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Vergiftetes Lob

Von MARTIN SPIEWAK

Die Bildungsrepublik kommt voran - aber nur sehr langsam.

Vergiftetes Lob© ohneski - Photocase.comDie Bildungsrepublik Deutschland ist auf der richtigen Spur - nur leider erst ganz am Anfang
Manche Sätze muss man zweimal lesen, um sie zu glauben. »OECD lobt deutsche Bildungserfolge« ist so einer. Gerade für unsere Kultusminister muss sich die Aussage der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung so anhören wie für Muslime ein Lob des Islam aus dem Munde Thilo Sarrazins. Denn jedes Jahr im Frühherbst geben die Statistikexperten aus Paris den deutschen Schulen und Universitäten schlechte Noten - und jedes Jahr streiten die politisch Verantwortlichen wie bockige Kinder alle Versäumnisse ab.

Und jetzt so etwas: In ihrem neuen Bericht stellt die internationale Organisation die wachsenden Akademikerzahlen in Deutschland positiv heraus. Hatten 1995 nur 14 Prozent einen Hochschulabschluss, waren es 2008 bereits 25 Prozent. Mit einigem Recht könnte man das stete Wachstum der Akademikerschaft (nach den siebziger Jahren) als zweite historische Bildungsexpansion bezeichnen. In kaum einem anderen Land, weist eine weitere OECD-Studie nach, finden junge Menschen zudem so schnell einen Arbeitsplatz wie in Deutschland. Dafür verantwortlich sei das gute Zusammenwirken von Schule und Unternehmen bei der dualen Ausbildung. Bildungsmusterländer wie etwa Finnland haben eine weitaus höhere Jugendarbeitslosigkeit.

Doch die OECD wäre nicht die OECD, käme das süße Lob nicht zusammen mit bitteren Wahrheiten daher. Denn bei allem deutschen Ehrgeiz - in fast allen anderen Industrieländern ist die Zahl der Höhergebildeten noch schneller gewachsen: im gleichen Zeitraum durchschnittlich von zwanzig auf vierzig Prozent. Zwar stimmt es, dass das duale Lernen deutschen Auszubildenden den Zugang zum Beruf bahnt. Geht der Arbeitsplatz jedoch verloren, erweist sich der Weg häufig als Sackgasse. Denn anders als ein breit angelegtes Studium, zeichnet sich eine berufliche Ausbildung durch Spezialisierung aus, die sich bei der Suche nach einem neuen Job als hinderlich erweist.

Wie jedes Jahr rät die OECD Deutschland deshalb zu Recht, die Quote seiner Akademiker weiter zu erhöhen. Arbeitslosigkeit haben sie kaum zu befürchten, denn die Nachfrage nach qualifizierten Absolventen wird weiter schneller steigen als das Angebot. Bereits heute mangelt es an Lehrern, Ärzten und Informatikern, morgen werden Betriebswirte, Ingenieure oder Finanzbeamte fehlen. Also, weiter so, Bildungsrepublik Deutschland, du bist auf der richtigen Spur - nur leider erst ganz am Anfang.

Aus DIE ZEIT :: 09.09.2010

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