Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Vielschichtig und leistungsfähig - universitäre Bildung in der Volksrepublik China

Von Ulrich Steinmüller

China investiert massiv in Bildung und Wissenschaft - seine Wissenschaftseinrichtungen und Forschungsinstitutionen sind inzwischen international zu begehrten Partnern geworden. Einblicke in die sich rasant verändernde chinesische Hochschullandschaft.

Vielschichtig und leistungsfähig - universitäre Bildung in der Volksrepublik China© Willie B. Thomas - iStockphoto.comChina investiert in Bildung und Wissenschaft
Der boomenden Wirtschaft der Volksrepublik Chinas entspricht ein ebenso starker Boom im Bildungs- und Wissenschaftsbereich. Der erklärten Politik, dass Bildung und Wissenschaft eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung der chinesischen Gesellschaft zukommt, entsprechen beeindruckende Investitionen in diese Bereiche. Während in früheren Jahren Wissenschaftsaustausch als Entwicklungshilfe betrachtet wurde, hat sich inzwischen die Situation deutlich verändert: chinesische Wissenschaftseinrichtungen und Forschungsinstitutionen sind begehrte Partner geworden.

Den Joint Ventures im wirtschaftlichen Bereich entspricht die zunehmende Zahl gemeinsamer Forschungsprojekte, Forschungsinstitute und Studiengänge, bei denen die deutsche Seite immer öfter aus der Rolle der Geber in die der Nehmer gerät. Und immer öfter ist von chinesischen Universitäten die selbstbewusste Frage zu hören, ob es sich noch lohne, angesichts der finanziellen Misere der deutschen Wissenschaft mit dieser oder jener deutschen Universität weiterhin zu kooperieren. Wenn auch das chinesische Universitätssystem vergleichsweise jung ist - es gibt nur eine geringe Anzahl von Universitäten, die älter als 100 Jahre sind - so ist sein Umfang sehr angewachsen, was angesichts der Größe des Landes und der Bevölkerungszahl nicht verwundern kann. Zur Zeit existieren in China über 1 000 universitäre Einrichtungen, von denen die große Mehrzahl nach der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 etabliert wurde. Neben den Universitäten ist in den vergangenen ca. 20 Jahren ein umfangreiches Netz von Hochschulen für angewandte Wissenschaften entstanden, die den deutschen Fachhochschulen vergleichbar sind. Sie tragen die Bezeichnung University oder Academy for Applied Sciences. Entsprechend der Struktur des Universitätswesens in anderen sozialistischen Staaten waren die meisten Universitäten in der frühen Phase der Volksrepublik Spartenuniversitäten mit einem sehr kleinteiligen Fächerzuschnitt, z.B. eine Universität für das Forstwesen, eine Universität für das Eisenbahnwesen oder für die Luft- und Raumfahrt. Entsprechend dem Vorbild der Sowjetunion waren diese Einrichtungen den jeweiligen Fachministerien der Regierung zugeordnet und wurden als reine Ausbildungseinrichtungen verstanden, während die Forschung, ohne Bezug zur Lehre, in den Akademien etabliert war. Erst in jüngerer Zeit wurde diese Entwicklung zugunsten der Etablierung von Volluniversitäten revidiert.

Vielschichtiges Hochschulsystem

Zur Einschätzung der Leistungsfähigkeit des chinesischen Universitätssystems liefert bereits die Vielschichtigkeit des Hochschulwesens erste Kriterien. Die Trägerschaft der Hochschulen kann städtisch, provinziell oder zentralstaatlich sein. Bei den Hochschulen auf provinzieller und zentralstaatlicher Ebene ist das Nebeneinander von Hochschulen zu sehen, die dem jeweiligen Erziehungsministerium oder einzelnen Fachministerien unterstehen. Auch so ungleiche Institutionen wie die Akademie der Chinesischen (Natur-)Wissenschaften und die Volksbefreiungsarmee sind Träger von Universitäten. Da von der Trägerschaft und deren Finanzkraft die Ausstattung und damit auch die Möglichkeit zur Gewinnung qualifizierten Personals abhängt, ist hier ein Indikator für die Qualität der Einrichtung zu erkennen. Ein weiterer Indikator ist die Beteiligung an bestimmten, in der Regel von zentralstaatlichen Stellen oder den wissenschaftlichen Akademien, aufgelegten Programmen zur Forschungsförderung. Diese werden ausgeschrieben oder bestimmte Universitäten werden zur Beteiligung aufgefordert oder ausgewählt. Die Beteiligung an diesen Programmen ist in der Regel an bereits erbrachte wissenschaftliche Leistungen gebunden, so dass hierin ein Qualitätsindikator gesehen werden kann. Allerdings sind die Verteilungsmechanismen für diese Fördermittel in jüngster Zeit vor allem unter jüngeren Wissenschaftlern nicht ohne Grund in die Kritik geraten.

Rankings und Evaluationen

Relativ eindeutige Aussagen über die Qualität einer Universität sind in den Rankinglisten zu finden, die aber kaum über die Plätze 20 oder vielleicht 50 hinaus zählen, mit der Ausnahme der Aussage über die Zugehörigkeit zu den ersten 100, was dann aber in aller Regel einen unspezifizierten Platz hinter Rang 40 bedeutet. Eindeutige Positionen in diesem Ranking und in der öffentlichen Wahrnehmung sind Platz 1 (in der Regel und traditionell die Peking Universität), die ersten beiden (zu denen dann auch regelmäßig die Tsinghua-Universität in Peking zählt), die ersten drei, (zu denen seit einigen Jahren mit großer Regelmäßigkeit die Zhejiang-Universität in Hangzhou aufrückt), die ersten fünf, die ersten zehn, die ersten zwanzig, die ersten hundert. Angesichts der Aussagekraft, die diesen Platzierungen zugesprochen wird, oft im Sinne einer self fulfilling prophecy, die dann durch staatliche Zuschüsse auf der Basis dieses Rankings untermauert wird, gilt aber auch hier, dass keine Universität ernsthaft behaupten kann, alle ihre Fakultäten, Institute oder Wissenschaftler bewegten sich auf dem gleichen wissenschaftlichen Niveau.

Daher existieren auch andere Rankinglisten, in denen einzelne Fachgebiete der verschiedenen Hochschulen miteinander verglichen werden, und die bei weitem aussagekräftiger sind, die aber öffentlich nicht so spektakulär daherkommen und deshalb eher für universitätsinterne Planungen und Entscheidungen herangezogen werden. Weitere Kriterien zur Beurteilung der Qualität chinesischer Universitäten können den regelmäßig stattfindenden Evaluationen der Studiengänge, der Personalplanung, der Rekrutierung neuen Personals und der Gewährung des Promotionsrechts entnommen werden. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Qualitätskontrolle und die Qualitätssicherung an chinesischen Universitäten fest etablierte Größen sind, die sich durchaus mit der Überprüfung von Leistungskriterien deutscher Universitäten vergleichen lassen. Dem Ranking der jeweiligen Universität kommt auch bei der Studienplatzwahl eine große Bedeutung zu.

Da das Universitätsranking in der Öffentlichkeit sehr deutlich wahrgenommen wird, ist der Studienabschluss an einer Universität mit einem der vorderen Plätze im Ranking fast automatisch mit einem gut dotierten Arbeitsplatz für die Absolventen verbunden. Aus Sicht der Studienbewerber ist es daher von großer Wichtigkeit, einen Studienplatz an einer der gut etablierten Universitäten zu bekommen. Aus Sicht der Universitäten wiederum hängt viel davon ab, die Studienbewerber aufzunehmen, von denen ein guter oder sehr guter Abschluss zu erwarten ist. Aber nicht nur zu Beginn des Studiums spielen diese Gesichtspunkte von Qualität und Ranking eine große Rolle, sondern auch beim Studienabschluss. Zwar ist das System der staatlichen Vergabe der Arbeitsplätze an die Absolventen der Universitäten bereits seit einigen Jahren aufgegeben worden. Trotzdem betrachten es zumindest die Schlüsseluniversitäten nach wie vor als eine ihrer Aufgaben, ihre Absolventen gut auf dem Arbeitsmarkt zu platzieren, da auch hierdurch die Position im Rankingsystem bestätigt wird.

Die zentrale Aufnahmeprüfung

Studienplatzwahl und Auswahl der Studierenden unterliegen daher den Bedingungen eines starken Wettkampfs. In ihn greift die Pekinger Zentralregierung landesweit durch die für alle Studienbewerber nach Abschluss der zwölfjährigen Schulzeit und nach dem Bestehen der Abschlussprüfungen obligatorische zentrale Universitätsaufnahmeprüfung ein. Diese Prüfung wurde nach dem Ende der Kulturrevolution und dem Neubeginn eines akademischen Lebens in China im Jahre 1977 wieder eingeführt. Für die Aufnahme an einer der Spitzenuniversitäten ist eine Punktzahl von über 700 erforderlich. Mit ca. 6oo Punkten hat der Kandidat noch die Möglichkeit, sich bei einer der besseren Universitäten, die im Ranking Plätze um die 20 herum belegen, zu bewerben. Mit weniger als 600 Punkten bleibt nur die Bewerbung in einer nachrangigen Universität und für eines der am wenigsten nachgefragten Studienfächer. Dies hat dann ganz beachtliche Auswirkungen auf das akademische Niveau dieser Universitäten und auch auf die Studien- und Leistungsmotivation der Studierenden.

Die Nachfrage nach einem Studienplatz steigt ständig, so dass das Angebot an Studienplätzen die Nachfrage nicht befriedigen kann. Vor zehn Jahren studierten nur ca. neun bis zehn Prozent der 18- bis 21-Jährigen, bis zum laufenden Jahr 2010 hatte die Regierung vorgegeben, dass ca. 15 Prozent einen Studienplatz erhalten sollten. In den OECD-Staaten sind es ca. 38 bis 40 Prozent der gleichen Altersgruppe, die ein Studium aufnehmen. Dieses Missverhältnis zeigt das Dilemma Chinas, für eine expandierende Volkswirtschaft genügend qualifizierten Nachwuchs auszubilden, und es erklärt den ungebrochenen Drang chinesischer Studierender zu einem Studium im Ausland.

Bachelor- und Masterstruktur

Mit den gestuften BA- und MA-Studiengängen entspricht die Studienorganisation chinesischer Universitäten der Form, die durch den Bologna-Prozess jetzt auch in Europa eingeführt wird. Ein vierjähriges BA-Studium stellt die erste berufsvorbereitende Ausbildungsstufe dar, an die sich dann für eine kleine Gruppe durch eine Aufnahmeprüfung ausgewählter Studierender die Möglichkeit eines zweijährigen MA-Studiums anschließt. Die letzte Stufe, ebenfalls nach einer Aufnahmeprüfung, ist ein zweijähriges Promotionsstudium, in dem die Dissertation verfasst und an dessen Ende der Doktor-Titel verliehen wird.

Inhalte, Struktur und Ausbildungsziele der Studiengänge werden landesweit durch vom Erziehungsministerium in Peking erlassene obligatorische Curricula vorgegeben. In jüngster Zeit kommt Bewegung in dieses System. Nach mehr als 40 Jahren Erfahrung mit der Fixierung auf den Einfach-BA und den Einfach-MA in einem festen Zeitkorsett gewinnt in China die Erkenntnis an Bedeutung, dass den Anforderungen von Arbeitsmarkt und Wissenschaftsorganisation mit diesen Ausbildungsgängen nicht mehr entsprochen werden kann. Immer stärker werden Mehrfachqualifikation, fachübergreifendes Denken und Handeln sowie interdisziplinäres Arbeiten gefordert bis hin zur Vermittlung von fachbezogenen und überfachlichen Kompetenzen. Als Konsequenz hieraus findet in China eine Diskussion über die Reform von Studiengängen und der starren Curricula statt. Ziel der damit verbundenen Änderungen ist die Verbreiterung der fachlichen Basis der Studierenden und eine Erhöhung ihrer wissenschaftlichen und beruflichen Flexibilität.

Zahlreiche chinesische Universitäten, vor allem die der Spitzenklasse, sind daher dazu übergegangen, mit Zustimmung des Erziehungsministeriums sehr unterschiedliche neue Modelle der Studienorganisation zu entwickeln und zu erproben. Während an der formalen Studienstruktur festgehalten wird, wird die jeweilige Studiendauer flexibilisiert. Darüber hinaus wird ein breites Angebot von Wahlfächern bereitgestellt, um die fachliche Basis des Einfach-BA bzw. Einfach-MA zu verbreitern. Wichtige Universitäten eröffnen inzwischen ihren Studierenden die Möglichkeit, ihr Studienfach durch ein zweites Hauptfach oder zwei weitere Nebenfächer zu ergänzen. Zwei Fremdsprachen sind ohnehin für jedes Studium obligatorisch, sodass heutige chinesische Studierende mit einem sehr viel breiteren Qualifikationsprofil als noch vor wenigen Jahren für den internationalen Arbeitsmarkt ausgebildet werden. Für die Weiterentwicklung des Bologna-Prozesses sollten wir auf die Erfahrungen und Entwicklungen in China nicht verzichten.


Über den Autor
Ulrich Steinmüller (em.) ist Professor für Fachdidaktik Deutsch/ Deutsch als Zweitsprache an der TU Berlin. Er verfügt über 30-jährige Erfahrung in der Zusammenarbeit mit chinesischen Universitäten. Er war fünf Jahre Dekan der Fremdsprachenfakultät der Zhejiang-Universität in Hangzhou (2002 bis 2007).


Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2010

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote