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Vergleiche? Belege!

Das Gespräch führte MARTIN SPIEWAK

Universitäten locken zu viele Doktoranden an - und profitieren davon. Ein Gespräch mit dem Jura-Professor Wolfgang Löwer über die falschen Anreize.

Vergleiche? Belege!© Universität BonnWolfgang Löwer ist Sprecher des Gremiums »Ombudsman für die Wissenschaft« der Deutschen Forschungsgemeinschaft und lehrt als Rechtsprofessor in Bonn
DIE ZEIT: Die Kette der Politiker, die des Plagiats verdächtigt oder überführt werden, reißt nicht ab. Seit der Veröffentlichung in der ZEIT der vergangenen Woche steht auch der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann unter Verdacht. Der CDU-Politiker rechtfertigt sich damit, dass jede Universität eigene Regeln habe, wie korrekt zitiert werde. Herrscht bei den wissenschaftlichen Standards Willkür?

Wolfgang Löwer: Nein, die Grundwerte sind klar: Jeder weiß, dass er nicht abschreiben darf.

ZEIT: Nur versteht unter Abschreiben anscheinend nicht jeder dasselbe.

Löwer: In jedem Lehrbuch zum korrekten wissenschaftlichen Arbeiten steht, dass wörtliche Zitate mit Anführungszeichen kenntlich zu machen sind. Das gilt auch für einzelne Sätze, ja für Halbsätze. Ich habe das extra noch einmal in zehn Anleitungsbüchern nachschauen lassen. Wie man wissenschaftlich mit fremdem Gedankengut umzugehen hat, lernt man zudem während des Studiums. Und jeder, der eine Dissertation abgibt, muss versichern, dass er die Kennzeichnungsregeln eingehalten hat. Keiner kann behaupten, er habe nicht gewusst, wie man zitiert.

ZEIT: Nun haben einige von denen, die unter Plagiatsverdacht stehen, ja Fußnoten gesetzt und andere Autoren genannt. Warum reicht das nicht?

Löwer: Es kommt auf die Art an, wie ich zitiere. Und das ist keine ehrpusselige Lappalie. Der Leser muss immer wissen, wer zu ihm spricht: Spricht der Doktorand zu ihm oder der Wissenschaftler X durch den Doktoranden. Das ist ein bedeutender Unterschied, den der Autor der Dissertation markieren muss. Denn einmal reichert der Doktorand eine Quelle mit eigenen Gedanken an. Im anderen Fall präsentiert er die Quelle nur, vielleicht stilistisch schwach verändert.

ZEIT: Warum reicht dann die Formulierung »Vergleiche Professor X« nicht aus?

Löwer: Weil diese Formulierung nichts erklärt. »Vergleiche« heißt: Lieber Leser, du kannst bei Professor X Weiteres zum Thema lesen. Wenn meine Studenten in einer juristischen Prüfungsarbeit »Vergleiche« schreiben, notiere ich am Rand immer: »Warum geben Sie mir Leseempfehlungen? Ich möchte Belege.«

ZEIT: Sie selbst schreiben niemals »Vergleiche«?

Löwer: Doch, zum Beispiel in Beiträgen für ein Handbuch oder Lexikon, die funktionsgemäß bekanntes Wissen zusammenfassen. Da setzt man einmal eine Fußnote mit der wichtigsten Literatur. Ein guter Wissenschaftler erstellt dann jedoch keine Collage aus den verschiedenen fremden Texten, sondern schreibt seinen Artikel, ohne die Sprachgestalt der angegebenen Literatur zu benutzen. Dadurch entfernt er sich sprachlich von den Schriften seiner Kollegen und schafft etwas Eigenes.

ZEIT: Muss ich für einen Satz wie »Berlin ist die Hauptstadt der Bundesrepublik« eine Quelle angeben?

Löwer: Was allgemein bekannt ist, muss überhaupt nicht belegt werden. Dennoch dürfen Sie als Doktorand oder als sonstiger Autor auch Allgemeinkundiges nicht wortwörtlich abschreiben. Dafür müssen Sie schon Ihre eigenen Worte finden. Kupfern Sie ab, verstößt das gegen das Urheberrecht. Auch das sollte jedem Doktoranden eigentlich klar sein.

ZEIT: Dann freuen Sie sich darüber, dass nun diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die gegen diese Regeln verstoßen.

