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Unter der Realitätsdusche - über den Kampf um die Master-Plätze

Von Rolf-Michael Simon

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Bologna-Reformen, dass Hochschulplaner und -politiker einige gravierende Folgen erst dann erkennen, wenn die Situation da ist. Dies gilt gerade für die Kapazitäten für Masterplätze. Nun schlagen Studenten, die vor geschlossenen Türen stehen, Alarm.

Unter der Realitätsdusche - über den Kampf um die Master-Plätze© xtra06 - Photocase.comNach dem Bachelor beginnt der Kampf um einen Master-Platz
Die Geschichte des sogenannten "Bologna-Prozesses" - speziell dessen Umsetzung in die real existierende Bildungsrepublik D - ist gesäumt von nicht gehaltenen Versprechen, Fehlinformationen und platten Lügen. "Das müssen wir jetzt machen", hieß es vor Jahren, ohne dass ein solches "Muss" jemals existiert hätte. Ebenso wurde dem Eindruck niemals allzu vehement widersprochen, die "konsekutiven" Studiengänge mit den Abschlüssen "Bachelor" und "Master" gehörten als Teile eines Ganzen zusammen, die gern so genannte Master-"Phase" wäre der selbstverständliche Anschluss an den Bachelor-Abschluss. Und als vor Jahren aus einem Landesministerium durchsickerte, man rechne realiter mit einer Quote von 70 (Bachelor) zu 30 (Master), wurde rasch das Mäntelchen des Beschweigens darüber gebreitet. In diesem Wintersemester 2010/11 nun hat die Realität zugeschlagen, die Vorstellungen pulverisiert, nach dem Bachelor könne man quasi automatisch einen Master "draufsatteln" (auch so eine Formulierung aus der Frühzeit von "Bologna"). Geht nicht - selbst wenn der Bachelor für den gewünschten Beruf keinesfalls den gern zitierten berufsqualifizierenden Abschluss darstellt.

Wer zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Studium aufnahm, hatte einen der Abschlüsse Diplom, Magister, Staatsexamen im Blick und die sichere Möglichkeit, diesen zu erreichen. Man konnte "durchstudieren", um ein Schlagwort aus der Bundespolitik abzuwandeln. Und viele Studienanfänger werden sich nach Einführung der, mutmaßlich, gestuften Studiengänge vorgestellt haben, dies weiterhin zu können - also gegebenenfalls die Uni nach der Bachelor-Graduierung verlassen zu können - nicht zu müssen, notabene. Dass exakt dies gerade jetzt als Forderung von studentischer Seite formuliert wird, spricht nur dafür. Und unterstreicht, dass der Bachelor immer noch nicht als der eigenständige, berufsqualifizierende Studienabschluss verstanden wird, sondern als Vorstufe zum Master. So eröffnet die öffentliche Hand dem graduierten Bachelor nicht die Laufbahnmöglichkeiten, die einst dem Diplomierten offen standen und heute dem Master.

Andreas Pinkwart, bis Sommer 2010 NRW-Wissenschaftsminister und demnächst Rektor in Leipzig, appelliert in diesem Zusammenhang an die "Vorbildfunktion", die der öffentliche Dienst mit Blick auf Bachelor-Absolventen zu erfüllen habe. Konkrete Auswege eröffnen den Betroffenen die so oft gescholtenen Hochschulen. Die Ruhr-Universität Bochum bietet, so Uta Wilkens, Prorektorin für Lehre, Weiterbildung und Medien, "für solche Fälle bereits Weiterbildungs-Master an, die berufsbegleitend die Voraussetzungen für den Höheren Dienst eröffnen".

