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Unter den Talaren

VON REINER LUYKEN

Britische Studenten wehren sich gegen höhere Studiengebühren - die wahren Probleme der Unis liegen woanders.

Unter den Talaren© Rwendland - Wikimedia CommonsOld Schools Combination Room, Cambridge University während der Studentenproteste Anfang Dezember 2010
Der Dekan ruft die Namen der Doktoranden auf. Der Kanzler - er trägt einen mit goldenen Litzen und Fröschen bestickten schwarzen Seidenmantel mit eckigem Kragen - verpasst ihnen mit einem Stofflappen einen zeremoniellen Schlag auf das gebeugte Haupt und spricht die Worte: »Et super te.« Bei dem Lappen, der da »nun über dich« kommt, handelt es sich um den Hosenlatz des Reformators John Knox. Als Vater eines Studenten, der dieser Zeremonie beiwohnt, fühlt man sich in die Aufführung einer komischen Oper versetzt. Doch der Ort der Handlung ist die Universität St. Andrews, Großbritanniens drittälteste Hochschule, die unlängst als Alma Mater Prinz Williams und seiner Verlobten Kate Middleton durch die Presse ging. Der Prinz bekam das 450 Jahre alte Gewebe, das Magistern und Doktoren der zu den führenden britischen Hochschulen zählenden Universität vorbehalten ist, im Juni 2005 zu spüren.

Britische Hochschulen belegen im World University Ranking die Plätze eins, vier, fünf und sechs. Sie nehmen es auf den Spitzenplätzen als Einzige mit der Übermacht US-amerikanischer Universitäten auf. Cambridge heimste 2010 einen, die Universität Manchester zwei Nobelpreise ein. Simon Jenkins, ein angesehener Kolumnist des linksliberalen Guardian, verspottet sie dennoch als »Rache der Erben mittelalterlicher Klöster für die ihnen während der Reformation zugefügten Wunden«. Es gebe in Großbritannien drei Sorten Konservativer, meint er. Torys, fanatische Torys und Universitäten. Deren Motto laute: »Lasst alles beim Alten.« Ihr Credo: »Wir sind perfekt.« Und ihre Fürbitte: »Gebt uns mehr Geld.« Nun will die liberalkonservative Regierung weder alles beim Alten lassen noch mehr Geld ausspucken. Gegenwärtig finanziert der Staat die Unis zu 60 Prozent. Bis 2016 sollen es nur noch 40 Prozent sein. Das Parlament beschloss im Dezember eine Anhebung der Studiengebühren von gegenwärtig 3000 Pfund (3600 Euro) auf 6000 bis 9000 Pfund im Jahr. Seither sorgen vom nationalen Studentenbund angeführte Kohorten für Zoff. Sie besetzen Universitäten, liefern sich Straßenschlachten mit in martialischer Schutzausrüstung aufmarschierenden Bobbys, verunstalten Statuen britischer Nationalhelden, schlagen Schaufenster ein und schmieren wie Teenager unflätige Vokabeln auf Hauswände.

Als Teilnehmer der letzten Randale den zu einer Galavorstellung fahrenden Prinz Charles und seine Gemahlin Camilla entdeckten, attackierten sie den königlichen Rolls-Royce und schrien: »Ab mit ihren Köpfen!« Die nächste Großkundgebung ist für das Monatsende in Manchester geplant. Das Streitgebaren der Studenten wirkt auf seine Art so bizarr wie das opernhafte Zeremoniell bei der Diplomverleihung in St. Andrews. Ihr Aufschrei hat mehr mit Ideologie als mit der Wirklichkeit zu tun. Niemand wird die Studiengebühren im Voraus oder während des Studiums entrichten müssen. Ganz im Gegenteil, wohlhabenden Eltern ist es sogar verboten, das Studium ihrer Darlings im Voraus zu finanzieren. Die Studiengebühren werden erst nach dem Eintritt ins Berufsleben ab einem Jahreseinkommen von 25 000 Euro in kleinen Raten eingezogen, man könnte sie also als eine Art höhere Besteuerung von Akademikern betrachten. Was nach 30 Jahren nicht beglichen ist, wird abgeschrieben. Das kommt vor allem Frauen zugute, die um ihrer Kinder willen eine Zeit lang aus dem Arbeitsleben aussteigen. Meine ältere Tochter hat zehn Jahre nach Ende ihres Studiums gerade 200 Pfund abbezahlt.

Die Finanzreform vermeidet auch peinlichst, Kinder aus ärmeren Haushalten zu benachteiligen. Sie erhalten großzügigere Beihilfen zu ihrem Lebensunterhalt als zuvor. Warum dann der Zoff? Es geht um einen Lebensstil. Im 19. Jahrhundert war das Studentendasein ein Privileg der Eliten. Heute geht auf der Insel fast die Hälfte aller Jugendlichen auf die Universität. Die betrachten das einstige Vorrecht der oberen Zehntausend als ein gemeingültiges Anrecht. Ein von langen Ferien um die christlichen Feiertage und »Lesewochen« unterbrochenes Studienjahr, das in der letzten Septemberwoche beginnt und kurz nach Ostern in fast fünfmonatige Sommerferien mündet. Eine eigene Wohnung, viele Partys, minimale Anstrengungen. In das Anrechtsdenken mischt sich die Angst vor der Arbeitslosigkeit. Für viele Hochschulabsolventen gibt es keine ihrer Ausbildung entsprechenden Positionen. Sie besetzen mittlerweile ein Drittel aller Callcenter-Arbeitsplätze. Die Weingroßhandelskette Majestic stellt in ihren Lagerhäusern nur noch Akademiker ein. Akademiker ist ein großes Wort. Das Grundstudium stellt für halbwegs intelligente Jugendliche aber kaum eine Herausforderung dar. Aus Langeweile kiffen sich viele Hochschüler durch die Studentenzeit. Als Vater von vier Kindern, die an einigen der renommiertesten englischen Universitäten, darunter das Kings College und das University College London studierten, kann ich ein Lied davon singen. Oft werden sie völlig sich selbst überlassen. Der Kontakt mit Professoren ist minimal. Dozenten absentieren sich monatelang auf Dienstreisen. Der Sohn, der seinen Master in St. Andrews machte, hatte den Eindruck, sein Professor habe seine Diplomarbeit nur kurz überflogen, derart oberflächlich waren die Anmerkungen. Trotzdem wurde sie mit »gut« benotet. Vielleicht kann man den Professoren ihr Desinteresse nicht übel nehmen. Viele Magister- und Doktorarbeiten dienen mehr der Befriedigung der persönlichen Eitelkeit als der Mehrung des Wissens.

Magister und Doktoranden bilden für die Universitäten eine wohlfeile Einnahmequelle. Die große Mehrzahl der Absolventen, die bei der Zeremonie in St. Andrews John Knox' Hosenlatz zu spüren bekommen, stammt aus dem nicht europäischen Ausland, die meisten aus China. Sie bezahlen knapp 30 000 Pfund für einen einjährigen Masterkurs, dreimal so viel wie ein EU-Bürger. Für einen Aufpreis von 60 Pfund dürfen sie das begehrte Zertifikat mit dem mittelalterlichen Siegel in Latein, in handgeschöpftes Bütten geprägt, nach Hause bringen. Auf fast jedem Zertifikat steht ein »gut« oder »sehr gut«. Ein Durchrasseln gibt es nicht. Dabei seien die Abschlussarbeiten oft von schockierend niedriger Qualität, erklärt ein emeritierter Professor. Er hält den modernen Ablasshandel für skandalös. Die Unis greifen aus Geldnot zu dem probaten Mittel, ihre Kassen zu füllen. Wirtschaftlich vernünftiges Denken ist ihnen fremd. Dass riesige Gebäudekomplexe in besten Innenstadtlagen fast ein halbes Jahr lang leer stehen, kümmert sie wenig. Innere Arbeitsabläufe sind total bürokratisiert.

Sogar die Hochschullehrer spornen die aufgebrachten Studenten an

Mein älterer Sohn, der einen Doktor in Nukleartechnik in Manchester macht, erlebte in den USA effizientes Forschen. Als er dort für ein Experiment ein Spezialteil aus der Werkstatt benötigte, bekam er es am nächsten Tag. In Manchester rennt er von einer Genehmigungsinstanz zur anderen und wartet zwei Monate darauf. Kein Wunder, dass Studieren auf der Insel frustriert - und immer teurer wird. Der für Universitäten zuständige Minister Vince Cable nahm sich letzten Juli eine große Hochschulreform vor. Weniger Campusuniversitäten, mehr Teilzeit kurse, kürzere Studiengänge. Eine von desillusionierten Oxford-Professoren gegründete Privathochschule, die University of Buckingham, zieht bereits seit Längerem drei Jahre dauernde Studiengänge in zwei Jahren durch. Das akademische Jahr dauert dort 40 Wochen; jeder Dozent lehrt 30 Wochen und kann die restliche Zeit der Forschung widmen. In externen Bewertungen schneiden die Studenten so gut ab wie die der besten alt etablier ten Unis. Doch aus der weitergehenden Reform wird vorerst nichts. Die Regierung kann sie gegen den Konservativismus der Unis und die Studentenproteste nicht durchsetzen. Viele Hochschullehrer spornen die randalierenden Studenten sogar an. Eine kuriose Allianz eines scheinbar revolutionären Impetus und der britischen Tendenz, Traditionen auch dann noch hochzuhalten, wenn sie ihre Grundlage längst verloren haben.

Aus DIE ZEIT :: 27.01.2011

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