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Verprellte Talente: die Abwanderung der Einwandererkinder

Von Arnfrid Schenk und Martin Spiewak

Die Wirtschaft klagt über den Fachkräftemangel. Dennoch wollen viele Einwandererkinder abwandern, weil sie nach ihrem Studium in Deutschland keinen Job finden.

Verprellte Talente: Die Abwanderung der Einwandererkinder© REGIERUNGonlineMaria Böhmer, Integrationsbeauftragte des Bundes
Es ist eine vorbildliche Karriere, die Cihan Batman hingelegt hat: Seine Eltern kamen als Gastarbeiter in den sechziger Jahren nach Deutschland, auf dem Gymnasium in Echterdingen bei Stuttgart war er der erste und einzige Türke, er machte ein gutes Abitur, studierte an der Universität Stuttgart technische Betriebswirtschaftslehre, arbeitete danach bei KPMG, bei der DaimlerChrysler Bank, jetzt ist er Senior Manager bei Vodafone. Gelegentlich geht er zu einem Stammtisch, dort kommen Gleichgesinnte zusammen, Deutsche türkischer Abstammung, hoch qualifiziert die meisten. Um die 300 Leute gehören zu dieser Runde, eine Gruppe, auf die Deutschland stolz sein könnte: Deutsche mit dem sperrigen Etikett "Migrationshintergrund", die es zu etwas gebracht haben.

Der Haken dabei ist - sie sind nicht mehr in Deutschland. Sie treffen sich regelmäßig in einem Café in Istanbul, es ist ein Rückkehrerstammtisch für Deutschtürken. Sie haben Deutschland verlassen, weil sich ihnen in der Türkei die besseren Karrierechancen bieten, so wie Cihan Batman, oder weil sie in Berlin oder Köln nie heimisch wurden, sich nicht anerkannt fühlten.

Sie könnten in Zukunft viele Nachahmer finden. Sagt der Sozialwissenschaftler Kamuran Sezer. Er wertet gerade eine Umfrage unter 250 türkischstämmigen Akademikern aus, die nächste Woche veröffentlicht wird. Mit seinem Forschungsinstitut futureorg hat er sie nach ihrer Situation in Deutschland befragt. Wie sie denken, was sie wollen, wie sie leben. Eine Gruppe, über die man bisher wenig wusste, sagt Sezer, obwohl hierzulande die Zahl der Studierenden mit türkischem Hintergrund bei ungefähr 24.000 liegt.

Die Forscher wollten herausfinden, wie sehr diese sich mit Deutschland identifizieren können, und stellten dabei unter anderem die Frage: "Beabsichtigen Sie, zukünftig in die Türkei zurückzukehren?" Sie bekamen eine Antwort, die zu denken gibt: 38 Prozent antworteten darauf mit Ja. Als Grund nannten 21 Prozent berufliche Perspektiven, 42 Prozent gaben an, dass sie sich in Deutschland nicht heimisch fühlen. Dabei ist der Wunsch nach Rückkehr bei den Jüngeren, die in Deutschland geboren wurden, genauso ausgeprägt wie bei den Älteren, in der Türkei Geborenen und bei Gutverdienenden genauso groß wie bei Geringverdienern, berichtet Sezer. Und sagt: "Bildung führt also nicht automatisch zu gelungener Integration, sie erhöht nur deren Wahrscheinlichkeit." Dazu passt, dass die überwiegende Mehrheit der Befragten die deutsche Integrationspolitik als unglaubwürdig einstuft.

Dass es Deutschland nicht gelingt, die gebildeten Deutschtürken für sich zu gewinnen, zeigte auch eine Emnid-Umfrage im Auftrag der ZEIT von diesem Frühjahr (ZEIT Nr. 12/08). Demnach hielt nur jeder fünfte Befragte mit Hochschulreife Deutschland für ein Land der Chancen.

Dieser Wunsch, auszuwandern, ist im Hinblick auf den Fachkräftemangel in Deutschland bedenklich. Im Jahr 2020 sollen rund 230 000 Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker fehlen, heißt es in einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Aus dem Ausland wird Deutschland diesen Bedarf nicht decken können, 2007 wanderten gerade einmal 466 "Hochqualifizierte" ein.

Dabei wären genügend Talente im Land, Deutschland versteht es nur nicht, um sie zu werben, sie zu entdecken. Es sind nicht nur die deutschtürkischen Akademiker, die es zu pflegen gilt - unter den Einwanderern aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion gibt es viele hoch qualifizierte Ärzte oder In genieu re. Aber die Spätaussiedler müssen erleben, dass ihre Abschlüsse hierzulande wenig wert sind. Maria Böhmer, Integrationsbeauftragte des Bundes, spricht von einer "nicht hinnehmbaren Verschwendung von Talenten und Ressourcen".