Master als zweites Studium

Eine Chance. Die aber nicht alle Master-Bewerber wird trösten können. In den vergangenen Wochen mehrten sich Schlagzeilen à la "Kampf um den Masterplatz" oder "Chaos um den Master". Zuvor war die Zahl der BA-Graduierten, die weitermachen wollten, überschaubar gewesen - und die Zulassung zum Master-Studium entsprechend unproblematisch. Aber die Absolventenzahlen stiegen. Spätestens da wurde bewusst, dass die Master-"Phase" eben dies nicht ist. Keine Phase, sondern ein zweites Studium. Für das weniger Studienplätze vorhanden sind als für das erste, denn in Deutschland ist der Bachelor als Regelabschluss definiert, nach dem die Absolventen die Hochschule verlassen und in den Beruf gehen sollen. Verstanden? Dass ihre Chancen auf einen Job vielleicht gar nicht so schlecht sind - Stichwort "Bachelor welcome" - mag ja sein. Aber die Realität heißt oft: Geringeres Gehalt und weniger Chancen auf unbefristete Anstellung (F&L berichtete unlängst). Immer mehr Fälle von Nicht-Zulassungen drangen nach außen. Das Thema fand sich nicht mehr allein in der Hochschul-Berichterstattung, sondern auch auf "Karriere"-Seiten im Wirtschaftsteil der Tageszeitungen. Die Öffentlichkeit erfuhr - mehr oder weniger erstaunt - von Bewerberzahlen, die das Platz-Angebot für ein Masterstudium um ein Mehrfaches übertrafen, las von Spitzenabsolventen, die keine Zulassung erhielten, von erfolgreichen Klagen. Dies vor der Kulisse politischer Appelle, das Land der Dichter und Denker bringe nicht genügend Akademiker hervor.

Aber wer A(kademiker) meint, soll wohl nur noch B(achelor) sagen... Andererseits wurden Studien und Umfragen zitiert, die einer Eskalation scheinbar widersprachen - wenn auch immer wieder "mit Einschränkungen". Kolja Briedis von der Hochschul-Informations-System GmbH ließ sich mit der Aussage zitieren: "Vor allem das Übergangsmanagement zwischen Bachelor und Master ist schlecht organisiert." Wie denn auch, mag man einwenden, wenn es keine belastbaren Zahlen, ja nicht einmal verlässliche Prognosen darüber gibt, wie viele Masterplätze für wie viele Bachelor-Graduierte existieren. Das beklagt auch die Hochschulrektorenkonferenz, resümiert gleichwohl, die Engpässe bisher seien "auf bestimmte Fächer an besonders beliebten Hochschulstandorten" begrenzt. "Allerdings stehen die großen Bachelor-Absolventen- Jahrgänge noch aus."

Die Hochschul-Wirklichkeit im Winter 2010/11

Auf die wohl längste "Bologna"-Erfahrung wird man in Bochum zurückblicken können. Die Umstellung erfolgte schon vor knapp zehn Jahren und auf der Basis langjähriger Erprobung des damals so genannten "Magister-Reformmodells". Deshalb an Uta Wilkens die Frage, warum es überhaupt Zulassungs-Quoten gibt. - "Man kann hier nicht von Quoten sprechen. Vorab definierte Quoten gibt es nicht, es gibt in einzelnen Fällen Zulassungsbeschränkungen zum Master-Studium. An der Ruhr-Universität sind drei von rund 70 Master-Studiengängen zulassungsbeschränkt. Eine solche Beschränkung wird beim Ministerium beantragt, wenn die Kapazitätsgrenzen überschritten werden und andernfalls die Qualität der Lehre und eine gute Betreuungsrelation nicht mehr gewährleistet werden können. In diesen Fächern hat man dann einen Orts-NC."

Ausgewählt wird dann nach Noten des Bachelor-Examens, möglicherweise ergänzt durch fachspezifische Vorgaben. Aber das weckt schon neuen Unmut, denn Note ist bekanntlich nicht gleich Note. Immer wieder zitiert werden die Differenzen für BWLer, die an der Universität zu Köln im Durchschnitt mit einer 2,3 den Bachelor absolvieren, während Studenten von anderen (Fach-)Hochschulen regelmäßig mit 1,7 oder noch besser abschließen und den Kölnern an ihrer Universität die Plätze wegnehmen. Immerhin sollte Transparenz schon die zentrale Forderung an die Zulassung sein. Und warum ist ein "Durchstudieren" wie früher nicht möglich? - Uta Wilkens: "Heute werden wesentlich mehr Studienanfänger zum Bachelor- Studium zugelassen als früher zu Diplom/ Magister/Staatsexamen. Die Zahl der Studienanfänger und Studierenden ist ja deutlich gestiegen. Und vergessen Sie nicht - der Bachelor ist ein berufsqualifizierender erster Abschluss, nach dem gar nicht jeder in den Master will. Das bestätigen auch unsere Absolventen- Studien." Gibt es Vorgaben zur Verteilung der Studienplätze auf Bachelor und Master? - "Die Verteilung unserer Gesamtkapazität geschieht nicht auf Grund einmaliger politischer Vorgaben, sondern auf Basis empirisch gestützter Kapazitäts-Berechnungen. Dafür sind die de facto-Verteilungen zwischen Bachelor- und Masterstudierenden ausschlaggebend.

Durch Festlegung von Aufnahmekapazitäten für Studiengänge bis zum ersten berufsbefähigenden Abschluss in den Ziel- und Leistungsvereinbarungen zwischen den Hochschulen und dem Land sowie durch zeitlich befristete Vereinbarungen zur Aufnahme zusätzlicher Studienanfänger in Studiengängen der Erstausbildung im Rahmen des Hochschulpaktes 2020 sind wir allerdings verpflichtet, eine definierte Mindestmenge unserer Kapazitäten für Bachelor-Studiengänge (und für die verbliebenen Staatsexamina) vorzuhalten - und dadurch werden de facto die verfügbaren Kapazitäten für die Master- Programme begrenzt." Besonders betroffen sind angehende Lehrer, denen die Zulassung zum Master of Education verwehrt wird. So an der Humboldt-Universität, von der es hieß: "Uni schmeißt Lehrer raus". Das Dilemma: Ohne den Master können sie nicht in den Schuldienst, für sie ist der Bachelor eben kein berufsqualifizierender Abschluss. So forderte die HRK bereits: "Hier müssen alle Studierenden nach dem Bachelor-Examen Zugang zum Master haben." Vielleicht ist die Uni Unter den Linden noch ein Einzelfall. Gleich "nebenan", an der Freien Universität gab es, so Goran Krstin, Sprecher des Präsidenten, "keine aus kapazitären Gründen abgelehnten Bewerber und Bewerberinnen für Lehramtsmasterstudiengänge. Für den Lehramtsbereich haben wir den überproportionalen Zugang für einzelne Fächer aussteuern können." Man hoffe, dies auch in Zukunft so handhaben zu können.

Ähnlich Uta Wilkens: "An der Ruhr-Uni ist der Master of Education nicht zulassungsbeschränkt. Ich kann natürlich nicht garantieren, dass das für alle Zeit so bleibt. Denken Sie aber auch daran, dass die frühere Studienstruktur den Lehramts-Studierenden keine andere Möglichkeit bot, wenn sie beispielsweise im 5. Semester feststellten, dass sie doch nicht in den Schuldienst wollten. Heute legen sich die Studierenden erst nach dem Bachelor darauf fest und können mit dem Erstabschluss ebenso andere Berufswege oder Masterstudiengänge einschlagen." Aber - was tun abgelehnte Master-Bewerber? Sie werden sich wahrscheinlich ein Jahr später erneut bewerben und den Andrang im Herbst 2011 weiter steigern. Abgesehen davon - bis dahin sind sie de jure keine Studierenden, das bedeutet beispielsweise: Kein Bafög mehr, keine Stipendien. Und wenn sie die Zwischenzeit nicht mit einem Praktikum oder einem Job überbrücken kann das heißen - Hartz IV...

Kein Wunder also, dass die Forderungen nach freiem Zugang zum Masterstudium immer lauter werden. In Berlin soll im Frühjahr damit begonnen werden, Stimmen für ein Volksbegehren zu sammeln. Eine klare Absage ("Bei allem Verständnis") erteilt Sabine Kunst, Uni-Präsidentin in Potsdam und Chefin des DAAD, dem Master für alle: "Es sollte besser heißen: Master für alle, die eine entsprechende Qualifikation aufweisen können." Und Andreas Pinkwart lehnt eine "Kontingentierung zum Zwecke der Mangelbewirtschaftung" ab.

Andere, kreativere Wege im Interesse ihrer Studierenden geht die Freie Universität und prüft derzeit die Möglichkeit der flächendeckenden Einführung von Fast-Track-Optionen für Bachelor-Absolventen. Goran Krstin erläutert als Beispiel: "BA-Graduierte wechseln bei Nachweis von sehr guten Leistungen unmittelbar in ein Promotionsprogramm oder sie steigen bereits nach einem verkürzten Masterstudium in ein Promotionsstudium ein. Somit wäre es möglich, Kapazitäten in den Masterprogrammen frei zu machen." Und wenn auch das nicht hilft? Seit Jahrzehnten ist es unguter Brauch im Land, sich in ein Studium einzuklagen. In Münster waren jüngst drei Studierende erfolgreich. Schon freut sich die Anwalts-Zunft auf abgelehnte Master-Bewerber, aber: Das kann doch nicht der Sinn von Bologna gewesen sein. Oder?


Über den Autor
Rolf-Michael Simon ist Journalist und war Ressortleiter für Wissenschaft und Bildung der in Essen erscheinenden Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung.


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2011

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