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Unterschiede zwischen deutscher und chinesischer Lehre in den Ingenieurwissenschaften

von Reinhart Poprawe

Die Ausbildung von Ingenieuren an deutschen Universitäten ist international sehr hoch angesehen. Im Vergleich zur Ingenieurausbildung in China ist sie wesentlich anwendungsbezogener. Führen die Unterschiede im Lehrsystem auch zu unterschiedlich gut ausgebildeten Ingenieuren?

Unterschiede zwischen deutscher und chinesischer Lehre in den Ingenieurswissenschaften© Forschung & LehreReinhart Poprawe, Professor für Lasertechnologie und China-Beauftragter der RWTH Aachen zu Unterschieden in deutscher und chinesischer Lehre
Forschung & Lehre: Der Vorstandsvorsitzende der Festo AG, Dr. Eberhard Veit, hat kürzlich gesagt, ein deutscher Ingenieur sei immer noch besser als ein chinesischer. Die chinesischen Ingenieure würden "an den Unis vollgestopft mit theoretischem Wissen. Da gibt es Vorlesungen im wahrsten Sinne des Wortes, Rückfragen sind nicht erlaubt. Praxis und Laborerfahrungen fehlen oft." Teilen Sie diese Einschätzung? Sind die deutschen Ingenieure besser ausgebildet?

Reinhart Poprawe: Ja, es gibt Unterschiede, allerdings kann dem so pauschal nicht zugestimmt werden. Beispielsweise berichten unsere Studierenden, die an einem Doppel-Master Programm der RWTH Aachen mit der Tsinghua University teilgenommen haben, dass sie wenig Freunde finden konnten. Der soziale Zusammenhalt der Studierenden ist bei uns trotz des zunehmenden Wettbewerbsdrucks offensichtlich noch deutlich größer. Unzweifelhaft anwendungsbezogener ist die Ausbildung in Deutschland, wo Ingenieure früh durch mehr oder weniger strategische Integration von Ausbildung und Forschung Gesellschaftsrelevanz spüren und lernen.

F&L: Wie groß sind die Unterschiede in der Ausbildung der Ingenieure tatsächlich? Welche sind die wichtigsten?

Reinhart Poprawe: Deutschland bestreitet mehr als ein Viertel seines Bruttosozialproduktes mit der Produktion von Waren. Die Kultur dieser Unternehmen, den akademischen Nachwuchs anwendungsorientiert von den Hochschulen zu fordern, ist lange erfolgreich ausgeprägt. Die Forschungsthemen - deren grundlegende, publizierbare Ergebnisse dann quasi automatisch in die aktuelle Lehre übergehen - sind häufig an diesen Fragestellungen orientiert. Die staatliche, ausschreibungsbasierte Forschungsförderung auf Landes- und Bundesebene wirkt ergänzend als Katalysator für industriedefinierte Forschungsprojekte. So schließt sich ein Kreis umsetzungs- und innovationsorientierter Forschung mit aktueller Ausbildung. Das kennt man in China (noch) nicht. Aber selbst wenn es mit Humboldt wie mit Karl Marx wird, dass die chinesische Adaption deutscher Denker zu nachhaltigem Nutzen im Land führt, wird uns das nicht zum Nachteil werden, die Achtung vor dem Urheber würde uns auch hier viele Tore öffnen und Gelegenheiten bieten.

F&L: Welchen Stellenwert hat die Lehre an chinesischen Universitäten?

Reinhart Poprawe: Da sind wenige Unterschiede sichtbar. Lehre - und damit die höchstqualitative Ausbildung im Land - ist und bleibt prominente Hauptaufgabe der Universitäten. In den letzten Dekaden kam allerdings zunehmend die Forschung dazu. Wurden früher die technisch-naturwissenschaftlichen Nobelpreise häufig in den Forschungslaboren der Großindustrie (e.g. Bell Labs) generiert, hat sich der Schwerpunkt heute verschoben. Und gerade die Integration anspruchsvoller anwendungsorientierter Forschung in die Ausbildung führt zu innovationsfähigem Nachwuchs. Das Prinzip der Fraunhofer Gesellschaft ist da wohl heute weltweit als Benchmark zu sehen und wir können sehr froh und stolz auf die Altvorderen sein, dass wir dieses Prinzip und seine Relevanz für Innovation bereits vor über 60 Jahren in Deutschland erkannt haben.

F&L: Ist das deutsche Diplom in China als Marke bekannt und anerkannt?

Reinhart Poprawe: Oh ja.

F&L: Inwieweit muss sich ein deutscher Professor, der an einer chinesischen Universität lehrt, auf das chinesische Studiensystem einlassen? Kann er seine Lehrmethoden sozusagen mitnehmen?

Reinhart Poprawe: Die Frage stellt sich eigentlich nicht. Er/Sie(!) kann und wird seine Curricula nehmen, so wie er sie entwickelt hat. Auch seine Methoden kann der Lehrende nicht über Nacht ändern. Interessant ist die Frage, wie die chinesischen Studierenden darauf reagieren. Die Antwort - das Zitat hier wäre "private communication" - ist einfach: Die jungen Leute reagieren entsprechend, das heißt, sie sehen das Andere, sie stellen sich spontan darauf ein, sie fragen und fragen und fragen... - ganz unchinesisch.

F&L: Werden von deutschen Unternehmen in China eher deutsche Ingenieure eingestellt, weil sie besser ausgebildet sind, oder werden chinesische Bewerber bevorzugt, weil sie sich auf dem chinesischen Markt besser auskennen und für niedrigere Gehälter arbeiten?

Reinhart Poprawe: Das müssten Sie besser die chinesischen und die deutschen Unternehmen fragen, aber was wir von beiden Kategorien hören, ist nicht eindeutig. Es gibt kleinere Niederlassungen in China, die zu 100 Prozent im Auslandsbesitz sind und zu 100 Prozent chinesische Ingenieure und Mitarbeiter haben und andere, große Unternehmen, die dominant deutsche Ingenieure bevorzugen. Aber die Tendenz geht derzeit eher zu chinesischen Kräften mit dem Argument, dass diese die Kunden besser verstehen - nicht nur kulturell, sondern ganz einfach sprachlich, denn kaum ein chinesischer Mittelständler spricht englisch. Wichtig erscheint mir hier, dass die deutschen Unternehmen gerade einen Paradigmenwechsel vollziehen: Vor noch nicht sehr vielen Monaten gab es ein wirtschaftliches Feindbild von China, die Angst vor Verlust durch sich ausbildenden chinesischen Wettbewerb dominierte. Heute sieht das anders aus: Die absolute Mehrheit unserer Partner und Kunden im Forschungsbereich sieht in chinesischen Unternehmen einen Absatzmarkt und eine potenzielle Partnerschaft. Win-win heißt das Gebot der Stunde.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2012

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