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Verstehen, wie Konzerne ticken

AUFGEZEICHNET VON LISA SRIKIOW

Ein Executive MBA bedeutet vollen Einsatz neben dem Beruf - drei Erfahrungsberichte.

Verstehen, wie Konzerne ticken© erel photography - iStockphoto.comEin MBA-Studium kostet nicht nur viel Geld, sondern auch viel Zeit

Wirtschaftsanwalt Sven Tischendorf, 45, nimmt am Executive-MBA-Programm der Frankfurt School of Finance and Management teil

»Einen MBA wollte ich schon seit 20 Jahren machen - es war ein lang gehegter Traum. Aber wie das so ist: Es gibt im Leben Zeitpunkte, die mal mehr, mal weniger passen. Im Herbst vergangenen Jahres dachte ich dann: jetzt oder nie. Die Kriterien, nach denen ich meine Hochschule ausgesucht habe, sind, glaube ich, nicht besonders typisch für einen MBA-Studenten: Mir war es vor allem wichtig, in der Region Frankfurt zu bleiben. Weil ich selbstständig bin, wollte ich so wenig Zeit wie möglich für lange Anfahrten aufbringen. Beim Executive-MBA-Programm sind die Auslandsmodule freiwillig, und auch darauf wollte ich verzichten. Ich habe schon genug Zeit im Ausland verbracht, dort studiert und auch gearbeitet. Was mich neben dem guten Ruf der Frankfurt School dann überzeugt hat, war vor allem mein Bauchgefühl: Hier waren mir die Leute und die Atmosphäre sympathisch - und bisher habe ich meine Wahl nicht bereut.

Eine Affinität zu Wirtschaftsthemen hatte ich schon immer. Tatsächlich hatte ich einst mit dem Gedanken gespielt, BWL zu studieren. Für Jura habe ich mich entschieden, weil mir klar war, dass damit der Weg in die Selbstständigkeit leichter ist. Als promovierter Wirtschaftsanwalt muss ich zwar jetzt schon täglich Jura mit BWL kombinieren, aber durch den MBA stelle ich auch zu den Kaufleuten unter meinen Mandanten volle Augenhöhe her. Ich war überrascht, wie anspruchsvoll der Bewerbungstest war - es gab über einen ganzen Tag hinweg nicht nur die üblichen Intelligenztestfragen, sondern auch psychologische Tests, und wir mussten auch Essays auf Deutsch und Englisch schreiben. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich von den anderen Bewerbern war. Alle waren so engagiert, motiviert und pfiffig.

Wir sind der erste berufsbegleitende MBA-Jahrgang hier. Im Gegensatz zu meinem Erststudium habe ich das Gefühl, dass wir selbst das Tempo vorgeben und das Studium prägen können. Das ist ein tolles Erlebnis. Wir haben außerdem ein wirklich gutes Miteinander - für mich als Jurist, der in der Regel nicht im Team arbeitet, ist dies ein sehr positiver Aspekt der BWL-Kultur. Was ich allerdings unterschätzt habe, ist die Zeit, die man zusätzlich zu den Präsenzveranstaltungen aufbringen muss. Es kommt natürlich auch auf die Dozenten und ihre Aufgabenstellungen an; aber es passiert häufiger, dass ich bis drei Uhr nachts am Schreibtisch sitze, um alles rechtzeitig zu erledigen. Da muss man schon Disziplin und Biss mitbringen, um dieses Studium über knapp 20 Monate durchzuziehen. Abschließen werde ich im kommenden Mai.«

Unternehmensberater Boris Breidenbach, 35, schließt bald seinen Executive MBA an der Mannheim Business School ab

»In ein paar Wochen habe ich meinen MBA geschafft - auf das Ende dieser Zeit blicke ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits bin ich wirklich urlaubsreif, andererseits werde ich diese tolle Klassengemeinschaft vermissen. Die hat mich auch durch die anstrengenden Phasen getragen: Es war unglaublich, so viele engagierte Menschen zu treffen. In den 18 Monaten haben wir sehr eng zusammengearbeitet, da die Aufgaben für die Kurse meist in Gruppenarbeit gelöst werden mussten. Die Hochschule stellt die Teams zusammen und achtet darauf, dass sie möglichst heterogen sind. Der Effekt ist, dass wir sehr viel voneinander gelernt haben. Ich selbst bin Physiker und argumentiere am liebsten mit Zahlen und Fakten. Andere Kollegen hatten dagegen mehr Erfahrung im Marketing oder mit der Buchhaltung.

