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Verschulung? Ja bitte!

von VOLKER MEYER-GUCKEL

Universitäten brauchen mehr Systematik in den Studiengängen. Lehrende wie Lernende hätten Vorteile, sagt Volker Meyer-Guckel.

Verschulung? Ja bitte!© a_sto - photocase.deVerschulung: Wie viel kann die Hochschule von der Schule lernen?
Verschulung - was für ein hässliches Wort. Es hört sich an wie Verschandelung, Verhunzung. Und genauso ist es auch gemeint. Aber warum wird »Verschulung« vor allem an Universitäten als Schimpfwort, ja als Kampfbegriff verwendet - sogar in der Lehrerausbildung?

Die Benutzer dieser Vokabel - vornehmlich Kritiker der Bologna-Reform - schreiben damit nahezu unterschiedslos alles, was das Studium ordnet und die Verbindlichkeit für Lehrende wie Studierende erhöht, der Schule zu und kanzeln es als unakademisch ab. Mehr noch: Das Wort muss herhalten, um in Abgrenzung dazu die Universität als einzig wahre Stätte umfassender Persönlichkeitsbildung zu verteidigen - gegen die Fachhochschulen, die vermeintlich nur ausbilden, statt zu bilden. Aber könnte nicht auch die Universität von den Stärken der Schule lernen? Könnte ein wenig mehr Schule das akademische System nicht verbessern?

Man stelle sich vor: eine Universität, die sich als »Hoch-Schule« versteht, an der Lehre und Studium im Mittelpunkt stehen, deren Professoren sich nicht in erster Linie als Forscher definieren, sondern mindestens ebenso begeistert als Hochschullehrer. Eine Universität, die für jedes Fach Curricula entwickelt, die das Studium zeitlich und inhaltlich sinnvoll ordnen und deren Inhalte von den Lernzielen für die Studenten aus konzipiert werden - und nicht aus der selbstreferentiellen Logik der sich immer stärker ausdifferenzierenden Disziplinen oder der spezialisierten Forschungsansätze der Professoren.

Zu viele Studienabbrecher

Mehr als ein Drittel aller Studienanfänger an deutschen Universitäten brechen ihr Bachelorstudium ab. Das geht aus den Berechnungen des Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung hervor. Besser sieht es dagegen bei den Masterstudenten aus: Da betrug die durchschnittliche Abbruchquote im Jahr 2012 nur elf Prozent.
An so einer Universität würden es Studierende vielleicht selbstverständlich finden, Lehrveranstaltungen vor- und nachzubereiten und auch ohne Anwesenheitskontrolle an den Seminaren teilzunehmen. Weil die Dozenten ihre Studierenden an dieser Universität kennen. Weil die Professoren dieser Universität sich als Verantwortungsgemeinschaft verstehen, von Lehrenden und Lernenden. Vieles von dem ist an Schulen heute die Regel - an deutschen Universitäten nicht. Und selbst wenn es mehr Hochschulen werden, die sich ein solches Ideal zu eigen machen und sich auch an der Qualität ihrer Lehre messen lassen: Die Widerstände dagegen sind groß.

Dagegen sind vor allem diejenigen, die sich durch die Schaffung von mehr Verbindlichkeit ihrer Freiheiten beraubt sehen und nicht bereit sind, Verantwortung für ein gelingendes Studium zu übernehmen. Man trifft sie unter Lehrenden wie Studierenden, insbesondere in den Geisteswissenschaften, die sich durch den Bologna-Prozess gemaßregelt fühlen. Aber seien wir doch ehrlich: Vor Bologna waren die Studienbedingungen in den Geisteswissenschaften oft verwahrlost, akademische Freiheit zeichnete sich vor allem durch Beliebigkeit aus. Nicht einmal 20 Prozent der Studenten schlossen ihr Magisterstudium im Durchschnitt ab. Sieht so die erstrebenswerte Alternative zu einem verschulten Studium aus? Nirgendwo war eine »Verschulung« so segensreich wie in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Man sollte den Begriff der »Schule« für die akademische Bildung nicht mehr diskreditieren, sondern positiv besetzen. So wie das an amerikanischen Universitäten der Fall ist, an denen die Koryphäen stolz auf ihre Affiliation zu einer »school« of law, medicine oder education sind. Von Schule zu lernen hieße, Lernfortschritte systematischer als bisher zu analysieren und Didaktik und Curricula entsprechend anzupassen.

Seit einigen Jahren bemühen sich Schule und Schulforschung verstärkt darum, herauszufinden, was Schüler wirklich gelernt haben, nicht nur durch punktuelles Prüfen in Klassenarbeiten, sondern nach besseren, objektivierbaren Maßstäben, die sich durch Vergleichsarbeiten oder Lernfortschrittserhebungen ermitteln lassen.

Wo findet man das auch nur in Ansätzen im Studium? Wer weiß, ob die hehren Lehrziele, die sich in wortreichen Modulbeschreibungen niederschlagen, am Ende auch wirklich erreicht sind? Wer weiß, wie und wo Studierende am besten lernen: in der Vorlesung oder im Seminar, in der Übung oder im Labor? Niemand, weil (fast) niemand auch nur diese Frage stellt. Eine Lehr-Lern-Forschung, wie sie die Schulpädagogik seit Jahrzehnten kennt, ist in der Hochschulpädagogik so gut wie unbekannt. Und wenn es sie in den kleinen Abteilungen der Hochschuldidaktik doch einmal gibt, bleiben ihre Erkenntnisse für die Lehre in der Regel folgenlos.

Wo sind an den Universitäten der Raum, die Zeit und der Wille für eine Auseinandersetzung mit den richtigen Lehrmethoden? Die Bandbreite der Studierenden ist heute größer denn je, sie unterscheiden sich in ihrer Herkunft wie ihren Leistungen so stark wie Schüler. Doch wo erwirbt man an der Universität die didaktische Expertise, mit heterogenen Lerngruppen umzugehen? Wo sind die Förderangebote für die Schwachen, wo die Herausforderungen für die Begabten?

Von Schule zu lernen hieße, Lehrende auf ihre Aufgaben systematisch vorzubereiten und regelmäßig fortzubilden. Für Lehrer gibt es das Referendariat, sie haben Mentoren an der Seite. Fortbildungen sind Standard. An den Unis wird jeder Doktorand und Postdoc darin geschult, die richtigen Forschungsfragen zu stellen, Forschungsmethoden anzuwenden. Und er entwickelt Professionalität in der Kunst, Drittmittelanträge zu schreiben und zu verwalten. Aber wann bekommt er eine Anleitung dafür, wie er später zu unterrichten hat? Wer begleitet ihn kollegial dabei? Wer sagt ihm, dass seine Vorlesung die Studenten nicht erreicht?

Dass Verschulung ironischerweise sogar in der universitären Lehrerausbildung verpönt ist, verweist darauf, warum es um deren Qualität oft nicht zum Besten bestellt ist. Es würde bessere Lehrer geben, wenn die Lehramtsstudenten die Universität als einen Ort wahrnähmen, an dem man gemeinsam mit anderen in einer inspirierenden und wertschätzenden Atmosphäre lernt. Denn wir wissen (aus der Schulforschung!), dass Lehrer vor allem zu Beginn ihrer Laufbahn eigene Lernerfahrungen reproduzieren - die auch vom Studium geprägt sind. Stattdessen müssen sich zukünftige Lehrer einsam durch ein didaktisch unstrukturiertes Nebeneinander von Themen und Methoden kämpfen - und sich von manchem Pädagogikprofessor erzählen lassen, was guter Unterricht ist, der diesen selbst noch nie praktiziert hat.

Mehr von dem, was Schulen auszeichnet, würde den Studierenden wie den Lehrenden guttun. Mehr Schule würde die akademische Lehre professionalisieren, ja sie überhaupt zum Gegenstand eines wissenschaftlichen Diskurses machen. Diese Aufgabe darf nicht den sogenannten didaktischen Zentren an Universitäten überlassen bleiben, sondern gehört ins Herz einer jeden Disziplin. Das Studium muss die Studienziele inhaltlich und didaktisch so aufbereiten, dass Studenten am Ende wissen, auf welche Fragen das Fach mit welchen Methoden mögliche Antworten geben kann. Sich diesem Bildungsauftrag zu stellen bedeutet, Humboldts Idee der Universität ins 21. Jahrhundert zu übersetzen. »Verschulung« ist wirklich kein schönes Wort - aber »Mehr Schule wagen« eine wünschenswerte Parole für die Zukunft der Lehre an Universitäten.


Über den Autor
Volker Meyer-Guckel ist stellvertretender Generalsekretär des wirtschaftsnahen Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.

Aus DIE ZEIT :: 09.04.2015

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