Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Verschont uns! Der Widerstand der Kunsthochschulen

Von Bastian Berbner

Die Kunsthochschulen haben sich gegen die Bologna-Reform gewehrt - zum Teil mit Erfolg. Ein Besuch in Braunschweig.

Verschont uns! Der Widerstand der Kunsthochschulen© Matthias Prinke ? Wikimedia CommonsBibliothek der HBK Braunschweig
Links hinten, in der Ecke des Ateliers, hat Wayne sein Werk arrangiert. Auf einem Tisch stehen kleine Tonskulpturen, ein Skateboarder in der Halfpipe, ein onanierender Roboter. Daneben lehnt ein BMX-Fahrrad aus Pappmaschee an einer Papplaterne, an der Wand hängen trist-graue Bilder mit handgeschnittenen Passepartouts und hölzernen Rahmen. Wayne ist Student der »Freien Kunst« an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK), und an diesem Dienstagnachmittag erläutert er der Klasse seine Kunst. Zwischen Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand glimmt eine selbst gedrehte Zigarette. In der linken hält er eine Kaffeetasse. Sein Professor lauscht, nickt, stellt ab und zu eine Frage. Einige Studenten schreiten mit kritischem Blick die Wand mit den Bildern entlang. Hinten nimmt einer sein Telefon ab und verlässt das Zimmer im Erdgeschoss mit einem beherzten Schritt über einen Stuhl durch das offene Fenster. Auf einem ausgefransten Sofa sitzt eine Studentin und leckt an einem Eis, ein Kommilitone sogar an zwei.Und während ein Student an seinem Nachmittagsbier nippt, bettelt ein schwarz-weiß gefleckter Hund mit wedelndem Schwanz um Aufmerksamkeit. Die Szene spielt an einer Hochschule, hat aber nichts Akademisches. Ungezwungene Plauderei statt belehrenden Vortrags. Luftiges Atelier statt stickigen Hörsaals. Freiheit und Offenheit statt Reserviertheit und Regeln. Und das hat Konzept.

Nichts ist hier so unumstritten wie die Freiheit der Kunst. Sie wird bewusst in vollen Zügen gelebt - gegen alle Widerstände. Einer davon trägt den Titel »Bologna-Prozess« und bedroht in den Augen der Studenten und Professoren der HBK nichts weniger als die Kunst selbst. Die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse, so lautete das Argument der HBK in den vergangenen Jahren, raube der Freien Kunst, was sie auszeichne: das Freie. Das Gespenst der Verregelung, Verrechtlichung und Verschulung machte die Runde. Deswegen protestierte die HBK gegen die Reform und setzte sich in den wesentlichen Punkten durch. Als erste Kunsthochschule Deutschlands schaffte sie es, den Diplomstudiengang - zwar geringfügig reformiert, aber in der Essenz unverändert - Bologna-konform zu akkreditieren.

Der Unterricht findet nach wie vor in Klassen statt, Module gibt es nicht. Die Zahl der Prüfungen wurde zwar erhöht, Noten darauf gibt es aber keine, Credit Points schon gar nicht. Es wurden Pflichtveranstaltungen eingeführt, der Kern der Lehre findet aber immer noch in der individuellen und frei gestaltbaren Werkstattarbeit statt. Eine Lücke im Niedersäch sischen Hochschulgesetz eröffnete ein Fenster der Ge legen heit, das die Braunschweiger nutzten. Im Gesetz werden die Begriffe Bachelor und Master nicht explizit erwähnt. Das verschaffte den Künstlern Verhandlungsspielraum. In langsa men, oft zähen Auseinandersetzungen über zwei Jahre hinweg gelang es der HBK, Gutachter und Akkreditierungsagentur vom reformierten Diplomstudiengang zu überzeugen. Friedemann von Stockhausen war der Wortführer der Professorenschaft und gleichzeitig Initiator des Protests. »Die Bachelor/Master-Struktur hätte unsere Studenten so eingespannt, dass sie nicht mehr flexibel und frei gewesen wären«, sagt von Stockhausen. »Es gibt kein Modul, das vorsieht, dass man ein Semester lang melancholisch rumsitzt und nicht weiß, wie es weitergeht. Das kann aber wichtig sein.«

Der Professor nennt die Studienmodule "kleingehäckselte Lernschritte"

Über den Protest gegen den Bologna-Prozess herrscht unter Braunschweiger Studenten und Professoren Konsens. Die zentralen Argumente: Kunst lässt sich nicht in zeitlich fixierte Module pressen - und schon gar nicht mit Credit Points bewerten. Für Ulrich Eller, HBK-Professor für Klangkunst, sind die vorgesehenen Module »vorgedachte, kleingehäckselte Lernschritte, die die Lehre quantifizieren statt qualifizieren«. Und »Pünktchen zählen« sei in der Kunst sowieso »daneben«, da die Bewertungskriterien nicht objektivierbar seien wie etwa in der Mathematik. Das hätten auch Arno Auer, 31, und Katharina Kamph, 25, sagen können. Sie studieren an der HBK Freie Kunst und hatten Glück, wie sie sagen, noch die alte Diplomstudienordnung erwischt zu haben. Sie sitzen im sonnigen Innenhof der HBK, trinken Latte macchiato und schwärmen von der Freiheit, ohne die ein Kunststudent nicht Künstler werden könne. Das Wichtigste sei Zeit, sagen sie. Zeit, die eigene künstlerische Persönlichkeit zu entdecken und zu kultivieren. Der eine schaffe das schnell, andere brauchten länger, sagt Katharina. Wie sie selbst. Als sie nach dem Abitur ihr Studium an der HBK begann, habe sie gefragt, was hier eigentlich ihre Aufgabe sei.

Es habe lange gedauert, bis sie realisiert habe, dass das die falsche Frage war. »Keiner schreibt einem vor, was man wie machen soll. Man muss sich selbst die Aufgaben stellen.« Arno fügt nickend hinzu: »Niemand kann einem beibringen, wie man ein guter Künstler wird. Das muss man alleine schaffen, und das kann dauern.« Der neue Hang zum verschulten Curriculum befeuerte bei den Studenten den Verdacht, die Bedeutung ihrer Individualität werde herabgesetzt und durch künstlerische Gleichmacherei ersetzt. »Das Schöne an der Kunst ist ja, dass jeder sein Ding machen kann«, sagt Arno. Sein Professor, Friedemann von Stockhausen, stimmt zu: »In der Kunst gibt es keinen objektiven akademischen Wissenskanon, den man vermitteln kann. Wir müssen die Unterschiedlichkeit der Persönlichkeiten fördern und dürfen keinen Anpassungsdruck ausüben.« Deswegen sehen Arno und Katharina die Hochschule nicht primär als Lehrinstanz, sondern als Institution, die den Studenten einen Rahmen für ihr Selbststudium bietet. Sie stellt Werkstätten, Maschinen und Materialien bereit, bringt Künstler zusammen und institutionalisiert den Diskurs zwischen ihnen. Die Klasse ist im Zweifel wichtiger als der Professor.

Die Kehrseite der Freiheit ist den Studenten wohl bewusst. Einige ihrer Kommilitonen sind zwar in Braunschweig für Freie Kunst eingeschrieben, leben aber in Hamburg oder Berlin, wo die Kunstszene floriert. Monatelang sieht man sie nicht in der Klasse, ihre Arbeiten fertigen sie zu Hause an - wenn überhaupt. »Die alte Studienordnung hat zugelassen, dass man hier fünf Jahre lang studiert und nichts dazulernt«, sagt ein anderer Student, der aber gleichzeitig betont, dass das die Ausnahme sei. Diesen Eskapaden bereitet der reformierte Diplomstudiengang weitgehend ein Ende. Jährlich müssen die Studenten nun ihre Werke einem Professor vorstellen. Außerdem herrscht Anwesenheitspflicht in den kunstwissenschaftlichen Seminaren, die jetzt auch die Freien Künstler vermehrt belegen müssen.

Auch andere Bundesländer wollen die Freie Kunst jetzt ausnehmen

Das Braunschweiger Modell könnte bundesweit Schule machen. Einige Kunsthochschulen haben bereits bei der HBK nach Informationen zu Prüfungsordnung und Verhandlungsführung im Akkreditierungsprozess angefragt. Fast nirgendwo trifft der Bologna-Prozess auf so großen Widerstand wie bei den Kunsthochschulen. In Nordrhein- Westfalen und Baden-Württemberg haben den Kunsthochschulen zwar auferlegt, ihre Studien gänge auf Bachelor und Master umzustellen, die Freie Kunst aber explizit von dieser Maßnahme ausgenommen.

In Braunschweig herrscht vorerst Zufriedenheit. Im Oktober wird ein neuer Jahrgang an der HBK den Weg zum Diplom beginnen. In einer schmucklosen Montagehalle aus weißen Backsteinen wühlen sich die Professoren der Freien Kunst momentan durch fast 150 Mappen von Bewerbern. Mit geschultem Blick vergeben sie Punkte, die über Weiterkommen oder Ablehnung ent scheiden. Das Dossier einer 18-Jährigen hat die Kommission besonders begeistert. Es enthält ein Sammelsurium aus Radierungen, konventionel len Porträts, Zeichnungen, Skizzen auf Holz, Pap pe und Leinwand, ein Buch mit langen, schwarz ausgestrichenen Passagen und ein Glas, halb gefüllt mit trüber Flüssigkeit. Was qualifiziert diese Bewerberin für die Freie Kunst? Friedemann von Stockhausen blickt über das ausgebreitete Werk hinweg und sagt: »Das ist aufgeweckt, variantenreich, nicht eingefroren in einem bestimmten Stil.« Kurzum: Die Mappe spiegelt Offenheit und - Freiheit.

Aus DIE ZEIT :: 14.05.2009

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote