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Verdächtige Geschenke

Das Interview führte SEBASTIAN ERB

An der Berliner Charité lernen zukünftige Ärzte, Avancen der Pharmaindustrie abzublocken. Ein Interview mit dem Mediziner Peter Tinnemann.

Verdächtige Geschenke© Nicholas Belton - iStockphoto.comPeter Tinnemann, 44, lehrt am Institut für Sozialmedizin der Charité in Berlin. In einem Seminar bereitet er Medizin-Studenten auf die Beeinflussung der Pharamindustrie vor
DIE ZEIT: Herr Tinnemann, Sie bringen Medizinstudenten der Berliner Charité bei, mit welchen Strategien die Pharmaindustrie versucht, auf sie einzuwirken. Erkennen die Studenten denn überhaupt ihre eigene Gefährdung?

Peter Tinnemann: Es ist bei ihnen so, wie wir es von bereits praktizierenden Medizinern kennen: Fast alle sind der Ansicht, dass Ärzte von der Pharmaindustrie beeinflusst werden. Zugleich glauben sie aber, dass es sie persönlich nicht betrifft. Auf diesen Widerspruch weisen wir hin. Im Laufe des Seminars stellen die Studierenden dann selbst immer kritischere Fragen, etwa: Wer sagt uns eigentlich, dass unsere Dozenten unabhängig sind von den Interessen der Industrie?

ZEIT: Die Grundfrage ist aber zunächst mal eine andere: Was ist an der Beeinflussung durch die Industrie eigentlich bedenklich?

Tinnemann: Ärzte sollten grundsätzlich die Medikamente verschreiben, die für die Patienten die richtigen sind. Aber ist das in der Realität auch so? Oder bekommen die Patienten das, was die Industrie gerne verkaufen möchte? Diesen Zusammenhang müssen schon Medizinstudenten verstehen. Schließlich würde die Arzneimittelindustrie nicht so viel Geld für Marketing ausgeben, wenn es nichts bringen würde.

ZEIT: Wie genau läuft der Kurs denn ab?

Tinnemann: Wir spielen nach, wie ein Vertreter mit Informationsbroschüren und Geschenken in die Praxis kommt. Dann gehen wir verschiedene Optionen durch: Annehmen, verweigern, seine Meinung sagen? Die Studierenden sollten sich klar werden, dass sie nicht aus Liebenswürdigkeit bedacht werden. Da steckt immer Kalkül dahinter, einem Schenkenden fühlt man sich verpflichtet. Sie erleben also schon mal, wie es sich anfühlt, Nein zu sagen. Ich glaube, der Lerneffekt hält dann lange an.

ZEIT: Findet ihr Seminar schon Nachahmer an anderen Universitäten?

Tinnemann: Besonders Studierende sind darauf aufmerksam geworden und haben gesagt, sie würden ein solches Seminar gerne an ihren eigenen Hochschulen sehen. Da geben wir natürlich unsere Erfahrungen weiter. Hier an der Charité bemühen wir uns jetzt darum, dass zumindest die wichtigsten Inhalte verpflichtender Bestandteil des neuen Modellstudiengangs Medizin werden. Und es wäre schön, wenn es ein solches Seminar an allen 37 medizinischen Fakultäten in Deutschland gäbe.

Aus DIE ZEIT :: 22.03.2012

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