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Viel Erkenntnis, wenig Verdienst

von MARTIN SPIEWAK

Die Universitäten haben kein Geld für ihr Nachwuchspersonal.

Viel Erkenntnis, wenig Verdienst© fotoatelie - Fotolia.comWissenschaftliche Mitarbeiter an Hochschulen werden nicht reich
Gibt es in Deutschland bald einen Mindestlohn, dürfen sich Friseure und Kellner freuen. Mitarbeiter von Hochschulen übrigens auch. Zumindest wenn sie in Brandenburg arbeiten. Mancher wissenschaftlicher Mitarbeiter muss sich dort mit weniger als 8,50 Euro Stundenlohn zufriedengeben, wie eine Anfrage der Grünen im Landtag kürzlich publik machte. Lohndrücker des Landes ist die Technische Hochschule Wildau. Hier haben studentische Hilfskräfte Anspruch auf sechs Euro die Stunde und - anders als Kellner und Friseure - keine Aussicht auf Trinkgeld.

Das Beispiel zeigt wieder einmal: Hochschulen sind schlechte Arbeitgeber. Wer hier beschäftigt ist, muss für wenig Geld viel arbeiten. Seine Jobsicherheit ist gering, die Aussicht auf eine Karriere ebenso. Außer er hat eine Professur. Doch auf einen Lehrstuhl schaffen es bekanntlich nur wenige. Schon immer war die Alma Mater eine Rabenmutter. Max Weber meinte vor 100 Jahren, man dürfe keinem jungen Menschen guten Gewissens den Rat geben, in die Wissenschaft zu gehen.

Mittlerweile freilich hat die Dumpinglöhnerei an deutschen Universitäten Ausmaße angenommen, die kein Hinweis auf die »intrinsische Motivation« von Forschern mehr rechtfertigen kann. Dem aktuellen Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs zufolge hangeln sich 68 Prozent der wissenschaftlichen Angestellten von einem befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten. In den meisten Fällen betragen die Laufzeiten weniger als zwei Jahre. In Frankreich oder Großbritannien ist die Zahl der befristet beschäftigten Universitätsmitarbeiter nicht einmal halb so groß.

Für die Schieflage gibt es viele Gründe. Das traditionell fehlende Verantwortungsgefühl der Universitäten für ihr Personal gehört dazu. Der unter Professoren verbreitete Sozialdarwinismus (»Da muss durch, wer in der Wissenschaft etwas werden will«) ebenso. Die Hauptursache für die brüchigen Arbeitsverhältnisse liegt jedoch in den maroden Finanzen. Die für die Hochschulen zuständigen Länder sind pleite, der Bund darf keine Dauerarbeitsplätze finanzieren. Neue Stellen - ob in Lehre oder Forschung - entstehen deshalb nur noch über Drittmittel, die per se befristet genehmigt werden.

Bislang hat die Beschäftigungsmisere an den Hochschulen niemanden sonderlich interessiert, die Bildungsgewerkschaft GEW ausgenommen. Das könnte sich ändern. Recht geräuschlos haben sich SPD und Union darauf verständigt, dem Zustand arbeitsrechtlicher Verwahrlosung an den Hochschulen in einer möglichen Großen Koalition mit Geld und Gesetzen beizukommen. Für einige Zehntausend Mitarbeiter an den Universitäten ist das eine gute Nachricht - wenn dabei mehr herauskommt als die Vereinbarung eines akademischen Mindestlohns von 8,50 Euro.

Aus DIE ZEIT :: 21.11.2013

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