Während des Physikstudiums und bei meiner beruflichen Projektarbeit hatten die Teams, in denen ich gearbeitet habe, jeweils den gleichen, naturwissenschaftlichen Hintergrund, somit war das hier wirklich eine neue Erfahrung für mich. Natürlich gab es auch den ein oder anderen Konflikt, aber selbst das habe ich als Bereicherung empfunden. Das MBA-Studium kostet nicht nur viel Geld, sondern auch viel Zeit. Eine wichtige Voraussetzung war deshalb die Unterstützung meiner Frau, aber auch die meiner Firma, die mir den MBA finanziert hat. Jeden zweiten Freitag und Samstag habe ich in Mannheim verbracht, dazu kamen noch einwöchige Blockseminare, die regelmäßigen Hausaufgaben und die Auslandsstationen in Oslo, Paris, Shanghai und Singapur. Ich war einfach sehr oft nicht da - weder in der Firma noch zu Hause in München. Für diese Doppelbelastung braucht man eine sehr hohe Motivation. In der Unternehmensberatung, in der ich arbeite, beraten wir vor allem Banken und Versicherungen - ich wollte besser verstehen, wie die ticken. Dabei hat mir der MBA definitiv geholfen.

Besonders beeindruckt hat mich der Kurs »International Financial Accounting« - also Buchhaltung. Anfangs hielt ich gerade dieses Seminar für das zäheste von allen. Aber der Dozent war toll - er war so enthusiastisch, dass er die ganze Klasse angesteckt hat. Der Professor liebte sein Thema einfach, so kannte ich das auch aus der Physik. Man nimmt diese Vogelperspektive ein und betrachtet die Dinge in einem größeren Zusammenhang. Das wird mir fehlen, wenn ich wieder in meinen Arbeitsalltag zurückkehre. Das und die guten Gespräche mit meinen Kommilitonen, zu denen ich den Kontakt hoffentlich halten werde.«

Gabriele Schuhmann-Giampieri, 54, ist Projektleiterin in einem Pharmaunternehmen und hat den European Executive MBA an der ESCP Europe in Berlin absolviert

»Ich bin eigentlich eine waschechte Naturwissenschaftlerin: Ich habe in Pharmazie promoviert und lange in der akademischen, später in der industriellen Forschung gearbeitet. Dann bin ich ins Projektmanagement unserer Firma gewechselt. Da fielen oft Begriffe wie Net Present Value oder Return on Investment. Die Bedeutung war mir schon ungefähr klar, ich wollte es aber genau wissen. Ein Unternehmen trifft seine Entscheidungen nicht nach den Kriterien eines Naturwissenschaftlers. Ich wollte verstehen, was die Kriterien einer Firma sind. Warum investiert sie gerade in diese Projekte, in andere dagegen nicht? Wie hoch ist das Budget und warum? Das war mein Antrieb, als ich mich für das MBA-Studium entschieden habe. An dem European Executive MBA gefiel mir besonders die internationale Ausrichtung, die Seminare fanden in Paris, London, Turin und Madrid statt. Ich habe nicht nur Leute aus verschiedenen Branchen kennengelernt, sondern auch aus anderen Ländern und Kulturen. Es war einfach spannend, wie unterschiedlich wir unsere Entscheidungen treffen. In Skandinavien und Deutschland sind wir doch sehr aufgabenorientiert.

In Frankreich und Italien läuft das Geschäftliche eher auf einer persönlichen Ebene ab. Wir waren aber auch außerhalb Europas unterwegs. Wir hatten ein Seminar über Emerging markets in Indien, und mit meinem Kurs Innovation Management war ich in Austin, Texas. Am Anfang hatte ich Zweifel, ob ich das überhaupt alles schaffe. Schließlich hatte ich nicht nur den MBA und meinen Beruf zu vereinbaren, sondern musste auch noch eine Familie managen. Zum Glück hatten alle großes Verständnis. Meine Tochter hat zur gleichen Zeit ihr Abitur gemacht, wir waren quasi Leidensgenossinnen. Trotzdem sollte man vorab klären, dass man für knapp zwei Jahre sehr eingespannt sein wird. Meine Freunde mussten sehr zurückstecken. Es war toll, nach dem Abschluss mal wieder ein Wochenende ganz unbeschwert genießen zu können. Während des MBA-Studiums gab es immer eine Aufgabe, die auf mich wartete. Das war nicht nur fachlich eine Herausforderung, sondern auch organisatorisch.

Mein Team war über ganz Europa verstreut, und das meiste lief über E-Mails oder Skype. Wenn wir wieder ein Seminar hatten, sind wir früher angereist, um unsere Arbeit abzuschließen. Das war beschwerlich, aber ich habe dabei auch Gelassenheit gelernt. Man lernt, darauf zu vertrauen, dass man das alles schaffen kann. Mittlerweile bin ich wieder ganz im Arbeitsalltag angekommen. Neben neuen Aufgaben mit größerer Verantwortung habe ich auch ein anderes Selbstbild gewonnen. Ich sehe meine Rolle als Dolmetscherin: Ich erlebe oft, dass jemand aus dem Management etwas fragt, der Kollege aus der Forschung es aber falsch versteht und etwas ganz anderes antwortet. Da prallen Welten aufeinander, und es kommt leicht zu Missverständnissen - nur, dass ich mit meinem neuen Wissen jetzt sofort vermitteln kann.«

Aus DIE ZEIT :: 22.09.2011

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