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Vom Gatekeeper zum Gatewatcher - Über neue Anforderungen an den Journalismus

von Wolfgang Schweiger

Der Journalismus gilt in Deutschland als vierte Gewalt. Müssen Medien bei einer so wichtigen Rolle auch für gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen? Wie verändern "Meinungsmache" und "Fake News" im Netz die Aufgaben der Medien?

Vom Gatekeeper zum Gatewatcher - Über neue Anforderungen an den Journalismus © Universität Hohenheim Professor Wolfgang Schweiger lehrt am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim in Stuttgart
Forschung & Lehre: Herr Professor Schweiger, der österreichische Kommunikationswissenschaftler Heinz Pürer hat Integration 1993 als zentrale Aufgabe des Journalismus definiert - zu Recht?

Wolfgang Schweiger: Natürlich haben die Medien eine wichtige Integrationsfunktion. Der Journalismus bestimmt die Themen, die für eine Gesellschaft relevant sind. Diese Funktion nennen wir "Agenda Setting". Gemeinsame Themen zu haben, über die man spricht, gemeinsame Sorgen zu teilen, die man hat - das ist ein wichtiger Aspekt für die Integration von Bevölkerungsgruppen.

F&L: In Deutschland leben immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund, nicht erst seit der aktuellen Flüchtlingsbewegung. Machen Medien der Bevölkerung diese gesellschaftliche Entwicklung und ihre Folgen ausreichend klar?

Wolfgang Schweiger: Tatsächlich sollte der Journalismus besser erklären, was Hintergründe von Migration sind und wie die Integration von Immigranten gelingen kann - idealerweise auch in der Lokalberichterstattung anhand von positiven Beispielen. Die deutsche Gesellschaft ist aufgrund des demografischen Wandels dringend auf Zuwanderung angewiesen. Das ist ein wirtschafts- und sozialpolitisch hochrelevantes Thema, das derzeit in den Medien zu wenig angesprochen wird. Gleichzeitig müssen auch die Schwierigkeiten der Aufnahme und Integration von Immigranten angesprochen werden. Nur so kann es gelingen, die Mehrheit der Bevölkerung - die Zuwanderung grundsätzlich akzeptiert - zu erreichen und von den Chancen einer verstärkten Einwanderung zu überzeugen. Diejenigen, die ein weitgehend rassistisches oder chauvinistisches Weltbild aufweisen, wird man damit zwar eher in ihrer Ablehnung der "Lügenpresse" und der politischen Eliten bestärken. Aber diese Gruppe ist ohnehin kaum mehr für politisch vielfältige und ausgewogene Debatten erreichbar.

F&L: Wie wirkt sich Ärger über die Berichterstattung in Medien auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus?

Wolfgang Schweiger: Wenn man sich nicht mehr einigen kann, welche Medien glaubwürdig sind, gefährdet das den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Folgen sehen wir gerade in den USA. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass viele Bürger, die Zweifel an der Unabhängigkeit und Ausgewogenheit vieler Medien haben - oft ja durchaus zu Recht -, trotzdem vom klassischen Journalismus erreicht werden. Diese Menschen müssen wir ansprechen und um ihr Vertrauen in Medien und Politik werben. Und ich habe die Hoffnung, dass ihre Gruppe im öffentlichen Diskurs wieder aktiver und lauter vernehmbar wird und wächst.

F&L: Inwiefern unterscheiden sich die Debatten über "die Lügenpresse" in den USA und Deutschland?

Wolfgang Schweiger: Insgesamt ist die Situation in Deutschland verglichen zu den USA, Frankreich oder Großbritannien recht komfortabel, weil es hier durch die öffentlich-rechtlichen Angebote und eine vielfältige Zeitungslandschaft ein qualitativ gutes Medienangebot gibt. In den USA dagegen dominieren Fernsehen, Radio und Online-Angebote, die oft dezidiert parteiisch sind, wie Fox oder Breitbart.

F&L: Welche deutschen Medien oder Formate erfüllen ihren Integrationsauftrag besonders gut?

Wolfgang Schweiger: Ein klassisches Beispiel für die integrative Wirkung von Medien war neben der Tagesschau, die es mit abnehmender Tendenz noch ist, "Wetten, dass...?". Mit rund 20 Millionen Zuschauern pro Ausstrahlung war die Sendung am nächsten Tag das große Thema. Die Zeit, in der einige wenige Angebote eine gigantische Reichweite hatten, ist schon länger vorbei. Solange es aber in unserer Gesellschaft Themen gibt, die alle als relevant wahrnehmen, Fakten, die alle glauben, Akteure, deren Meinung alle zumindest hören, ist die Fragmentierung von Medienpublika kein Problem.

F&L: Immer wieder kommt es zum sogenannten "Kampagnen-Journalismus" über einzelne Personen wie den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. Inwieweit sind Medien mehr Anstachler als Aufklärer?

Wolfgang Schweiger: Medien kontrollieren die "Mächtigen" im Land und kritisieren deren Verfehlungen. Damit vertreten sie die Bevölkerung gegenüber Eliten und artikulieren die Wünsche und Vorstellungen der Menschen. Dass das öfter mal in Kampagnen-Journalismus ausartet, weil man mit der dramatisierenden und dauerhaften Darstellung von Skandalen Reichweiten schaffen kann, gehört leider dazu - vor allem bei Boulevardmedien und in letzter Zeit eben auch bei alternativen Informationsquellen. Das ist der Preis, den wir für unsere Meinungs- und Medienfreiheit bezahlen müssen.

F&L: Alternative Medien entstehen, weil "Journalist" kein geschützter Beruf ist. Jede und jeder kann sich entsprechend nennen und sich durch das Internet leicht Gehör für die eigene Meinung verschaffen. Wie verändert das die öffentliche Meinungsbildung?

Wolfgang Schweiger: Die Verbreitung von wahrheitsgemäßen und ausgewogenen Informationen kann in den Hintergrund rücken. Der Journalismus sieht seine Aufgabe darin und lebt davon, wahrheitsgemäß und ausgewogen zu berichten - auch wenn das im Einzelfall schon mal misslingt. Alternative Medien haben eine andere Zielrichtung: Sie wollen eine bestimmte politische Meinung propagieren - auch wenn diese allein darin besteht, eine Gegenöffentlichkeit zu den von ihnen kritisierten "Mainstream-Medien" zu schaffen.

F&L: Wie sollten Medien reagieren?

Wolfgang Schweiger: Sie müssen Schiedsrichter, "Gatewatcher" im öffentlichen Diskurs werden. Das bedeutet, dass sie beobachten sollten, welche Meinungen und Themen es im Netz gibt, und aus diesen die öffentlich relevanten auswählen, sie kritisch prüfen, einordnen und dieser Auswahl dann eine breite Öffentlichkeit verschaffen. Lügen, die sich in sozialen Netzwerken verbreiten, müssen sie als Lügen identifizieren. Damit bekommen die Medien eine wichtige Kontrollfunktion im Internet. Ihre ursprüngliche Rolle des exklusiven "Gatekeepers" haben Medien dagegen verloren. Früher galt: Alles, was in die Öffentlichkeit wollte, musste über den Weg der Medien. Das ist in Zeiten des Internets vorbei.

F&L: Wie gut schlagen sich Medien denn als "Gatewatcher" von Informationen im Netz?

Wolfgang Schweiger: Darüber kann man erst in vielleicht zwei Jahren eine fundierte Aussage treffen. Einige Medien, darunter auch die Öffentlich-Rechtlichen, bauen in letzter Zeit "Factcheck-Einheiten" zur Prüfung von Informationen auf. Das ist ein wichtiger Schritt, um mit einer zunehmenden Anzahl von unwahren oder halbwahren Informationen im Netz umzugehen. Ein Problem ist, dass online der klassisch neutrale, ordentlich recherchierte bis investigative Journalismus, der teuer und personalaufwendig ist, nur schwer zu finanzieren ist. Außerdem sorgt der Qualitätsjournalimus selten für große Reichweiten. Bei klassischen Nachrichten im Online-Bereich, vor allem in sozialen Medien, besteht daher die Neigung, meinungsfreudige bis reißerische Beiträge zu schreiben, weil die sich viel stärker verbreiten - viral gehen - als andere Artikel. Leider führt das dazu, dass journalistische Medien nicht mehr das tun - oder tun können -, was wir von ihnen eigentlich aus gesellschaftlicher Perspektive erwarten.

F&L: Also ist es doch nicht so weit her mit den Medien als "Gatewatcher"?

Wolfgang Schweiger: Doch. Zum einen werden sie in Konkurrenz zu alternativen Medien, die noch meinungsfreudiger und reißerischerer sind, hervorstechen und zum anderen werden sie sich hoffentlich auf ihre klassischen journalistischen Qualitäten zurückbesinnen wie Unabhängigkeit, Wahrheitstreue und die Trennung von Nachricht, Meinung und Werbung.

F&L: Mit Blick auf den Informationsaustausch im Netz wird immer wieder diskutiert, dass sich Bürgerinnen und Bürger in "Filterblasen" oder "Echokammern" bewegen, also nur Informationen erhalten, die ihrer Meinung entsprechen, sich nicht mit Andersdenkenden austauschen. Verhalten sich Menschen offline anders?

Wolfgang Schweiger: Menschen hatten schon immer die Neigung, sich hin zu Gleichgesinnten zu orientieren und Medienangebote zu wählen, die ihre Meinung treffen. Das ist eine ganz normale menschliche Neigung. Was sich verändert hat, ist, dass Themen in den sozialen Medien eine viel größere Reichweite oder Öffentlichkeit erhalten, als es der Fall war, als man sich noch am Stammtisch oder bei einer Demonstration getroffen hat. Das führt oft zu der falschen Wahrnehmung, dass die gesamte Öffentlichkeit der eigenen Meinung ist, was Menschen wiederum zu einer verstärkten Redebereitschaft im Netz ermutigt.

Aus Forschung & Lehre :: April 2017

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