Löwer: Der Abschreckungseffekt ist positiv: Jetzt sieht jeder, was ihm droht, wenn er beim Pfuschen und Schummeln erwischt wird. Was mir weniger behagt, ist die Jagdleidenschaft der Öffentlichkeit. Einigen - auch aus Ihrer Profession - scheint es Vergnügen zu bereiten, Menschen zur Strecke zu bringen, vornehmlich, wenn es sich um Personen des öffentlichen Lebens handelt.

ZEIT: Plädieren Sie für Mitleid mit den betroffenen Politikern?

Löwer: Nein, die Aberkennung des Doktorgrades ist ein gravierender Eingriff in den beruflichen Entwicklungsweg, egal, ob es sich um einen Politiker handelt oder den Partner einer großen Anwaltskanzlei: Beide stürzen ab. Ich kenne niemanden, der nach Titelentziehung seine Karriere hätte fortsetzen können.

ZEIT: Reagieren die Universitäten zu hart - gar aus schlechtem Gewissen?

Löwer: Ein schlechtes Gewissen sollten sie schon haben. Ich meine jedoch nicht, dass sie bislang zu hart reagieren. Wenn der substanzielle Verdacht eines Plagiats in der Welt ist, muss die Uni diesem nachgehen - gleichgültig, um wen es sich handelt, und unabhängig von den Beweggründen derer, die den Fall ins Rollen brachten. Das gebietet das Integritätsinteresse der Wissenschaft. Ihr wichtigstes Kapital ist nun einmal die Wahrhaftigkeit. Daran hängt ihre Glaubwürdigkeit. Deshalb ist die Entrüstung vieler Universitäten über die plagiierten Doktorarbeiten nicht gespielt.

ZEIT: Muss jedem Plagiat der Titelentzug folgen?

Löwer: Nicht jeder Regelverstoß muss mit der Höchststrafe geahndet werden. Denn Fehlverhalten und Sanktion sollten in angemessenem Verhältnis stehen. Dieser Gedanke ist in der Wissenschaft weniger verbreitet. Weil die Universitäten sich so substanziell getäuscht sehen, ist die Bereitschaft zum Steinigen groß.

ZEIT: Welche Konsequenz sollte die Universität Potsdam im Fall Althusmann ziehen?

Löwer: Prüfen, mehr ist dazu zunächst nicht anzumerken.

ZEIT: Warum sollten die Universitäten Ihrer Meinung nach dennoch ein schlechtes Gewissen haben?

Löwer: Weil sie Mitverantwortung trifft. Zwar wird das moralische Versagen der überführten Doktoranden dadurch nicht weniger schlimm: Auch wenn der Enkel seine Oma beklaut, kann er sich nicht damit rausreden, dass die Geldbörse auf dem Küchentisch lag. Dennoch müssen sich Universitäten fragen, ob sie ihren Prüfpflichten adäquat nachkommen.

ZEIT: Tun sie es?

Löwer: Bei der Auswahl, der Betreuung und der Benotung der Doktoranden gibt es offenkundig Mängel. Wenn ich mir manche der inkriminierten Dissertationen anschaue, wundere ich mich schon, dass man mit solchen Arbeiten an einer deutschen Universität promoviert werden konnte.

ZEIT: Was sollten die Universitäten tun?

Löwer: Sie sollten zum einen viel genauer prüfen, ob der Promotionswillige überhaupt fähig ist, eine Dissertation zu verfassen. Nicht jeder Akademiker besitzt schließlich die Kreativität, die wissenschaftliche Innovation zu leisten, die für eine Dissertation unabdingbar ist. Häufig finden sich die Plagiate ja in eher schwachen Arbeiten. Wer in seiner Promotion etwas zu sagen hat, braucht nicht abzuschreiben. Das Abschreiben verdeckt die eigene Unfähigkeit, dem Thema originär zu genügen.

ZEIT: Haben externe Doktoranden besonders wenig zu sagen? In allen aufgedeckten Fällen - auch bei Kultusminister Althusmann - entstand die Promotion neben einer anderen Tätigkeit.

Löwer: Inhaltliche wie formale Schwächen finden sich bei externen wie bei internen Doktoranden. Ich bin allerdings der Ansicht, dass wir Promotionsanwärter, die nicht der Universität angehören, besser prüfen sollten. Sinnvoll wäre es zum Beispiel, dass jeder externe Kandidat an einem Seminar teilnehmen muss, damit der Doktorvater oder die Doktormutter sich über sein intellektuelles Rüstzeug ein Bild machen kann. Ebenso sollte der Doktorand grundsätzlich selbst wissen, welche Forschungsfrage er klären möchte. Es soll nicht der Regelfall sein, dass Themen vorgegeben werden. Diese intellektuelle Leistung muss vornehmlich der Promovend erbringen.

ZEIT: Gerade externe Promotionen ziehen sich oft in die Länge. Bei Althusmann wie bei zu Guttenberg dauerten sie sieben Jahre. Sollte ein verantwortungsvoller Doktorvater nicht öfter zum Aufgeben drängen?

Löwer: Ich habe Promovenden schon öfter gesagt: Warum quälen Sie sich so, machen Sie doch Schluss! Sie brauchen die Promotion weder für Ihr berufliches Fortkommen noch für Ihr Lebensglück.

ZEIT: Das setzt Nähe voraus. Manche Professoren sehen ihre Doktoranden nur einmal im Jahr.

Löwer: Das geht nicht. Es gibt umgekehrt aber auch die zu große Nähe zwischen Professor und Doktorand. Sie ist auch schädlich, wie vielleicht der Fall zu Guttenberg lehrt, bei dem man die Frage stellen kann, ob nicht die Distanz zwischen Doktorvater und Promovend offensichtlich gefehlt hat. Zu viel Nähe trübt die Urteilsfähigkeit. Nicht zufällig weichen die Noten der sogenannten Zweitgutachter häufig nach unten ab.

ZEIT: Sollte man die Rollen von Betreuer und Benoter deshalb besser trennen?

Löwer: Theoretisch mag man das erwägen. Praktisch schafft diese Trennung einem anderen Professor enorm viel Arbeit, da er sich in die Promotion neu einarbeiten muss. Schon heute nimmt uns die Begutachtung von Forschungsanträgen, Berufungen und Examensarbeiten stark in Beschlag.

ZEIT: Sollte man die Zahl der Doktorarbeiten deshalb nicht begrenzen?

Löwer: Bedenken Sie, dass die Universitäten mehr Mittel erhalten, wenn sie mehr promovieren. Das ist ein Anreiz für Masse, nicht unbedingt für Klasse.

ZEIT: Erlaubt das den Universitäten, schwache Arbeiten durchzuwinken?

Löwer: Natürlich nicht. Aber die Politik sollte sich nicht zu laut wundern, wenn ihre Leistungsanreize negative Effekte haben. Ohnehin hat unser Wissenschaftssystem mittlerweile eine Größe erreicht, die nicht mehr unbedingt qualitätsfördernd ist.

ZEIT: Die Wissenschaftsorganisationen sehen das anders: Sie fordern mehr Geld für mehr Wissenschaft.

Löwer: An Geld mangelt es der Forschung eher nicht in Deutschland. Wir produzieren längst Wissen, das nicht rezipiert wird. Als ich Anfang der siebziger Jahre Assistent war, gab es etwa zehn juristische Zeitschriften für das öffentliche Recht. Heute haben wir sechzig bis hundert Journale, deren Beiträge niemand überblicken kann. Das vergrößert auch die Chancen, mit einer Täuschung durchzukommen. Mit den neuen technischen Möglichkeiten kommen Sie heute Abschreibern auf die Sprünge. Ohne Internet wäre die Entdeckungswahrscheinlichkeit im wissenschaftlichen Diskurs viel geringer.

ZEIT: Das betrifft aber nicht nur Doktoranden.

Löwer: Auch Professoren schreiben ab. Hier stünde es den Universitäten sogar sehr gut an, die Entrüstungsschraube stärker anzuziehen. Mit Verfehlungen ihrer Professoren gehen Unis laxer um als mit Täuschungen bei Promotionen. Dabei schaden solche Verstöße gegen die eigenen Regeln der Wissenschaft noch mehr.

ZEIT: Es herrschen doppelte Standards?

Löwer: In Darmstadt hat die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Verletzung des Urheberrechts gegen einen Hochschullehrer mit der Begründung eingestellt, man wisse ja, dass Professoren ihre Beiträge von ihren Assistenten schreiben lassen. Ein solcher Eindruck vom Wissenschaftsbetrieb ist desaströs - und man zerstört ihn jedenfalls nicht dadurch, dass man mit professoralen Fehlern milde umgeht.

Aus DIE ZEIT 14.07.2011

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