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Verwirrspiel auf dem Acker

VON ERNST-LUDWIG WINNACKER

Monokulturen, gefährdete Vielfalt: An allem soll die grüne Gentechnik schuld sein. Warum die Landwirtschaft sie dringend braucht.

Verwirrspiel auf dem Acker© AndreasF. - Photocase.comStellt die gentechnische Veränderung an sich ein Risiko, vor dem sich die Gesellschaft schützen muss, dar?
Auch in diesem Jahr wurden wieder Versuchsfelder mit gentechnisch veränderten Pflanzen zerstört. Obwohl die Täter erstmals Menschen mit Gewalt bedrohten, ist nach allen Erfahrungen höchstens mit Bagatellstrafen zu rechnen. Das Klima in der Gentechnikdebatte ist aggressiver geworden, die Vorurteile der Technik gegenüber gefestigter. Bei den beteiligten Forschern und Unternehmen macht sich Resignation breit. Dabei spielt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine gewichtige Rolle: Es hat vor einem Jahr, am 24. November 2010, in einer rechtlichen Prüfung des Gentechnikgesetzes dessen Vorschriften für materiell verfassungsgemäß erklärt.

Damit bleiben Regelungen in Kraft, die es in Deutschland de facto unmöglich machen, mit gentechnisch veränderten Nutzpflanzen im Freiland zu arbeiten. Im Ergebnis überrascht das Urteil nicht, spiegelt es doch die gängige Einstellung der Bevölkerung wider. Mich als Wissenschaftler überrascht jedoch, dass nach der Bevölkerung und der Politik nun auch das Verfassungsgericht den Sirenentönen der Ideologen erlegen zu sein scheint. Sprache und Gedankenführung der Urteilsbegründung richten sich nämlich allein an der Ausdrucksweise der Gentechnikgegner aus. Die Richter sprechen von »Eingriffen in die elementaren Strukturen des Lebens, deren Folgen sich, wenn überhaupt, nur schwer wieder rückgängig machen ließen«. Die Ausbreitung einmal in die Umwelt ausgebrachten gentechnisch veränderten Materials sei nur schwer oder gar nicht begrenzbar. Das Gericht scheint der Ansicht zu sein, dass die gentechnische Veränderung an sich ein Risiko darstellt, vor dem sich die Gesellschaft schützen muss.

Der Gesetzgeber treibt die Forscher und ihr Wissen aus dem Land

Welches Risiko könnte das sein? Was wäre der GAU der grünen Gentechnik? Eine Art Superunkraut, das die Welt überwuchert? Eine Störung des natürlichen Gleichgewichts? Die Verbreitung von Genen zwischen Nutzpflanzen und anderen Pflanzen? Das Auftreten unbekannter Allergien? All das und vieles mehr ist in Hunderten von Umweltverträglichkeitsprüfungen intensiv untersucht worden, ohne dass es bisher einen einzigen ernst zu nehmenden Hinweis darauf gibt, von gentechnisch veränderten Pflanzen gingen besondere Risiken für Mensch und Umwelt aus. Eine gesetzgeberische Strategie, die den Streit befrieden und den widersprüchlichen Forderungen und Ängsten begegnen sollte, wird nun zum Problem im Umgang mit der grünen Gentechnik: der Gedanke der Koexistenz von gentechnisch veränderten und konventionellen Züchtungen, den das Gentechnikgesetz zu formulieren versucht. Dieser auf den ersten Blick löbliche Versuch eines Interessenausgleichs erweist sich bei genauerem Hinsehen allerdings als politisches Konstrukt fern der Realität.

Aus Sicht der Wissenschaft jedenfalls kann es Koexistenz ohne eine Vermischung der Sorten nicht geben. Von der Kartoffel abgesehen, sind die wichtigsten Nutzpflanzen sogenannte Fremdbestäuber, für ihre Fortpflanzung also auf Pollen anderer Pflanzen derselben Art angewiesen. In der Blütezeit setzen sie daher Unmengen Pollen frei, den der Wind beliebig weit über die Felder trägt. In der klassischen Landwirtschaft stört diese Vermischung niemanden. Die Bauern säen ohnehin jedes Jahr neues Saatgut aus, die Pflanzenzüchter stellen die Sortenreinheit sicher. Im ökologischen Anbau sind Einträge von konventionell bestellten Nachbarfeldern bis zu einem Schwellenwert von fünf Prozent erlaubt und nicht kennzeichnungspflichtig. Im Glauben, beim Einsatz der grünen Gentechnik jede Vermischung vermeiden zu müssen, hat der Gesetzgeber Regeln für den Anbau eingeführt. Sie schreiben definierte Mindestabstände zwischen Feldern mit gentechnisch veränderten Pflanzen und solchen mit konventionellen Pflanzen vor. Je nach Feldfrucht sind es zwischen 150 und 300 Meter. Einen zuverlässigen Schutz kann jedoch auch das nicht gewährleisten. Selbst wenn etwa die relativ schweren Maispollen vom Wind in der Regel nicht allzu weit getragen werden, können Bienen mit ihrer Pollenfracht solche Distanzen mit Leichtigkeit überwinden.

Kommt es zu einer Vermischung, haftet jeder Landwirt in der Umgebung, der die gentechnisch veränderte Sorte angebaut hat, und zwar verschuldensunabhängig. Versichern kann er sich gegen einen solchen Fall nicht. Es fehlen Regelungen für einen Schwellenwert, bis zu dem unbeabsichtigte Einstäubungen erlaubt sind. Bei nicht zugelassenen Sorten gilt in Deutschland Nulltoleranz. Diese Auflagen machen die Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen praktisch unmöglich. Die wenigen Freilandversuche konnten nur stattfinden, weil hinter ihnen überzeugte Förderer aus der Saatgutbranche stehen. Universitäten und Forschungseinrichtungen können sich den mit den Versuchen verbundenen Aufwand - zum Beispiel aufwändige Umzäunungen und die Bewachung der Felder rund um die Uhr - nicht leisten. Sie weichen daher nach Kanada oder in die USA aus. Von Koexistenz oder einem »verträglichen Miteinander«, wie es im Urteil des Bundesverfassungsgerichts heißt, gibt es keine Spur.

Wie können wir in dieser verfahrenen Situation zu einer Einigung kommen? Aus meiner Sicht nur dadurch, dass wir die wahren Probleme ansprechen, die hinter der langjährigen Debatte stehen. Eines der heißesten Eisen, an dem sich der Streit immer wieder entzündet, sind die Biopatente, »Patente auf Leben«, wie sie oft genannt werden. Für Pflanzen, die über herkömmliche Zuchtverfahren entstehen, gibt es grundsätzlich keinen Patentschutz. Nur wenn biotechnologische Verfahren mit einer entsprechenden Erfindungshöhe im Spiel sind, kann es zu einer Patent erteilung kommen. Ich persönlich stehe solchen Patenten kritisch gegenüber. Warum? Weil ihre gelegentlich kompromisslose Durchsetzung nicht in die Kultur der Landwirtschaft passt. Die Patentstrategien einiger Unternehmen haben zu einem beträchtlichen Vertrauensverlust und Imageschaden geführt. Grüne Gentechnik wird fälschlicherweise mit industrialisierter Landwirtschaft gleichgesetzt und als Gegensatz zu nachhaltigen Formen der Landwirtschaft gesehen. Das hätte nicht passieren dürfen.

Es stimmt: Die Kosten der Entwicklung von Pflanzen mit neuartigen Eigenschaften können so hoch sein, dass ein Patentschutz manchmal durchaus vertretbar erscheint. Zudem ist der in Europa seit Langem bewährte Sortenschutz nicht überall auf der Welt gängige und gesetzgeberisch abgesicherte Praxis. Wer aus diesen Gründen eine Patentierung anstrebt, sollte jedoch versuchen, den Bedürfnissen einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft in den Entwicklungsländern entgegenzukommen - etwa durch die Erteilung von Freilizenzen. Ähnlich sind Pharmafirmen bei der Produktion von Anti-Aids-Medikamenten verfahren. Hätten auch die Agrarunternehmen von Anfang an diese Praxis gelebt, wäre dem Argument, die Gentechnik nutze nur den Unternehmen und Großbauern in den reichen Ländern und schädige die Kleinbauern in den armen Weltregionen, von Anfang an die Basis entzogen. Doch auch die Landwirtschaft selbst, das ist der zweite zentrale Aspekt zum Verständnis der Debatte, hat ein Imageproblem. In der Vergangenheit arbeitete sie hoch subventioniert und längst nicht immer nachhaltig.

Bodenverdichtung, Ressourcenverschwendung, Umweltbelastung, Überproduktion, die Stichworte aus der Agrardebatte der vergangenen Jahrzehnte sind noch in vielen Köpfen. Wer heute an Feldern vorbeifährt, ahnt meistens nicht, wie professionell inzwischen in der Landwirtschaft gearbeitet wird. Satellitensteuerung, Direktsaat (Verzicht auf das Pflügen des Bodens) oder flächenspezifische Düngung tragen zur Ressourcenschonung bei, sodass nicht selten der doppelte Ertrag pro Hektar wie vor 20 Jahren mit der gleichen Menge an Mineraldünger erzeugt werden kann. Die ökologische Herausforderung bleibt dennoch bestehen: Trotz aller Bemühungen produziert die Landwirtschaft immer noch mehr Treibhausgase als der gesamte Verkehrssektor inklusive der Luftfahrt.

Die Gentechnik ist der Sündenbock für fehlende und falsche Agrarentwicklung

Viele Aspekte der grundsätzlichen Kritik an der Weiterentwicklung der Landwirtschaft werden fälschlicherweise mit der Gentechnik verknüpft. Die Gefährdung der Biodiversität, die Förderung großagrarischer Strukturen auf Kosten kleinräumiger Landwirtschaft, die fehlende Weiterentwicklung ökologischer Anbaumethoden - all das wird der Gentechnik zur Last gelegt, obwohl hier ursächlich keine Zusammenhänge bestehen. Es bedarf ganz offenbar eines Sündenbockes. Und nichts bietet sich dafür besser an als die grüne Gentechnik. Ein typisches Beispiel für die rasche und falsche Schuldzuweisung ist die Diskussion über das Bienensterben. Bienen sind unverzichtbar für die Befruchtung von Pflanzen aller Art, also ein gewichtiger Faktor beim Anbau von Nutzpflanzen. Dass in Europa seit nunmehr zehn Jahren ein immer weiter ausgreifendes Bienensterben beobachtet wird, ist daher ein großes Problem.

Obwohl es gerade in Europa praktisch keine Gentechnik auf den Feldern gibt, machen ihre Kritiker sie für das Bienensterben verantwortlich. Seriöse Experten vermuten dagegen, dass das Sterben vieler Bienenvölker möglicherweise auf die Kombination zweier belastender Faktoren zurückzuführen ist: die Ausbreitung der Varroa-Milbe, eines Bienenparasiten, und dem Einsatz bestimmter Insektizide. Sollte diese Vermutung zutreffen, dann wäre die Verwendung gentechnisch veränderter Pflanzen von großem Nutzen für den Schutz der Bienenvölker, da sie sehr viel weniger Insektizide benötigen. Ein weiteres Beispiel für falsche Schuldzuweisungen ist das Argument, die grüne Gentechnik gefährde die Biodiversität und sorge für die Ausbreitung gewaltiger Monokulturen. Diese Monokulturen wachsen bereits, nicht nur in Nordamerika, sondern auch hier in Deutschland - beispielsweise beim Anbau von Raps und Mais für die Produktion von Biokraftstoffen. Im Jahr 2000 wurden zwei Prozent der Maisernte in den USA für die Produktion von Bioethanol verwendet, heute sind es 40 Prozent. Auch Deutschland setzt auf die Bioenergie vom Acker. Wer im Frühherbst durch die bayerische Provinz fährt oder durch das Oberrheintal, sieht nichts als Mais, Mais bis zum Horizont. Von vielseitigen Fruchtfolgen keine Spur.

Monokulturen sind schädlich, sowohl für die Böden als auch für die biologische Vielfalt. Aber obwohl die Gentechnik an der geschilderten Entwicklung nicht ursächlich beteiligt ist, ist sie als Schuldiger ausgemacht - auch und besonders in der Politik. So soll gemäß dem Koalitionsvertrag zwischen Grünen und SPD Baden-Württemberg in Zukunft gentechnikfrei bleiben. Auch in Oberbayern werben große Plakate für die Gentechnikfreiheit, mit Unterstützung der Landesregierung. Dabei müsste die politische Bewegung jetzt in eine ganz andere Richtung führen. Machen wir doch einmal folgendes Gedankenexperiment: Was würde passieren, wenn der Deutsche Bundestag nach nunmehr einem Vierteljahrhundert weltweiter Erfahrung in der Risikoforschung zur grünen Gentechnik die diesbezüglichen Passagen des Gentechnikgesetzes für überflüssig erklärte und einfach abschaffte? Die notwendigen Sorten- und Sicherheitsprüfungen blieben erhalten. Sie sind zum großen Teil ohnehin nicht durch das Gentechnikgesetz geregelt. Über mangelnde Sicherheit müsste sich der Konsument also auch in Zukunft keine Sorgen machen.

Es ginge allein der Sündenbock grüne Gentechnik verloren. Für all diejenigen, die heute von der so künstlichen Existenz zweier Märkte, also mit oder ohne gentechnisch veränderte Pflanzen, leben, bliebe es bei den durchaus sinnvollen Alternativen eines biologischen oder konventionellen Landbaus, aber eben unabhängig vom Einsatz der Gentechnik, der hier wie da sinnvoll sein kann. Die Bauern müssen in beiden Bereichen deutlich nachhaltiger als bisher wirtschaften, die begrenzten Ressourcen schonen und dabei gleichzeitig die Erträge steigern. Der WWF hat kürzlich einige Vorschläge gemacht, die zeigen, dass Nachhaltigkeit einerseits und eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion andererseits sich gegenseitig nicht ausschließen.

Um dieses Wachstum kommen wir nicht herum. Wer den Welthunger nur für ein Verteilungsproblem hält, argumentiert zynisch. Natürlich gibt es Verteilungs- und Zugangsprobleme, aber es gibt auch einen echten Mangel an Lebensmitteln, verursacht durch Klimawandel, die wachsende Weltbevölkerung und den zunehmenden Wohlstand in den Schwellenländern. Der Streit um die grüne Gentechnik lenkt von den eigentlichen Problemen der Landwirtschaft ab. Viel zu lange sind wir der Landwirtschaftslobby, der Agrarpolitik oder einigen NGOs auf den Leim gegangen. Wir verschwenden unsere Ressourcen auf Nebenkriegsschauplätzen. Wir müssen viel vehementer streiten: für eine Agrar- und Landwirtschaft, die - ob biologisch oder konventionell - mit den Erkenntnissen der modernen Biologie arbeitet und nur so die Menschheit nachhaltig ernähren kann.

Aus DIE ZEIT :: 10.11.2011

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