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Versteckte Hürden - Förderung der Kinder hochschulferner Familien

von Katja Urbatsch

Der Bildungsaufstieg soll auch Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund offen stehen. Jugendliche und Studierende der ersten Generation zu unterstützen ist Ziel der Initiative "ArbeiterKind.de". Fragen an deren Gründerin.

Versteckte Hürden - Förderung der Kinder hochschulferner Familien© Forschung & LehreKatja Urbatsch, Gründerin der Initiative "ArbeiterKind.de", unterstützt Studierende der ersten Generation
Forschung & Lehre: 2008 haben Sie das Internetportal "ArbeiterKind.de" ins Leben gerufen. Welche Idee steckt dahinter, und welche Ziele verfolgt diese Initiative?

Katja Urbatsch: Das Ziel von Arbeiter-Kind.de ist es, zum einen Schüler aus nicht-akademischen Familien zum Studium zu ermutigen und mit praktischen Informationen beim Studieneinstieg zu unterstützen. Zum anderen bieten wir für Studierende, die als Erste in ihrer Familie den Schritt an die Hochschule gewagt haben, eine Anlaufstelle für Erfahrungsaustausch und gegenseitige Unterstützung. Innerhalb von nur fünf Jahren sind wir von einem Internetportal zur bundesweiten Gemeinschaft für Studierende und Akademiker der ersten Generation gewachsen. Inzwischen engagieren sich 5.000 Ehrenamtliche vor Ort in 70 lokalen Gruppen.

F&L: Was hat Sie persönlich zu Ihrem Engagement motiviert?

Katja Urbatsch: Ich bin die Erste in meiner Familie, die einen Hochschulabschluss erreicht hat, daher kenne ich viele Herausforderungen und Hürden beim Bildungsaufstieg aus eigener Erfahrung. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man sich häufig in der Familie rechtfertigen muss oder auf Unverständnis stößt und sich auch in der Hochschule, insbesondere in den ersten Semestern, etwas verloren vorkommt. Viele Informationen habe ich zu spät erhalten. Z.B. habe ich erst von Stipendien erfahren, als ich schon zu weit im Studium fortgeschritten war und mich nicht mehr bewerben konnte.

F&L: Was sagt Ihre Erfahrung aus der täglichen Arbeit mit Schülern und Studierenden aus hochschulfernen Familien jenseits von Zahlen und Statistiken: Bestimmt die soziale Herkunft tatsächlich über den Bildungsaufstieg?

Katja Urbatsch: Bei unserem Engagement machen wir die Erfahrung, dass die soziale Herkunft ganz klar die Bildungsbiografie bestimmt. In unserem Bildungssystem spielen die Eltern eine große Rolle. Wir planen fest ein, dass sie ihre Kinder auf ihrem Bildungsweg sowohl emotional, inhaltlich als auch finanziell unterstützen. Vielen Eltern ist es jedoch nicht möglich, diese Förderung zu leisten. Häufig ist uns nicht bewusst, dass einige daher z.B. nicht an Klassenfahrten oder Exkursionen teilnehmen können oder keinen eigenen Computer, Internet und Drucker zuhause haben. Wir müssen berücksichtigen, dass nicht alle Schüler Eltern haben, die ihnen bei Schulaufgaben und -projekten helfen können. Daher ist es wichtig, unser System auf versteckte Hürden zu überprüfen und festzustellen, wo wir familiäre Unterstützung erwarten und wie wir Kindern diese Unterstützung zukommen lassen können, wenn die Eltern damit überfordert sind.

F&L: Was sind aus Ihrer Sicht die höchsten Hürden, die Nicht-Akademikerkinder zu überwinden haben?

Katja Urbatsch: Wenn bisher niemand in der Familie Abitur gemacht oder studiert hat, muss man erstmal auf die Idee kommen, einen höheren Bildungsabschluss anzustreben. Zudem hat man niemanden, von dem man Informationen erhalten oder der einen dabei unterstützen kann. Viele schätzen ihre Leistungen niedriger ein als sie sind und sind unsicher, ob sie die Erwartungen erfüllen können. Und im eigenen Umfeld ist dann leider niemand, der ermutigt und sagt: "Mach' das mal! Das schaffst Du!" Viele machen sich natürlich Sorgen um die Finanzierung. Wer schnell die Schule abschließt und eine Berufsausbildung beginnt, verdient sofort eigenes Geld und ist finanziell unabhängig. In das Abitur und ein Studium muss man jedoch erstmal investieren und profitiert erst später davon. Gerade rund um die Studienfinanzierung fehlen Schülern viele Informationen, z.B. wissen sie in der Regel nicht, was BAföG genau ist und wie es funktioniert oder dass es Stipendien gibt. Und selbst wenn, dann halten sich selbst die besten Schüler für nicht gut genug, so dass sie sich nicht trauen, sich zu bewerben.

