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Vom "Lousy Product" zum Erfolgsmodell - Wie sollten MOOCs gestaltet werden?

VON JÜRGEN HANDKE

Die Massive Open Online Courses sind in aller Munde und werden als erfolgversprechende Lehr- und Lernform gefeiert. Insbesondere sollen auf diese Weise auch bildungsferne Schichten besser erreicht werden. Doch halten heutige MOOCs diese Versprechen? Welchen Ansprüchen muss professionelle Online-Lehre in dieser Form genügen?

Vom "Lousy Product" zum Erfolgsmodell© Web Buttons Inc - Fotolia.comWelche Faktoren machen gute MOOCs aus?
Seit 2012 werden Massive Open Online Courses nicht nur als Treiber einer voranschreitenden Digitalisierung der Lehre betrachtet, sondern vielfach gar als Lösung für zahlreiche Probleme der Hochschullehre, wie z.B. fehlende Transparenz, mangelhafte Qualitätssicherung, hohe Studierendenzahlen, Lifelong-Learning uvam.

Vom "Lousy Product" zum Erfolgsmodell © Forschung & Lehre Abb. 1 Der akademische Hintergrund der 530 Teilnehmer aus 68 Nationen im VLC-MOOC The Structure of English
Vom "Lousy Product" zum Erfolgsmodell © Forschung & Lehre Abb. 2 Aktivitäten und Zertifikate im VLC-MOOC The Structure of English (530 Teilnehmer)
Dabei sind MOOCs doch nichts anderes als aus digitalen Lehr-/ Lernbestandteilen - oft noch nicht einmal besonders gut - zusammengestrickte Online-Kurse, für die es weder Leistungspunkte gibt (und auch gar nicht geben kann), noch das anspruchsvolle Ziel erreicht wurde, Bildung für alle unabhängig vom eigenen Bildungshintergrund zu ermöglichen.

Zugegeben, es ist ein wunderbarer Anspruch, der Schülerin aus Vietnam oder dem Rentner in Usbekistan den Zugang zu hochqualitativen Inhalten zu ermöglichen.

Doch um den Inhalten von Kursen wie z.B. dem edX-MOOC "The Chemistry of Life" oder unserem eigenen VLC-MOOC Linguistics 102 "Speech Science" folgen zu können, sind in der Regel nicht nur exzellente Englischkenntnisse, sondern auch ein gehöriges Maß an Hintergrundwissen erforderlich. So nimmt es nicht Wunder, dass die Klientel von MOOCs zu einem hohen Teil aus der akademischen Welt stammt (vgl. Abb. 1).

"MOOCs lassen vielfach auch jegliche didaktische Konzepte vermissen."

Die Probleme von MOOCs sind aber noch vielschichtiger und bestätigen die oben aufgeführte Aussage von Sebastian Thrun, dem Gründer der MOOC-Plattform Udacity. MOOCs haben nicht nur erschreckend geringe Absolventenquoten, sondern sie lassen vielfach auch jegliches didaktisches Konzepte vermissen. Mit MOOCs zu lernen, heißt in der Regel, sich einige Videos anzuschauen, dazu ausgewählte Multiple-Choice-Quizzes zu machen und möglicherweise in einem dazugehörigen Forum Ideen untereinander auszutauschen.

Dass ein solches Konzept viel zu einfach ist und nur geringen Einfluss auf die traditionelle Hochschullehre haben kann, liegt auf der Hand. "Learning is not just watching videos" war eine der zentralen Aussagen unserer nordamerikanischen Kollegen während der ersten Inverted Classroom Konferenz 2012 in Marburg. Und so ist es auch nicht überraschend, dass viele MOOCs so enorm geringe "Mitmachquoten" haben. Man schaut einmal kurz hinein, ist oft enttäuscht - das war's.

Offenbar wurden die jahrelang diskutierten Erkenntnisse über erfolgreiche Online-Lehre großflächig ignoriert, um - ohne jegliche Vorerfahrungen - mit ein paar zum Kursformat zusammengestellten Videos schnell auf den Markt zu kommen. Es war vorherzusehen, dass das so nicht funktionieren kann und dass die investierten Gelder weder sinnvoll angelegt, geschweige denn refinanzierbar wären.

Was ist also zu tun, um das "Lousy Product" zum Erfolgsmodell zu machen? Ausgehend vom großen Erfolg des gerade beendeten VLC-MOOC "Linguistics 201 - The Structure of English", der im Rahmen der Abschlussevaluation nicht nur von den Teilnehmern exzellent bewertet wurde, sondern auch bisher nicht für möglich gehaltene Abschlussquoten (Abb. 2) vorweisen kann, erscheinen mir folgende Rahmendaten für den Erfolg eines MOOCs unverzichtbar:

Klare Zielvorgaben

Der Anspruch "MOOC = Bildung für alle" funktioniert nur in Ausnahmefällen. Daher sollte von dem sicherlich lobenswerten Ziel, Bildung auch in die entlegensten Winkel unseres Planeten ohne Kenntnis der Zielgruppe zu exportieren, Abstand genommen werden. Stattdessen sollten, wie in jeder gut durchdachten Lehrveranstaltung üblich, klare Zielgruppendefinitionen und eindeutige Lernziele definiert werden.

Didaktisches Konzept

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg jedes Online-Kurses, egal ob "massive" oder nicht, ist dessen Einbettung in ein didaktisches Konzept. Im VLC ist dies das mittlerweile mit dem hessischen Hochschullehrpreis ausgezeichnete Konzept des Inverted Classroom in seiner Mastery-Variante. Das bedeutet, dass die digitalen Elemente eines Online-Kurses auch On-Campus eingesetzt werden können und Grundlage für eine Präsenzlehre neuen Typs sind, die primär dem Üben, Vertiefen und kollaborativen Erarbeiten des Lehrstoffs vor Ort gewidmet ist. An die Stelle der Präsenzphase tritt in einem Online-Kurs dann speziell aufbereitetes interaktives Übungsmaterial mit zeitlich getakteten Musterlösungen. Dadurch entsteht für die Entwickler eine größtmögliche Einsatzflexibilität: On-Campus (mit oder ohne Präsenzphasen) oder Online (mit oder ohne Teilnahmebeschränkungen).

Multimediale Inhalte

Wie bereits erwähnt, genügt es nicht, mit einigen Videos das Publikum zu berieseln. Erst wenn die Videos in ein Gesamtkonzept eingebettet und von zusätzlichen Materialien, wie z.B. zu ergänzenden Tafelbildern oder interaktiven Elementen, flankiert werden, entsteht ein Gesamtpaket, bei dem zwar immer noch keine Garantie für den Lernerfolg übernommen werden kann, der Lerner allerdings in hohem Maße an den Inhalt gefesselt wird und, so zeigen unsere Zugriffszahlen, diesen auch durcharbeitet. In den VLC-MOOCs sind diese Inhalte Kombinationen aus Lehrvideos, Videoscribes sowie Pen- und Screencasts. Diese sind mit den multimedialen "Virtual Sessions" verzahnt, können aber auch separat, wenn es didaktisch sinnvoll ist, über YouTube abgerufen werden. Zusätzlich stehen integrierte Tutorials und weiterführende Übungsmaterialien mit Musterlösungen bereit, um das Gelernte vertiefen zu können.

E-Assessment

Ein entscheidender Erfolgsfaktor von MOOCs sind aus unserer Sicht die integrierten elektronischen Tests. Dabei machen Multiple-Choice-Übungen, die bei den meisten MOOCs die einzige Testvariante bilden, im VLC mit ca. 50 Prozent zwar noch die Mehrheit aller E-Tests aus, werden aber verstärkt durch andere fachspezifische Testformen, wie z.B. Segmentierungsaufgaben, Transkriptionsübungen mit Audiounterstützung, Analyseaufgaben, Zuordnungs- und Zeigeaufgaben sowie Texteingabeformate ergänzt bzw. ersetzt.

Zugegeben, die Realisierung von MOOCs, die alle genannten Kriterien erfüllen, ist für viele potenzielle MOOC-Produzenten viel zu aufwändig. Hinzu kommt, dass derzeit kaum Aussicht auf Refinanzierung der Produktionskosten besteht. Warum also soll man sich die Mühe machen, MOOCs zu produzieren? Die standardmäßige und sicherlich auch richtige Antwort lautet: aus Werbegründen. Mit guten MOOCs können Lehrende auf sich aufmerksam machen und für sich und ihre Institution werben. So hat sich seit Beginn unseres MOOC-Angebots im April 2013 sowohl die Abonnentenzahl im VLC-YouTube-Kanal als auch die Zahl der im VLC registrierten Nutzer mit stark steigender Tendenz auf jeweils fast 10.000 erhöht. Darüber hinaus ist das Interesse an der über den VLC abgewickelten Hochschullehre, z.B. an den Masterstudiengängen, enorm gestiegen und wird nahezu täglich in den sozialen Netzwerken weiter verbreitet.

Neben den Werbeeffekten, die im Zeitalter des "Social Webs" gar nicht hoch genug eingeschätzt werden können, gibt es aber einen aus unserer Sicht viel wichtigeren Grund. Die im VLC aufgebauten digitalen Lerneinheiten sind wie in einem Baukastensystem unterschiedlich verwendbar: Sie können zu reinen Online-Kursen zusammengestellt, aber auch als Grundlage der "Inverted Classroom"-Szenarien vor Ort genutzt werden. Dadurch sind wir nicht nur zum regelmäßigen MOOC-Anbieter geworden, sondern haben in der Präsenzlehre bisher nicht für möglich gehaltene Freiräume geschaffen, die zu einer immensen Qualitätsverbesserung der Lehre geführt haben und unserer neuen Klientel der "Digital Native" gerecht wird.


Über den Autor
Jürgen Handke ist Professor an der Philipps-Universität Marburg und bietet MOOCs im Virtual Linguistic Campus zu sprachwissenschaftlichen Themen an www.linguistics-online.com.

Vom Autor ist jüngst erschienen: Patient Hochschullehre - Vorschläge für eine zeitgemäße Lehre im 21. Jahrhundert. Marburg: Tectum Verlag 2014 (auch als E-Book erhältlich).

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2014

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