Hart arbeiten allein ist für Migranten in Deutschland keine Erfolgsgarantie

Den Trend zur Abwanderung beobachten Politiker wie Özcan Mutlu, der für die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, noch aus einem anderen Grund mit Sorge. "Wir brauchen diese Migranten als Vorbilder", sagt er. "Sie zeigen, dass es möglich ist, etwas zu erreichen, wenn man es will und hart genug arbeitet."

Manchmal scheint das aber in Deutschland nicht auszureichen. Diese Erfahrung machte Müge Yücel. Geboren in Holzminden bei Hannover, ging sie nach dem Abitur zum Studium in die USA. Mit einem Doppelmaster in Marketing und Finanzwissenschaften, ersten Joberfahrungen in einer internationalen Beratungsfirma und hochfliegenden Plänen kam sie nach Deutschland zurück. Nach drei Jahren hatte sie genug und kaufte ein Ticket in die Türkei, in das Land, das Yücel bislang nur von Verwandtenbesuchen und einigen Geschäftsreisen kannte.

Ihre Geschäftsidee - eine Agentur für Gesundheitstourismus - scheiterte an fehlenden Geldgebern und an der deutschen Bürokratie. Ihre Bewerbungen um einen Job als Projektplanerin oder Controllerin brachten ihr statt einer Stelle eine Reihe "unangenehmer Erfahrungen" ein, erzählt sie. So musste sie sich in einem Bewerbungsgespräch etwa die Frage gefallen lassen, wie es denn mit dem Heiraten und Kinderkriegen sei. Als Türkin müsste sie dann ja wohl zu Hause bleiben. Heute arbeitet Yücel in Istanbul in der Finanzabteilung eines türkischen Unternehmens, das Autos in die Türkei importiert. Und fühlt sich wohl. Sie könne sich aber auch vorstellen, woanders zu leben, in den USA oder in Australien. Deutschland erwähnt die Deutsche dabei nicht.

Zwar bekennen sich nach dem Vorbild der USA gerade große Unternehmen in Deutschland zu einer Einstellungspolitik, die ethnische Vielfalt fördert. Mehr als 450 Firmen haben die von der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer initiierte Charta der Vielfalt unterzeichnet. Wenn es aber um konkrete Personalentscheidungen geht, verbinden viele Arbeitgeber Multikulti in der Belegschaft eher mit Problemen statt mit einem besonderen Nutzen. "Wenn es gleich qualifizierte Bewerber gibt, fühlen sich Betriebe anscheinend auf der sicheren Seite, wenn sie sich für den Deutschen entscheiden", sagt Holger Seibert, Forscher am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Zwar wächst in Deutschland die Zahl der Akademiker mit Migrationshintergrund, die erfolgreich Karriere machen, sei es als Arzt, Ingenieur oder Politiker. Trotzdem gilt: Oft wird es ihnen schwer gemacht. So müssen Migranten allein wegen ihres fremdländisch klingenden Namens drei- bis viermal so viele Bewerbungen schreiben wie Deutsche, bis sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden, das ergab eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Eine Erfahrung, die auch Ali Ayman machen musste, Rechtsanwalt in Köln. Seit 31 Jahren lebt er in Deutschland, er war 6 Jahre alt, als er mit seinen Eltern aus dem kurdischen Teil der Türkei nach Niedersachsen kam. Er besuchte die Ausländerklasse, durfte als Einziger in die "normale Klasse" wechseln, ging aufs Gymnasium in Osnabrück, machte ein gutes Abitur, absolvierte ein gutes Jurastudium und dachte, die Berufswelt in Deutschland stehe ihm offen. Sie tat es nicht.

Er verschickte Bewerbung um Bewerbung, vor allem an Behörden, weil er glaubte, dort sei seine interkulturelle Kompetenz ein Bonus, und er bekam: Absage um Absage. Er sagt: "Da hat man das Maximum an Ausbildung erreicht, die höchsten Abschlüsse absolviert und wird dennoch abserviert, bekommt nicht einmal eine Einladung zum Vorstellungsgespräch." Und: "Ich fühle mich nicht zugehörig." Jetzt arbeitet der Rechtsanwalt in einer Kanzlei mit ausschließlich türkischstämmigen Kollegen.

Soner Süral kennt solche Klagen zuhauf. Der Student der Computerlinguistik ist Geschäftsführer des Berliner Studenten- und Akademikervereins BTBTM. Er berät unter anderem Bildungs in- und -ausländer in Sachen Studium. Deren Stimmungslage fasst er in einem Bild zusammen: Oft fühle man sich hier wie "ein Tropfen Olivenöl in einem Glas Wasser. Es vermischt sich nichts." Der Weg zu einem Wir in Deutschland ist noch weit. Süral sagt: "Man muss den Leuten früher vermitteln, dass man sie braucht, dass man will, dass sie hierbleiben."
Ediz Bökli kümmert sich um die, die gehen wollen. Und er hat viel zu tun. Bökli betreibt eine Personalberatung in Osnabrück und vermittelt deutschtürkische Akademiker in die Türkei. Die Nachfrage ist groß, sagt er, die Türkei ist ein aufstrebendes Land mit großem Potenzial, die Wirtschaft läuft, und die Zahl deutscher Unternehmen ist dort rasant gestiegen. Bei denen sind Deutschtürken aufgrund ihrer Zweisprachigkeit besonders begehrt. Und weil sie sich in beiden Kulturen sicher bewegen. Die meisten gehen, sagt Bökli, weil sie in der Türkei größere Möglichkeiten als in Deutschland haben, eine steile und schnelle Karriere zu machen.

Ähnlich wie die türkischstämmigen Akademiker haben auch hoch qualifizierte Einwanderer aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion mit mangelnder Anerkennung zu kämpfen. "Viele Spätaussiedler erleben den Neuanfang in Deutschland als beruflichen Abstieg", sagt Galina Suppes, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Trier. Sie hat ihre Diplomarbeit über Rückkehrer nach Russland geschrieben und kennt sie alle: Ärzte, die als Krankenpfleger arbeiten, Ingenieure, die sich als Hilfsarbeiter verdingen, Lehrer mit jahrelanger Berufserfahrung, die nur als niedrig bezahlte Betreuer für Auswandererkinder unterkommen. Wenn sie denn überhaupt eine Beschäftigung haben. Aussiedler mit Hochschulabschluss sind ein Beispiel dafür, dass eine gute Ausbildung auch schaden kann. Ihre Arbeitslosenquote liegt nämlich (laut IAB) höher als die von Ungelernten. Das ist bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe der Fall.

Ein im Ausland abgeschlossenes Studium gelte mitunter gerade so viel wie ein in Deutschland abgelegtes Abitur, sagt Galina Suppes. Als die Russlanddeutsche Mitte der neunziger Jahre mit ihrer Familie aus Sibirien übersiedelte, musste auch sie feststellen, dass sie mit ihrem Germanistikstudium und Deutschlehrerdiplom nicht viel anfangen konnte. Aber sie war jung und entschloss sich, noch einmal zu studieren. "Wer jedoch eine Familie zu ernähren hat, kann sich eine mehrjährige Ausbildung nicht leisten", sagt die heute 33-Jährige.

Ein bizarres Labyrinth von Anerkennungsstellen

Mittlerweile beschäftigt dieser Bildungsabsturz auch die Politik. Maria Böhmer, Integrationsbeauftragte des Bundes, hat eine Studie namens Brain Waist in Auftrag gegeben. Demnach finden gerade einmal 16 Prozent der befragten Einwanderer aus Osteuropa einen Job in ihrer Branche, obwohl die meisten über eine Ausbildung oder ein Studium verfügen.

Die Untersuchung offenbart ein bizarres Labyrinth von Anerkennungsstellen und Zulassungsverordnungen, in dem sich nicht einmal deutsche Beratungseinrichtungen zurechtfinden, geschweige denn die Zuwanderer selbst. Mal ist der Bund zuständig, mal sind es die Länder. Brain Waist berichtet von Bewerbern, die sich bei vier Stellen über die Anerkennung ihres akademischen Abschlusses informierten - und vier unterschiedliche Antworten bekamen.

Auf dem Bildungsgipfel haben Bund und Länder eine bessere Beratung der Betroffenen versprochen. Maria Böhmer fordert darüber hinaus für jeden Zugewanderten eine schnelle und bundesweit einheitliche Prüfung seiner Qualifikationen. Dass die Politik rasch handeln sollte, beweist eine Beobachtung von Galina Suppes. Sie berichtet, dass immer mehr Russlanddeutsche der vierten Generation überlegen, ihre berufliche Zukunft in Russland zu suchen. "Sie glauben, dass ihre Chancen auf einen guten Job dort größer sind", sagt sie. Als Deutscher sei man dort zudem hoch angesehen. In Russland würden sie so finden, was ihre Eltern in Deutschland gesucht, aber nicht gefunden haben: Anerkennung und beruflichen Erfolg.

Aus DIE ZEIT :: 04.12.2008

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