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Veröffentlichen oder untergehen - Der "Publish-or-perish-Druck"

von Chris Chambers, Marcus Munafo und über 80 Unterzeichnern

Die Auswirkungen des "Publish-or-perish-Drucks" werden von immer mehr Wissenschaftlern beklagt. Britische Wissenschaftler aus den Lebenswissenschaften, die selbst als Gutachter tätig sind, fordern eine Reform der gängigen Publikationsstrukturen. Sie weisen auf neue Initiativen und Zeitschriften hin, in denen Studienergebnisse unabhängig vom Erkenntnisgewinn und vom Ergebnis veröffentlicht werden.

Veröffentlichen oder untergehen - Der "Publish-or-perish-Druck"© Jörg S. - Fotolia.comBritische Forscher beklagen in einem offenen Brief die Auswirkungen des "Publish-or-perish-Drucks" in den Lebenswissenschaften
In einer idealen Welt würden wissenschaftliche Entdeckungen nicht davon abhängen, was Wissenschaftler entdecken wollen. Ein guter Forscher würde bei einer Hypothese ansetzen, ein Verfahren zur Prüfung der Hypothese entwickeln, die entsprechende Studie nach Plan durchführen und dann anhand der Belege entscheiden, ob die Hypothese bestätigt wurde. Mit diesem Ansatz würden wir uns schrittweise einem genaueren Verständnis der Natur annähern.

Unglücklicherweise entfernen sich die Lebenswissenschaften zunehmend von dieser Denkweise. Studenten lernen bereits in einer frühen Ausbildungsphase, dass die Suche nach der Wahrheit mit dem unmittelbaren Druck des "Publish-or-Perish" in Einklang gebracht werden muss. Oberste Priorität von Nachwuchswissenschaftlern, die erfolgreich im Wettbewerb um eine akademische Festanstellung bestehen wollen, ist es daher, in den Zeitschriften mit dem größten Ansehen und dem höchsten Einfluss zu veröffentlichen. Wissenschaftler, denen es gelingt, zu überleben und sich zu etablieren, geben diese Lektion aller Wahrscheinlichkeit nach wiederum an ihre Doktoranden weiter.

Diese Veröffentlichungskultur ist Gift für die Wissenschaft. Aktuelle Studien zeigen, wie der enorme Karrieredruck Lebenswissenschaftler veranlasst, auf fragwürdige Praktiken zur Steigerung des veröffentlichten Volumens zurückzugreifen, wie das Cherry-Picking bei Daten und Analysen, bei dem die "Rosinen herausgepickt" und geradlinige Geschichten erzählt werden, die die Ziele einer Studie nach ihrem Abschluss neu erfinden, um unvorhergesehene Ergebnisse "vorherzusagen", oder das Versäumnis, eine ausreichende statistische Aussagekraft sicherzustellen.

Es ist keine kleine Minderheit, die so verfährt. Es handelt sich um eine gängige Praxis, die Folge des Umfelds und der Anreizsysteme ist, in denen sich die meisten Wissenschaftler bewegen. Parallel dazu fördern Zeitschriften diese schlechten Gepflogenheiten, indem sie der Veröffentlichung von Ergebnissen den Vorzug geben, die als positiv, originell, verständlich und ansprechend angesehen werden. In vielen Bereichen der Lebenswissenschaften fließen negative und verwickelte Ergebnisse oder Versuche, frühere Studien zu reproduzieren, niemals in die wissenschaftliche Leistungsbilanz ein. Sie lagern vielmehr unveröffentlicht in einer großen Schublade.

Die Wissenschaftsgemeinde ist sich dieser Probleme sehr bewusst - tatsächlich sind sie seit Jahrzehnten bekannt. Das Problem besteht darin, dass Wissenschaftler, die sich dafür entscheiden, jenseits dieses Systems zu arbeiten, sich unmittelbar in eine nachteilige Position ihren Kollegen gegenüber begeben. Eine strukturelle Reform ist die einzige Lösung. Einige von uns haben kürzlich Maßnahmen ergriffen, um die Veränderung auf dieses Ziel hin voranzutreiben.

Seit Mai dieses Jahres bietet Cortex, eine Peer-Review-Zeitschrift zur Nervensystem-und Kognitionsforschung, Verfassern die Möglichkeit, Artikel einer Kategorie zu veröffentlichen, die als Registered Report ("angemeldeter Bericht") bezeichnet werden. Anders als konventionelle wissenschaftliche Veröffentlichungen, bei denen die Rohfassung erst nach Abschluss der Studie begutachtet wird, liegt dieser Schritt bei angemeldeten Berichten vor dem Beginn der Datenerfassung. Werden wissenschaftliche Fragestellung und Verfahren als solide erachtet, wird dem Verfasser die prinzipielle Annahme des Artikels angeboten. Damit ist eine ergebnisunabhängige Veröffentlichung praktisch voll gesichert.

Die Zeitschriften Attention, Perception & Psychophysics und Perspectives on Psychological Science haben ähnliche Vorhaben auf den Weg gebracht. Beide Initiativen sind der bereits etablierten Vorgabe für klinische Studien entlehnt, die fordert, dass Versuchsprotokolle vorab angemeldet werden. Diese neuen Initiativen gehen noch darüber hinaus, da sie zulassen, dass die späteren Ergebnisse unabhängig vom Erkenntnisgewinn in derselben Zeitschrift veröffentlicht werden.

Die Voranmeldung überwindet den Publikationsbias, der negative Ergebnisse aus der Fachliteratur verbannt, da redaktionelle Entscheidungen sich an Fragestellung und Vorgehen statt an Ergebnissen orientieren. Die Begutachtung vor wie nach der Studie wirkt außerdem als Abschreckung gegen fragwürdige Praktiken, die die "Publikationsfähigkeit" steigern sollen. Dabei geht es allerdings nicht darum, die Wissenschaftsgemeinde dafür abzustrafen, dass sie das Spiel mitspielt, das wir erfunden haben. Vielmehr geht es darum, die Regeln des Spiels zu ändern.

Kritiker führen an, dass die Voranmeldung übereifrig ist und das freie Forschen hemmt, sodass Zufallsbefunde unsichtbar bleiben würden. Wir teilen die Ansicht, dass freies Forschen von grundlegender Bedeutung ist. Dieser Einwand ist nachvollziehbar, aber auch leicht zu entkräften. Beispielsweise erlaubt es ein angemeldeter Bericht dem Verfasser, zu beliebigen Aspekten seiner Daten zu berichten, auch dann, wenn diese Analysen zu Beginn nicht angemeldet waren. Diese Ergebnisse werden jedoch klar als Teil der freien Forschung gekennzeichnet, um sie von den ursprünglich geplanten Analysen unterscheiden zu können. Außerdem müssen bei angemeldeten Berichten die Rohdaten öffentlich herausgegeben werden, damit andere Wissenschaftler die Ergebnisse jetzt und in Zukunft auch auf andere Weise untersuchen können.

Unsere Veröffentlichungskultur ist konservativ und verändert sich nur langsam. Einige von uns sind nach der Initiative von Cortex bei anderen Zeitschriften auf passiven Widerstand gegen die Voranmeldung gestoßen. Dort befürchtet man, dass die Zusage zur Veröffentlichung von Artikeln vor Einsicht in die Daten zur Veröffentlichung negativer oder anderer Ergebnisse verpflichtet, die gemeinhin als "langweilig" gelten - ungeachtet der Tatsache, dass eindeutig negative Ergebnisse äußerst informativ sein können, da sie darüber aufklären, welche potenziellen Eingriffe nicht funktionieren oder welche vermuteten Phänomene tatsächlich nicht existieren.

Das eigentliche Bedenken von Fachzeitschriften ist die Sorge, dass die Voranmeldung die bestehenden Hierarchien des "Ansehens" gefährden und den Einflussfaktor schmälern könnten. Der Impact Factor oder Einflussfaktor ist eine Kennzahl, die eher nichts über die wissenschaftliche Qualität aussagt, sondern vielmehr die Anzahl an Artikeln prognostizieren lässt, die aufgrund von Betrug zurückgezogen werden.

Niemand kann von Wissenschaftlern verlangen, dass sie ihre Lebensgrundlage und die ihrer Studenten einer gute Sache opfern. Daher fordern wir, eine Gruppe von Wissenschaftlern, die in mehr als 100 Gutachterbeiräten von Fachzeitschriften vertreten sind, alle Fachzeitschriften im Bereich der empirischen Forschung in den Lebenswissenschaften einschließlich der Zeitschriften, für die wir tätig sind, auf, umgehend die Möglichkeit vorangemeldeter Artikel einzuräumen. Die Richtlinien der Initiativen von Cortex und Perspectives sind einfach gehalten. Für bestimmte Arten von Studien müssen zwar Sonderlösungen gefunden werden, aber das allgemeine Prinzip ist auf ein breites Artikelspektrum anwendbar.

Damit die Voranmeldung der Wissenschaft zugutekommt, muss sie von vielen Zeitschriften eingeführt werden. Die Voranmeldung von Studien passt nicht zu allen Arten der Forschung und stellt kein Allheilmittel für die Praxis des wissenschaftlichen Publizierens dar. Aber sie ist ein entscheidendes Element einer dringend erforderlichen umfassenden Reform. Unsere Veröffentlichungskultur erfüllt ihren Zweck nicht mehr, und es ist an der Zeit, Wissenschaftlern eine tragfähige Alternative zur Kultur des "Publish-or-Perish" zu bieten. Wenn die Lebenswissenschaften ihr Erbe der Wahrheit bewahren wollen, müssen Zeitschriften die Voranmeldung mit offenen Armen begrüßen.

Ein offener Brief von Chris Chambers, Marcus Munafo und über 80 Unterzeichnern.
* Veröffentlicht in Guardian online 5. Juni 2013 (Übersetzung: DELTA International CITS GmbH, Bonn)

Aus Forschung & Lehre :: August 2013

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