B. der Freiheit, verabschieden? Nach Kant ist eine Idee nichts anderes, als der "Begriff von einer Vollkommenheit, die sich in der Erfahrung noch nicht vorfindet". So zum Beispiel die Idee einer vollkommenen, nach Regeln der Gerechtigkeit regierten Republik. "Ist sie deswegen unmöglich?" fragte er provozierend. Erst müsse unsere Idee nur richtig sein, und dann sei sie bei allen Hindernissen, die ihrer Ausführung noch im Wege stehen, gar nicht unmöglich. Und er setzt hinzu: "Wenn z. E. einer löge, wäre deshalb das Wahrreden eine bloße Grille?"

Diese Mahnung im Hinterkopf behaltend, mag man einmal der Frage nachgehen, welchen Wert Parteien, Landesminister und Wissenschaftsorganisationen der Unparteilichkeit und Unabhängigkeit der Wissenschaft zumessen. Oder auch, ob ihrer Meinung nach die Wissenschaft in Deutschland in den letzten Jahrzehnten an Unparteilichkeit und Unabhängigkeit verloren hat. Welche Rahmenbedingungen sind ihnen förderlich? Der Deutsche Hochschulverband hat diese Fragen unlängst in einer kleinen, informellen Umfrage an Wissenschaftsminister, Wissenschaftsorganisationen und Bundestagsabgeordnete gestellt. Eindrücke nach einer Lektüre der Antworten.

Die höchsten Güter der Wissenschaft

Auf die erste Frage sind die Antworten bei fast allen Befragten einstimmig: Unparteilichkeit sei die conditio "sine qua non echter Wissenschaft" sagt z.B. der Wissenschaftsminister Mecklenburg-Vorpommerns, Mathias Brodkorb. Unparteilichkeit und Unabhängigkeit seien die "höchsten Güter" in der Wissenschaft, sein Kollege aus Schleswig-Holstein, ein "wesentliches Merkmal" von Wissenschaft (Eva Kühne-Hörmann/Hessen). Christoph Matschie, Minister des Landes Thüringen, sagte: "Nur dort, wo ihre Freiheit gewährleistet ist, kann ernstzunehmende Wissenschaft überhaupt stattfinden". Als "Freiheit von Zwängen oder Denkverboten ... ist die Unabhängigkeit und Unparteilichkeit der Wissenschaft Garant unserer gesellschaftlichen Entwicklung und Wohlfahrt und deshalb ein dem Staat zum Schutz und zur Förderung anvertrautes, wertvolles Gut", formulierte es Johanna Wanka, Niedersachsen. In einer demokratischen Gesellschaft sei Wissenschaft nicht parteilich, Ministerin Birgitta Wolff, Sachsen-Anhalt.

Nach Überzeugung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sind Unparteilichkeit und Unabhängigkeit die Basis für produktive Grundlagenforschung. Wissenschaftler müssten unabhängig von unmittelbaren Verwertungskriterien forschen können. Sie dürften nicht von den Interessen Dritter geleitet werden, sondern benötigten Freiräume. Dabei müssten sie auch irren dürfen Der Wissenschaftsrat differenziert mehrfach. Da Wissenschaft mit Wirtschaft, Politik, Kultur und Öffentlichkeit vielfältig verbunden sei, sei Unparteilichkeit in diesen Beziehungen, also im Prozess der Erkenntnisgenerierung neutral und objektiv zu sein, ein hoher Wert für die Wissenschaft. Fraglich sei allerdings, ob Unparteilichkeit in einem weiten Sinne von Standpunkt- und Interesselosigkeit überhaupt möglich und wünschenswert sei. "Es ist durchaus legitim, wenn auch Wissenschaft eigene Interessen hat und eine eigene Agenda verfolgt." Auch die Unabhängigkeit habe selbstverständlich für die Wissenschaft einen hohen Wert. Sie dürfe aber nicht als Autarkie oder Beziehungslosigkeit zu den anderen gesellschaftlichen Teilbereichen verstanden werden. Dies sei weder erstrebenswert noch möglich. Beziehungslosigkeit oder die Vermeidung jeglichen Standpunktes sei jedoch nicht Voraussetzung guter wissenschaftlicher Praxis. Gute wissenschaftliche Praxis sei nicht verhandelbar und sei daher stets über die Interessen der Geldgeber zu stellen.

Nach Ansicht des Präsidenten der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH), Professor Helmut Schwarz, kann der Wert von Unparteilichkeit und Unabhängigkeit des Wissenschaftlers "nicht hoch genug" eingeschätzt werden. Ein seriöser Forscher müsse allein vom Forschungsgegenstand ausgehen. Wissenschaft, die den Erwartungshaltungen der Interessenträger entspreche, sei keine Wissenschaft mehr. Aber auch mangelnde Unabhängigkeit von den eigenen Hypothesen führe in die Irre. Die Präsidentin des DAAD, Professor Margret Wintermantel, betont, dass Unparteilichkeit und Unabhängigkeit "Fundamente der Wissenschaft" seien.

Unabhängigkeit bewahrt?

Hat das Wissenschaftssystem in den letzten Jahrzehnten an Unparteilichkeit und Unabhängigkeit verloren? Politisch korrekt antwortet darauf Doris Ahnen, Wissenschaftsministerin Rheinland-Pfalz: Nein, das Wissenschaftssystem habe seine Unparteilichkeit und Unabhängigkeit bewahrt. Länder und Bund gewährleisteten dabei die entscheidenden Rahmenbedingungen. Auch die hessische Wissenschaftsministerin, ihre Kollegen aus Schleswig-Holstein und Thüringen sehen dies so. Die hamburgische Senatorin schränkt merkwürdig ein, indem sie sagt, es sei nicht wirklich nachweisbar, ob die Wissenschaft in Deutschland in den letzten Jahrzehnten an Unabhängigkeit verloren habe. Aus Sicht von Frau Ministerin Professor Wanka, Niedersachsen, habe die Freiheit der Wissenschaft in Deutschland in den letzten Jahrzehnten enorm von der fortentwickelten Autonomie der Hochschulen profitiert. Kritischer sagt es Mathias Brodkorb, Mecklenburg-Vorpommern. Nein, er könne nicht finden, dass Wissenschaft in Deutschland in allen wichtigen Fragen stets oder in der Regel vor allem der eigenen geistigen Unabhängigkeit verpflichtet sei. "Allzu oft begegnen mir Diskurse, in denen deutlich wird, dass sich auch Wissenschaftler stark vom öffentlichen Meinungsbild beeinflussen lassen". Im Angesicht der herrschenden öffentlichen Meinung ließen sie bisweilen davon ab, sich überhaupt noch (abweichend) zu äußern. Damit überließen sie jenen das Feld, die stets "mit den Wölfen" heulten. Die instrumentelle Ursache dieser Schieflage sei dabei in einem erheblichen Druck durch das Mediensystem und seine Mechanismen zu sehen. Die wahre Ursache sei jedoch "eine ganz andere". Die hätte der Leser gene gewusst, aber der Minister behält sie leider für sich. Martin Neumann, Sprecher für Forschungspolitik der FDP-Bundestagsfraktion mahnt: Das "wissenschaftliche Gutachterwesen" habe vielfach gegen Prinzipien wissenschaftlicher Qualität verstoßen. So gebe es auftrags- und zielgebundene Wissenschaft und schlechte wissenschaftliche Arbeitsmethoden.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft sieht Unparteilichkeit und Unabhängigkeit der Wissenschaft in Deutschland "weitgehend sichergestellt". Allerdings müsse die DFG zunehmend auch auf europäischer Ebene dafür Sorge tragen, dass Grundlagenforschung weiterhin in den wesentlichen Programmen erkenntnis- und wissenschaftsgeleitet, themenoffen, unbürokratisch und den Kriterien der Qualität verpflichtet bleibe. Nach Ansicht des Wissenschaftsrates hat in den letzten Jahrzehnten in Deutschland die Abhängigkeit der Forschung von Mitteln jenseits der staatlichen Grundfinanzierung zugenommen. Dabei dränge sich die Frage auf, ob Wissenschaft durch diese Entwicklung auch inhaltlich abhängig und parteilich geworden sei. Wenn auch in den letzten Jahrzehnten die finanzielle Abhängigkeit von Dritten zugenommen habe, sei zugleich die Abhängigkeit der Wissenschaft von staatlicher Einflussnahme in mancher Hinsicht geringer geworden - Stichwort Autonomie. Der Wissenschaftsrat sieht eine Gefahr darin, wenn sich Wissenschaft darauf einlasse, politische Debatten mit zu prägen. Dann könnte es sein, dass ihre Erkenntnisse interessengeleitet wahrgenommen und verwendet werden. Umgekehrt gelte allerdings auch, dass die Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse die Handlungs- und Entscheidungsfreiräume einschränken könne, "wer hier also primär von wem abhängig ist, ist zunächst offen".

Die AvH weist darauf hin, dass die engere Vernetzung der Wissenschaft mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auch zur Entstehung von Abhängigkeiten geführt habe. Nicht zuletzt die "zweifellos wichtigen Gutachterfunktionen", die viele in der Forschung tätige Wissenschaftler u.a. für die Politik leisteten, könnten dazu führen, dass sich der Blick auf die Produktion politisch oder wirtschaftlich opportuner Ergebnisse verenge. "Bis zur Selbstzensur des Forschers ist es dann nur noch ein kleiner Schritt."

Grundfinanzierung

Konsens besteht bei allen Befragten darin, dass die wichtigste Rahmenbedingung für Unparteilichkeit und Unabhängigkeit von Wissenschaft ihre ausreichende Grundfinanzierung sei. Es ist gut und richtig, dies zu fordern, aber eintreffen wird es realistischerweise nicht.

Die Antworten aus Politik und Wissenschaft sind geprägt von einer merkwürdigen Mischung aus nüchternem Pragmatismus und dem Hochhalten der Idee der Freiheit. Hier und da geht man durchaus ins Grundsätzliche, vom Idealismus aber hält man sich fern. Ein wenig mehr davon aber würde helfen, wieder eine Universität jenseits von Masse, Geld und Organisation zu sehen, denn diese ist eben keine "bloße Grille".


Über den Autor
Felix Grigat ist verantwortlicher Redakteur von Forschung & Lehre.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2012

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