F&L: Welche Unterstützung ist für Studierende der ersten Generation die dringlichste?

Katja Urbatsch: Es ist wichtig, dass Jugendliche aus nicht-akademischen Familien bereits in der Schule Informationen darüber erhalten, warum es sich lohnt, in ein Studium zu investieren, welche Studienmöglichkeiten es gibt und insbesondere wie sich ein Studium finanzieren lässt. Mut und Selbstvertrauen müssen gefördert werden, dass sie ein Studium schaffen können. Wichtig ist auch, versteckte Hürden abzubauen. Z.B. müssen Studierende in der Regel bereits im Oktober eine Reihe von Kosten vorstrecken: die erste Miete, Kaution, Semesterbeitrag, Fahrtkosten, Umzugskosten und einiges mehr. Die erste BAföG-Zahlung erhalten sie jedoch häufig erst im November, Dezember oder sogar erst im Januar. Diejenigen, die keine finanziellen Rücklagen oder Eltern haben, die einspringen, wissen nicht, wie sie diese Kosten vorstrecken sollen.

F&L: Welche Hilfsangebote sind besonders wirkungsvoll?

Katja Urbatsch: Unser erfolgreichstes Format sind die Informationsveranstaltungen unserer Ehrenamtlichen in Schulen. Dort erzählen sie, wie sie selbst zum Studium gekommen sind, was sie studieren, wie sie ihr Studium finanzieren und welche Erfahrungen sie im Studium gemacht haben. Dabei wirken sie als authentische Vorbilder und ermutigen die Schülerinnen und Schüler. Unsere Ehrenamtlichen sind auch auf vielen Bildungsmessen präsent. Studierenden bieten wir Unterstützung an, z.B. in Form von regelmäßigen Treffen, bei denen sie sich über aktuelle Fragen und Probleme austauschen und sich gegenseitig unterstützen können. Darüber hinaus bieten wir auch Sprechstunden und Workshops an.

Forschung & Lehre: Wie sieht es nach dem Studium aus? Spielt die soziale Herkunft auch mit einem Studienabschluss in der Tasche noch eine Rolle für Berufseinstieg und Karriere?

Katja Urbatsch: Wir haben im vergangenen Jahr festgestellt, dass wir bei ArbeiterKind.de nun die ersten Absolventen haben und für viele auch der Berufseinstieg eine Hürde darstellt. Daher haben wir ein Berufseinstiegs-Mentoring gestartet, das auf große positive Resonanz stößt. Dieses Jahr möchten wir dies durch Workshop-Angebote und die Kooperation mit Arbeitgebern weiter ausbauen. Nach dem Studienabschluss stehen Erstakademiker erneut vor dem Problem, dass ihnen aus der eigenen Familie niemand helfen kann, auch nicht bei der Entwicklung einer Bewerbungsstrategie für den akademischen Arbeitsmarkt. Leider wird der Großteil der Stellen über persönliche Kontakte vermittelt und nicht offen ausgeschrieben. Gerade unsere Zielgruppe ist jedoch auf offene Stellenausschreibungen angewiesen, da sie häufig noch nicht über die notwendigen Kontakte und Netzwerke verfügt. Unseren Studierenden ist es häufig nicht möglich, Praktika in einer anderen Stadt oder sogar im Ausland zu absolvieren, die nicht vergütet werden und alle Kosten abdecken. Das gleiche gilt für Auslandsaufenthalte während des Studiums, ohne die es vielfach schwierig ist, eine Stelle zu bekommen. Unsere Absolventen treten oftmals nicht so selbstbewusst auf, können sich nicht so gut verkaufen oder tendieren dazu, ihr eigenes Licht unter den Scheffel zu stellen. Um mich zu unterstützen, hat mir ein Professor für meine erste Bewerbung ein Empfehlungsschreiben ausgestellt, in dem er schrieb: "Frau Urbatsch ist die Königin des Understatements!" Ich habe ihm das etwas übel genommen, aber die Stelle bekommen.


Über die Autorin
Katja Urbatsch ist Gründerin und hauptamtliche Geschäftsführerin der gemeinnützigen Initiative ArbeiterKind.de und Arbeiter-Kind.at. Sie studierte Nordamerikastudien, Betriebswirtschaftslehre, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin und der Boston University und promoviert derzeit im Fach Amerikanistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Von der Autorin ist zuletzt erschienen: Ausgebremst: Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt. Heyne Verlag, München 2012.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2013

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